Interview mit Anne Perry

Anne Perry (Foto: Krimi-Forum)

Eine so zauberhafte und geduldige Autorin wie Anne Perry hat der „Mann für alle Fälle“, Prof. Dr. Georg Pelz, nicht erwartet, als er in zwölfter Stunde für die verhinderte Interviewerin einspringt. Doch im Handumdrehen entwickelt sich ein ausgesprochen persönliches Gespräch über viktorianische Frauenfiguren und die Arbeitsweise der Erfolgsautorin. Außerdem enthüllt sie, wo sie ihre Garderobe kauft und wer sich um ihre Frisur kümmert. Zunächst aber geht es um die Soldaten in der Familie.

Hat jemand aus Ihrer Familie „gedient“?

Will sagen: Gibt es persönliche Erfahrungen in Ihrem direkten Umfeld mit dem Militär oder der Marine? Ich frage das, weil die Beschreibungen, die Sie vom Leben auf einem Schiff oder dem Verhalten von Soldaten während einer Schlacht liefern, so lebendig sind, dass man nicht glauben möchte, sie könnten rein auf Recherchematerial basieren.

Es gibt in der Tat familiäre Bande zum Militär: Mein Großvater war Militärpfarrer während des ersten Weltkriegs, mein Schwiegervater diente während des 2. Weltkriegs im Grenadier-Regiment und mein Bruder war Sergeant in einer kleinen Einheit während des Krieges in Simbabwe.

Was mich persönlich aber immer schon begeistert hat waren nicht so sehr die militärischen Details, sondern das Verhalten von Menschen in Extremsituationen.

Wenn ich mich nicht irre, ist Bedford Square der 19. Band der Serie um Thomas und Charlotte Pitt. Das heißt, dass sie die beiden bereits seit 20 Jahren auf Mörderjagd schicken – steht zu befürchten, dass Sie eines Tages genug von dem Paar haben werden?

Also noch finde ich die beiden alles andere als langweilig. (lacht) Außerdem könnte ich es mir noch gar nicht leisten, mit der Serie aufzuhören – sollte ich also jemals keine Pitt-Bücher mehr schreiben, dann können Sie davon ausgehen, dass ich meine Tätigkeit als Autorin generell an den Nagel gehängt habe.

Werden Ihre Protagonisten denn mit der Zeit auch älter?

Das tun sie in der Tat. Zwischen dem ersten und dem zweiten Buch sind es direkt zwei Jahre – aber da wusste ich noch nicht, dass aus den Romanen eine Serie werden würde. Als sich das herauskristallisierte, wurde ich vorsichtig, denn andernfalls wäre Pitt in sehr kurzer Zeit ein sehr alter Mann geworden.

Momentan umfassen die Bücher die Spanne von 1881 bis 1892: Im Verlauf dieser Jahre haben Charlotte und Thomas geheiratet und Kinder bekommen, die jetzt auch schon – mit 7 und 9 Jahren – langsam groß werden …

Ich empfehle immer, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Man bekommt dann nicht nur ein Bild von den äußeren Veränderungen der Lebensumstände, sondern vor allem auch von der Entwicklung, die die Figuren durchmachen. Gäbe es eine solche nicht, wäre das Schreiben auch für den Autor ziemlich langweilig.

Mir scheint es, als hätten die Gedanken und Gefühle von Wachtmeister Tellmans in „Bedford Square“ sehr viel mehr Raum eingenommen, als dies in früheren Romanen der Fall war. Bedeutet dies nun für die Zukunft, dass er eine zentralere Rolle einnehmen wird?

Das ist richtig! Im nächsten Buch steht er sogar noch mehr im Vordergrund. Mir ist ganz wichtig, dass ich mich nicht wiederhole. Und dazu gehört auch, dass neben den beiden Hauptfiguren auch andere Charaktere zum tragen kommen.

Bedenkt man den viktorianischen Hintergrund, vor dem sie spielen, beeindrucken Ihre Romane vor allem durch die starken Frauengestalten. Nicht nur Charlotte, sondern auch das Dienstmädchen Gracie und Tante Vespasia sind Figuren, die man nicht so schnell vergisst – ebenso wenig wie die Ehefrauen der erpressten Männer in „Bedford Square“. Sind auch Sie das, was man „tough“ nennt?

Das möchte ich hoffen! Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es viel mehr starke Frauen gibt, als man gemeinhin annimmt. Gerade Mütter oder Ehefrauen z.B., selbst wenn sie im täglichen Leben nicht so sehr im Vordergrund stehen.

Ich würde annehmen, dass die meisten Ihrer Leser weiblich sind. Stimmt das? Und haben Sie je Gelegenheit, Ihre Fans „persönlich“ kennen zu lernen – z.B. bei Lesungen oder durch Briefe?

