Krimi-Forum

Interview mit Boris Akunin

In fünf Jahren hat er mehr als 15 Kriminalromane verfasst – in Deutschland kennt man ihn vor allem für seinen „Fandorin“, eine Art russischer „James Bond“.
Warum die Nennung von zwei Titeln der Reihe (und zwar des meist geliebten und des meist gehassten) Aufschluss über die Persönlichkeit des Lesers gibt und wie sich Fandorin und die neue Serienheldin, die Nonne Pelagia, unterscheiden, enthüllt der Autor im Gespräch mit Krimi-Forum.de-Redakteurin Kathrin Hanik.

Ich habe gelesen, dass Ihre neue Serie um Schwester Pelagia Teil des Projektes „Kriminalromane aus der Provinz“ ist. Was hat es damit genau auf sich? Werden Sie im Rahmen dieses Projekts noch andere Krimiserien schreiben?

Es ist eine Trilogie, deren Motive drei Farben sind. Der erste Band heißt aus dem Russischen übersetzt „Pelagia und die weiße Bulldogge“, der zweite „Pelagia und der schwarze Mönch“ und der dritte „Pelagia und der rote Hahn“. Also die drei Farben weiß, schwarz und rot. Der letzte Band der Trilogie wurde in Russland in diesem Jahr veröffentlicht. Damit ist das Projekt beendet.

Diese Serie unterscheidet sich von der Fandorin-Serie in vielerlei Hinsicht: Zunächst einmal spielt sie in der Provinz. Außerdem ist sie weniger actionreich, sie fließt eher wie ein Fluss in einem Tal dahin und bringt einen nicht dazu, Seite um Seite zu verschlingen, um zu wissen, wie es weitergeht. Man wird die Pelagia-Bücher eher auf eine Zugfahrt mitnehmen. Man liest ein paar Seiten, dann schaut man aus dem Fenster, trinkt eine Tasse Tee und liest dann wieder weiter. Es bringt einen in die richtige Stimmung für so eine Reise.

Dann unterscheiden sich das Leben in der Stadt und das auf dem Land sehr voneinander. Auf dem Land lebt man in einem viel langsameren Tempo.

Und außerdem ist es eine Serie mit einer weiblichen Heldin. Pelagia und Fandorin sind sehr unterschiedlich – er ist sehr machohaft. Sie dagegen weiß nicht, wie man kämpft, kann niemanden töten und hat keine Waffen außer ihren Stricknadeln. Außerdem vertraut Pelagia ihrer Intuition viel mehr als Fandorin es tut, weil Männer dazu neigen ein solches Verhalten für unmännlich zu halten.

Grundsätzlich scheinen sich beide Serien zu gleichen, weil sie beide in Russland spielen und etwa in der gleichen Zeit angelegt sind. Aber da enden die Gemeinsamkeiten auch schon. In Russland gibt es deshalb wohl nicht viele Leute, die beide Serien mögen.

Eine Ordensschwester als Heldin in einem Kriminalroman ist eher ungewöhnlich. Was waren Ihre Beweggründe aus Pelagia eine Nonne zu machen?

Ich mag es, mir selbst schwierige Aufgaben zu stellen. Und die schwierigste Aufgabe, die es gibt, ist einen Roman zu schreiben, der eine junge Frau als Heldin hat und in der keine Liebesgeschichten vorkommen dürfen. Und das ist der Grund.

Es gibt jede Menge Liebe in den Romanen, aber sie wird unterdrückt, weil Pelagia eine Nonne ist. Sie ist eine lebendige junge Frau, sie hat die gleichen Gefühle, aber sie muss sie unter Kontrolle halten. Noch dazu ist sie sehr attraktiv. Und ich dachte mir, dass diese Art von Konflikt stimulierend wirkt. Unterdrückte Emotionen wirken einfach besser als frei ausgelebte.

Wenn wir außerdem an ihre literarischen Vorfahren denken – Pater Brown beispielsweise war Priester und auch Miss Marple ist, obwohl sie keine Nonne ist, als alte Jungfer keusch.

Sie haben in den letzten fünf Jahren mehr als 15 Kriminalromane geschrieben. Was ist Ihr Geheimnis in so kurzer Zeit so viele gute Ideen zu entwickeln und auch zu veröffentlichen?

Ideen sind kein Problem. Ideen bekomme ich leicht. Ich kann einen Plot aus allem machen. Das Problem ist eher die richtigen Worte zu finden. Und langsam habe ich das Gefühl, dass mir die Worte für diese Art von Büchern ausgehen. Ich habe gerade mein dickstes Buch fertig geschrieben.

Es ist das elfte über Fandorin und handelt von seinen Abenteuern in Japan. Es ist so dick, dass es in zwei Bänden veröffentlicht werden wird. Und ich denke, dass ich jetzt eine Pause machen werde. Und dann weitersehe.

Werden Sie nur eine Pause mit dem Schreiben der Fandorin-Krimis machen oder eine Pause vom Schreiben insgesamt?

Ich mache eine Pause vom Schreiben von Massenliteratur überhaupt.

Und was sind Ihre Absichten für die Zukunft? Wollen Sie andere Arten von Büchern schreiben?

