Interview mit Jonathan Stroud

Jonathan Stroud am Telefon (Foto: Dr. Renate Grubert)

Welch ein Glück, dass die jugendliche, sehr „britische“ Stimme am Telefon dem sympathischen Vater einer elf Monate alten Tochter gehört, der vollstes Verständnis dafür hat, dass das geplante Treffen aufgrund eines akuten Babysitter-Problems ausgesprochen kurzfristig in ein fernmündliches Gespräch umgewandelt werden muss. Dafür räumt die großartige Pressereferentin extra ihr Büro und zückt für die Dokumentation des Gesprächs sogar den Fotoapparat.

Und Stroud? Der Engländer zeigt, dass er mindestens so lässig und entspannt ist wie sein Held, denn er steigt voller Enthusiasmus und Erzählfreude in das Telefonat ein, obwohl er schon den ganzen Tag Pressetermine absolviert hat.

Hallo Jonathan Stroud! Sagen Sie: Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen für Ihre Hauptfigur, den Dschinn „Bartimäus“?

Gute Frage!

Wie Sie vielleicht wissen, war ich, bevor ich hauptberuflich Schriftsteller wurde, als Lektor und Herausgeber von Kinderbüchern tätig. In diesem Zusammenhang las ich bei der Arbeit an einer Kinderbibel sehr viele biblische Geschichten. Dabei stieß ich im Neuen Testament auf den Namen „Bartimäus“ (Jesus macht in Jericho einen blinden Bettler dieses Namens wieder sehend; Markus 10,46 – A.d.R.), der mir gleich sehr gut gefiel.

Als mir ein paar Monate später die Idee für die Trilogie kam und ich nach einem Namen für meinen Dschinn suchte, fiel mir der „Bartimäus“ dann wieder ein und ich fand ihn nachgerade perfekt. Er klingt alt und ehrwürdig, man kann ihn durch die Abkürzung „Bart“ aber gleichzeitig sehr modern wirken lassen.

War denn von Anfang an klar, dass das Land, in dem sich Ihre Geschichte abspielen sollte, kein erfundenes sein würde, sondern das gute alte England?

Ja, ich wollte meine Figuren bewusst nicht in einem erfundenen Land agieren lassen, denn eine Mischung aus echtem und erfundenem Hintergrund ist ja doch sehr viel spannender. Darüber hinaus ist die Herausforderung an den Leser (und natürlich auch an den Autor beim Schreiben) viel größer (und es wird weniger langweilig), herauszufinden, was ist echt, was ist erdacht?

Abgesehen davon war die Grundidee für mich nicht so sehr, ein neues Land zu erfinden, sondern mir vielmehr vorzustellen: Was würde passieren, wenn die Regierung eines Staates aus Magiern und Zauberern bestünde und diese alle Eigenschaften hätten, die man Politikern so zuschreibt, nämlich korrupt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein?

Und warum haben Sie Prag als die zweite Hauptstadt eines magischen Imperiums ausgewählt? Gibt es etwas, das Sie speziell mit dieser Stadt verbindet?

Nun ich habe Prag vor etwa zehn Jahren besucht und natürlich auch sehr viel über diese Stadt gelesen. Bekanntlich ranken sich viele Legenden um die „magischen“ Aktivitäten in Prag. Abgesehen davon ist es historisch verbrieft, dass Kaiser Rudolf der II. (der Anfang des 17. Jahrhunderts Prag zu seiner kaiserlichen Residenz- und Hauptstadt machte – a.d.R.) viele Alchimisten und Astrologen an seinen Hof bat.

Abgesehen aber von dieser Stadt bezieht sich „Bart“ in seinen Fußnoten ja noch auf ganz viele andere Kulturen, Kontinente, Länder und Städte – Zimbabwe, Rom … – so dass nicht nur Prag als Gegenpol fungiert.

Gut dass Sie es erwähnen: Stichwort „Fußnoten“ – in einem Roman eine doch eher ungewöhnliche Sache. Warum haben Sie Ihre Bücher damit gespickt und wie reagieren die Leser?

