Krimi-Forum

Interview mit Petra Oelker

Petra Oelker (Foto: Kristina Jentzsch)

Die Hamburgerin spricht über ihre profunde Recherche und erklärt, wie es überhaupt zur Reihe rund um Komödiantin Rosina und die Kaufmannsfamilie Herrmanns kam. Außerdem führt sie aus, warum es wichtig ist, über das Aussehen von Teetassen im 18. Jahrhundert Bescheid zu wissen und warum sie sich über das Etikett „detailversessen“ ärgert. Schließlich verrät Oelker, wie (der echte, historische) Lessing zu seinem Auftritt kam. Und was die Teilnehmer bei einer Lesung von „Die zerbrochene Uhr“ erwartet.

Was war der Auslöser nach diversen Sachbüchern eine Krimi-Reihe zu beginnen?

Als Journalist recherchiert man ja in den verschiedensten Gebieten, stößt immer wieder auf Themen, von denen man denkt: Daraus müßte man mehr machen, müßte ein Buch darüber schreiben. Viele dieser Ideen verschwinden schnell wieder – andere hingegen sind hartnäckig, sie bleiben, hängen fest, packen einen geradezu.
Vor einigen Jahren schrieb ich die Biographie einer Barockschauspielerin (Nichts als eine Komödiantin – die Lebensgeschichte der Friederike Caroline Neuber, 1993). Die Recherche war sehr aufwendig, da sich dieses Buch an ein junges Publikum richtet, ohne großes Vorwissen und ich die Atmosphäre so genau als möglich wiedergeben wollte. Dazu gehörten Sitten und Gebräuche jener Zeit, aber auch Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens.
Nach und nach wurde meine Phantasie angeregt, es entstanden Bilder in meinem Kopf, die sich geradezu verselbständigten. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr zurück – die Idee zum ersten Buch der Serie hat mich bedrängt, ich mußte das Projekt angehen.
Als Reihe war es aber zunächst nicht gedacht.

Warum die Geschichten gerade im Bereich der historischen Kriminalromane ansiedeln, der doch sehr recherche-intensiv ist?

Das sind zwei Fragen auf einmal – ich will zuerst die Entscheidung für das Genre „Krimi“ begründen:
Die Phantasien, die ich im Zusammenhang mit meinen Recherchen für die Biographie dieser Schauspielerin hatte, waren eindeutig „krimineller“ Natur – das war sicherlich ein Grund. Der andere ist, daß der Krimi die beste Möglichkeit bietet, in alle sozialen Bereiche und die Fallen menschlicher Psychologie einzudringen. Das macht die Sache für mich so reizvoll.
Mein Faible für die Geschichte hingegen geht ganz weit zurück. Schon als Kind empfand ich die Auseinandersetzung mit dem Leben in anderen Zeiten wie eine „Reise in ein anderes Land“. Später dann wurde mir bewußt, wie sehr unser Verhalten, wie sehr wir alle von der Vergangenheit geprägt werden – auch von der unserer Eltern, Großeltern, unserer Kultur. Da sind unsere Wurzeln – und das finde ich ungemein spannend.

