Interview mit Jonathan Stroud

Der Mann kann nicht nur schreiben (Foto: Krimi-Forum)

Der schlanke Mann mit den jungenhaften Gesichtszügen nimmt gutgelaunt und völlig entspannt Platz. Seine Gesamtverfassung ist erstaunlich, hat er doch am letzten Tag seiner Deutschlandtournee von Hamburg über Köln, Frankfurt, Leipzig bis nach München nicht nur eine ausgesprochen gelungene und engagierte Lesung vor gut 180 Zuhörern absolviert, sondern dem anschließenden fast einstündigen Signiermarathon auch noch ein Radio-Interview folgen lassen, bevor er sich zur Interviewergruppe gesellt.

Mr. Stroud, der Name des Helden aus der Trilogie, die Sie hierzulande berühmt gemacht hat, „Bartimäus“, stammt aus der Bibel.

Für die Benennung Ihrer Helden aus „Valley“ haben Sie sich in der nordischen Mythologie bedient.

Fehlt Jonathan Stroud die Fantasie, sich komplett neue Namen auszudenken?

(lacht) Nein, nein, so ist das nicht! Zum Beispiel habe ich mir für „Bartimäus“ eine ganze Reihe von Namen ausgedacht. Es gibt ja in diesem Buch sehr viele Figuren -Monster, Dämonen, Dschinn … Sie alle tragen komplett erfundene Namen.

Aber es ist sehr bedeutungsvoll, wie jemand heißt. Manchmal ist es dann einfach schöner, Namen zu benutzen, die es schon gibt. Aus diesem Grund habe ich meinen Figuren in „Valley“ mit Absicht echte skandinavische Namen gegeben. Das hilft mir dabei, das ganze Drumherum mit mehr Substanz zu füllen und dafür zu sorgen, dass es sich für mich „wirklich“ anfühlt.

Was „Bartimäus“ anbetrifft … nun, es stimmt schon, dass sein Name aus der Bibel stammt, aber er gehört sicher nicht zu diesen berühmten Gestalten, von denen man schon tausendmal gehört hat. Und das macht den Zauber dieses Namens aus: Er hört sich irgendwie vertraut an, gleichzeitig aber magisch, altertümlich und altehrwürdig.

Ist dieser Gedanke dabei das Entscheidende – dem Roman etwas mitzugeben, das aus der Vergangenheit stammt, das Tradition besitzt?

Ja, genau, die Tradition ist das Wichtige dabei.

Als ich den Namen niederschrieb, wollte ich einfach nur sehen, ob er all das vermitteln könne. Das war der Fall – es funktionierte.

Was ist denn an den Traditionen, oder auch an den alten Legenden so wichtig?

Und gilt das nur für die erfundenen Helden eines Buches, für die dabei erzählte Geschichte oder auch fürs tägliche Leben?

Eines der Hauptthemen in „Valley“ ist die Auswirkung von Legenden und Traditionen auf das tägliche Leben eines jeden Bewohners. In meinem Buch müssen die Kinder die Geschichten, die man ihnen erzählt hat, aktiv auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen.

Das gilt aber für uns alle gleichermaßen!

Jeden Tag, wenn Sie den Fernseher einschalten oder Ihre Tageszeitung lesen, dann finden Sie dort Geschichten. Geschichten über das Wesen der Welt, Geschichten über Personen wie Sie und mich und darüber, wie wir uns zu verhalten haben, um gute Menschen mit einem guten Leben zu sein …

Das alles müssen Sie immer wieder auf den Prüfstand stellen, müssen sich sagen: Vielleicht stimmt das, was ich da höre, sehe oder lese – vielleicht aber auch nicht.

In Valley wurden die Legenden, die von den Taten der Vorväter, der „Helden“ erzählen, alle von Generation zu Generation weitergetragen.

Was halten Sie von der Idee, Kinder und Jugendliche ihre eigenen „Vorfahren“ (Eltern, Großeltern) interviewen zu lassen und das aufzuzeichnen und aufzuschreiben?

