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Lesung Ian Rankin / Udo Wachtveitl
Der Schotte und der Bayer
von Michaela Pelz
Wo lässt man einen waschechten Schotten, Erfolgsautor und bekennenden Biertrinker aus seinem aktuellen Roman um einen bärbeißigen Edinburgher Polizeibeamten, Freund eher unkonventioneller Ermittlungsmethoden, lesen?
Richtig! In einem Live-Club, in dem sich seit nunmehr fast fünfzehn Jahren regelmäßig nicht nur englische Comedians, coole Poetry-Slammer und bekannte Bands profilieren können, sondern auch alle Bundesliga und Champions League Spiele der Münchner Teams gezeigt werden, nämlich dem Substanz.
Und wohl deswegen saßen dicht an dicht circa 200 Personen, die sich diese Veranstaltung der Münchner Glatteis Krimibuchhandlung nicht entgehen lassen wollten.
Möglich wäre natürlich auch, dass das überwiegend weibliche Publikum sich den deutschen „Vor“-leser nicht entgehen lassen wollte, den bekannten und beliebten„Tatort“-Kommissar Udo Wachtveitl.
In Sachen „Krimilesung“ ein versierter Profi hatte sich der gebürtige Pasinger nun schon zum zweiten Mal auf Lesetour mit Ian Rankin begeben – und es war unüberseh- und unüberhörbar, dass die Zusammenarbeit beiden viel Spaß machte.
Kein Wunder also, dass der Autor auch beim Auftreten kleinerer technischer Probleme zu Beginn gut gelaunt und nicht um Worte verlegen war: „Germany - the land of technology“ meinte er, als die Funktionsfähigkeit der Mikrophone optimiert werden musste und ergänzte dies mit dem in Großbritannien so beliebten („We love it!“) Werbeslogan „Vorsprung durch Technik“.
Im Wechsel lasen Rankin und Wachtveitl (auf englisch und deutsch) sodann ausgewählte Passagen von „Die Kinder des Todes“ (in dem ein Ex-Elitesoldat aus unerfindlichen Gründen in einer Privatschule mehrere Jugendliche erschießt, bevor er sich selbst richtet). Es handelte sich dabei um die Eingangsszene des Buches am Krankenbett des verletzten John Rebus, dann die Begegnung zwischen dem Polizisten und einer jungen „Gruftie“-Anhängerin und schließlich den verbalen Schlagabtausch zwischen dem Protagonisten und einer seiner Gegenspielerinnen aus den Reihen des Militärs. Diese Szenen machten deutlich, dass es durchaus möglich ist, eine Handlung von beklemmender Dichte und großer Spannung mit Situationskomik und ironischen Einsprengseln zu verknüpfen, ohne dass die literarische Qualität darunter leidet.
Dabei zeigte sich einmal mehr, dass ein routinierter Vorleser und hervorragender Schauspieler wie hier Udo Wachtveitl in jeder Hinsicht ein Gewinn für eine solche Veranstaltung ist – ließ er doch die unterschiedlichen Figuren und ihre Eigenarten allein durch den Einsatz seiner Stimme außerordentlich lebendig werden.
Gelegentlichen Zwischenrufen und unerwarteten Ereignissen (etwa dem Klingeln eines Handys) begegneten die beiden Herren auf der Bühne souverän, indem sie dies sogar spontan in die Lesung einbezogen.
Highlight der Veranstaltung war aber sicherlich die vergnügliche Frage-und-Antwort Runde am Ende der Lesung.
