Krimi-Forum

Interview mit Peter Probst

Peter Probst (Foto: Wolfgang Balk)

Der Münchner ist nicht nur dafür bekannt, dass er sich im „echten Leben“ seit Jahren engagiert – etwa gegen Ausländerfeindlichkeit. Auch in seinen Drehbüchern und Romanen schreckt der Ehemann von Amelie Fried vor heißen Eisen nicht zurück. In der von ihm konzipierten Krimireihe schreibt Probst daher nur über das, was ihm auf den Nägeln brennt. Der Missbrauch von jungen Heiminsassen gehört eindeutig dazu. Wie dieses Thema familienintern diskutiert wurde, verrät er hier.

Kleine Fangfrage zum Einstieg: Welches ist ihr Lieblingsstaat in der Karibik und warum?

St. Vincent und die Grenadinen. Ich war nie dort und habe keine präzise Vorstellung. Aber der Name gefällt mir sehr.

Natürlich ist Ihnen klar, warum wir diese Frage stellen: Schließlich verdient Ihr Protagonist Anton Schwarz seine Brötchen als Nachtwächter eines „karibischen Zwergstaats“. Wie kamen Sie denn auf diese Idee – kennen Sie jemanden, der so eine Arbeit ausübt?

Während des Studiums lernte ich einen Kommilitonen kennen, der als Nachtwächter jobbte. Er musste allerdings die Fische bewachen, die als Frühwarnsystem für die Münchner Trinkwasserqualität dienen. Für meine Krimis wollte ich einen Privatermittler, der finanziell wenigstens so weit unabhängig ist, dass er keine untreuen Ehemännern beschatten muss – oder natürlich Ehefrauen.

In Ihrem Roman „Im Namen des Kreuzes“ begegnen wir einem jugendlichen Straftäter, der mit seinen kaum vierzehn Jahren so einiges auf dem Kerbholz hat und deswegen in einem kirchlichen Heim landet. Seine seelische Verfassung wird so überzeugend geschildert, dass man (aus der Sicht des Laien) den Eindruck hat, genau so und nicht anders müsse sich ein Teenager in dieser Situation fühlen. Woher stammt Ihre diesbezügliche Sachkenntnis? Wer oder was hat Ihnen geholfen, diese Figur zum Leben zu erwecken?

Ich versuche immer, mich so weit wie möglich in das Seelenleben meiner Figuren hineinzubegeben und die Welt mit ihren Augen zu sehen. Dazu lasse ich mich von Experten beraten, von Psychologen, Ärzten, Polizisten und lese Fachliteratur.
Bei der Figur, die Sie ansprechen, hat es mir außerdem geholfen, dass ich einige Jahre in der Jugendarbeit tätig war.

Mindestens ebenso realistisch wie der jugendliche Heiminsasse sind die zahlreichen Kirchenmänner dargestellt, die ihren Auftritt in dem Buch haben, auch wenn wir einige nur in Rückblenden bzw. aus „zweiter Hand“ kennenlernen:
Der zweifelnde Theologiestudent, der homosexuelle Pfarrer im Zwiespalt, der verliebte Pastoralreferent, der Dorfpastor, der seine ganz eigene Auffassung von seelsorgerischen Aufgaben und Pflichten hat …
Ist das alles angelesenes bzw. nachrecherchiertes Wissen oder haben Sie eigene Erfahrungen – gute und schlechte – mit der Institution Kirche und ihren Vertretern gesammelt?

Ich stamme aus einer sehr katholischen Familie, war Ministrant und Pfarrgemeinderat und habe später sogar Theologie studiert – wenn auch nur im Nebenfach. An der Uni hatte ich einige Freunde, die heute Priester oder Pastoralreferenten sind. Inzwischen habe ich mich von der Kirche entfernt, aber ich bin sehr von ihr geprägt und werde mich sicher weiter mit ihr auseinandersetzen.
Für „Im Namen des Kreuzes“ konnte ich also auf eine genaue Kenntnis des Milieus zurückgreifen und alte Kontakte reaktivieren. Übrigens wollten die alle reden, manche sogar regelrecht auspacken.