Ich halte es für ganz wichtig, mit den eigenen Verwandten zu sprechen.

In „Valley“ ist es ja auch so, dass nichts aufgeschrieben wurde – jegliche Überlieferung der Heldengeschichten erfolgte mündlich. Wie das bis vor gar nicht so langer Zeit mit allem der Fall war: Man hörte zu, wenn einer erzählte, behielt den Inhalt, und gab ihn seinerseits bei nächster Gelegenheit wieder zum Besten.

Heute, klar, gibt es Papier und das Internet und das alles …

Grundsätzlich aber geht nichts darüber, den Erzählungen der eigenen Familie zu lauschen.

Mein Großvater zum Beispiel war Kapitän. Er hätte unendlich viel zu erzählen gehabt – etwa aus dem Krieg, als sein Schiff von einem Torpedo getroffen wurde und in 1000 Teile zersprang. Oder von damals, als er in Wladiwostock festsaß …

Leider sprach er nicht sehr häufig darüber – was ich heute sehr bedauere, denn nun ist er tot und seine Geschichten gibt es nicht mehr.

Hätten wir ihn damals häufiger gebeten, uns von früher zu erzählen, dann wären sie noch da.

Das heißt, Sie haben sich damals keine Notizen gemacht?

Ich war zu jung. Aber ich glaube meine Cousins haben ein bisschen was aufgeschrieben. Was wir jedoch haben, das ist ein Audio-Mitschnitt. Wir haben seine Erzählungen auf Kassette aufgenommen.

Wenn ich nicht irre, gibt es einen Stammbaum Ihrer Familie, der 200 Jahre zurückreicht …

(lacht ungläubig) Das stimmt! Woher wissen Sie das denn? Ist ja unglaublich …

Tja … ;-)

Könnten Sie sich vorstellen, aus diesem Stammbaum Anregungen für weitere Bücher zu entnehmen? Entweder weil einer Ihrer Vorfahren einen interessanten Namen trug oder vielleicht beruflich etwas ganz Spannendes machte?

Wäre ein solcher Aufhänger überhaupt eine Option – oder wäre das zu privat?

Hey, das ist eine richtig gute Idee!

Klar, vielleicht wäre es auch sehr privat und sehr persönlich, aber doch unglaublich faszinierend.

In unserer Familie ist mein Vater derjenige, der sich für all das interessiert und Ahnenforschung betreibt.

Was mir in diesem Zusammenhang aber immer auffällt, das ist diese Willkür, die hinter allem steckt. Früher überlebten so viele Kinder ihre Geburt nicht oder starben sehr jung. Dann denkst du natürlich: „Wow! Was bin ich für ein Glückspilz überhaupt auf der Welt zu sein!“ Und es wird dir klar, wie groß und eigenartig die Welt ist.

Und das allein schon ist ein verdammt guter Grund, die eigene Familiengeschichte ein wenig näher zu betrachten.

Zurück zu den Figuren in „Valley“:

Hal, der den Schalk im Nacken trägt und immer für einen derben Streich gut ist, orientiert sich ja eher an seinem rebellischen, weit gereisten Onkel Brodir als an seinem arbeitsamen, aber leider langweiligen Vater Arnkel.

Wie viel von dem einen oder anderen steckt in Jonathan Stroud?

Gute Frage!

Als Kind war ich nicht der Typ des unartigen Jungen. Ich war fleißig, ich war das älteste Kind (habe noch zwei jüngere Schwestern), was heißt, dass ich viel Verantwortung übernehmen musste.

Mit der Nase steckte ich immer in den Schulbüchern und ich war ein Meister darin, mir über dies, das und jenes Sorgen zu machen. Dabei war ich furchtbar ängstlich, heute denke ich, zu sehr – ich hätte durchaus ein wenig abenteuerlustiger sein dürfen.

Wünschten Sie sich, anders zu sein?