Ich habe verschiedene Ideen im Kopf und muss erst noch sehen, für was ich mich entscheide. Um darüber nachzudenken werde ich eine Weltreise auf einem Kreuzfahrtsschiff machen. Vielleicht werde ich dann weiter Krimis schreiben, vielleicht auch nicht.

Ursprünglich hatte ich noch zwei weitere Fandorin-Bände geplant, aber ich weiß nicht, ob ich sie noch schreiben werde. Das hängt davon ab, ob ich noch den Drang und die Energie verspüre sie zu schreiben. Denn das Schreiben ist wie ein Spiel und selbst das faszinierendste Spiel langweilt einen irgendwann doch.

Ihr erster Serienheld Fandorin wird oftmals als der „James Bond des 19. Jh.“ bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Nun, in gewisser Hinsicht gibt es Übereinstimmungen. Fandorin spielt auch gerne mit technischem Fortschritt, er wechselt seine Freundinnen häufig, er hat unglaublich viel Glück und er ist schon in gewisser Hinsicht ein „Superman“.

Aber da enden die Gemeinsamkeiten schon. James Bond bleibt immer der Gleiche, während mein Fandorin hingegen sich in jedem Band verändert. Denn nimmt man alle Fandorin-Bände zusammen erhält man eine Saga, die ein ganzes Menschenleben umfasst.

Und mein „Superman“ ist auch nicht so selbstsicher und von sich überzeugt wie James Bond, er macht Fehler, auch moralische Fehler. Und die Gegner, mit denen er es zu tun hat, sie sind nicht so leicht zu bekämpfen, wie James Bonds Gegner, denn es ist schwer zu sagen, wer auf der richtigen Seite steht, wer der Gute und wer der Böse ist.

Und warum haben Sie sich dafür entschieden, Fandorin mit solchen „Superman“-Eigenschaften auszustatten?

Krimis kommen vor allem auch spielerisch daher, zum Teil fast kindisch und sie haben auch viele Eigenschaften von Comics übernommen. Nächste Woche erscheinen in Russland übrigens die ersten Fandorin Comics. Sie sind wirklich lustig.

Wie interessant! Werden diese Comics denn auch auf Deutsch erscheinen?

Gut möglich! Sie wissen ja, Comics brauchen nicht viel Übersetzung.

Waren Sie selbst am Entstehen der Comics beteiligt?

Aber ja. Ich habe den Künstler ausgesucht. Ein sehr talentierter junger Mann, 23 oder 24 Jahre aus der Ukraine. Er hat wirklich tolle Arbeit geleistet. Es ist übrigens der erste Band, der als Comic erscheinen wird.

Den mag ich auch gerne. Mein Lieblingsband ist aber der dritte Band, “Mord auf der Leviathan”.

Das ist interessant. Denn in den Büchern sind viele Spiele versteckt. Eines dieser Spiele ist psychologischer Natur. Jeder Band der Fandorin-Serie wendet sich an einen anderen Typ von Persönlichkeit. Und wenn Sie alle Bücher gelesen hätten, gäbe es immer eines, das Sie am meisten angesprochen hätte und eines, das Sie nicht leiden könnten. Und wenn Sie mir die Titel dieser beiden Bücher nennen würden, dann könnte ich sagen, welcher Typ von Persönlichkeit Sie sind.

Und welcher Persönlichkeitstyp wäre ich demnach?

Das kann ich so nicht sagen, weil das Spiel nur funktioniert, wenn Sie alle auf russisch erschienenen Bücher gelesen hätten. Auf deutsch sind noch zu wenig titel erhältlich.

Schade. Aber es ist auf jeden Fall eine interessante Idee.

Ja, es ist einfach eines der Spiele, die ich erfunden habe, um mich selbst zu unterhalten. Es gibt übrigens einen Soziologiezweig, der sich damit befasst: Sozionik.

Jetzt sind wir ja schon fast bei meiner letzten Frage angelangt. Wird Fandorin denn eigentlich ein „Happy End“ erleben oder muss er für immer einsam nur mit seinem Diener leben?

Nun, ich habe eine dritte Serie erfunden. Zeitgenössisch diesmal. Diese Serie wurde übrigens auch von Random House gekauft. Und der Held ist Nicholas Fandorin, Erast Fandorins Enkel. Beantwortet das Ihre Frage?

Auf jeden Fall. Lesen Sie selbst eigentlich gerne Kriminalromane? Möchten Sie uns Ihre Lieblingsautoren verraten?

Nein, nicht mehr. Ich habe damit aufgehört, als ich selbst angefangen habe, welche zu schreiben. Das passte irgendwie nicht gut zusammen.

Sie haben ja eine umfangreiche Homepage im Internet unter www.akunin.ru, doch leider nur auf russisch. Haben Sie die Absicht irgendwann auch Teile ins Englische übersetzen zu lassen, damit auch Ihre internationalen Fans sich über Ihre Bücher und alles, was man sonst dort so findet, informieren können?
Leider habe ich dazu keine Zeit, was schade ist, denn es gibt auch viele Rätsel und Spiele zu den Büchern.

(A.d.R.: Mittlerweile – Stand dieser Aktualisierung, Januar 2015 – gibt es doch eine englischsprachige Seite unter www.boris-akunin.com)

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Boris Akunin sprach krimi-forum.de Mitarbeiterin Kathrin Hanik
(Oktober 2003)