Interview mit Elisabeth Herrmann

Warum es hilfreich war, sich bei den Recherchen zu „Die letzte Instanz“ nicht nur in Görlitz selbst ein Bild zu machen, sondern vor allem, dies gemeinsam mit der zehnjährigen Tochter getan zu haben, erklärt die Autorin in diesem Interview. Außerdem spricht sie ausführlich über die Figuren – nicht zuletzt Vernaus Mutter und ihre Gesellschafterin. Und am Ende enthüllt die Wahl-Berlinerin sogar noch den ganz persönlichen Soundtrack ihrer Jugend.

Es ist kalt an diesem Samstag morgen – aber die Sonne lacht am weiß-blauen Himmel, genau so, wie man sich das in Bayern vorstellt. Und genauso freundlich wie das Wetter ist der Empfang durch eine gut gelaunte Autorin, mit der es eine wahre Freude ist, in der angenehmen Atmosphäre des Feng-Shui Hotels Corbin in Freising, ein angeregtes Gespräch zu führen.

Frau Herrmann, dieses verführerische Frühstücksbüfett führt zwangsläufig dazu, ans Essen zu denken und damit möchte ich auch gleich einsteigen: Das Wirtshaus „Zur letzten Instanz“, das für den Titel des Buches Pate stand, serviert Ihren eigenen Angaben in der Danksagung zufolge beste Hausmannskost. Auf der anderen Seite tafeln Ihre Protagonisten auch schon mal im angesagtesten Restaurant Berlins. Wenn Sie persönlich vor der Wahl stehen – was gibt es dann: Eisbeinsülze oder das 300-Euro-Menü?

Dann gibt es meistens was Selbstgekochtes.

Und was, wenn ich fragen darf?

Hühnerflügelchen in Blue-Cheese-Soße, also weiße Crème fraîche mit Blauschimmelkäse, dazu Gemüsestifte …

Bei uns gibt es überhaupt sehr viel (rohes) Gemüse, auch sehr viel Obst … Dann machen wir seit neuestem Crêpes … – wir haben uns eine Crêpes-Pfanne gekauft, und Sie können sich nicht vorstellen, wie gut Crêpes mit Nutella und all diesen Sachen schmecken … (während die Autorin genüsslich diese Köstlichkeiten aufzählt, läuft der Interviewerin das Wasser im Munde zusammen).

Also wirklich viel Selbstgekochtes. Außerdem liebt meine Tochter meine Soßen! (lacht) Sie isst die Soßen und mir bleibt dann das trockene Fleisch.

In Ihrem Roman gibt es allerdings auch Protagonisten, die sich das Essen im einen oder anderen Lokal nicht leisten können, sondern sich zur Essensausgabe in der Suppenküche einfinden (müssen). Haben Sie vor Ort recherchiert? Und wenn ja: Als „Helferin“ oder als Besucherin?

Ich habe dort für den RBB berichtet. Es gibt eine Partnerschaft zwischen RBB und der Berliner Tafel und in diesem Zusammenhang waren wir mehrfach in der Suppenküche. Wir haben kleine Nachrichtenfilme über den Betrieb dort gemacht.

Bei einem dieser Besuche erzählte mir eine ehrenamtliche Helferin, dass die Großbäckerei Kamps der einzige Bäcker ist, der wirklich regelmäßig, also jeden Tag, Brot liefert. Denken Sie jetzt bitte nicht, dass ich da für ein Unternehmen Reklame machen möchte … ich erzähle das, weil ich es wirklich gut finde. Das habe ich durch Zufall erfahren, denn Kamps selbst geht damit nicht hausieren, der tut es einfach.

Sie haben also durch Ihre Arbeit als TV-Journalistin damit zu tun gehabt?

Ja, immer mal wieder. Zwar nicht sehr viel, aber man kennt sie schon, die Obdachlosenunterkünfte, die Bahnhofsmissionen, die Kältebusse, die Fixerstuben … Man ist als Journalist öfter an solchen Orten als es bei Normalsterblichen der Fall ist, wenn sie sich nicht gerade karitativ engagieren.

Deshalb kannte ich auch die Kapernaum-Kirche. Die gibt es tatsächlich in Berlin, sie liegt an der Seestraße und da ist auch dieser Mittagstisch.

Wenn wir über „echte Schauplätze“ sprechen, dann muss man ja auf jeden Fall auch Görlitz erwähnen. Wie sind Sie darauf gekommen, den Roman in Teilen dort spielen zu lassen?

Görlitz ist absolut faszinierend. Es ist beeindruckend, wie diese wunderschöne Stadt es geschafft hat, ihren eigenen Todesstoß zu überleben. Wie viele Städte im deutsch-polnischen Gebiet hat sie ja dieses Schicksal, geteilt zu sein.

