Interview Oliver Bottini

Warum er das Thema „Gewalt“ in den Mittelpunkt seines aktuellen Romans stellt und wie es zugeht, wenn Männer unter sich sind, über all das spricht Oliver Bottini ganz offen mit Chefredakteurin Michaela Pelz. Daneben verrät er aber auch, welche Tätigkeit im Polizeidienst er sich vorstellen könnte und was ihn dabei am meisten reizen würde. Auch ein Loblied auf die neue Heimat Berlin darf nicht fehlen – und die Gründe für den Umzug von der Isar an die Spree.

Herr Bottini, in Ihrem neuen Roman „Jäger in der Nacht“ wird, laut Klappe, der Protagonistin “vor Augen geführt, dass manchmal wenig genügt, um die Bestie im Menschen freizusetzen.
Welchen konkreten Anlass gab es, genau dieses Thema zu wählen?

Einen konkreten Anlass gab es nicht, nur das Bedürfnis, über diese traurige Schattenseite unserer Gesellschaft zu schreiben: Gewalt gegen Frauen. Denn leider wird Gewalt überhaupt gegen andere Menschen ja zum allergrößten Teil von Männern ausgeübt.
Im Roman geht es vornehmlich um sexuelle Gewalt, aber auch andere Formen wollte ich erwähnen – z.B. Kontrolle durch den Mann, Gewalt in der Männersprache, emotionale Gewalt, Männertraditionen, die die Erniedrigung von Frauen in Kauf nehmen.
Mein Eindruck ist, dass diese Gewalt öffentlich zwar angeprangert wird, aber die Konsequenzen reichen nicht tief genug. Ändern wir als Männer unsere Traditionen? Unsere Form der Erziehung unserer Söhne? Unsere Sprache? Verzichten wir auf Klischees, die Frauen abwerten? Dies alles doch nur ansatzweise.
Und wenn Männer unter sich sind, kommen die (vielleicht unterdrückten) männlichen“ Muster, die zumeist auf Kosten der Frauen gehen, recht schnell wieder zum Vorschein, so kultiviert der Einzelne auch sein mag. Da will ich selbst mich im Übrigen gar nicht ausnehmen.
Auf der anderen Seite wollte ich im Roman nicht nur auf „die Männer“ einschlagen – ich fand es logisch, dass Louise Bonì aufgrund ihres Charakters in bestimmten Situationen durchaus auch zu Gewalt tendieren kann.
Sie verliert einmal die Kontrolle und schlägt einen wehrlosen Verdächtigen. Und was sie mit ihrem Kollegen Thomas Ilic macht, empfinde ich auch als Form der Gewalt, eben durch Machtausübung.

Was müsste passieren, dass Sie die Kontrolle verlieren, sich in eine Situation hineinmanövrieren, in die Sie mit kühlem Kopf niemals geraten wären?

Ob ich wirklich die Kontrolle verlieren würde, weiß ich nicht – vielleicht in Extremsituationen wie Todesangst oder so.
Aber bei heftigen Streits komme ich manchmal erst spät aus der Eskalationsspirale raus, wenn persönliche Verletzungen eine Rolle spielen – und habe dann verbal längst über Gebühr um mich geschlagen.

Louise, Ihre Protagonistin, hat ja seit dem ersten Band eine gewaltige Wandlung durchgemacht:
Durch persönliche Tragödien gezeichnet und aus der Bahn geworfen, war sie Alkoholikerin und als Polizistin unter den Kollegen nicht sonderlich beliebt. Mit sich selbst und der Welt unzufrieden, eckte sie gern mal an – und mochte sich auch selbst nicht wirklich leiden.
Im vorliegenden vierten Band hingegen erscheint sie wesentlich gemäßigter, überlegter (wenngleich sie immer noch gerne gegen Dienstvorschriften verstößt), insgesamt ausgeglichener und auch sich selbst gegenüber duldsamer.
War diese Entwicklung von Anfang an geplant? Und wie soll es nun mit ihr weitergehen, ohne die Brüche innerhalb der Figur?