Nun, zunächst einmal helfen mir die Fußnoten, manche Dinge zu erklären – und dienen auch dazu, das eine oder andere historische Thema zu vertiefen.

Gut, manche meiner sehr jungen Leser haben dazu keine Lust und überspringen die Fußnoten daher, aber die meisten lesen sie und finden sie lustig.

Wenn man aber – ohne inhaltlich den Faden zu verlieren – die Fußnoten überspringen kann, heißt das im Umkehrschluss dann nicht, dass sie überflüssig sind?

Oh nein, ganz und gar nicht! Im Gegenteil! Sie sind ein wesentlicher Bestandteil meiner Romane!

Denn erstens hat es mir persönlich fast am meisten Spaß gemacht, die Fußnoten zu schreiben.

Zweitens konnte ich Barts Charakter dadurch ungleich besser darstellen. Zu einem wie ihm, der so sehr von sich eingenommen ist und gern und oft ungefragt seine Meinung zum Besten gibt, passt diese Fußnoten-Sache wie die Faust aufs Auge, denn dadurch kann er sich noch mal richtig wichtig machen.

Hmmm … wenn das so ein wichtiges Element ist, dann müsste es ja eigentlich auch bei der Verfilmung des Romans durch Miramax berücksichtigt werden … Wissen Sie, ob und wie man sich dort des Problems annehmen wird?

Keine Ahnung! Es war ja schon bei den diversen Audio-Versionen der Bartimäus-Trilogie ganz schön schwierig, die Fußnoten einzubauen.

Mal sehen … Vielleicht könnte man das Bild einfrieren und den Bartimäus aus dem Film heraustreten lassen, solange er spricht? Ja, so könnte es gehen!

Ob sie das allerdings machen? Nun, man wird sehen!

Bevor wir weiter über den Film sprechen, lassen Sie uns nochmal zurück zum Buch kommen: Wenn ich das richtig sehe, dann ist es den Magiern des Buches nicht gestattet, selbst Kinder zu haben, sondern sie wählen ihre „Nachfolger“ aus den Reihen der Gewöhnlichen, also der Menschen aus und nehmen sie als Lehrlinge zu sich und zwar schon im Alter von fünf, sechs Jahren?

Das ist richtig. Und auch wichtig. Denn da die wichtigsten Merkmale der Magier – Intelligenz, gutes Gedächtnis, starker und widerstandsfähiger Körper, Arbeitswille – keine angeborenen, sondern erlernte Fähigkeiten sind, müssen sie unter den Menschen nach Nachfolgern Ausschau halten.

Aber ist es nicht ziemlich grausam, die Lehrlinge schon in einem solch jungen Alter aus ihren Familien zu nehmen und den Meistern zu überantworten?

In der ersten Version meines Buches ließ ich Nat in Verbindung mit seinen Eltern bleiben und sie jedes Wochenende besuchen. Als sich dann aber herauskristallisierte, dass das Geheimnis um den Geburtsnamen eines zukünftigen Magiers ein ganz wesentliches Element der Geschichte sein würde, bekam ich ein Problem. Wenn der Junge regelmäßigen Kontakt mit seinen Eltern pflegen würde, so wäre es sicherlich ein Leichtes, seinen Namen herauszufinden. Also setzte ich mich hin und schrieb alles um und nahm damit dem Lehrling jede Verbindung zu seiner Ursprungsfamilie.

Wobei diese Trennung vom Elternhaus schon in sehr jungen Jahren sicherlich in England auch eine lange Tradition hat – denken Sie nur an die „Boarding Schools“, jene Internate in die früher (und manchmal auch heute noch) die Sprösslinge der oberen Zehntausend geschickt wurden.

Solche Kinder wachsen natürlich voller Ängste auf … und diese problematische Kindheit ist auch der Grund, warum Nathanael so ist, wie er ist.

Richtig – Nathanaels Charakter … In mancher Hinsicht ist er nicht wirklich der Prototyp eines netten, sympathischen Helden …

Im ersten Buch ist Nat ein Junge, der – abgesehen von seinen Rachegelüsten – von viel Idealismus getrieben wird. Er glaubt wirklich daran, dass er das Richtige tut – und es ist ihm nicht klar, dass alle Magier korrupt und selbstsüchtig sind.

