Interview mit Petra Oelker

Petra Oelker (Foto: Kristina Jentzsch)

Weg vom historischen Roman und mitten hinein in die klösterliche Welt …

Warum Petra Oelker sich ein komplett neues Setting gesucht hat, was die Faszination dieses sehr speziellen „Personals“ ausmacht und warum jemand, der wie die Hamburgerin „characters-minded“ schreibt, ein Problem damit hat, die Figuren „einfach nur zum Bäcker gehen zu lassen“ … – darüber spricht die Autorin ebenso wie über ihre ganz persönliche Einstellung zum Leben hinter Klostermauern.



In Anbetracht Ihres neuen Romans die Frage: Sind Sie „durch“ mit Rosina und der Kaufmannsfamilie Hermanns?

Nein, gar nicht. Rosina wollte mal eine Pause haben.

Wir können also den Fans versprechen, dass sie wiederkommt?

(lacht) Das steht zu befürchten.

Begreifen Sie Ihren aktuellen Roman als schöne Abwechslung oder, anders gefragt, was ist das Faszinierende an einem Buch, das in der „Jetztzeit“ spielt, wenn man sich lange Zeit auf historische Krimis spezialisiert hat?

Das habe ich gar nicht getan – es scheint nur so.

Ich habe zwischendurch bereits einen zeitgenössischen Roman geschrieben, ebenfalls einen Krimi. Mit meinen großen Romanen war ich allerdings in der Tat auf das 18. Jahrhundert spezialisiert, bin es auch immer noch,. Das ist auch in Ordnung so.

Aber es bedeutet nicht, dass ich nicht ebenso gut in der heutigen Welt lebe. Ich hatte schon seit geraumer Zeit die Idee, nicht immer nur über das gleiche Sujet zu schreiben. Das ist mir zu eingleisig. Außerdem wollte ich in die Gegenwart – ein Wunsch, der sich in der letzten Zeit verstärkt hat – wobei man nicht vergessen darf, dass es fast zwei Jahre gedauert hat, bis das Buch auf den Markt kam.

Zumal ich finde, nach fünf „Rosina“-Romanen konnte ich mir einfach mal einen „Ausflug“ gönnen..

Es geht auch durchaus darum, mal etwas anderes zu versuchen.

Man ist dann doch etwas festgelegt, wenn man immer dieselben Rahmenfiguren hat …

Ja, furchtbar. Und so eng ist mein Kopf nicht.

Allerdings hatten Sie ja über eine lange Zeit Gelegenheit, mit Ihren Figuren vertraut zu werden. Was ist das Schwierigste daran, wenn man in ganz neue Charaktere eintauchen muss?

Es ist einfach Arbeit.

Aber schöne Arbeit, die ich mag und die mich fordert.

Die Figuren sind ja lange in meinem Kopf gewesen, allerdings nicht so lange wie die Rosina-Figuren, denke ich, weil ich die ja schon Jahre mit mir herumtrage …

Dann ist mir aufgefallen, dass ich ein bestimmtes System habe, wenn ich einen Roman schreibe. Zunächst erzeuge ich die Figuren, in einem zweiten Schritt muss ich mich ihnen dann nähern, sie sozusagen „aufblättern“. Und das dauert. Das geht nicht unbedingt im ersten Buch so leicht und vollständig.

Das lässt ja dann hoffen, dass es auch hier eine Fortsetzung geben wird …

(lacht) Auch das steht zu befürchten.

Es ist natürlich etwas anderes mit neuen Figuren. Genauso, wie wenn man neue Leute kennen lernt. Also nicht „man“ – bei anderen mag es nicht so sein, aber ich fremdle erst so ein bisschen. Mit manchen stimmt die Chemie von Anfang an, bei anderen muss ich erst abwarten und schauen; dann denke ich schon mal: „Mannomann – wen habe ich denn da in die Welt gesetzt …“.