Genau wie Küstrin – auch dort gibt es noch einen kleinen Teil auf deutscher Seite, während der größere auf der polnischen Seite liegt.

Das hat mich schon immer fasziniert – diese Grenzstädte, die endgültiger geteilt sind, als es die Mauer mit Berlin vermocht hat. Die Berliner Mauer war für alle immer ein Thema, aber über die Teilung von Görlitz redet kein Mensch. Diese Stadt hat keine Wiedervereinigung erlebt. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – das ist keine Infragestellung der Oder-Neiße-Linie. Es ist mein ganz persönliches Erkennen, dass Görlitz ein anderes Schicksal hat und damit weit unspektakulärer umgeht als Berlin.

Es ist eine zauberhafte Stadt, die ich mehrfach besucht habe. Dabei habe ich mich bemüht, herauszufinden, was vor dem Krieg auf der anderen Seite war. Eine meiner Figuren, eine alte Dame, lebte dort. Es war mir wichtig, dass sie sich an einer Stelle an ihre Jugend erinnert hat. Und dafür muss man natürlich mit Menschen reden, die sich noch an Görlitz vor dem Krieg erinnern.

Waren Sie allein dort?

Nein, meine zehnjährige Tochter begleitete mich. Und das war mein Glück, denn ihre Anwesenheit ließ mich viel weniger bedrohlich wirken, wenn ich für meine Recherche ältere Herrschaften angesprochen und gefragt habe, ob sie schon länger hier wohnen.

Wie darf ich mir das vorstellen?

Ich ging im Stadtpark auf alte Menschen zu und fragte: „Sind Sie von hier? Haben Sie schon immer hier gelebt?“ Meist rückten sie dann erst mal von mir ab, wurden aber doch zugänglich, wenn ich wissen wollte, wie sie die Stadt auf der anderen Seite des Flusses in ihrer Jugend erlebt haben..

Und da bekam ich ein paar ganz entzückende Auskünfte, eben über den Rabenberg und das Café Roland …

Die Baudenkmäler und klassischen Point of Interests von Zgorcelez stehen ja in jedem Reiseführer, aber das ganz Private, Persönliche – wo der Zirkus immer seine Zelte aufschlug oder wo es den besten Kuchen gab, – das steht da nicht.

Auch die Winterfeld-Kaserne, die Kleist-Kaserne, die sehr wichtig für Görlitz waren, habe ich eine meiner Figuren in der Erinnerung erwähnen lassen.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese ganzen Gespräche mit den Görlitzern, auch über Dinge, die letztendlich keinen Eingang ins Buch gefunden haben, gleichzeitig auch das Schreiben unterfüttern, der Geschichte mehr Substanz, mehr „Fleisch“ verleihen …

Absolut!

Das kennen Sie ja bestimmt auch: Sie hatten ein schönes Ferienerlebnis, vielleicht beim Besuch in einem Freizeitpark mit vielen Attraktionen. Und dann kommen Sie zurück, haben aber nur eine Minute Zeit, jemandem von dieser Sache zu erzählen. Dann entscheiden Sie sich, klar, für das Überwältigendste, was Sie gesehen haben.

Wenn Sie nun aber nicht selbst vor Ort waren, nur den Prospekt gelesen haben und dann sagen: „Die drei tollsten Dinge dort sind…“ … dann wird das Ergebnis ein ganz anderes sein.

Man wird niemals alles erfahren – das geht auch gar nicht. Aber es macht schon viel aus, Teilaspekte auszuwählen, sich zu sagen: „Genau dieses Mosaiksteinchen passt in die Geschichte!“

Und nur dann geht es auch, Margarethe Altenburg auf einmal wie eine Prophetin verkünden zu lassen: „Sie werden sich verlieben!“, wobei sie dabei natürlich die Stadt meint …

Von diesem positiven Ansatz eine Überleitung zu finden, ist nun gar nicht so einfach – aber ich fürchte, es lässt sich nicht vermeiden: In „Die letzte Instanz“ geht es im Wesentlichen um Schuld und Sühne – um Vergebung und Rache.

Wie halten Sie es damit? Eher das archaische „Auge und Auge“ oder doch das Prinzip der christlichen Nächstenliebe als oberste Maxime?

Ich ganz persönlich komme nicht darum herum, zu verzeihen.

Das Verzeihen ist nicht an eine Religion gebunden. Es gibt keine andere Lösung. Man muss eines Tages vergeben können, egal, was einem geschehen ist, sonst wird es einen immer verfolgen, wird einem die Luft abschnüren.