Wie lange dauerten die Vorarbeiten für die jeweiligen Bücher bzw. war nur einmal eine größere Recherche nötig, um die Grundlage für alle Bücher der Serie legen zu können?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt – ist aber nicht so ganz einfach zu beantworten.
Grundsätzlich kann man sagen, daß ich mir die Zeit, über die ich schreibe, schon „erarbeitet“ habe. Das bedeutet, ich weiß darüber jetzt sicherlich einiges – aber längst nicht alles. Was in erster Linie damit zusammenhängt, daß das 18. Jahrhundert eine Zeit des Umbruchs war, in der so vieles geschehen ist. Zum Beispiel unterscheiden sich die Jahre 1740 und 1770 ganz gewaltig – was die Mode, das Denken, die Veröffentlichungen (es war ja die Zeit der Aufklärung) anbetrifft.
Die Neuberin-Biographie, die den „Anstoß“ für meine Krimis gab, endet 1760 – meine Romane liegen alle etwas später.
Das wiederum bedeutet, daß ich nach wie vor Informationen sammeln, genaue Kenner der Zeit befragen muß. Und das ist nicht immer leicht, denn manche Kleinigkeiten weiß oft keiner, da in Hamburg stets alles anders war (dort orientierte man sich z.B. mehr nach England als nach Frankreich, wie der Rest der damaligen Welt).
Es bedeutet auch, daß bei jedem neuen Buch, hinter dem wieder eine gute Portion „Wühlarbeit“ steckt, eine Weiterentwicklung stattfindet, daß ich sensibler werde für die Feinheiten, daß mir auffällt, daß ich dieses oder jenes Detail im letzten Buch noch nicht wußte.
Es bedeutet auch, daß ich mich – wenn in unterschiedlichen Quellen unterschiedliche Angaben zu ein und demselben Thema sind – für eine Version entscheiden und auch bei dieser bleiben muß.
Man hat mich „detailversessen“ genannt, aber diese Bezeichnung mag ich nicht, sie trifft nicht den Punkt. Mir geht es um das Bild, darum, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen. Wenn ich über eine Teegesellschaft schreibe, dann will ich nicht nur wissen: Was trugen die Leute? Worüber unterhielten sie sich? Sondern auch: Wie sahen die Tassen aus, aus denen getrunken wurde? Wie schmeckte der Tee?
Dann wird die ganze Geschichte für mich lebendig, dann sehe ich sie vor meinem geistigen Auge, höre die Dialoge – und kann das auch, zumindest hoffe ich es, an meine Leser weitergeben.
Zeitlich gesehen, kann man rechnen, daß ich für die reine Recherche an einem Buch (ich muß ja jedesmal neue Experten finden, da ich immer einen anderen Schwerpunkt habe) circa sechs Monate brauche, mit dem Schreiben zusammengenommen sprechen wir dann von einem Jahr pro Roman.

Woher stammt die Idee „echte“ historische Personen an der Handlung teilnehmen zu lassen?

Ich wollte jene Zeit plastisch machen. Dazu gehören auch und vor allem Details. In Bezug auf Architektur und Stadtbild, Sitten und Gebräuche und natürlich die Menschen jener Zeit. Da bleibt es nicht aus, daß man auf bekannte Namen stößt – was wiederum für den Leser einen gewissen „Hallo“-Effekt mit sich bringt, etwas Vertrautes hat und so das Bild, das ich in einem Roman zeichne, genauer und leicht faßbar macht.
Ich möchte aber betonen, daß – ohne patriotisch sein zu wollen – „Hamburg“ mein Thema, meine „Hauptperson“ ist, die Stadt und die Leute. Und zwar ebenso die „kleinen“ wie die „großen“.

Nach welchen Kriterien werden diese historischen Personen ausgewählt?

Hauptsächlich danach, ob sie wirklich zu jener Zeit in Hamburg lebten. Angefangen hat eigentlich alles mit Telemann – um den kommt man nicht herum, wenn man sich mit der Stadt und dem 18. Jahrhundert beschäftigt. Ich mochte diesen alten, schrulligen Herrn so gerne, da konnte ich nicht widerstehen und habe ihn „eingebaut“.
Die Mehrzahl meiner „realen Figuren“ sind nicht so bekannt, sie gehören halt zu der Zeit. Und ab und an ist dann eben einer dabei, den man auch außerhalb Hamburgs Stadtgrenzen kennt, z.B. Lessing. Nur, wenn sie einmal „in der Welt“ sind, diese Persönlichkeiten (also in der Welt meiner Erzählungen), dann wollen sie immer weiter mitspielen.

Welche „Inspirationen“ nutzen Sie, um die Schwerpunkte der Bücher festzulegen, soweit sie sich auf geschichtliche Grundlagen stützen?