Diese konkrete Entwicklung war nicht von Anfang an geplant, wohl aber, dass sie sich von Buch zu Buch verändert, wie man sich im Leben ja auch verändert.
Ich wollte sie nicht in jedem Roman als Trinkerin zeigen; mir ging es seit dem ersten Roman darum, dass sie den Kampf gegen die Sucht annimmt und (vorerst?) gewinnt.
Und mit dieser Entwicklung findet sie natürlich auch ein wenig mehr zu sich und zur Ruhe und kann dann eben auch mal eine potenziell längerfristige Beziehung zu einem Mann eingehen.
Aber die Brüche in ihr existieren weiterhin; sie ist ja auch keine, die sich für Jahre in eine Psychotherapie begibt und in ihrem Leben aufräumt.
Sie wird also irgendwann wieder aus der Bahn geworfen werden – denn sie reibt sich ja mit Leib und Seele an und in ihrem Beruf auf. Das geht nicht ohne Abstürze und Wunden.

Betrachtet man die Reihe rund um Louise Bonì, dann fällt auf, dass Ihre Heldin in jedem einzelnen Band persönlich beteiligt ist – entweder weil durch eine Fehlentscheidung Unschuldige sterben oder Kollegen tief traumatisiert werden, oder weil Personen zu Schaden kommen, die Bonì mit in die Ermittlungen hineingezogen hat oder weil sie tiefe menschliche Enttäuschungen erleben muss.
Warum lassen Sie die arme Frau nicht einmal ganz „in Ruhe“ in einem Fall ermitteln, der nichts mit ihr und ihrem direkten Umfeld zu tun hat?

Zu Beginn haben die Romane nie mit ihr oder ihrem Umfeld zu tun – das kommt erst im Verlauf des Falles, weil Louise Bonì die an dem Fall Beteiligten zu ihrem Umfeld macht. Sie nimmt emotional stark Anteil, und schon ist es um die Distanz und die Ruhe geschehen.
Das wird sich bei dieser Figur nie ändern. So ist sie eben. Und ihre „ermittlungsaggressive“ und Grenzen überschreitende Art bringt es mit sich, dass sie Fehler begeht oder andere mit hineinzieht, die sich im Strudel der Ereignisse nicht so gut behaupten können wie sie.
Ich möchte nicht nur von einem Kriminalfall erzählen – sondern vor allem von den Menschen, die involviert sind, in erster Linie natürlich Louise Bonì.

„Jäger der Nacht“ geht dem Leser aus vielen Gründen unter die Haut.
Einer davon sind sicherlich die Familienstrukturen, die sich mehrfach und ganz unterschiedlich manifestieren: Hier wird geprügelt, dort ist man liebevoll und fürsorglich, in wieder einer anderen Familie ist der Vater krankhaft besessen und dann wieder ist da Louises französischer Familienclan voller Originale …
Waren diese vielfältigen Facetten von Familie das Grundgerüst, auf dem Sie Ihre Handlung aufbauten oder eher eine logische Folge eines bereits im Vorfeld konstruierten Plots?

Ich versuche eigentlich immer, mehrere Facetten einer bestimmten Thematik anzusprechen, um der Vielfalt der Realität (ansatzweise) gerecht zu werden und Klischeefallen zu vermeiden.
Die Welt ist nun mal total vielfältig und darum in sich ja auch so widersprüchlich – da gibt es das Gute im Bösen und das Böse im Guten. Gerade Familie kennt tausende Spielarten.
Mein Anspruch an mich ist es, die Widersprüchlichkeit deutlich zu machen. Sie erschwert die konkrete Beurteilung einer Situation, wird aber den Verhältnissen gerechter.
Im Roman wird beispielsweise am Ende deutlich, dass der furchtbare Vater Holzner seinen Sohn auf seine Weise durchaus liebt. Auf der anderen Seite haben die „französischen Originale“ ihre Verwandte Louise leider beinahe vergessen.
Nichts in unserer Welt ist eindimensional, was das Leben und die Bewertung oft schwierig macht. Das möchte ich in den Romanen aufgreifen.

