Interview mit Hakan Nesser

Es ist Buchmesse und vor der Interviewerin sitzt:

Ein charmanter Ex-Lehrer, der sich aufs Krimischreiben verlegt hat, mäßig Schach spielt und sich dagegen verwehrt, mit seiner Figur gleichgesetzt zu werden. Lieber spricht Nesser mit Chefredakteurin Michaela Pelz über mörderische Gedanken im Klassenzimmer, das passende Verhältnis von Blut im Buch und psychologischen Motiven, sowie darüber, warum seine Familie die Romane unter keinen Umständen im Vorfeld lesen oder gar kommentieren darf.

Ihr Buch wurde 1994 veröffentlicht. Haben Sie es noch ganz genau in Erinnerung?

Nein, nicht mehr hundertprozentig. Das heißt, nicht nach dem Motto: Warum habe ich dies und jenes auf dieser oder jener Seite gesagt. Aber den Inhalt, den habe ich nach wie vor im Kopf.

Wie sieht es mit den Gefühlen aus, die Sie beim Schreiben empfanden?

Ich erinnere mich an die Geschichte und auch an den Rest – es braucht nur immer eine Weile, bis alles wieder an die Oberfläche kommt …

Sind Ihre Romane ein Teil von Ihnen oder schaffen Sie es, die Bücher “loszulassen”, sobald sie fertig sind?

Man läßt sein Buch immer los, wenn man fertig ist. Das heißt, mir ist wohl bewußt, daß ich sehr perfektionistisch an das Schreiben herangehe. Die Sprache ist mir immens wichtig – vielleicht bemerkt der Leser eine entsprechende Ungenauigkeit gar nicht, aber mir fällt es auf. Daher schreibe ich den Text wieder und wieder um und bin doch nie zufrieden. Meine Leser sollen diese Anstrengung aber nicht bemerken. Manchmal dient die Sprache auch als Mittel, um den Fluß der Geschichte zu verlangsamen. Die Geschichte selbst ist es, worauf alles ankommt.

Wenn Sie sagen, die Sprache bedeutet Ihnen so viel, was geschieht dann, wenn das Buch übersetzt wird?

Dann habe ich keinen Einfluß mehr darauf.

Beunruhigt Sie das?

Nein. Beispielsweise ist mein Deutsch nicht gut genug, um zu beurteilen, wie gelungen die Übersetzung des Buches ist, aber ich habe großes Vertrauen in meinen Verlag. Ich bin sicher, daß das Manuskript dort in den besten Händen war.

Der “Held” des Buches “Das vierte Opfer” ist manchmal sehr frustriert. Zum Beispiel als er feststellt, daß der Mörder einen guten Grund für seine Tat hatte und daß er vielleicht selbst so gehandelt hätte. Beschreiben Sie da Gefühle, wie Sie sie selbst haben?

Ich denke der Mörder in diesem Buch hat einen wirklich guten Grund. Man kann ihn verstehen, fast schon sein Verhalten nachvollziehen. Und natürlich führt das zu einer Frustration. Diese Morde sind auf gewisse Weise legitim. In den meisten meiner Bücher möchte ich erklären, warum die Dinge passieren. Warum jemand so weit kommen kann, einen anderen Menschen umzubringen.

Manchen Autoren kann das Blutbad in ihren Büchern gar nicht groß genug sein – bei Ihnen ist das nicht der Fall. Wenn Sie die Gründe des Mörders erklären wollen, ist das aus einer Art Sendungsbewußtsein heraus? Denken Sie, daß Krimiautoren viel öfter diesen Aspekt einer Geschichte beleuchten sollten?

Natürlich muß in meinen Büchern das Blut nicht in Strömen fließen. Ich sehe absolut keinen Sinn darin. In der “wirklichen” Welt ist das Böse stets präsent und es werden immer und überall Verbrechen begangen. Mich interessiert der psychologische Hintergrund dieser Verbrechen. Die Motive. Menschen neigen dazu, die Motive ihrer Taten zu verklären: “Ich mußte dies und jenes tun, weil…” – dabei haben wir oft, sehr oft, ganz finstere, primitive Gründe. Alle von uns, das ist ganz natürlich. Da ist der Wunsch nach Rache, der Wunsch, jemanden umzubringen. Die meisten von uns tun es nur nicht, weil die Hemmschwelle zu groß ist. Aber tief in unserem Innersten ist dieser Gedanke da, das ist menschlich.

Ich glaube, daß es eine Reihe von Situationen gibt, in denen man glaubt, ein “moralisches” Recht zu töten zu haben. Wenn zum Beispiel jemand meine Tochter vergewaltigte, dann würde ich keine Sekunde zögern, den Kerl umzubringen. Das kann man natürlich in keinem Gesetz festschreiben, aber meine eigene private Moral würde dieses Handeln rechtfertigen. Und die meisten meiner Mitmenschen würden sagen “Ganz richtig so!” – oder in einer ähnlichen Situation genauso handeln. Selbst wenn der Auslöser nicht ein solch gravierender wäre, könnte man sich vorstellen, daß jemand sich zum Töten entscheidet, um sein Leben wieder in Ordnung zu bringen, seine Würde wiederzuerlangen. In manchen Kulturen wäre verletzter Stolz ein ausreichender Grund.