So konnte das interessierte Publikum bei dieser Gelegenheit erfahren, dass einige der Figuren im Roman ihren Namen „echten“ Personen verdanken, die sich das Recht, auf diese Weise unsterblich zu werden, durch eine Benefiz-Auktion erkauft hatten. Wie etwa „Simms“, im Buch Assistent jener militanten Militärpolizistin, ist im richtigen Leben ein Londoner Banker. Seine Rolle als „bad guy“ hat er sich immerhin 8.000 Euro kosten lassen – „Und dass er so viel bezahlt hat, ist auch der Grund, warum ich ihn nicht umgebracht habe!“
Eine der schwierigsten Kundinnen in dieser Hinsicht war übrigens eine Katze – oder besser gesagt, ihre Besitzerin. Diese wollte ihrem geliebten Haustier für 300 Euro das Vergnügen verschaffen, in einem echten Kriminalroman aufzutreten. „Doch nicht genug, dass sie mir den Namen des Viechs mitteilte und zahlreiche Fotos schickte, nein, sie erging sich auch noch in ellenlangen Mails über den Charakter und die seelische Verfassung ihres Vierbeiners …“
Den Ausführungen zu diesen käuflichen Methoden, Unsterblichkeit zu erlangen, folgte ein äußerst kurzweiliger Schlagabtausch der beiden Vorleser.
„Vielleicht sollte man eine solche Versteigerung auch einmal hier veranstalten – es wäre doch höchst interessant zu lesen, wie Ian einen Deutschen in die Handlung einbindet.“
„In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass Udo mir 8000 Euro geboten hat, um den Rebus in der Verfilmung spielen zu dürfen.“
„Das hat aber leider nicht gereicht …“
Doch neben all diesen sympathischen Frotzeleien ging Rankin auch willig und informativ auf die Sachfragen zu seinen Romanen und ihrem Protagonisten ein. So antwortete er etwa auf die Frage, ob Rebus ein „guter Mensch“ geworden sei: „Rebus war nie ein guter Mensch. Ich kriege mails von Polizisten von überall auf der Welt, die mir schreiben: „ICH bin Rebus – und ich bin keiner von den Guten!“
Im hier vorliegenden Buch ist Siobhan diejenige, die das Zepter in der Hand hat. Und Rebus kann gar nichts tun. So muss er zum Beispiel den gesamten Roman hindurch andere Leute darum bitten, für ihn eine Zigarette anzuzünden. (A.d.R.: Rebus hat sich an beiden Händen schlimm verletzt – ob verbrannt oder verbrüht weiß man dabei nicht so genau – und ist daher bis zum Schluß durch Verbände und natürlich Schmerzen an den Händen gehandicappt).
Siobhan ist diesmal also die Stärkere – das Machtgefüge verschiebt sich, die beiden werden gleichrangig und sie ergänzen sich.“
Als man von ihm wissen wollte, ob er beim Schreiben nach einem ganz bestimmten System vorgehe, verriet der Autor mit einem leichten Lächeln: „Für meine Bücher gibt es keinen Plan, nach dem ich vorgehe, keine bestimmte Struktur. Ich wette, dass so ein „Tatort“ wesentlich strukturierter ist als einer von meinen Romanen … Was ich habe, das ist einzig und allein ein Mord – und das ist der Punkt an dem ich loslege. Was genau im Verlauf des Buches geschehen wird, das weiß ich dann noch gar nicht.“
Auch einige Fragen zur Übersetzungspolitik allgemein und der deutschen im Besonderen wurden gestellt; etwa warum Rebus seine Kollegin Siobhan in der deutschen Fassung siezt. Dies werde seit Jahren so gehandhabt, erfuhr man, um eine gewisse Distanz der beiden deutlich zu machen.
Rankin fügte hinzu. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem deutschen Übersetzer. Dieser ist ausgesprochen sorgfältig vorgegangen und hat manche Begriffe, deren wörtliche Widergabe absolut keinen Sinn gemacht hätte, komplett ausgetauscht. Viele, viele Emails sind zwischen uns hin- und hergeflogen – und am Ende hat er mich direkt in Schottland aufgesucht.