Ihre Frau, Amelie Fried, hat die berühmt-berüchtigte Odenwaldschule besucht und sich auf sehr differenzierte Weise mit ihren Erlebnissen dort auseinandergesetzt. Sprich, sie hat die Internatszeit, die sie selbst als überwiegend positiv erlebt hat, als solche gewürdigt, ohne jedoch die gravierenden negativen Vorfälle zu verschweigen, die ihr im Nachhinein zu Ohren gekommen sind bzw. die sie selbst als solche in der Rückschau erkannte.
Das war 2010.
Ihr Roman „Im Namen des Kreuzes“, in dessen Zentrum der Missbrauch von Schutzbefohlenen in einem Heim steht, erschien 2012. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den tatsächlichen Ereignissen und Ihrem Buch?

Ich hatte bereits einige Jahre früher ein Konzept für einen Krimi über sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche geschrieben. Die Enthüllungen am Berliner Canisius-Kolleg, an weiteren katholischen Internaten und an der Odenwaldschule haben mich nur darin bestärkt, dass ich diese Geschichte schreiben muss.
Ich bin der Überzeugung, dass der Krimi als Genre etwas leisten kann, wofür in der Presse meistens der Raum fehlt. Er kann im besten Fall eine starke Empathie mit den Betroffenen hervorrufen. Ich wollte erreichen, dass die Leser sich ohne Voyeurismus und Sensationsgier in einen Jungen einfühlen, der so etwas erlebt.

Haben Sie das Thema innerhalb der Familie besprochen? Also einerseits im Dialog mit Ihrer Frau, andererseits gegenüber Ihren Kindern, die – wenn ich mich nicht irre – junge Erwachsene sind?

Unsere Familie ist sehr diskussionsfreudig. Jedes spannende Thema wird von allen Seiten beleuchtet. Und jeder hat seinen eigenen Standpunkt.
Was an der Odenwaldschule ans Licht gekommen ist, hat uns alle sehr beschäftigt. Wir haben zu verstehen versucht, wie solche Übergriffe über einen so langen Zeitraum möglich waren und was das für Menschen sind, die dazu fähig sind, das Vertrauen und die Abhängigkeit von Schutzbefohlenen so zu missbrauchen.
Unsere Kinder haben von klein auf gelernt, Zivilcourage zu zeigen und ihre Umgebung mit wachen Augen zu sehen. Sie konnten es nicht fassen, dass so etwas möglich war.

Sind Ihnen die Themen, die Sie in den „Schwarz“-Romanen aufgreifen – Neonazis, Selbstmordforen, Gewinnmaximierung, Bestechung und jetzt zum Beispiel die Homosexualität vieler katholischer Geistlicher – ein „persönliches“ Anliegen, das Sie gern häufiger in der Öffentlichkeit und auch an den heimischen Esszimmertischen diskutiert sähen oder sind es, was durchaus legitim wäre, einfach notwendige Elemente, um spannende Kriminalromane zu schaffen?

Als mich der dtv-Verlag eingeladen hat, für ihn eine Krimireihe zu entwerfen, habe ich unter einer Bedingung zugesagt. Ich wollte schreiben, was mir auf den Nägeln brennt.
Das wurde sofort akzeptiert, obwohl allen klar war, dass der Markt sich gerade eher Schmunzelkrimis wünscht.
Ich bin bis heute dankbar dafür, dass mein Verleger mich nicht dazu überredet hat, meine Zeit mit Dingen zu verschwenden, die mich nicht interessieren.

Wie steht es mit dem Geheim-Orden, dessen Mitglieder laut Ihrem Roman die komplette katholische Kirche unterwandert haben? Gibt es den wirklich? Und für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass tatsächlich einer seiner Vertreter bei der Papstwahl eine maßgebliche Rolle einnimmt?