Verzeihen ist eine gewaltige Anstrengung – je schwerer die Schuld des anderen wiegt, umso größer muss die eigene Kraft dabei sein, aber es geht nicht anders. Wenn man einen Stein auf der Seele hat, den ein anderer daraufgerollt hat, dann ist das die einzige Kraft, die ihn wieder wegrollen kann.

Hängt es vielleicht auch mit der Natur des Vergehens zusammen? Es ist doch schon ein Unterschied, ob jemand die komplette Existenz verliert oder einen nahen Angehörigen … – wenn ein Unternehmen kaputt ist, kann man sich etwas Neues aufbauen, wenn einer tot ist, ist er weg!

Das ist richtig.

Aber Menschen, die jemanden verloren haben, zerbrechen entweder daran oder verzeihen, um selbst weiterleben zu können.

Wenn man sie viel später fragt „Wie schafft ihr das?“ dann wird man nie hören „Es ist die Rache, die mich antreibt. Es ist die Vergeltung … es ist die Wut und der Hass …“, sondern sie werden immer sagen: „Es ist die Vergebung, die mich in die Lage versetzt hat, loszulassen und etwas Neues anzufangen.“

Und ich glaube, das würde auch mir in so einer Situation helfen.

Im realen Leben würde ich allerdings, bevor nach Jahren des Verzweifelns dann das Verzeihen kommt, wahrscheinlich zunächst dazu neigen, demjenigen alttestamentarisch zu sagen: „So, jetzt begleiche mal bitte deine Schuld!“

Es ist leicht so zu reden, wenn einem noch nichts wirklich Schlimmes passiert ist. Wie gesagt: Im Moment denke ich, die Vergebung ist der einzige Weg. Daran glaube ich.

Wenn wir die Protagonisten Ihres Buches so betrachten, dann gibt es da einerseits Joachim, der sich mit seiner Kollegin Marie-Luise immer so ein bisschen am Rande des Existenzminimums bewegt (beide sind relativ abgebrannt), und auf der anderen die Staatsanwältin Salome und den Staranwalt Marquart. Alle kennen sich aus dem Studium, haben denselben Hintergrund und doch ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen…

Stehen diese Figuren symbolisch für die Aussage, wer es mit Mitte 40 nicht geschafft hat, aus dem wird auch nix mehr?

Loser, Faulpelze, Langweiler gibt es auch mit Mitte 20!

Sie kennen bestimmt diese alte Regel: „Bis 40 muss man sein Haus bestellt haben!“

Ich selbst jedoch bin das beste Beispiel dafür, dass man mit Mitte Ende 40 durchaus noch einmal etwas ganz Neues machen kann. In meinem Fall ist es das Schreiben – dabei bin ich der Meinung, erst am Anfang zu stehen und dass es da erst richtig losgeht. Das begeistert mich sehr.

Gleichzeitig sehe ich aber auch in meinem weiteren Bekanntenkreis Menschen, die das nicht haben, die genau wissen, wie sie ihr Leben beschließen werden. Die können sagen, in welchem Schreibtischsessel sie mittags einschlafen und in welchem Fernsehsessel das abends der Fall sein wird … Allerdings glaube ich, dass genau diese Leute auch 20 Jahren vorher nicht sonderlich innovativ waren.

Für mich ganz persönlich hat diese Aussage also keine Gültigkeit.

Und Protagonist Vernau – würden Sie ihn als Verlierer oder Gewinner beschreiben?

Immer als Gewinner!

Eben weil er so viel verliert.

Er ist in der Lage, aus Niederlagen etwas für sich herauszuziehen, aus dem, was er erlebt hat, zu lernen.

Der arme Kerl ist ja aber nun permanent mit den falschen Frauen zugange …

(lacht) Das passiert aber genausogut auch den Frauen! Wenn ich mich so umschaue, habe ich das Gefühl, dass es sich dabei um ein geschlechterübergreifendes Drama handelt …

Gut, aber die Frage, die sich dabei stellt ist doch: Würde es dieser speziellen Figur „schaden“, wenn Sie sich endlich einmal glücklich verlieben und eine harmonische Beziehung haben könnte?

EIN Buch lang nicht – eine Buchlänge würde das bestimmt tragen. Danach nicht mehr. Ich selbst habe es immer als fürchterlich langweilig empfunden, wenn Hauptfiguren vergeben waren. Da muss es für mich ein bisschen prickeln …

Wer ganz und gar nicht langweilig ist, das ist ja Vernaus Mutter, eine ausgesprochen schillernde Figur. Stellen Sie sich so Ihr eigenes Alter vor? Oder kennen Sie Senioren, die so leben?

Leider viel zu wenige. Und, ja, ich könnte mir das durchaus vorstellen. Allerdings habe ich mit Mutter und Hüthchen noch etwas vor – was, wird nicht verraten. Aber Sie werden Vernau noch in einen Zustand der Sprachlosigkeit versetzen.