Wobei es ja die Möglichkeit gegeben hätte, das ganze eine „Nummer kleiner“ zu fahren. Sprich: Durchaus einen Roman mit neuen Figuren schreiben, aber dann eine begrenztere Anzahl, mit nicht ganz so vielen, bunten, sehr charakteristischen, sehr unterschiedlichen Leuten. Es gibt ja auch im Krimisegment Romane – uns sie sind deswegen nicht schlechter – die eine, zwei, maximal drei Hauptfiguren haben.

Das kann ich nicht. Es geht einfach nicht.

Mein anderer zeitgenössischer Roman „Das Bild der alten Dame“ ist schmaler. Schmaler vom Setting her – obwohl es auf der Insel Jersey und Hamburg spielt – und es sind weniger Figuren.

Aber wenn ich mich auf weniger Figuren beschränke, muss ich auch die Geschichte viel schmalspuriger schreiben.

Was beim Lesen auffällt: Das Buch steckt voll von kurzweiligen Details – da gibt es etwa diese Neunzigjährige, die ab und an ins Kino geht oder die zupackende Ex-Empfangsdame -, welche dem Leser zweifelsohne Freude bereiten, die man zum Fortgang der Handlung aber nicht wirklich „braucht“. Man kann sie einfügen, muss aber nicht.

Och ohne diese Details wäre es aber langweilig. Ich denke, auf solche Dinge können Sie gut verzichten, wenn Sie einen sehr stringenten Krimi-Plot haben. Es gibt Leute, die schreiben, wie meine Lektorin es nennt, „plot-minded“ und dann gibt es Leute, die sich mehr auf die Figuren konzentrieren. Das ist glaube ich, keine bewusste Entscheidung – man „tickt“ so. Das nennt sich dann eben „characters-minded“. Da ergibt sich diese Ausführlichkeit fast zwangsläufig, die Leute drängeln sich in meinen Kopf.

Ich will zum Beispiel nur kurz schreiben, dass jemand zum Bäcker geht und Brötchen holt – aber was ihm da alles begegnet, daran komme ich nicht vorbei … (lacht).

Sowohl in Ihren historischen Krimis wie auch in „Der Klosterwald“ dominieren die Frauen. Absicht oder Zufall?

Es liegt wohl einfach daran, dass ich eine Frau bin. Ich glaube schon, dass die Identifikation mit dem gleichen Geschlecht einfacher ist. Klar, ich bin auch „frauenbewegt“, wie man es in den 70ern einfach war. Aber es sind schon Figuren, die mir sehr viel vertrauter sind – ich weiß nicht, wie Männer funktionieren, immer noch nicht.

Wobei, ganz interessant, es durchaus Leute gibt, die meine historischen Romane nicht „Rosina“-Romane nennen, wie wir es auch im Verlag tun, sondern „Claes Herrmanns“ Romane. Das sind meistens Männer, die haben da ihre Identifikationsfigur. Und der Herrmanns ist natürlich dort im Laufe der Bücher dominanter geworden als es der Hildebrandt in „Der Klosterwald“ ist.

Man kann wohl sagen: Im aktuellen Buch sind die Agierenden fast mehr Männer, aber die Hauptfiguren sind schon die Äbtissin und die Restauratorin.

Jetzt, wo Sie die Restauratorin erwähnen … – in Ihren historischen Romanen stand immer ein Gewerbe im Vordergrund (Uhrmacher, Lotsen etc.), über das Sie die Leser mit Hintergrundwissen versorgen. Auch beim aktuellen Buch gibt es einiges zu lernen – einmal über Klöster (wer hat schon eine Ahnung, dass es da diese evangelischen Wohnstifte gibt?) …

… das wusste ich selbst auch bis vor einigen Jahren nicht …

… aber auch über den Beruf des Restaurators. Welche Absicht steckt dahinter?