Andere Übersetzer hingegen haben sich noch nie die Mühe gemacht, sich mit mir in Verbindung zu setzen, z.B. der japanische. Ich habe keine Ahnung, ob er (und damit meine japanischen Leser meine Witze verstanden haben … ob ihnen meine Sachen gefallen ..)
Doch die Geschichte mit den Namensnennungen gegen Entgelt schien das Publikum nachhaltig beeindruckt zu haben, so dass man nach einigen weiteren Einlassungen wieder zu diesem Thema zurückkehrte. Eine Tatsache, die Ian Rankin nicht zu stören schien, hatte er doch noch ein paar weiter Anekdoten auf Lager.
„Da war dieser Typ – Peacock Johnson. Er hatte sogar eine Webseite mit seinem Namen. Ich machte einen richtig schlimmen Finger aus ihm – einen Waffenschmuggler und –verkäufer. Und weil mir das Schreiben über diese Figur so einen Riesenspaß gemacht hatte und ich mir gut hätte vorstellen können, diesen Johnson auch in einem späteren Roman noch mal zu verwenden, schickte ich dem Typen nach Fertigstellung meines Buches eine Mail. Aber die kam zurück – und die Internetseite gab es auch nicht mehr …
Später dann stellte sich heraus, dass es „Peacock Johnson“ nie gegeben hatte – er war von vorn bis hinten ein Fake, aus einer Gaglaune entstanden.
Nuuuur … der Erfinder selbst hatte dann ebenfalls so viel Gefallen an seinem Geschöpf gefunden, dass er es zum Protagonisten eines Romans machte. Was natürlich bedeutet, dass ich die Figur nicht mehr verwenden kann …
Aber alles in allem ist diese Sache mit den Leuten, die sich einen Platz in einem Buch „erkaufen“ wirklich unterhaltsam – auch für mich. Außerdem ist es viel leichter, den Namen einer wirklichen Person zu benutzen, als sich einen Namen auszudenken. Sollten Sie also Ihren Namen einmal gedruckt sehen wollen, dann beteiligen Sie sich ruhig einmal an einer solchen Aktion – wann wieder eine stattfindet steht auf meiner Internetseite.“
Rankin setzt sich bei seinen Wohltätigkeitsaktionen vor allem für behinderte Kinder ein (sein eigener, zehnjähriger Sohn ist mehrfach behindert) oder für die Wiedereingliederung von Strafgefangenen (die im Gefängnis die Rebus-Romane bekommen, damit sie leichter lesen und schreiben lernen).
Was ganz interessant – und vielleicht fast vorhersehbar ist: Die meisten Menschen, die sich einen Platz in einem Roman ersteigern, möchten gerne als Schurken auftauchen. Der Autor erfüllt ihnen natürlich diesen Wunsch – in manchen Fällen besonders gern, so wie etwa damals als er einen autistischen Jungen im Buch zum Bodyguard eines Gangsterbosses machte. Auch anderen Ansinnen kommt er nach: Wenn etwa ein Ladenbesitzer den Namen seines Geschäfts ebenfalls genannt haben möchte. Oder wenn ein Polizist einen Polizisten verkörpern will – (er ergänzt lachend) „allerdings konnte ich diesen Mann, einen Australier, doch nicht eins zu eins in meiner Handlung auftauchen lassen. Warum? Nun, er hatte in Astrophysik promoviert … aber DAS hätte man einem Edinburgher Bullen mit Sicherheit nicht abgenommen …
Sehen Sie, eine fiktive Geschichte muss immer glaubhaft sein – ganz egal, wie bizarr die Wirklichkeit vielleicht ist.“
Unschwer war erkennbar, dass die Zuschauer Gefallen fanden an dieser Fähigkeit eines Schriftstellers, sich auf der einen Seite seine ganz eigene Welt zu basteln, dabei aber durchaus reale Elemente einfließen zu lassen. So wurde Rankin auch gefragt, wie er mit Menschen umgeht, die auf irgendeine Weise seinen Unmut erregt haben. „Wenn ich jemanden treffe, den ich nicht leiden kann, dann bring ich ihn in meinem darauf folgenden Buch um!“ gab er mit einem charmanten Lächeln zu Protokoll und lieferte gleich noch eine ausgesprochen amüsante, aber natürlich keineswegs politisch korrekte Geschichte zum Beweis nach, dass auch seine Berufskollegen dies zuweilen tun.
