Interview mit Jürg Obrist

Hochkonzentriert im Interview (Foto: Pauline Plaum)

Wer hat das hellseherisch begabte Äffchen Dolly entführt? Wo steckt der Diamant, wo Super-Roboter Roby? Kalle Bohne und Gitta Gurke ermitteln – in den Geschichten und Illustrationen von Jürg Obrist für Lesefreunde ab 9 Jahren. Und wer sonst nicht so gern schmökert, freut sich, dass die Texte kurz und zur Lösung der Fälle scharfe Augen und gutes Kombinieren gefragt sind. Amelie Plaum (12) hat den Autor auf der Buchmesse Leipzig 2014 getroffen und zu seiner Arbeit befragt. Fotos: Pauline Plaum (10)

Wie sind Sie dazu gekommen, Bücher zu schreiben? Sie sind ja eigentlich Illustrator!

Ich bin von Beruf Retuscheur, also jemand, der Fotos bearbeitet, und habe Fotografie studiert.

1976 zog ich nach New York und mein heimlicher Wunsch war, ein Buch zu illustrieren, also habe ich dort einen Verlag kontaktiert. Sie sagten, das gefällt uns, schreiben Sie eine Geschichte. Ich hatte gedacht, die geben mir eine Geschichte zum Illustrieren, und nun sollte ich schreiben!

Ich dachte zuerst, mein Gott, ich kann doch gar nicht schreiben, hatte das noch nie gemacht! Dann habe ich es ausprobiert. Das war vor 33, nein, 36 Jahren.

Und die Geschichte war dann auf Englisch?

Ja, Englisch auch noch dazu! (lacht).

Ja gut, ich lebte damals schon ein Jahr dort, konnte schon ein wenig sprechen. Doch das Schreiben war schwer. Mein jetziger Schwiegervater hat mir zum Glück geholfen, er hat auch schon Bücher geschrieben, für Erwachsene, hatte aber auch eine gute Ader für Kindergeschichten.

So bin ich zum Schreiben gekommen.

Und wie sind Sie auf Krimis gekommen?

Die habe ich erst verfasst, als ich mit meiner Familie wieder zurück in der Schweiz war.

Da war es am Anfang genau die gleiche Situation: Ich hatte eine gute Idee, habe drei Beispiele entwickelt, die Bilder dem Deutschen Taschenbuch Verlag geschickt und bekam die Antwort: „Das können wir machen, schreiben Sie die Fälle zu den Bildern.“

Ich habe dann geantwortet, ich bräuchte jemanden, der die Fälle mit mir schreibt, doch auch hier wurde ich ermuntert, dies selber zu tun! Dann habe ich es selbst versucht und gemerkt, da kommt etwas dabei raus, von dem man gar nicht denkt, dass es in einem steckt (lacht).

Wo finden Sie Ihre Fälle?

Ich bin bestimmt etwas vorbelastet von der „Schwarzen Hand“ (ein Kinderbuchklassiker von Hans Jürgen Press – A.d.R.).

Und ich habe einen Sohn, der sich als Schulkind mit dem Lernen schwer tat und Übungen machen sollte, die er langweilig fand.

So hatte ich die Idee, ich könnte doch seinen Lernstoff mit der „Schwarzen Hand“ verbinden, ich könnte einen Kriminalfall aus dem Lernstoff machen und die Lösung gut verstecken, sodass er beim Lernen Spaß hat. Und das hat geklappt.

Für jeden Spass zu haben… (Foto: Pauline Plaum)

 

Woher nehmen Sie die Ideen für ihre Bücher und Geschichten?

Naja, ich habe so Antennen hier (zeigt auf seinen Kopf).

Ich bin immer auf Empfang, wo immer ich mich befinde, überall. Wenn ich eine Zeitung lese, im Supermarkt stehe, fernsehe, überall schaue ich und suche nach einer Lösung.

Ich habe gelernt, wenn man solche Geschichten schreibt, muss man immer schon die Lösung wissen und kann danach die Geschichte drum herum bauen.

Wie arbeiten Sie denn als Autor?

