Exklusivinterview mit Petra Oelker

OKTOBER 2001

In Anbetracht Ihres neuen Romans die Frage: Sind Sie "durch" mit Rosina und der Kaufmannsfamilie Hermanns?
Nein, gar nicht. Rosina wollte mal eine Pause haben.

Wir können also den Fans versprechen, dass sie wiederkommt?
(lacht) Das steht zu befürchten.

Begreifen Sie Ihren aktuellen Roman als schöne Abwechslung oder, anders gefragt, was ist das Faszinierende an einem Buch, das in der "Jetztzeit" spielt, wenn man sich lange Zeit auf historische Krimis spezialisiert hat?
Das habe ich gar nicht getan - es scheint nur so.
Ich habe zwischendurch bereits einen zeitgenössischen Roman geschrieben, ebenfalls einen Krimi. Mit meinen großen Romanen war ich allerdings in der Tat auf das 18. Jahrhundert spezialisiert, bin es auch immer noch,. Das ist auch in Ordnung so.
Aber es bedeutet nicht, dass ich nicht ebenso gut in der heutigen Welt lebe. Ich hatte schon seit geraumer Zeit die Idee, nicht immer nur über das gleiche Sujet zu schreiben. Das ist mir zu eingleisig. Außerdem wollte ich in die Gegenwart - ein Wunsch, der sich in der letzten Zeit verstärkt hat - wobei man nicht vergessen darf, dass es fast zwei Jahre gedauert hat, bis das Buch auf den Markt kam.
Zumal ich finde, nach fünf "Rosina"-Romanen konnte ich mir einfach mal einen "Ausflug" gönnen..
Es geht auch durchaus darum, mal etwas anderes zu versuchen.

Man ist dann doch etwas festgelegt, wenn man immer dieselben Rahmenfiguren hat ...
Ja, furchtbar. Und so eng ist mein Kopf nicht.

Allerdings hatten Sie ja über eine lange Zeit Gelegenheit, mit Ihren Figuren vertraut zu werden. Was ist das Schwierigste daran, wenn man in ganz neue Charaktere eintauchen muss?
Es ist einfach Arbeit.
Aber schöne Arbeit, die ich mag und die mich fordert.
Die Figuren sind ja lange in meinem Kopf gewesen, allerdings nicht so lange wie die Rosina-Figuren, denke ich, weil ich die ja schon Jahre mit mir herumtrage ...
Dann ist mir aufgefallen, dass ich ein bestimmtes System habe, wenn ich einen Roman schreibe. Zunächst erzeuge ich die Figuren, in einem zweiten Schritt muss ich mich ihnen dann nähern, sie sozusagen "aufblättern". Und das dauert. Das geht nicht unbedingt im ersten Buch so leicht und vollständig.

Das lässt ja dann hoffen, dass es auch hier eine Fortsetzung geben wird ...
(lacht) Auch das steht zu befürchten.
Es ist natürlich etwas anderes mit neuen Figuren. Genauso, wie wenn man neue Leute kennen lernt. Also nicht "man" - bei anderen mag es nicht so sein, aber ich fremdle erst so ein bisschen. Mit manchen stimmt die Chemie von Anfang an, bei anderen muss ich erst abwarten und schauen; dann denke ich schon mal: "Mannomann - wen habe ich denn da in die Welt gesetzt..."

Wobei es ja die Möglichkeit gegeben hätte, das ganze eine "Nummer kleiner" zu fahren. Sprich: Durchaus einen Roman mit neuen Figuren schreiben, aber dann eine begrenztere Anzahl, mit nicht ganz so vielen, bunten, sehr charakteristischen, sehr unterschiedlichen Leuten. Es gibt ja auch im Krimisegment Romane - uns sie sind deswegen nicht schlechter - die eine, zwei, maximal drei Hauptfiguren haben.
Das kann ich nicht. Es geht einfach nicht.
Mein anderer zeitgenössischer Roman "Das Bild der alten Dame" ist schmaler. Schmaler vom Setting her - obwohl es auf der Insel Jersey und Hamburg spielt - und es sind weniger Figuren.
Aber wenn ich mich auf weniger Figuren beschränke, muss ich auch die Geschichte viel schmalspuriger schreiben.

