Exklusivinterview mit Till Bastian

F: Dr. Bastian, von Haus aus sind Sie Mediziner, haben auch lange Jahre praktiziert. Heute verdienen Sie Ihr Geld mit dem Schreiben von Büchern – aus welchem Grund? Machte zuviel Krankheit sie selbst krank? Ist die Autorentätigkeit lukrativer? Brannte der Schriftsteller schon immer in Ihnen und wollte eines Tages unbedingt nach außen?
A: Geschrieben habe ich in der Tat schon immer gerne – Gedichte, Kurzgeschichten, alles mögliche... 1982 habe ich die Arztpraxis dichtgemacht, es gab viele verschiedene Gründe dafür und keiner war besonders heroisch.
Notgedrungen habe ich mich erst mal als Journalist und Sachbuchautor im medizinisch-ökologischen und historischen Bereich versucht. Kurz vor dem 50. Geburtstag dachte ich mir dann: Jetzt oder nie- und habe mich mit meinem ersten Krimi ans Licht der Öffentlichkeit gewagt.
F: Sie haben Bücher geschrieben wie: “Unsere wahnsinnige Liebe zum Auto”, “Radioaktivität”, “Medizinische Verbrechen im 3. Reich”, “Die Angst der Eltern vor dem Kind”, “Von der Taubheit der Schulmedizin”, “100 Jahre Psychoanalyse”. Verstehen Sie buchstäblich von jedem Thema etwas oder woher rührt diese Bandbreite?
A: Diese Bandbreite entspricht meiner Interessenlage. Ich bin äußerst neugierig und interessiere mich wirklich für (fast) alles. Wenn Sie mir Bücher über Bienenzucht oder über die Geschichte des Postwesens auf den Nachtisch legen, werde ich sie verschlingen – sofern sie spannend geschrieben sind...
F: Wir “reden” miteinander, weil Sie auch zwei Krimis verfaßt haben – “Die Hand im Park” und “Sprung in die Tiefe”. War das die logische Konsequenz nach all ihren Sachbüchern – u.a. auch über Verbrechen?
A: Nun, Medizin hat ja viel mit Gewalt zu tun, und die neuere deutsche Geschichte leider auch. Ich war es irgendwann mal leid, mir immer nur die Verbrechen andere passiv “reinzuziehen” – das war weder für die Stimmung in der Familie gut noch für meine eigenen seelische Hygiene.
Gewalt ist ein Grundthema unserer Gesellschaft. Daß der Mensch von Natur aus gut sei, glaube ich nicht – er hat alle Optionen in sich, sowohl Oskar Schindler wie Adolf Eichmann. Daran arbeiten wir uns ab, indem wir Shakespeare-Dramen sehen oder Krimis lesen (sonderlich groß scheint mir der Unterschied nicht – was die Gewalttätigkeit betrifft). Noch besser ist es, selber zu schreiben.
F: Woher nehmen Sie die “kriminelle” Energie und Inspiration, schauerliche Untaten zu ersinnen, während Sie im beschaulichen Allgäu leben – oder geschehen dort wesentlich mehr Verbrechen als man sich als “Stadtmensch” träumen läßt?
A: Daß es auf dem Land beschaulich und friedlich zugeht, ist eine Illusion romantisierender Stadtmenschen. Ich selber habe geglaubt, als wohlbehüteter Bildungsbürger bloß theoretisch mit Gewalt umgehen zu können – bis diese dann, plötzlich und brutal, mit dem erweiterten Selbstmord meines Vaters 1992 in mein eigenes Leben eingebrochen ist. Das war eine bittere Lektion für mich – das Grauen ist näher, als du denkst...
(A.d.R.: Der gelernte Buchbinder und, ab 1956, Offizier Gert Bastian, der 1980 aus Protest gegen den Nato-Doppelbeschluß als General zurückgetreten war und ab 1983 als Abgeordneter für die Grünen im Bundestag saß, erschoß am 1.10.1992 erst die Politikerin Petra Kelly, dann sich selbst)
F: Ihre Bücher spielen in München – das Lokalkolorit ist sehr ausgeprägt. Wie wichtig ist diese “geographische” Zuordnung für die Story?