Ich denke, ich bin da relativ schlicht gestrickt – ich habe ein bestimmtes Muster im Kopf. Nicht, wie ich arbeite, sondern was mich interessiert. Ich wollte eine junge Frau in meiner Geschichte haben. In den Klöstern sind nun einmal Wandmalereien. Und zu meinem großen Glück stieß ich während meiner Recherche im Kloster auf eine Restauratorin. Sie ist sehr nett, sehr munter, unheimlich engagiert und begeistert und sie hat über dieses Restaurierungsprojekt ihre Diplomarbeit geschrieben, die sie mir dann auch zur Verfügung gestellt hat. Und das hat mich dann wirklich fasziniert. Diese ganze Arbeit und die Vielfältigkeit, Geduld und Akkuratesse, die darin steckt – man stelle sich vor: drei Wochen an einem wenige Zentimeter langen Stück zu sitzen. Da war mir dann klar, dass ich das mit hineinbringe. Und es macht mir wirklich einfach Vergnügen, dem, was ich bei meinen historischen Romanen als meinen Volkshochschuleinschub bezeichne, zu genügen. Es sind einfach Sachen, die recherchiere ich, weil sie mich interessieren und dann denke ich, interessiert das andere Leute auch.

Es werden auch – fast nebenbei – eine Reihe anderer norddeutscher Klöster samt ihrer Kunstschätze erwähnt. Haben Sie sie alle persönlich besucht?

Es gibt die sogenannten Heideklöster zwischen Lüneburg und Hannover, das sind sechs, die letztlich wie Damenstifte organisiert, zugleich aber Museen sind. Die Bewohnerinnen nennen sich aber nach wie vor Klosterfrauen, weil sie diese ganz bestimmten Traditionen haben. Gelübde werden allerdings keine mehr abgelegt.

Dass diese Klöster eher unbekannt sind, das sehe ich auch so. Ich selbst habe sie vor circa 10 Jahren entdeckt. In fünf der sechs genannten Klöster habe ich recherchiert. Jedes hat etwas eigenes, und das hat mich wirklich beeindruckt – damit hatte ich nicht gerechnet.

Auch als Ambiente für einen Krimi (oder gar eine Reihe) ist so ein Kloster nicht schlecht, denkt man nur an die Vielfältigkeit von Menschen, die man dort unterbringen kann. Die neun Konventualinnen zum Beispiel …

Genau – und jede hat ihre Vergangenheit. Und ihre Leichen – je älter, desto mehr „Leichen im Keller“. Außerdem hat jede Familie.

Wir hatten es bereits kurz angesprochen: Wird auch die Äbtissin Felicitas Stern in Serie gehen?

Ja. Es ist so: Wenn ich schreibe, dann habe ich so viele Bilder im Kopf, die passen wahrscheinlich gar nicht in einen einzigen Band (lacht).

Gerade auch mit dieser „Besetzung“. Der Roman spielt ja gar nicht so sehr im Kloster, sondern mehr in der Kleinstadt – er ist auch so angelegt. Ich muss mich dem Kloster erst langsam nähern. Ich möchte schon gern noch mal ein Buch machen, das sich mehr mit dem Kloster auseinandersetzt.

Wäre Äbtissin etwas, was Sie sich persönlich als berufliche Alternative vorstellen könnten?

Nein. Es wäre keine Alternative, denn ich reiße zwar gern meinen Mund auf, aber ich will nicht Chefin sein. Das war ich, ich weiß, dass ich das kann, das muss ich nicht haben.

Äbtissin also nicht – aber wie steht es mit dem Klosterleben an sich?

Sagen wir mal so: Diese Art von Wohn- und Lebensgemeinschaft hat etwas sehr Verlockendes, denn wenn man alleinstehend ist in einem bestimmten Alter, dann geht das zwar ganz gut, aber schöner ist es doch, eine Gemeinschaft zu haben. Der Mensch ist nun mal ein Herdentier – und eine Gemeinschaft zu haben ist, denke ich, das, was jede Frau, jeder Mann, sich wünscht und auch braucht. Auch wenn wir alleine gut klar kommen.

Für mich aber kommt es gar nicht in Frage, weil man, wenn man dort leben will, seine berufliche Zukunft hinter sich gelassen haben muss.

Und ich will noch viele Romane schreiben.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH!

Mit Frau Oelker sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.

(Frankfurt, 12. Oktober 2001)