Ich hoffe nicht, dass es den beiden alten Damen dabei schlecht geht …

Nein, das nicht. Aber ich muss ein wenig ausholen …

Der Ursprung für all diese Veränderung lässt sich ja in „Das Kindermädchen“ finden (erster Band der Reihe um Joachim Vernau – a.d.R.)

Da unternimmt die Mutter einen Selbstmordversuch. Ihr Sohn hat überhaupt kein Verhältnis zu ihr, kennt seine neue Familie fast besser als seine eigene Mutter. Er kümmert sich nicht um sie, hat keine Zeit, will das alles auch gar nicht. Wichtige Dinge wie die Verlobung ihres eigenen Sohnes mit einer prominente Senatorin erfährt die Mutter aus der Zeitung.

Sie ist verzweifelt, einsam, hat eine klassische Depression und unternimmt dann diesen Selbstmordversuch.

Das schnallt er aber alles nicht.

Es wird erst sehr viel später aufgeklärt, in einer Geschichte, die noch gar nicht geschrieben ist, dass das eigentlich der Moment war, in dem die Mutter für sich entschieden hat: „Entweder ich sterbe jetzt oder ich mache etwas Neues.“

Weil er nicht nachvollziehen kann, wie sie so geworden ist, wird sie ihm in einem der nächsten Bücher sagen: „Es gibt einen Punkt, an dem man vor der Wahl steht, aufzugeben oder es mit den Bremer Stadtmusikanten zu halten „etwas Besseres als den Tod finden wir überall“.

Diesen Mut zu haben, den möchte ich auch Leuten mitgeben, die über 70 sind und meine Bücher lesen. Ich glaube, es ist wichtig, die Veränderungen nicht mit Mitte 40 abzuschließen, sondern zu sagen, ich kann auch mit 70 oder 80 noch aufbrechen.

Das ist der Grund für diese frappierende Veränderung von Vernaus Mutter, die noch einmal etwas aus ihrem Leben machen will, vielleicht auch skurril wirkt, aber – wie ich von vielen Lesern erfahren habe – in diesem Buch zum ersten Mal in ihrer Verrücktheit sehr real empfunden wird.

Ja, man mag sie, wie sie das macht – und Hüthchen komischerweise auch, diese „Bulldogge“ (lächelt).

Das ist mir immer sehr wichtig, dass meine Figuren auch etwas von den Leuten haben, die die Bücher lesen. Darum wird, wer 20 ist, genauso etwas finden wie die 70-, 80-, 90jährigen.

A propos etwas finden … Joachim Vernau wird mehrfach sehr melancholisch – an einer Stelle denkt er wehmütig an die (musikalischen) „Ikonen seiner Jugend“ zurück – Zappa, Anne Clark, Jane, John Denver, „Leaving on a jet plane“ am Lagerfeuer …

Wie sieht das bei Ihnen aus – was ist der „Soundtrack“ Ihrer Jugend?

Jane, auf jeden Fall, „Fire, Water, Earth and Air“. Den Titel habe ich auf iTunes wiederentdeckt, das war so schön!

Das stammt aus einer Zeit, als es noch ein Luxus war, einen Kassettenrekorder im Auto zu haben … als es noch keine Videos gab … als Ford Fiestas und Opel Asconas vorne diese Schaumstoffablagen hatten, die immer in der Mitte brachen. Das war ein typischer Fehler dieser Autogeneration und ich kannte nur Leute, die gebrochene Armaturenbretter hatten …

Und dann fuhr man da nachts übers Land (ich komme ja vom Land) und hatte seinen eigenen Soundtrack: Der war dann Jane mit „Fire, Water, Earth und Air“ – da geht mir jedes Mal das Herz auf.

Ansonsten ziemlich viel Jazz-Rock …, Weather Report habe ich viel gehört, Zappa überhaupt nicht, aber Anne Clark … Sprich: Ich war kein Fan einer bestimmten Gruppe, wie etwa der Rolling Stones, sondern habe mir von allem punktuell das Beste herausgesucht.

Kommen wir zur letzten Frage – vorhin sagten Sie, Sie hätten noch einiges vor mit den Figuren. Dem entnehme ich, dass es weitergehen wird. Ist das richtig?

Einen Band gibt es auf jeden Fall noch. Dann werden wir sehen, ob ich erst einmal eine Pause mache.

Ich glaube, Vernau wird auch ohne mich zurecht kommen, der muss mich nicht immer bei sich haben, aber ein Buch gibt es auf jeden Fall noch! Alles weitere müssen die Leser entscheiden.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Frau Herrmann traf sich Chefredakteurin Michaela Pelz

(März 2009)