Exklusivinterview mit Kerry Greenwood

Warum und wann haben Sie begonnen, Kriminalromane zu schreiben?

Ich fing an Krimis zu schreiben, weil ich wollte, daß jemand das druckt, was ich geschrieben hatte. Und glauben Sie mir, es war ein sehr steiniger Weg, ein schmerzvoller Prozeß, der die Seele zerstört, etwas, das ich nie im Leben wiederholen möchte.
Der Roman, den ich verkaufen mußte, war kein Krimi, sondern eine historische Geschichte und ich war damit vier Jahre lang von Verleger zu Verleger gepilgert. Der einzige Grund, warum ich nicht aufgab ist der, daß ich eine sehr hartnäckige Person bin.
Dann reichte ich das Manuskript beim “Vogel Preis” ein, einer Auszeichnung für Erstlingsromane. Eine der Jurorinnen des Vogel Verlags (Australien) gab mir zwar nicht den Preis, bat mich aber, sie aufzusuchen. Bei diesem Termin teilte sie mir mit, daß sie den historischen Roman nicht gebrauchen konnte – wohl aber ein paar gute Krimis.
Ich akzeptierte das Angebot so schnell, daß das Echo von den Wänden zurückgeschallt sein muß – und dann saß ich in der Straßenbahn auf der Brunswick Street und fragte, wo ich mich da hineingeritten hatte. Ein Krimi! Ich hatte niemals einen geschrieben. Gut, ich hatte die Dinger gelesen, seitdem ich lesen konnte, aber ich hatte nie auch nur versucht, einen zu verfassen und hatte nicht den leisesten Schimmer, wo und wie ich anfangen sollte.
Also dachte ich mir zuerst eine Figur aus. Ich sagte mir, wenn Du erst eine Heldin hast, dann kann sie Dir sagen, wie es weitergehen wird.
Ich hatte beschlossen, meine Krimis in den Zwanziger Jahren spielen zu lassen, genauer gesagt 1928, weil ich einen Aufsatz in Rechtsgeschichte über den Hafenstreik von 1928 geschrieben hatte, denn mein Vater war ja ein Hafenarbeiter, und weil ich mich mit Hilfe von Zeitungsartikeln und Interviews ziemlich gut in eben dieses Jahr eingearbeitet hatte.
Meine Schwester Janet hat ein Gesicht und eine Figur, als käme sie geradewegs aus den Zwanzigern: klein, zierlich, elegant, schwarze Haare, ganz helle Haut und grüne Augen. Außerdem trug Janet damals noch einen Bubikopf. Sie sah aus wie die Flatterhaftigkeit in Person.
Dann brauchte ich natürlich einen Namen. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich in den Geburtenregistern von 1900 nachgeschlagen und dabei festgestellt, daß viele alte griechische Namen dabei waren – Psyche, Irene, Iris.
Diese Damen (die Nymphe Psyche, Irene, die Göttin des Friedens und Iris, die Regenbogen-Nymphe) waren viel zu respektabel, um ihren Namen der Art von Person zu leihen, die meine Heldin verkörpern sollte. Da fiel mir Phryne ein, eine Kurtisane im alten Griechenland, die so wunderschön war, daß Phidias sie zu seiner Aphrodite machte und dabei so reich und berühmt, daß sie anbot, die Mauern von Theben wieder aufzubauen. Allerdings unter einer Bedingung: ein Schild sollte dort angebracht werden, mit der Aufschrift: “Die Mauern von Theben. Zerstört durch die Zeit, wieder aufgebaut von Phryne, der Kurtisane. Genau die Frau, die ich suchte!
Den Nachnamen habe ich sorgfältig zusammengebastelt, als so eine Art akademischen Scherz. Sie ist eine Menschenfischerin – wie alle Detektive. Der Name spiegelt aber auch die Gralssage “Roi Pechoneur”, den Sünder oder den König der Fischer wieder. Dieses absurde Wortspiel mit Sünde und Fisch hat mir immer schon gut gefallen. Außerdem gab es in Paris eine Straße mit Namen “la Rue de la Chat qui Peche” – die beste Adresse, um einen Gigolo aufzugabeln – alles Informationen die ich kunterbunt durcheinander aus den verschiedensten Quellen erhielt. Sie vermischten sich in meinem Kopf während ich in der Bahn saß und als ich in Melbourne ausstieg, hatte ich den Namen meiner Heldin, Phryne Fisher, ich wußte, wie sie aussah und muß nun nur noch daran arbeiten, woher sie wohl kam. Ich ließ sie aus ärmlichen Verhältnissen stammen, damit sie es wirklich würde genießen können, reich zu sein und gab ihr einen Titel, damit die feine Gesellschaft sie nicht einschüchtern würde.