A: Ich bin 1949 in München geboren, im tiefsten Schwabing. Seither verbindet mich eine herzliche Haßliebe mit dieser Stadt. Es ist ein Stück Authentizität, wenn sich das in den Büchern widerspiegelt. Die auch sonst bewußt sehr authentisch gehalten sind (alle darin beschriebenen Kneipen, beispielsweise, gibt es wirklich...).
F: Trägt Ihr “Held”, Gebhard Otto, autobiographische Züge – sei es nun gewollt oder unbeabsichtigt?
A: Durchaus – er ist so alt, so groß und so schwer wie ich, kocht und ißt gerne und neigt zur Melancholie. Er ist aber auch sehr verschieden von mir – zum Beispiel in seinem Verhalten zu Frauen. Ich glaube, jeder Autor mixt in solchen Figuren Eigenes und Fremdes zusammen, die Frage ist “nur”, wie bewußt er sich dessen ist...
F: Hatten Sie die Geschichten rund um den Kommissar a.D. schon von Anfang an als Serie angelegt oder erlebten Sie, wie manche Autoren es beschreiben, eine “Verselbständigung” der Figuren, die sich mit Macht ins nächste Buch “drängten”?
A: Die Idee einer Serie hat mich von Anfang an gereizt – und zwar einer solchen mit eigenem inneren Entwicklungsgang. Man muß dann nicht so viel ins einzelne Buch “hineinpacken” – darunter leiden ja viele Krimis von heute, daß sie viel zu lang, viel zu “vollgestopft” sind....
Andererseits gibt es schon “spontane” Entwicklungen. Kommissar Weiß beispielsweise war anfangs nur als Randfigur konzipiert, er ist mir sozusagen unter der Hand selbständig geworden und hat sich in den Mittelpunkt gedrängt. Genau das ist es, was beim Schreiben Spaß macht.
F: Bei Ihren Romanen liegt der Schwerpunkt auf dem psychologischen Element – die Befindlichkeiten der Charaktere, ihre Gedanken, Gefühle, Motive für das, was sie tun, stehen ganz klar im Vordergrund. Nun ist aber gerade auch in “Sprung in die Tiefe” eine Action-Komponente enthalten, die die Handlung ebenso temporeich macht wie es die Tradition des amerikanischen Thrillers vorschreibt. Welchem Aspekt – innere oder äußere Spannung – gehört das Herz des Autors Bastian? Und was wird in künftigen Krimis überwiegen?
A: Das ist ja gerade das Schöne an einer solchen Serie, daß man darin hin und her pendeln kann – wie es das Leben ja auch tut. Das nächste Buch “Die letzte Nacht”, ist noch sehr viel temporeicher und “reißerischer” gestaltet: alles, inclusive drei Morden, spielt in der Sylvesternacht 1998 (mehr wird nicht verraten). Danach sollte wieder ein etwas getrageneres Buch kommen. Mein Herz gehört der Abwechslung, dem langfristigen Verlauf. Das war schon in der Medizin so...
F: Gibt es einen dramaturgischen Bogen, in dem sich die weiteren Bände der Serie abspielen sollen oder werden diese “nur” dieselben Protagonisten haben?
A: Den dramaturgischen Bogen habe ich schon klar im Kopf, er ist auf sechs bis sieben Bände angelegt. Danach schicke ich meine drei Charmeure in den Ruhestand, möglicherweise leicht beschädigt....
Mein Traum ist es, dann mit der Tochter von Kommissar Weiß (der Zen-Buddhistin) als junger Polizistin die Handlung in der nächsten Generation weiterzuführen. Mal sehen, ob es sich realisieren läßt. Verlagsmäßig ist das alles recht schwierig.
F: Letzte Frage: Wird Otto, dessen Rückenbeschwerden ihn zwar an der Ausübung des Polizeiberufs nicht aber an einem erfüllten Liebesleben hindern, irgendwann nochmal die Frau fürs Leben finden?
A: Ja, Gebhard Otto hat Glück, daß seine Bandscheibenoperationen nicht zu Potenzproblemen geführt haben. Vielleicht ist ja Karin Obholzer die Frau für den Rest ihrer beider Leben, und die Serie endet damit, daß sie ihn im Rollstuhl über die Leopoldstraße schiebt, wer weiß? Mehr wird einstweilen nicht verraten.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Herrn Dr. Bastian sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(November 1999)

(Foto: Droemer Knaur Verlag)