Ich bin nicht jemand, der früh aufsteht. Es ist nicht so, dass ich nicht gern arbeite, ich arbeite sogar sehr gern, aber früh am Morgen arbeite ich eben beim Schlafen, da habe ich die besten Ideen für Krimis (lacht). Das heißt, wenn ich morgens um 8 noch im Bett bin und meine Frau kommt rein, sage ich ihr, ich bin am Arbeiten.

Ansonsten gilt: Man muss sich haarscharf eine Struktur setzen, um seine Aufgaben fertig zu bekommen und hart mit sich selbst sein. Man kann sich zum Beispiel sagen, man fängt um halb 10 an.

Bei mir kommt allerdings immer was dazwischen, hier ein Telefonat, da muss ich noch einkaufen gehen … das ist aber nicht schlimm, ich arbeite dann eben bis 23 oder 24 Uhr. Ich bin ein Nachtarbeiter.

Als Autor hat man keinen anderen Chef, man muss sich selbst einteilen, hat ja auch immer einen Termin, zu dem Geschichten beim Verlag sein sollen, am besten schon gestern (lacht).

Ein Buch zu machen ist sehr zeitintensiv, bis so ein Krimi steht, arbeite ich 6 bis 7 Monate und weiß, dann und dann, zum Beispiel nächsten März, muss ich das abgeben.

Fällt Ihnen auch mal nichts ein? Und was machen Sie dann?

Ja, ich habe Blockaden, aber nicht so fürs Schreiben, die Blockade ist dann eher für die Ideen. Aber ich mache ganz viele Sachen und das hilft dabei, immer wieder weiterzumachen.

Aufgrund der Krimis sind noch ganz andere Möglichkeiten der Arbeit für mich aufgetaucht. Ich durfte in eine Schule gehen und bin 11 Jahre an dieser Schule gewesen, wo ich mit begabten Kindern in Sachen Sprache und Gestaltung gearbeitet habe, auch Hörspiele gemacht habe.

Im Moment arbeite ich auch für eine Jugendzeitschrift, alle 2 Monate kommt dann eine Kommissar Maroni-Geschichte im „Spick“, einer Schweizer Jugend-Zeitschrift. Da schreibe und illustriere ich Fälle immer zu bestimmten Themen, z. B. jetzt zur Fußball-WM.

Viel Zeit, über Blockaden nachzudenken, hat man da nicht. Freilich: Manches habe ich in einem halben Tag geschrieben oder noch schneller, manchmal brauche ich 3 Wochen. Dann kann man mich nicht ausstehen. Ich habe gehört, das ist bei vielen Autoren ähnlich (lacht).

Bitte nicht stören! Ist grad so spannend… (Foto: Pauline Plaum)

Würden Sie heute jungen Leuten denn empfehlen, Schriftsteller oder Illustrator zu werden?

Wenn sie ein gewisses Talent haben, schon!

Ich hatte diesen Wunsch, zu illustrieren, schon früh, und mein ganzes Umfeld in der Schweiz war so konstruiert, dass sie sagten, davon kann man nicht leben. Und ich habe das geglaubt!

Ich musste dann weg und stellte fest, in Amerika ist es ganz anders, da macht man einfach sein Ding.

Klar wusste ich, ich begebe mich in einen Bereich, in dem die Jobs sehr unsicher sind, auch als Fotograf – aber mein Wunsch, das zu machen, war so stark und in Amerika sagte man mir dann, Go! Go for it!

Manchmal lief es nicht gut, einmal, zurück in der Schweiz, hatte ich keine Arbeit und ich habe mich beinahe bei der Zürcher Straßenbahn als Fahrer beworben.

Genau in dieser Zeit kam ein Anruf, wir suchen jemanden, der mit Kindern arbeitet, und so kam ich zu diesem Auftrag in der Schule und hatte plötzlich wieder ein monatliches Einkommen.

Mit den Krimibüchern gibt es viele Lesungen, auch damit verdienen Autoren Geld. Wenn man von Anfang an immer fragt, kann man davon leben, dann wird es schwierig, aber wenn man Talent hat, flexibel ist, und ganz viele verschiedene Sachen macht, dann hat man auch Glück und wenn man dann immer weiter macht, wenn man es unbedingt will, dann klappt das auch.

VIELEN DANK FÜR DAS AUSGESPROCHEN ANGENEHME UND LUSTIGE GESPRÄCH!