Ich WAR ja anders …aber in meiner Fantasie. In meinen Träumen tat ich die ganze Zeit alles Mögliche. Ich erforschte Dinge, erlebte Abenteuer, vollbrachte Heldentaten … Im „echten Leben“ allerdings tat ich nichts wirklich Außergewöhnliches. Und ganz sicher war ich kein Rebell.

Allerdings ist das meiner Ansicht nach auch völlig in Ordnung. Nicht jeder MUSS ein Rebell sein. Wie gesagt, was ich bedauere, ist die Tatsache, nicht ein weniger abenteuerlustiger gewesen zu sein.

… andererseits … in gewisser Weise verarbeiten Sie ja diese „verborgenen“ Seiten Ihrer Persönlichkeit in den Romanen …

Bartimäus und Nathaniel spiegeln beide einen Teil von mir wider.

Nathaniel kommt meiner Persönlichkeit als Kind und Jugendlicher sehr nahe, während Bartimäus die Stimme meines rebellischen, gemeinen, vorlauten Ichs ist. (lacht)

In Hals Welt sind Männer zwar Helden und Clan-Chefs, Frauen aber die Schiedsrichter, die über auch nicht unerhebliches Strafmaß bestimmen. Wie kam es zu dieser Idee und Aufteilung?

Es fing alles mit der Überlegung an, dass die traditionelle Aufgabe der Männer in dieser Art Geschichten die ist, den Helden zu geben, der in die Welt zieht und große Taten vollbringt.

Aber in Hals Welt gibt es ja nun keine Helden mehr – stattdessen verbringen die Männer ihre gesamte Zeit damit, über die Vergangenheit zu reden, zu saufen und von dem Tag zu träumen, an dem sie losziehen und Großes tun werden. In Wirklichkeit jedoch bestellen sie ihre Felder, kommen dann nach Hause, trinken ihr Feierabendbier und das war’s dann.

Die Frauen hingegen, die wesentlich vernünftiger sind, bekämpfen schon seit Jahren diese Haltung, was zu einem viel friedlicheren Umgang miteinander geführt hat. Über Probleme wird gesprochen und man arrangierten Hochzeiten untereinander, um alles nett und freundlich zu halten.

Das war mein Ausgangspunkt.

Andererseits wollte ich auch die Frauen mit mehreren Facetten versehen – Hals Mutter z.B. ist ein bisschen zynisch und sie denkt eigentlich immer nur daran, wie sie sich am besten einen Vorteil verschaffen kann – egal, ob es nun um Geld oder um Land geht.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund muss das auch so sein, zweifelsohne. Schließlich ist es ja allemal besser so, als wenn die Leute sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber für Hal ist das alles nicht leicht: Er muss einen großen Verlust hinnehmen, als ein Mensch stirbt, den er sehr geliebt hat. Und in dieser Situation wird er völlig im Stich gelassen. Innerhalb seiner Familie fehlt es da komplett an Zuneigung.

Die Idee zu Valley kam Ihnen in Neuseeland, während einer Bartimäus-PR-Tour.

Jetzt sind Sie grade auf Deutschlandreise, um „Valley“ zu promoten …

(lacht, weil er ahnt, was nun kommt …)

… könnten Sie sich vorstellen durch etwas, das Sie hier in Deutschland erlebt haben, zu einem neuen Buch inspiriert zu werden?

Das ist eine wirklich gute Frage!

Ich habe während der Tage hier in Deutschland noch nicht sehr viel zu Papier gebracht – was daran liegt, dass ich einfach die ganze Zeit beschäftigt war … aber ich habe so viele Neues gesehen, so viele Menschen kennen gelernt … und so manches Mal, während ich in einem Hotelbadezimmer unter der Dusche stand, durchschoss die eine oder andere Idee mein Hirn.

Vielleicht wird also nächste Woche, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, eine davon wieder aufflackern und ich denke dann: „Ja, das ist es!“

Schon wieder ist da, wenn ich es richtig sehe, Wasser im Spiel … (Stroud erzählt immer wieder gern die Geschichte, wie ihm die Idee zu Bartimäus an einem regnerischen Tag kam, als er ohne Schirm unterwegs war)

(lacht herzhaft)

Ja! Und das ist auch kein Zufall!