Was beim Lesen auffällt: Das Buch steckt voll von kurzweiligen Details - da gibt es etwa diese Neunzigjährige, die ab und an ins Kino geht oder die zupackende Ex-Empfangsdame -, welche dem Leser zweifelsohne Freude bereiten, die man zum Fortgang der Handlung aber nicht wirklich "braucht". Man kann sie einfügen, muss aber nicht.
Och ohne diese Details wäre es aber langweilig. Ich denke, auf solche Dinge können Sie gut verzichten, wenn Sie einen sehr stringenten Krimi-Plot haben. Es gibt Leute, die schreiben, wie meine Lektorin es nennt, "plot-minded" und dann gibt es Leute, die sich mehr auf die Figuren konzentrieren. Das ist glaube ich, keine bewusste Entscheidung - man "tickt" so. Das nennt sich dann eben "characters-minded". Da ergibt sich diese Ausführlichkeit fast zwangsläufig, die Leute drängeln sich in meinen Kopf.
Ich will zum Beispiel nur kurz schreiben, dass jemand zum Bäcker geht und Brötchen holt - aber was ihm da alles begegnet, daran komme ich nicht vorbei ... (lacht).

Sowohl in Ihren historischen Krimis wie auch in "Der Klosterwald" dominieren die Frauen. Absicht oder Zufall?
Es liegt wohl einfach daran, dass ich eine Frau bin. Ich glaube schon, dass die Identifikation mit dem gleichen Geschlecht einfacher ist. Klar, ich bin auch "frauenbewegt", wie man es in den 70ern einfach war. Aber es sind schon Figuren, die mir sehr viel vertrauter sind - ich weiß nicht, wie Männer funktionieren, immer noch nicht.
Wobei, ganz interessant, es durchaus Leute gibt, die meine historischen Romane nicht "Rosina"-Romane nennen, wie wir es auch im Verlag tun, sondern "Claes Herrmanns" Romane. Das sind meistens Männer, die haben da ihre Identifikationsfigur. Und der Herrmanns ist natürlich dort im Laufe der Bücher dominanter geworden als es der Hildebrandt in "Der Klosterwald" ist.
Man kann wohl sagen: Im aktuellen Buch sind die Agierenden fast mehr Männer, aber die Hauptfiguren sind schon die Äbtissin und die Restauratorin.

Jetzt, wo Sie die Restauratorin erwähnen ... - in Ihren historischen Romanen stand immer ein Gewerbe im Vordergrund (Uhrmacher, Lotsen etc.), über das Sie die Leser mit Hintergrundwissen versorgen. Auch beim aktuellen Buch gibt es einiges zu lernen - einmal über Klöster (wer hat schon eine Ahnung, dass es da diese evangelischen Wohnstifte gibt?) ...
... das wusste ich selbst auch bis vor einigen Jahren nicht ...

... aber auch über den Beruf des Restaurators. Welche Absicht steckt dahinter?
Ich denke, ich bin da relativ schlicht gestrickt - ich habe ein bestimmtes Muster im Kopf. Nicht, wie ich arbeite, sondern was mich interessiert. Ich wollte eine junge Frau in meiner Geschichte haben. In den Klöstern sind nun einmal Wandmalereien. Und zu meinem großen Glück stieß ich während meiner Recherche im Kloster auf eine Restauratorin. Sie ist sehr nett, sehr munter, unheimlich engagiert und begeistert und sie hat über dieses Restaurierungsprojekt ihre Diplomarbeit geschrieben, die sie mir dann auch zur Verfügung gestellt hat. Und das hat mich dann wirklich fasziniert. Diese ganze Arbeit und die Vielfältigkeit, Geduld und Akkuratesse, die darin steckt - man stelle sich vor: drei Wochen an einem wenige Zentimeter langen Stück zu sitzen. Da war mir dann klar, dass ich das mit hineinbringe. Und es macht mir wirklich einfach Vergnügen, dem, was ich bei meinen historischen Romanen als meinen Volkshochschuleinschub bezeichne, zu genügen. Es sind einfach Sachen, die recherchiere ich, weil sie mich interessieren und dann denke ich, interessiert das andere Leute auch.

Es werden auch - fast nebenbei - eine Reihe anderer norddeutscher Klöster samt ihrer Kunstschätze erwähnt. Haben Sie sie alle persönlich besucht?
Es gibt die sogenannten Heideklöster zwischen Lüneburg und Hannover, das sind sechs, die letztlich wie Damenstifte organisiert, zugleich aber Museen sind. Die Bewohnerinnen nennen sich aber nach wie vor Klosterfrauen, weil sie diese ganz bestimmten Traditionen haben. Gelübde werden allerdings keine mehr abgelegt.
Dass diese Klöster eher unbekannt sind, das sehe ich auch so. Ich selbst habe sie vor circa 10 Jahren entdeckt. In fünf der sechs genannten Klöster habe ich recherchiert. Jedes hat etwas eigenes, und das hat mich wirklich beeindruckt - damit hatte ich nicht gerechnet.