Phryne Fisher hat aber nun alle Wesenszüge, die ein “gutes” Mädchen nicht haben sollte (zumindest nicht zu der Zeit, in der Ihre Romane spielen) – sie ist unabhängig, trinkt, nimmt kein Blatt vor den Mund, ist auch in ihrem Verhalten kein bißchen schüchtern und hat einen Liebhaber nach dem anderen. Worin lag der Reiz gerade eine solche Figur zu erschaffen?

Ich hatte den Wunsch, aus meiner Heldin eine “Traumfrau” für Frauen zu machen. Sie sollte sein wie James Bond – mit besserer Kleidung und weniger technischem Schnickschnack.
Es gab keinen weiblichen Helden im Stil von Leslie Charteris “Simon Templar”, dem “Saint”. Und da die Saint-Bücher just in dieser Zeit der Zwanziger Jahre veröffentlicht worden waren, wollte ich, daß sie eine Art jüngere, ausgeglichenere Schwester von Simon Templar sein sollte.
Alles was ich getan habe, war lediglich einen männlichen Helden jener Epoche in eine Frau zu verwandeln. Kein Mensch findet etwas dabei, daß James Bond ohne Gewissensbisse eine Blondine nach der anderen vernascht.
Ich dachte damals, daß sowieso nur zwei Bücher von mir veröffentlicht werden würden, also packte ich alles, was ich zum Thema Heldinnen zu sagen hatte, in diese beiden Bände.
Moderne Detektivinnen leiden unter Selbstzweifeln, achten nicht darauf, was sie essen, machen sich Sorgen um ihr Fitness-Programm, haben Angst davon, fett zu werden, als ob fett zu sein eine körperliche Entstellung bedeuten würde und leiden im großen ganzen alle unter mangelndem Selbstbewußtsein und Schuldgefühlen.
Ich hingegen wollte eine Figur ohne Schuldgefühle, mit grenzenlosem Selbstvertrauen, vielleicht sogar mit Vorbildcharakter. Es war keine Herausforderung, sie zu erfinden. Ich habe immer den Eindruck gehabt, daß das, was ich mir ausgedacht habe, lediglich der Namen und der Hintergrund waren. In dem Moment, als ich die erste Zeile von “Miss Fisher und der Schneekönig” schrieb, erwachte meine Heldin zu ihrem ganz eigenen Leben und nach den ersten fünf Kapiteln hatte ich keine Kontrolle mehr über sie. Mir ist, als hätte ich Phryne viel mehr entdeckt als erfunden.

Leiten sich Miss Fishers erstaunliche Fähigkeiten von dem ab, was Kerry Greenwood kann, will sagen: Können Sie ein Flugzeug fliegen oder eine Pistole benutzen?

Was die Zwanziger Jahre anbetrifft, so ist sie sicherlich eine erstaunliche Person – aber keine unmögliche Figur. Nichts von dem, was sie tut, steht zur damaligen Zeit, die ja sehr schrill und revolutionär war, völlig außer Frage.
Und ja, Kerry Greenwood kann ein kleines Flugzeug fliegen (obwohl ich nur ein einziges Mal in einer “Tiger Moth” gesessen bin) und Kerry Greenwood kann auch eine Waffe abfeuern, wie Phryne sie bei sich trägt (zumindest habe ich das aus Recherchegründen getan).