Denn sehen Sie, wir alle verbringen so viel Zeit in der „großen“ Welt – immer beschäftigt damit, wichtige Aufgaben und Dinge zu erledigen – sind immer angespannt … und nur wenige Momente gibt es, an denen wir richtig loslassen, uns entspannen können. Einer der Orte, an denen wir das tun können, ist wo? Genau! Unter der Dusche!

Das Gehirn schaltet quasi ab – und genau das brauchen wir manchmal, denn dann kommt, schwupps, zuweilen aus dem Nichts eine Idee angeflogen.

Mit dem Spazieren gehen ist es genauso: Durch die Bewegung hast du das Gefühl, all deine Probleme hinter dir lassen zu können.

Und alles fließt?

Und alles fließt!

Drei Cover für dasselbe Buch (Foto: Krimi-Forum)

Das könnte nun ein fast poetischer Schluss des Interviews sein, wenn, ja wenn sich nicht zwei junge Nachwuchsjournalisten auch noch jeweils eine Frage überlegt hätten, die Jonathan Stroud (selbst zweifacher Vater) mit grenzenloser Geduld beantwortet.

Dabei gibt es noch ein ganz besonderes Extra:

Der Autor hat die Cover mitgebracht, die sein Buch in Deutschland, Großbritannien und USA zieren – alle ganz unterschiedlich und jedes für sich ein Hingucker.

Klar, dass alles aufs Bild muss!

Konstantin (10 und Bartimäus-Fan) möchte wissen:

Was halten Sie von magischen Kreaturen? Finden Sie sie gut?

Ja, ich mag sie!

Allerdings bekäme ich garantiert ein bisschen Angst, wenn mir tatsächlich ein echtes Fabelwesen begegnete!

Aber ich liebe es, mir neue auszudenken. Und es macht mir großen Spaß, verrückte Kreaturen zu zeichnen, die aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt sind.

Klasse Frage, übrigens!

Alexandra (8) fragt:

Welches ist Ihre Lieblingsstelle in „Valley“?

Auch das eine ganz tolle Frage!

Und weißt du was? Das hat mich noch nie jemand vorher gefragt!

Es gibt da eine Szene, in der der kleine Junge zu einem alten Mann in eine Hütte geht. Sie sitzen beisammen und essen Suppe.

Die Szene ist nicht besonders aufregend, aber sehr lustig, denn der alte Mann ist ziemlich unhöflich.

Ich mag die Stelle aber, weil sie mich zum Lachen bringt.

Die erwachsene Interviewerin hat hierzu auch noch etwas zu sagen:

Meine Lieblingsszene ist auf jeden Fall der Kampf in der Küche! Da geht es zwischen Resten von gebratenen Ochsen und glühenden Kohlen auf fettverschmiertem Boden um Leben und Tod … und trotzdem liefern sich Hal und sein Widersacher parallel ein witziges Wortgefecht.

(Der Autor lacht zustimmend)

Ein bisschen erinnert mich das an „Fluch der Karibik“. Auch Jack Sparrow hat in seinen Kämpfen immer noch Zeit für einen guten Spruch …

Ja, ich erinnere mich…

Aber das liegt auch daran, dass so ein Kampf richtig langweilig ist, ganz ohne „Beiwerk“.

Wie ich schon vorher in der Lesung sagte: Diese monumentalen Schlachten sind toll, echt! Eine Zeitlang …

Dann reicht das nicht und man braucht mehr.

Entweder müssen also ein paar Witze kommen oder irgendetwas muss mit der Hauptfigur passieren, damit der Leser oder Zuschauer am Ball bleibt, wissen will, wie es weitergeht.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Das Interview mit Jonathan Stround wurde durchgeführt von Chefredakteurin Michaela Pelz, unterstützt von Konstantin und Alexandra.

(März 2009)