Interview mit Wolfgang Korruhn

Wenn der elegant gekleidete ältere Herr in seinem Jaguar durch Köln fährt, vermutet niemand, dass sich hinter den getönten Scheiben ein Top-Frager verbirgt. Sobald Wolfgang Korruhn ein Thema (oder mehr noch: ein Mensch) interessiert, lässt er nicht locker. Höflich und charmant, dabei aber unerbittlich, bohrt er nach, entlockt dem Gegenüber alle Geheimnisse. Ein Interview mit diesem Mann ist somit nicht nur spannend, sondern auch ein Wagnis – nicht nur, weil er über Mörder spricht, die er im Gefängnis besuchte …

Was trieb Sie dazu, ein dokumentarisches Buch über Mörder zu schreiben?

Zunächst sollte es ja ein Buch werden über Menschen, die einen schweren Schicksalsschlag gemeistert haben und nun wieder froh sind. Aber dann gefiel mir das Thema nicht mehr und ich fand “Aggressivität” viel spannender. Das, was unbewältigt und stets präsent in jedem von uns steckt.

Wie fanden Sie Ihre Interviewpartner?

Leicht war das nicht. Die Anwälte, an die ich mich wandte, waren nicht kooperationsbereit. Gutachter, mit denen ich sprach, schon ein wenig mehr, aber sie vorhersagten mir alle, die Täter würden mich sowieso belügen. Fündig wurde ich schließlich bei den Gefängnisdirektoren, die ich angeschrieben und bei denen ich um Kontakt zu gesprächswilligen Mördern gebeten hatte.

Wie fühlten Sie sich bei diesen Geprächen?

Die Interviews waren oft schwierig und belastend. Natürlich träumte ich nachts von dem, was man mir erzählt hatte und von den Gefängnissen.

Kam dann nicht hin und wieder der Wunsch auf, an diesem Punkt abzubrechen und das Buch-Projekt einfach fallenzulassen?

Nein, denn andererseits waren die Interviews ungeheuer ergiebig. Es gelang mir, Details herauszuarbeiten, die beim Prozeß vom Gutachter nicht entdeckt worden waren. Den Grund dafür sehe ich darin, daß ich mehr Zeit für diese Menschen hatte und sie mein ehrliches Interesse spürten.

Um welche Details ging es da konkret? Konnten diese neuen Erkenntnisse etwas am Strafmaß des einzelnen ändern?

Beispielsweise war da der Fall dieses Studenten der Philosophie. Er hatte seine Zimmerwirtin erdrosselt, dann in der Badewanne mit einem Elektromesser zerteilt und die Überreste in den Müll gepackt – was dann auch zu seiner Entdeckung führte, weil jemand diese Mülltüten gefunden hatte.

Selbst beim Prozeß war es niemandem, auch den Gutachtern nicht, gelungen, das Motiv für die Tat herauszuarbeiten. Mir hat sich der junge Mann offenbart.

Wie er mir beichtete, war er homosexuell, hatte sich aber nie getraut, zu seiner Veranlagung zu stehen. Seine Vermieterin, stark alkoholabhängig, hatte ihn nun offensichtlich immer und immer wieder “angemacht”, was er absolut nicht ertragen konnte. Bis die Vorstellung, sich dieser Zudringlichkeiten mit Gewalt zu entledigen, für ihn zur fixen Idee wurde und er an nichts anderes mehr denken konnte.

So kam es, daß er diesen Mord fast ein Jahr lang plante, sich auf seinen Spaziergängen stundenlang vorstellte, wie er diese Frau “enthaupten” würde. Eines Tages dann, sie lag völlig betrunken auf dem Sofa und dachte wohl, er würde nun endlich ihren Verführungskünsten nachgeben, hat er es einfach getan.

Am Strafmaß konnte dies natürlich nichts ändern – das Verfahren war längst abgeschlossen, der Täter bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Gibt es etwas, das Sie als Gemeinsamkeit bei allen Tätern, mit denen Sie sprachen, ausmachen konnten?

Man kann sagen, daß es sich bei allen um ungewollte, ungeliebte Kinder handelte. Um Menschen, die schon sehr früh von ihrer Umwelt überwiegend Mißtrauen und Haß erfuhren.

Wie schätzen Sie nach diesem “hautnahen” Kontakt mit Leuten, die getötet haben – egal aus welchen Motiven – die Wahrscheinlichkeit ein, daß ein Mensch wie Sie und ich, ein ganz “normaler” Bürger, aus heiterem Himmel einen anderen umbringt?

Meiner Ansicht nach trägt jeder die potentiellen Anlagen und auch die Bereitschaft in sich, zum Mörder zu werden. Die meisten haben nur eine Hemmschwelle, die als Schutz-Mechanismus funktioniert.

Sobald aber etwas eintritt, was diesen Mechanismus außer Kraft setzt – entweder weil der Täter selbst oder ein ihm nahestehender Mensch, so verletzt wird, daß Gewalt der einzige Ausweg scheint, dann ist der Schritt zum Mord ein ganz kleiner.

Wie stehen Sie selbst zum Thema Tod?

Ein ganz wichtiges Thema für mich – aber der Tod schreckt mich nicht mehr, seitdem ich mich intensiv mit dem Buddhismus beschäftige. Irgendwie

habe ich das Gefühl, als würde ich irgendwann mal einen gewaltsamen Tod finden (vielleicht überfahren werden…). Für diesen Fall habe ich für alle, die mich von der Straße abkratzen und verpacken, Polizisten oder Feuerwehrleute, in meinem Testament 1.000,- DM vorgesehen.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Herrn Korruhn sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.

(November 1999)