Auch, wenn meine Krimis der Realität oft ziemlich nahe kommen, sind sie natürlich Fiktion. Ich hoffe sehr, dass es eine solche Verschwörung in der katholischen Kirche nicht gibt, kann es aber nicht ausschließen.
Leider ist es eine Tatsache, dass einige Bereiche dieser mächtigen Institution von außen zu wenig kontrollierbar sind. So hat bei den Missbrauchsfällen die Zusammenarbeit mit den staatlichen Ermittlungsbehörden oft sehr schlecht funktioniert.
Es ist ein Skandal, dass Priester lange dazu angehalten waren, Straftaten in diesem Bereich nicht der Polizei oder Staatsanwaltschaft, sondern nur der Glaubenskongregation in Rom zu melden. Kritiker sprechen hier von einem System, dass die Strafvereitelung zumindest begünstigt hat.

In „Im Namen des Kreuzes“ gibt es auch einen etwas dubiosen „Sonderermittler“, der nach eigenem Bekunden früher in den Diensten des LKA stand – wie sind Ihre Erfahrungen mit dem LKA?

Mein privater Kontakt mit dem LKA hat sich bisher darauf beschränkt, dass meine Frau in der Zeit, in der ich um sie geworben habe, in derselben Straße wohnte. Man konnte von ihrem Fenster aus das architektonisch nicht sehr einladende Gebäude sehen. Das hatte allerdings keinerlei negative Auswirkungen auf unsere Eheschließung.

War Schwarz von Anfang an als „Serienheld“ angelegt?
Wenn ja – gibt es schon eine genaue Planung zur Anzahl und den Inhalten weiterer Bände? Und wenn nein – wie kam es dazu, dass er nunmehr schon das dritte Mal ermittelt?

Die Schwarz-Krimis waren von Anfang an als Reihe geplant. Für die drei bisher realisierten Stoffe hatte ich ein ausführliches Konzept.
Momentan hält mich das Drehbuchschreiben von der Arbeit an einem neuen Schwarz ab, aber die Figuren sind noch längst nicht auserzählt.

Gibt es ein Vorbild für Schwarz?

Wenn es in meinem Leben nicht eine Reihe von Glücksfällen gegeben hätte – der größte sind meine Frau und meine Kinder – müsste ich jetzt wahrscheinlich antworten: Anton Schwarz bin ich.
Tatsächlich lebt diese Figur einige meiner Eigenschaften aus, die mir meine Familie mit viel positiver Energie ausgetrieben hat. Ich war ein Nachtmensch, nicht ganz unkompliziert in Beziehungen und häufig melancholisch.
Das kenne ich heute gar nicht mehr, aber Schwarz führt mir immer wieder vor Augen, dass alles hätte anders kommen können.

Schwarz ist mittelsportlich – zwar legt er die drei Kilometer bis zum Ort seines Nachtwächterjobs aus Prinzip mit dem Fahrrad zurück, kommt aber bei einer Verfolgungsjagd oder dann, wenn er Freundin Eva huckepack die Stufen zu seiner Wohnung hoch trägt, gern mal aus der Puste.
Wie ist es um Ihre Kondition bestellt?

Da bin ich wirklich ganz anders als meine Figur. Ich liebe die Bewegung und habe die besten Ideen, wenn ich durch den Wald jogge oder mit dem Fahrrad unterwegs bin.

Letzte Frage: Was steht aktuell an? Welche Projekte haben Sie derzeit in Arbeit?

Derzeit beansprucht, wie schon erwähnt, das Fernsehen viel Zeit. Aber es sind so tolle Projekte. Ich arbeite an einem Drehbuch über Luis Trenker während der NS-Zeit. Mit Marcus H. Rosenmüller will ich Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene“ verfilmen. Und dann entsteht noch ein spannender Fernsehfilm über Rechtsextreme in der Ökolandwirtschaft. Es gibt noch so viele Geschichten, die ich unbedingt erzählen will.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Die ausführlichen Antworten erhielt Chefredakteurin Michaela Pelz von einem ganz reizenden Peter Probst nicht nur per mail, sondern auch (und das an einem Sonntag!) per Telefon.
(März 2013)