Im zweiten Band bekommt er eine neue Meisterin – nicht wirklich eine nette Frau. Und auch Nathanael selbst entwickelt sich alles andere als zu seinem Vorteil.

Dafür darf er im dritten Band zeigen, dass er doch tief drinnen ein gutes Herz hat (lacht).

Aber das ist ja sowieso eins der hervorstechenden Merkmale Ihrer Bücher: Die Helden – sowohl Bartimäus als auch Nathanael und die anderen – sind meist nicht komplett gut oder böse oder mutig. Und gerade Bart und Nat versuchen die meiste Zeit, sich gegenseitig hereinzulegen und übers Ohr zu hauen.

Sie haben es erfasst, genau das ist das Herzstück meiner Geschichten, diese enge Beziehung zwischen den Protagonisten. Der beständige Wechsel zwischen Kampf und Annäherung. Einfach nur über Verfolgungsjagden, Kämpfe, Monster schreiben, das wäre mir zu leicht, das kann ja jeder …

Und doch gehen in ihren Büchern eine Menge Sachen zu Bruch, es gibt zahlreiche Explosionen, Menschen sterben und auch an spektakulären Verfolgungsjagden mangelt es nicht … War das Absicht, vielleicht sogar mit dem Hintergedanken an eine Verfilmung oder hat sich das so ergeben?

Nun, mir war von Anfang an klar, dass es sicherlich nicht schlecht sein würde, ein bisschen Action einzubauen.

Allerdings muss ich sagen, dass manches wirklich „wie von selbst“ kam. So habe ich etwa diese Verfolgungsjagd in der Küche (im Buch dann in Kapitel vier) am zweiten Tag, nachdem mir die Idee für die Geschichte gekommen war, geschrieben.

Mir war ziemlich früh klar geworden, dass dieser Bartimäus, den ich erfunden hatte, eine sehr Energie geladene Figur sein würde. Einer, der gern mit Worten spielte, der seine Form oft und gern und spielerisch verändern konnte (und wollte), aber auch einer, der häufig in Schwierigkeiten sehr handfester Natur geraten würde. Dabei ist Bart ein Typ, der alles tun würde, um nicht kämpfen zu müssen. Einer der sich lieber rechtzeitig davon macht oder versucht, sich irgendwie aus einer schwierigen Situation herauszulavieren.

Das mit Bartimäus war sowieso eine unglaubliche Sache: In diesen ersten zwei Tagen, nachdem ich mich zum Schreiben hingesetzt hatte, tat es plötzlich einen Schlag und er war da. Und als ich ihn da stehen sah auf der Manuskriptseite, da wurde ich ganz aufgeregt, denn mir war gleich klar, dass ich mit diesem Protagonisten eine Menge Spaß haben würde.

Darf man diesen Worten entnehmen, dass Bart Ihre Lieblingsfigur ist?

So kann man das nicht sagen.

Natürlich ist er sicherlich die Figur mit dem meisten Charisma, die den Leser auch gleich für sich einnimmt. Außerdem ist er wirklich witzig und hat immer einen guten Spruch auf den Lippen.

Gäbe es allerdings als Hauptperson der Geschichte nur Bart würde sich der Leser sicher bald langweilen.

Genau deswegen habe ich ihm Nathanael zur Seite gestellt, der ein viel nüchterner Typ ist und nicht so schillernd.

Und dann gibt es da ja noch Kitty, die auf eine andere, aber auch sehr spannende Weise attraktiv ist. Sie besitzt zwar nicht Bartimäus Fähigkeiten, aber auch eine ganz Menge Energie und Kraft. Eigentlich hätte ich ihre Geschichte schon in Band eins erzählen wollen, aber dann stellte ich fest, dass das Buch dann zu dick geworden wäre. Darum kommt sie in Band zwei ausführlich zu Wort.

Es war mir einfach wichtig, dass auch gewöhnliche Leute vorkommen, die keine Macht in dem Sinn haben. Das macht es auch viel spannender, denn so kann man das Geschehen aus mehreren Perspektiven betrachten.