Wahrscheinlich ist es schon so, dass mehr Frauen als Männer meine Bücher lesen – aber ich beobachte, dass grundsätzlich sowieso mehr Frauen als Männer ihre Freizeit damit verbringen zu lesen. Dass ich mehr weibliche Fans habe, mag aber insgesamt daran liegen, dass die Art von „romantischem“ Krimi, die ich schreibe, eher Frauen (allen Alters) anspricht.

Andererseits: Autoren wie Tom Clancy oder Thomas Harris werden naturgemäß vornehmlich von Männern gelesen – auf diese Weise gleicht es sich dann wieder aus.

Was nun meine persönlichen Erfahrungen mit Lesern anbetrifft, so gibt es da in San Diego einen Lehrer, der erstens meine Romane im Unterricht einsetzt und zweitens mindestens fünf Exemplare von jedem Buch besitzt. Als ich ihn fragte: „WAS unterrichten Sie denn nun – Englisch oder Geschichte? – kam die Antwort: „Beides falsch! Ethik!“ So etwas macht mich besonders stolz.

Den Detektiv William Monk haben Sie 1990 erfunden und ebenfalls zu einem Seriencharakter gemacht. Seitdem erscheinen jedes Jahr zwei Bücher – eins aus der „Pitt“- das andere aus der „Monk“-Serie. Besteht da nicht die Gefahr, sich einmal im Szenario zu „vertun“?

Es fällt mir nicht schwer, die beiden Serien auseinander zu halten, da ich immer nur an einem Buch schreibe.

Es dauert etwa vier bis fünf Monate, dann ist ein Roman fertig. Zuvor habe ich die Handlung typischerweise auf 12 Seiten (einzeilig beschrieben) umrissen. Dieses Konzept steht schon lange bevor ich anfange zu schreiben. Sobald alle Informationen und Ideen im Zusammenhang mit dem Plot dann zusammengekommen sind, brauche ich, wie gesagt, noch vier bis fünf Monate, dann ist das Buch fertig.

Wie steht es mit einer möglichen Verfilmung der Pitt-Serie? Hätten Sie Favoriten für die Hauptrollen?

„Cater Street“ (der erste Roman – A.d.R.) ist 1998 bereits für das englische Fernsehen verfilmt worden – mit Eoin McCarthy als Thomas Pitt und Keeley Hawes als Charlotte Ellison.

Und derzeit läuft wieder ein Casting für eine weitere Verfilmung. Zunächst dachte ich, es sei einfach, aufgrund eines Fotos zu entscheiden, wen man haben will oder nicht. Dann merkte ich jedoch, dass viel viel mehr dazu gehört, die richtige Besetzung zu finden: wie jemand sich gibt, wie er wirkt, wie er spielt – all das will bedacht werden.

Entscheidungen bezüglich der endgültigen Auswahl darf ich natürlich keine treffen, ich kann aber Empfehlungen abgeben und habe eine Art Mitspracherecht. Von daher denke ich, wenn ich jemand wirklich für komplett ungeeignet für eine bestimmte Rolle halte, dann würde man sich auch danach richten.

Wie ich bereits erwähnte, stehe ich vor Ihnen als Vertreter einer Krimi-Internetseite. Sind Sie ebenfalls aktiv im Netz zugange? Und besitzen Sie eine Homepage oder eine Email-Adresse, über die Sie Ihre Fans erreichen können?

Ich persönlich surfe recht wenig, bin mir aber der Bedeutung des Mediums sehr wohl bewusst. Daher habe ich jemanden engagiert, der eine Webseite für mich gebastelt hat, die hier im Netz zu finden ist. Auch Emails werden beantwortet – so lange sie in Englisch sind.

Außerdem verfasse ich einen monatlichen Newsletter namens „A Letter from The Highlands“ für das „Meridian Magazine“, eine Internet-Publikation einer Mormonen-Gemeinde. Die Redaktion interviewte mich vor einigen Monaten und fragte bei dieser Gelegenheit, ob ich nicht Lust hätte, für ihr Magazin zu schreiben, in dem internationale Nachrichten, Politik und Geschichte ebenso Platz finden wie Buchrezensionen oder Artikel über Werte in der Familie. Mein nächster Bericht wird wohl meine Reise nach Deutschland behandeln.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie unseren Lesern gern mitteilen würden? Die URL Ihrer Lieblingsseite im Netz vielleicht? Oder die Telefonnummer und Adresse Ihres Schneiders oder Ihres Frisörs?

Meine Haare schneidet meine Haushälterin und Kleider kaufe ich mir in den USA – denn die amerikanischen Größen passen mir perfekt, während ich in England stets Probleme bei der Wahl meiner Garderobe habe.

Aber was ich gerne loswerden möchte, ist ein großer Dank an alle meine Leser, die mich seit Jahren so treu unterstützen.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Frau Perry sprach unser Redakteur Prof. Dr. Georg Pelz.

(München, 6. Februar 2001)