Auch als Ambiente für einen Krimi (oder gar eine Reihe) ist so ein Kloster nicht schlecht, denkt man nur an die Vielfältigkeit von Menschen, die man dort unterbringen kann. Die neun Konventualinnen zum Beispiel ...
Genau - und jede hat ihre Vergangenheit. Und ihre Leichen - je älter, desto mehr "Leichen im Keller". Außerdem hat jede Familie.

Wir hatten es bereits kurz angesprochen: Wird auch die Äbtissin Felicitas Stern in Serie gehen?
Ja. Es ist so: Wenn ich schreibe, dann habe ich so viele Bilder im Kopf, die passen wahrscheinlich gar nicht in einen einzigen Band (lacht).
Gerade auch mit dieser "Besetzung". Der Roman spielt ja gar nicht so sehr im Kloster, sondern mehr in der Kleinstadt - er ist auch so angelegt. Ich muss mich dem Kloster erst langsam nähern. Ich möchte schon gern noch mal ein Buch machen, das sich mehr mit dem Kloster auseinandersetzt.

Wäre Äbtissin etwas, was Sie sich persönlich als berufliche Alternative vorstellen könnten?
Nein. Es wäre keine Alternative, denn ich reiße zwar gern meinen Mund auf, aber ich will nicht Chefin sein. Das war ich, ich weiß, dass ich das kann, das muss ich nicht haben.

Äbtissin also nicht - aber wie steht es mit dem Klosterleben an sich?
Sagen wir mal so: Diese Art von Wohn- und Lebensgemeinschaft hat etwas sehr Verlockendes, denn wenn man alleinstehend ist in einem bestimmten Alter, dann geht das zwar ganz gut, aber schöner ist es doch, eine Gemeinschaft zu haben. Der Mensch ist nun mal ein Herdentier - und eine Gemeinschaft zu haben ist, denke ich, das, was jede Frau, jeder Mann, sich wünscht und auch braucht. Auch wenn wir alleine gut klar kommen.
Für mich aber kommt es gar nicht in Frage, weil man, wenn man dort leben will, seine berufliche Zukunft hinter sich gelassen haben muss.
Und ich will noch viele Romane schreiben.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH!
Mit Frau Oelker sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Frankfurt, 12. Oktober 2001)