Sie haben einmal gesagt, dass die Welt des Bartimäus eine Mischung ist aus bestehenden Legenden rund um das Thema „Magie“ und aus dem, was Sie sich ausgedacht haben. Arabische Überlieferungen spielen dabei eine Rolle (darum auch die Sache mit dem Dschinn) ebenso wie die europäischen Traditionen, man denke nur an die Pentagramme etc.

Wie gelingt es Ihnen nun, hier nicht selbst den Faden zu verlieren und alles richtig auseinander zu halten – die Hierarchie-Ebenen der Dämonen, deren besondere Fähigkeiten, sowie die jeweils benötigten Beschwörungsformeln? Machen Sie sich Notizen, haben Sie eine Zeichnung angefertigt?

Ich mach mir unendlich viele Notizen – pausenlos.

Als ich mit der Trilogie begonnen habe, erstellte ich als erstes eine Kapitel-Übersicht – für alle drei Bände. Und selbst wenn ich während des Schreibens Änderungen vornahm, versuchte ich, mich so eng wie möglich an diese Übersicht zu halten.

Aber natürlich passiert es, dass ich Fehler mache, manche Dinge inkonsistent sind (und typischerweise werden mir genau diese Stellen bei einer Lesung von einem Zehn- oder Elfjährigen vorgehalten … – lacht).

Aber, wissen Sie, gerade bei Fantasy-Literatur sind feste Regeln das A und das O. Nichts ist langweiliger für den Leser als die Figuren einfach alles Mögliche und Unmögliche tun zu lassen. Darum gilt für mich die Maxime: Je mehr Fähigkeiten beispielsweise Bartimäus hat, umso mehr Restriktionen muss es auf der anderen Seite für ihn geben. Nur dann wird er seine ganze Kraft und Intelligenz mobilisieren, um aus einer schwierigen Situation wieder heraus zu kommen.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten – wäre Jonathan Stroud lieber ein Magier oder lieber ein Dschinn?

Nun … in Anbetracht der Tatsache, dass die gesamte Macht der Magier daher rührt, dass sie die Dämonen und Geister versklaven und das auf einen sehr bösen und gemeinen Charakter schließen lässt, wäre ich wohl lieber ein Dschinn.

Allerdings so einer, der sich in der „anderen Welt“ auf- und eher bedeckt hält.

Muss denn ein Magier per Definition immer eine „schlechte“ Person sein oder könnte es auch „gute“ Zauberer geben?

Das habe ich – für mich – noch nicht abschließend geklärt … Aber Buch drei ist ja auch noch nicht fertig …

Da schließen wir uns doch gleich mit der letzten Frage an: Was passiert NACH dem letzten Band der Trilogie? Die deutschen Leser dürfen sich zum Glück ja noch auf die Übersetzung von Band zwei (The Golem’s Eye) und drei freuen, aber was kommt danach? Oder anders: MUSS sich der Autor einer Trilogie immer auf drei Bände beschränken? Das wäre doch eigentlich schade …

Nun, zunächst einmal werde ich, wie gesagt, im kommenden Winter und im nächsten Frühjahr sehr mit dem dritten Band beschäftigt sein – mein Verlag möchte, dass das Buch im Herbst nächsten Jahres erscheint.

Das bedeutet aber auch, dass ich mich dann fast vier Jahre mit Bartimäus beschäftigt haben werde – und dann brauche ich erst mal eine Pause, muss und möchte etwas ganz anderes schreiben.

Allerdings ist nicht gesagt, dass ich danach nicht wieder zu Bartimäus zurück finde: Schließlich ist der Bursche schon seit so vielen, vielen Jahren unterwegs, hat so viele Kulturen und Ereignisse erlebt, so viele Menschen getroffen … da sollte man doch meinen, dass er noch eine ganze Reihe anderer Geschichten auf Lager hat …

Na dann hoffen wir mal für das Beste und wünschen Ihnen und Bartimäus weiterhin alles Gute.

Vielen Dank für das Gespräch!

(November 2004, Michaela Pelz)