„Eine Freundin von mir, sie ist eine kanadische Krimiautorin, war auf sehr unschöne Weise von ihrem Lover abserviert worden. Also schickte sie eine Rundmail an alle ihre Freunde mit der Bitte, den Kerl literarisch abzuservieren. Gerne haben ziemlich viele von uns ihrem Wunsch entsprochen … ich glaube Val McDermid ging dabei besonders fies vor … und was ich mit diesem Joe Palango gemacht habe, können Sie in „Dead Souls“ nachlesen … Sie sehen also: Es ist GANZ SCHLECHT, sich mit einem Krimischreiber anzulegen!“
Nach diesem vergnüglichen Ausflug in die charakterlichen Abgründe der Autorenschaft kehrte das Interesse des Auditoriums jedoch wieder zurück zur Figur des John Rebus.
„Wie sieht Rebus aus? Hat er Ähnlichkeit mit John Hannah, der Ihren Rebus in den bisherigen TV-Verfilmungen gespielt hat?“ wollte jemand wissen.
„Ich weiß nicht, wie John Rebus aussieht. Bewusst habe ich mich in meinen Romanen eher vage zu Details wie Gesicht oder Frisur geäußert, denn ich möchte meiner Figur kein bestimmtes Aussehen geben. Auch schaue ich mir die Verfilmungen gar nicht erst an – ich möchte kein „Bild“ von Rebus im Kopf haben, wenn ich schreibe.
Was John Hannah anbetrifft, so ist der Schauspieler erst neununddreißig und damit zu jung, um die Figur zu verkörpern. Außerdem sieht er zu gut aus … ist schlank, im Gegensatz zu Rebus.
John Hannah selbst kann ich gut leiden. Bevor er mit den Dreharbeiten begann, haben wir uns zum Abendessen getroffen und sind im Anschluss durch jedes Pub in Edinburgh gezogen. Als wir uns danach trennten, war er ziemlich gut in der Rolle drin …“ (lacht).
In Anbetracht der Tatsache, dass Edinburgh und München Partnerstädte sind kam natürlich die Frage, ob es nicht denkbar sei, Rebus einmal in der Isarmetropole ermitteln zu lassen.
„Jetzt wo Sie es sagen … diese Sache mit der Städtepartnerschaft war mir bisher gar nicht bewusst! Allerdings habe ich meinen Rebus absichtlich nie aus Schottland heraus kommen lassen (bis auf den Abstecher nach London im dritten Buch – was damit zusammen hängt, dass ich zu jener Zeit selbst dort lebte und es einfach grauenvoll fand. Also sollte auch Rebus ein bisschen mit-leiden müssen).
In Edinburgh kommen mir die besten Ideen.“
Zum Abschluss wollten die Zuschauer natürlich wissen, auf wie viel mehr Fälle mit Inspektor Rebus sie sich freuen dürfen.
„Leider habe ich einen großen Fehler gemacht: In meinem ersten Buch habe ich Rebus als Vierzigjährigen geschildert. Und da meine Romane in Echtzeit gehalten sind, ist er nun natürlich sechsundfünfzig. In Schottland MUSS man aber mit sechzig in Rente gehen – was bedeutet, dass es noch zwei bis drei weitere Bücher geben wird, dann ist Schluss.
Aber fragen Sie mich nicht, wie John Rebus Abgang aussehen wird … Vielleicht wird er ganz oben an einem Wasserfall stehen … zusammen mit Cafferty …“
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