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OKTOBER 1999

F: Was war der Auslöser nach diversen Sachbüchern eine Krimi-Reihe zu beginnen?
A: Als Journalist recherchiert man ja in den verschiedensten Gebieten, stößt immer wieder auf Themen, von denen man denkt: Daraus müßte man mehr machen, müßte ein Buch darüber schreiben. Viele dieser Ideen verschwinden schnell wieder - andere hingegen sind hartnäckig, sie bleiben, hängen fest, packen einen geradezu.
Vor einigen Jahren schrieb ich die Biographie einer Barockschauspielerin (Nichts als eine Komödiantin - die Lebensgeschichte der Friederike Caroline Neuber, 1993). Die Recherche war sehr aufwendig, da sich dieses Buch an ein junges Publikum richtet, ohne großes Vorwissen und ich die Atmosphäre so genau als möglich wiedergeben wollte. Dazu gehörten Sitten und Gebräuche jener Zeit, aber auch Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens.
Nach und nach wurde meine Phantasie angeregt, es entstanden Bilder in meinem Kopf, die sich geradezu verselbständigten. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr zurück - die Idee zum ersten Buch der Serie hat mich bedrängt, ich mußte das Projekt angehen.
Als Reihe war es aber zunächst nicht gedacht.
F: Warum die Geschichten gerade im Bereich der historischen Kriminalromane ansiedeln, der doch sehr recherche-intensiv ist?
A: Das sind zwei Fragen auf einmal - ich will zuerst die Entscheidung für das Genre "Krimi" begründen:
Die Phantasien, die ich im Zusammenhang mit meinen Recherchen für die Biographie dieser Schauspielerin hatte, waren eindeutig "krimineller" Natur - das war sicherlich ein Grund. Der andere ist, daß der Krimi die beste Möglichkeit bietet, in alle sozialen Bereiche und die Fallen menschlicher Psychologie einzudringen. Das macht die Sache für mich so reizvoll.
Mein Faible für die Geschichte hingegen geht ganz weit zurück. Schon als Kind empfand ich die Auseinandersetzung mit dem Leben in anderen Zeiten wie eine "Reise in ein anderes Land". Später dann wurde mir bewußt, wie sehr unser Verhalten, wie sehr wir alle von der Vergangenheit geprägt werden - auch von der unserer Eltern, Großeltern, unserer Kultur. Da sind unsere Wurzeln - und das finde ich ungemein spannend.
F: Wie lange dauerten die Vorarbeiten für die jeweiligen Bücher bzw. war nur einmal eine größere Recherche nötig, um die Grundlage für alle Bücher der Serie legen zu können?
A: Diese Frage wird mir immer wieder gestellt - ist aber nicht so ganz einfach zu beantworten.
Grundsätzlich kann man sagen, daß ich mir die Zeit, über die ich schreibe, schon "erarbeitet" habe. Das bedeutet, ich weiß darüber jetzt sicherlich einiges - aber längst nicht alles. Was in erster Linie damit zusammenhängt, daß das 18. Jahrhundert eine Zeit des Umbruchs war, in der so vieles geschehen ist. Zum Beispiel unterscheiden sich die Jahre 1740 und 1770 ganz gewaltig - was die Mode, das Denken, die Veröffentlichungen (es war ja die Zeit der Aufklärung) anbetrifft.
Die Neuberin-Biographie, die den "Anstoß" für meine Krimis gab, endet 1760 - meine Romane liegen alle etwas später.
Das wiederum bedeutet, daß ich nach wie vor Informationen sammeln, genaue Kenner der Zeit befragen muß. Und das ist nicht immer leicht, denn manche Kleinigkeiten weiß oft keiner, da in Hamburg stets alles anders war (dort orientierte man sich z.B. mehr nach England als nach Frankreich, wie der Rest der damaligen Welt).
Es bedeutet auch, daß bei jedem neuen Buch, hinter dem wieder eine gute Portion "Wühlarbeit" steckt, eine Weiterentwicklung stattfindet, daß ich sensibler werde für die Feinheiten, daß mir auffällt, daß ich dieses oder jenes Detail im letzten Buch noch nicht wußte.
Es bedeutet auch, daß ich mich - wenn in unterschiedlichen Quellen unterschiedliche Angaben zu ein und demselben Thema sind - für eine Version entscheiden und auch bei dieser bleiben muß.
Man hat mich "detailversessen" genannt, aber diese Bezeichnung mag ich nicht, sie trifft nicht den Punkt. Mir geht es um das Bild, darum, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen. Wenn ich über eine Teegesellschaft schreibe, dann will ich nicht nur wissen: Was trugen die Leute? Worüber unterhielten sie sich? Sondern auch: Wie sahen die Tassen aus, aus denen getrunken wurde? Wie schmeckte der Tee?
Dann wird die ganze Geschichte für mich lebendig, dann sehe ich sie vor meinem geistigen Auge, höre die Dialoge - und kann das auch, zumindest hoffe ich es, an meine Leser weitergeben.
Zeitlich gesehen, kann man rechnen, daß ich für die reine Recherche an einem Buch (ich muß ja jedesmal neue Experten finden, da ich immer einen anderen Schwerpunkt habe) circa sechs Monate brauche, mit dem Schreiben zusammengenommen sprechen wir dann von einem Jahr pro Roman.
F: Woher stammt die Idee "echte" historische Personen an der Handlung teilnehmen zu lassen?
A: Ich wollte jene Zeit plastisch machen. Dazu gehören auch und vor allem Details. In Bezug auf Architektur und Stadtbild, Sitten und Gebräuche und natürlich die Menschen jener Zeit. Da bleibt es nicht aus, daß man auf bekannte Namen stößt - was wiederum für den Leser einen gewissen "Hallo"-Effekt mit sich bringt, etwas Vertrautes hat und so das Bild, das ich in einem Roman zeichne, genauer und leicht faßbar macht.