Immer wieder spielen die Strukturen und Machtverhältnisse innerhalb der Polizeibehörde, für die Louise arbeitet, eine Rolle. Woher nehmen Sie Ihre Insiderkenntnisse?

Ich habe einen „Kontaktmann“ bei der Kripo Freiburg, der meine Fragen seit Jahren geduldig beantwortet und mich außerdem an Kollegen vermittelt, die in bestimmten Bereichen Experten sind – sei es nun Waffen, französische Polizei, Russlanddeutsche, Hubschraubereinsätze oder auch nur die Strömungsgeschwindigkeit im Altrhein.

Würde es Sie reizen – vielleicht für eine begrenzte Zeit – selbst bei der Polizei zu arbeiten? Und wenn ja, in welcher Funktion? Lassen Sie Ihrer Phantasie ruhig freien Lauf, die Ausbildung soll jetzt gar keine Rolle spielen …

Ja, ich gebe zu, dass mich beispielsweise die Kripo schon reizen würde. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich da nicht meinen Kindheitsträumen aufsitze und diesen Beruf noch immer etwas idealisiere …
Aber das „Detektieren“ gefiele mir vermutlich schon. Spuren auswerten, Gespräche führen, Analogien oder Widersprüche finden, das aufzudecken, was andere zu verbergen versuchen, etc.

In unserem letzten Interview sprachen Sie davon, sich bei einer möglichen Verfilmung Martina Gedeck in der Rolle der Louise zu „wünschen“.
Mittlerweile gibt es Optionen von Seiten einer Produktionsfirma auf den Stoff.
Wie weit sind die Verfilmungspläne gediehen? Gibt es bereits eine Protagonistin?

Die Produktionsfirma arbeitet mit viel Geduld dran. Noch gibt es, soweit ich weiß, keine Zusage von einem Sender. Und Namen stehen schon gleich gar nicht fest.

Seit einem Dreivierteljahr haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt von München nach Berlin verlegt. Vermissen Sie die Isarmetropole?

Nö. Mein Phlegma hat mich zu lange in München gehalten, ich bin froh, dass ich jetzt in Berlin lebe. Ich hätte schon viel früher herziehen sollen, einfach um meinen Horizont zu erweitern.
In seiner Widersprüchlichkeit, Unvollkommenheit, Offenheit, Rohheit ist Berlin eine fantastische Stadt, die, so mein Eindruck, auf eine vielfältigere und intensivere und auch lässigere Art lebt als München, das – unbenommen – sehr schön anzusehen ist.
Berlin ist anstrengender, gibt aber auch mehr.
Und bei aller Liebe: München ist keine Metropole, sondern eine Großstadt. Die Metropole ist Berlin. Und Heimat ist immer da, wo ich bin.

Die Bonì-Romane spielen ja nach wie vor in Freiburg. Wird das so bleiben?

Ja. Vielleicht wird das eine oder andere Mal Berlin vorkommen, wie ja auch Colmar oder München oder Osijek vorkamen.
Aber Louise Bonì bleibt in Freiburg.
Hm. Oder?
Ja, ja, sie bleibt. Zumindest vorerst.

Bei einem früheren Gespräch sprachen Sie von Stoff für vier Bände. „Jäger der Nacht“ ist der Vierte …
Ist die Figur tatsächlich auserzählt oder geht da noch was??

Da geht noch was, jedenfalls so lange ich Lust habe und die Romane verlegt und gelesen werden. In den vergangenen Jahren kam der eine oder andere Stoff dazu.
Das Thema von „Jäger in der Nacht“ hatte ich am Anfang nicht auf der Liste, und auch das des fünften Romans, mit dem ich gerade beginne, nicht. Im sechsten folgt dann der ursprünglich vierte Stoff.
Oder so ähnlich.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz
(März 2009)

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