Zu Anfang steht bei mir immer die Frage:
Wie war Hamburg damals? Wie verhielten sich die Menschen in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten? Welche Gewerbe waren wichtig?
Sobald ich dann anfange, darüber zu lesen, stoße ich auf immer neue Dinge, die ich sehr erstaunlich finde, über die ich selbst mehr wissen möchte und von denen ich denke, daß sie auch meine Leser interessieren werden.
Wenn dann noch Informationen dazukommen, wie z.B., daß damals bei den Kattundruckern die Farbzusammensetzung geheim war, dann gehen bei mir alle Lampen an (siehe „Lorettas letzter Vorhang“ a.d.R.).
Ich habe ja meine Hauptpersonen (Komödiantin Rosina und Kaufmannsfamilie Herrmanns, a.d.R.) bewußt so gewählt, daß sie sich praktisch in allen Bereichen der Stadt, armen und reichen, bewegen können.
Und es hat sich so ergeben, daß ich in jedem Roman ein bestimmtes Handwerk oder Gewerbe vorstelle. Weil es mich selbst interessiert und es den Alltag jener Zeit plastisch macht.
Bei meinem neuesten Buch „Die zerbrochene Uhr“ (erscheint im November, a.d.R.) hingegen, lief das allerdings anders.
Da sah ich während einer Reise eine Tafel an einer Hauswand und die gab mir die Idee. Was allerdings darauf geschrieben stand, das werde ich Ihnen nicht verraten …

Gibt es eine Figur im großen Reigen der Charaktere, die Ihnen ganz besonders am Herzen liegt?

Zunächst hatte ich den Schwerpunkt auf Rosina gelegt, die der Friederike Caroline Neuber nachempfunden ist.
Dann ergab es sich aber, daß auch Claes Herrmanns immer mehr Raum einnahm – er hat sich mitsamt seiner Familie sozusagen ind en Vordergrund gedrängt, wie Männer eben so sind…
Und jetzt sind die zentralen Figuren mir eigentlich alle gleich lieb. Zum Beispiel hätte ich gern selbst eine
solche Tante wie Augusta gehabt. Die mußte ich nur leider im zweiten Band zur Kur nach Bad Pyrmont schicken, weil es sonst zu unübersichtlich geworden wäre.
Also lasse ich manche Personen in eher unregelmäßigen Abständen auftauchen – aber die meisten kommen wieder, das kann ich versprechen!

Ihre Lesungen sind immer gut besucht. Was schätzen Sie persönlich dabei am meisten, was gefällt den Zuhörern am besten?

Was mich (und die Buchhändler, die solche Veranstaltungen organisieren) immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, daß bestimmt 50% der Teilnehmer Männer sind. Sonst gehen doch überwiegend Frauen zu Lesungen.
Natürlich bin ich auch dafür verantwortlich, daß so ein Abend interessant, informativ und unterhaltsam zugleich ist. Sonst ist es langweilig und das haben die Zuhörer nicht verdient, schließlich könnten sie ja auch ins Kino gehen anstatt da zu sitzen und zu hören, wie ich drei verschiedene Stücke aus dem Buch präsentiere. Ich wähle immer unterschiedliche Passagen aus: eine die spannend ist, eine intensive und eine, die den VHS-Kurs über das jeweils eingebaute Gewerbe erspart – schließlich soll man ja einen Einblick auf den gesamten Roman erhalten.
Wenn ich dann lese und es wird ganz still oder der ganze Saal lacht, dann ist das für mich als Autorin natürlich eine wunderbare Rückmeldung.
Den Zuhörern gefällt, glaube ich, am meisten, daß wir im Anschluß an die Lesung selbst (Dauer ca. 1 Stunde) noch Zeit haben für Gespräche und Fragen. Manchmal bis zu zwei Stunden lang.
Dabei interessieren sich die Männer überwiegend für Details zu den Gewerben, die ich vorstelle, die Frauen hingegen wollen mehr über „Beziehungssachen“ wissen oder wie denn nun Rosina zu ihrer Narbe im Gesicht kam.
Das, und vieles mehr über die Vergangenheit der Komödiantin, ich verspreche es Ihnen, werden Sie erfahren – schon in einem meiner nächsten Bücher….

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Frau Oelker sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Oktober 1999)