Ich möchte aber betonen, daß - ohne patriotisch sein zu wollen - "Hamburg" mein Thema, meine "Hauptperson" ist, die Stadt und die Leute. Und zwar ebenso die "kleinen" wie die "großen".
F: Nach welchen Kriterien werden diese historischen Personen ausgewählt?
A: Hauptsächlich danach, ob sie wirklich zu jener Zeit in Hamburg lebten. Angefangen hat eigentlich alles mit Telemann - um den kommt man nicht herum, wenn man sich mit der Stadt und dem 18. Jahrhundert beschäftigt. Ich mochte diesen alten, schrulligen Herrn so gerne, da konnte ich nicht widerstehen und habe ihn "eingebaut".
Die Mehrzahl meiner "realen Figuren" sind nicht so bekannt, sie gehören halt zu der Zeit. Und ab und an ist dann eben einer dabei, den man auch außerhalb Hamburgs Stadtgrenzen kennt, z.B. Lessing. Nur, wenn sie einmal "in der Welt" sind, diese Persönlichkeiten (also in der Welt meiner Erzählungen), dann wollen sie immer weiter mitspielen.
F: Welche "Inspirationen" nutzen Sie, um die Schwerpunkte der Bücher festzulegen, soweit sie sich auf geschichtliche Grundlagen stützen?
A: Zu Anfang steht bei mir immer die Frage:
Wie war Hamburg damals? Wie verhielten sich die Menschen in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten? Welche Gewerbe waren wichtig?
Sobald ich dann anfange, darüber zu lesen, stoße ich auf immer neue Dinge, die ich sehr erstaunlich finde, über die ich selbst mehr wissen möchte und von denen ich denke, daß sie auch meine Leser interessieren werden.
Wenn dann noch Informationen dazukommen, wie z.B., daß damals bei den Kattundruckern die Farbzusammensetzung geheim war, dann gehen bei mir alle Lampen an (siehe "Lorettas letzter Vorhang" a.d.R.).
Ich habe ja meine Hauptpersonen (Komödiantin Rosina und Kaufmannsfamilie Herrmanns, a.d.R.) bewußt so gewählt, daß sie sich praktisch in allen Bereichen der Stadt, armen und reichen, bewegen können.
Und es hat sich so ergeben, daß ich in jedem Roman ein bestimmtes Handwerk oder Gewerbe vorstelle. Weil es mich selbst interessiert und es den Alltag jener Zeit plastisch macht.
Bei meinem neuesten Buch "Die zerbrochene Uhr" (erscheint im November, a.d.R.) hingegen, lief das allerdings anders.
Da sah ich während einer Reise eine Tafel an einer Hauswand und die gab mir die Idee. Was allerdings darauf geschrieben stand, das werde ich Ihnen nicht verraten...
F: Gibt es eine Figur im großen Reigen der Charaktere, die Ihnen ganz besonders am Herzen liegt?
A: Zunächst hatte ich den Schwerpunkt auf Rosina gelegt, die der Friederike Caroline Neuber nachempfunden ist.
Dann ergab es sich aber, daß auch Claes Herrmanns immer mehr Raum einnahm - er hat sich mitsamt seiner Familie sozusagen ind en Vordergrund gedrängt, wie Männer eben so sind...
Und jetzt sind die zentralen Figuren mir eigentlich alle gleich lieb. Zum Beispiel hätte ich gern selbst eine solche Tante wie Augusta gehabt. Die mußte ich nur leider im zweiten Band zur Kur nach Bad Pyrmont schicken, weil es sonst zu unübersichtlich geworden wäre.
Also lasse ich manche Personen in eher unregelmäßigen Abständen auftauchen - aber die meisten kommen wieder, das kann ich versprechen!
F: Ihre Lesungen sind immer gut besucht. Was schätzen Sie persönlich dabei am meisten, was gefällt den Zuhörern am besten?
A: Was mich (und die Buchhändler, die solche Veranstaltungen organisieren) immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, daß bestimmt 50% der Teilnehmer Männer sind. Sonst gehen doch überwiegend Frauen zu Lesungen.
Natürlich bin ich auch dafür verantwortlich, daß so ein Abend interessant, informativ und unterhaltsam zugleich ist. Sonst ist es langweilig und das haben die Zuhörer nicht verdient, schließlich könnten sie ja auch ins Kino gehen anstatt da zu sitzen und zu hören, wie ich drei verschiedene Stücke aus dem Buch präsentiere. Ich wähle immer unterschiedliche Passagen aus: eine die spannend ist, eine intensive und eine, die den VHS-Kurs über das jeweils eingebaute Gewerbe erspart - schließlich soll man ja einen Einblick auf den gesamten Roman erhalten.
Wenn ich dann lese und es wird ganz still oder der ganze Saal lacht, dann ist das für mich als Autorin natürlich eine wunderbare Rückmeldung.
Den Zuhörern gefällt, glaube ich, am meisten, daß wir im Anschluß an die Lesung selbst (Dauer ca. 1 Stunde) noch Zeit haben für Gespräche und Fragen. Manchmal bis zu zwei Stunden lang.
Dabei interessieren sich die Männer überwiegend für Details zu den Gewerben, die ich vorstelle, die Frauen hingegen wollen mehr über "Beziehungssachen" wissen oder wie denn nun Rosina zu ihrer Narbe im Gesicht kam.
Das, und vieles mehr über die Vergangenheit der Komödiantin, ich verspreche es Ihnen, werden Sie erfahren - schon in einem meiner nächsten Bücher....

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Frau Oelker sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Oktober 1999)

(Foto: Kristina Jentzsch)