Das heißt Sie wachten nicht eines Morgens auf und stellten fest, daß Sie der Welt die Seele eines Mörders näher bringen müssen?

Nein, nichts dergleichen. Ich fing an zu schreiben, weil ich gerne und viel las. Eines Tages stellte ich fest, daß das Schreiben noch viel mehr Spaß macht – man ist Herr über den Ablauf der Geschichte. Für mich ist Schreiben eine wundervolle und aufregende Beschäftigung.

In Ihrem Buch heißt es: ”…Die Frage nämlich: Ob es einen Punkt gibt, ab dem man sich nicht länger nach etwas sehnt, sondern ab dem man nur noch von etwas fort will. Weg. Sich danach sehnt, etwas abzuschließen und aufzubrechen, aber nicht danach, etwas neu anzufangen….”. Sind das Gefühle, die auch Sie bewegen?

Was ich damit sagen will, ist: Man möchte weg, aber man will nicht unbedingt ankommen. Das Wichtigste ist, unter eine bestimmte Situation einen Schlußpunkt zu setzen. Beim Reisen zum Beispiel: Man will einfach nur raus aus dem Bahnhof, die erste Stunde danach ist auch ganz nett – aber dann kommt man irgendwann an und stellt fest, daß man an einen ziemlich langweiligen Ort geraten ist. Das heißt: Aufbrechen ist wichtiger als ankommen. Die Ankunft kann hin und wieder durchaus enttäuschend sein – was Du brauchst, sind die Erwartungen, Hoffnungen, gar nicht die Erfüllung Deiner Träume.

Sie wurden 1950 geboren. Gibt es “Überbleibsel” aus den “Wilden Sechzigern”, die früher oder später den Weg in Ihre Bücher finden werden?

Ich denke nicht. Es gibt so viele Leute, die über dieses Thema schreiben. Eines meiner Bücher, ich denke es wird im kommenden Jahr in Deutschland erscheinen, spielt in den frühen Sechziger Jahren in Schweden. Aber die Hauptperson ist erst 14 Jahre alt, hat also noch keine Ahnung von Sex n‘ Drugs n‘ Rock’n’Roll …

Sie sind Lehrer – wann schreiben Sie? Nachts, an den Wochenenden, in den Ferien?

Jetzt unterrichte ich nicht mehr. Aber als ich noch Lehrer war und gleichzeitig Bücher schrieb, tat ich das, wann immer sich mir die Gelegenheit dazu bot – manchmal sogar im Klassenzimmer. Die Kinder schrieben einen Aufsatz und ich an einem Krimi.

Das heißt, beim Anblick ihrer Schüler bekamen Sie “mörderische” Ideen?

Man kann auch und gerade von Kindern alle möglichen Anregungen bekommen. Aber wenn manche Leute denken, daß ich mit dem Schuldienst aufgehört habe, weil die Gewalt an den Schulen so groß und die Arbeit so langweilig ist, dann stimmt das absolut nicht. Ich habe sehr gern unterrichtet. Und ich mochte meine Schüler.

Das heißt, Sie hatten nur liebe Kinder in Ihrer Klasse, die Sie nicht dazu trieben, an Mord zu denken?

Oh nein! Da waren nie Schüler, die ich hätte umbringen können.

Wie steht es mit Ihrer Familie? Dürfen die Ihre Bücher Korrektur lesen? Oder Kritik üben.

Nein, bloß nicht. Das möchte ich nicht. Dazu bin ich viel zu sensibel. Wenn ich etwas schreibe und dann frage: Ist das gut? und sie antworten: Nein!, wem soll ich dann vertrauen? Ihrem Urteil oder meinem eigenen? Ich verlasse mich auf mein eigenes Gefühl und sonst nichts.

Viele Bücher tragen autobiographische Züge ihrer Autoren. Wenn es heißt, daß Van Veeteren gerne Schach spielt oder Wein sammelt – sprechen wir dann in Wahrheit über die Vorlieben von Hakan Nesser?

Ich spiele Schach – aber nicht besonders gut. Ich trinke gerne Rotwein, ab und an auch Bier. Aber ich bin nicht Van Veeteren und er ist nicht ich. Eher würde ich ihn als eine Art Vaterfigur bezeichnen. Wenn ich über ihn schreibe, dann bin ich sehr vorsichtig mit dem, was ich sage, denn ich neige dazu, ihn zu bewundern. Es ist stets eine Herausforderung – ich habe Respekt vor dem Mann. Bei den anderen Figuren in meinen Büchern weiß ich, ich habe sie gemacht, ich kontrolliere sie. Ich sage ihnen, was sie zu tun haben – bei Van Veeteren ist es umgekehrt: Er sagt mir, was ich zu tun habe!

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.



Mit Herrn Nesser sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.

(Oktober 1999)