Ihre Romane spielen in Melbourne in den “Goldenen Zwanzigern”. Ganz eng verknüpft mit der Handlung liefern Sie auch eine Fülle von Details, die sich auf das Alltagsleben jener Zeit beziehen – sehr häufig nicht nur trist, sondern für einen Teil der Bevölkerung, wie Dienstmädchen oder Arbeiter richtig unerfreulich. Wie lange brauchten Sie, bis Sie in der Lage waren, so ein lebhaftes Bild zu entwerfen?

Die Recherchearbeit ist ganz wichtig, um ein Buch authentisch zu machen. Außerdem liebe ich es zu recherchieren. Bei historischen Romanen bewegt man sich immer auf einem ganz dünnen Grat: zu viele Details und der Leser langweilt sich. Zu wenige und es ist nicht überzeugend. Der ideale Zustand für einen Leser ist der, wenn er dem Autor vertraut, daß der ihm schon verraten wird, was er wissen muß.
Wie zum Beispiel im Paris von Maigret oder im Shrewsbury von Ellis Peters. Mir persönlich ist es wichtig zu wissen, auf welchen Straßen Phryne entlang geht. Glücklicherweise ist ein Großteil von Melbourne noch so, wie es in den Zwanzigern war. Ich nutze alles, was noch vorhanden ist.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, diese Hintergrundinformationen einfließen zu lassen? War es in erster Linie deshalb, um den Romanen mehr Authentizität zu verleihen, der Handlung mehr “Farbe” zu geben oder verstehen Sie es als eine Art “Mission” Ihre Leser über die Zustände, die damals herrschten, aufzuklären?

Meine Lieblingsautorin, Dorothy Sayers, baute immer eine Portion gründlicher Recherche in ihren Büchern ein und als ein Tribut zu dieser großartigen Frau beschloß ich, dies ebenfalls zu tun.
In jedem meiner Bücher präsentiere ich Ihnen, neben der Handlung, eine neue Tatsache über das Melbourne von 1928. Mehr als eine Mission ist das ein Geschenk an meine Leser.

War es von Anfang an Ihre Absicht, aus den Abenteuern von Miss Fisher eine Serie zu machen?

Wenn ich Ihnen erzähle, wie ich meine Bücher schreibe, dann beantwortet sich diese Frage von selbst. Ich wähle einen neuen Aspekt von Melbourne aus, den ich anfange zu recherchieren – das Theater, den Zirkus, Jazz, das Fliegen, der Hafen.
Dann verbringe ich sechs Monate damit, alles herauszufinden, was es darüber zu wissen gibt. Etwa ein Hundertstel von dem, was ich tatsächlich über dieses Thema zusammengetragen habe, findet schließlich seinen Niederschlag im Buch. Ich muß das alles jedoch wissen, um das Buch überhaupt schreiben zu können.
Wenn man es genau betrachtet, leiste ich für jeden meiner Romane soviel wie ein Doktorand, der seine Promotionsarbeit schreibt (allerdings hat man beim Lesen meiner Bücher mehr Spaß).
Nach einiger Zeit übt die Geschichte Druck auf mich auf und schließlich weckt sie mich nachts um drei und besteht darauf, zu Papier gebracht zu werden.
Andere Autoren haben eine junge, wundervolle Muse, die in einem Feuerball herniedersteigt, um sie zu inspirieren. Wenn ich meine Muse jemals sehen könnte, so wäre sie unter Garantie eine alte Dame mit Dutt und Brille, die mir ihren spitzen Finger in den Rücken rammt, während sie murrt: “Steh auf und schreib das Buch!” – und natürlich gehorche ich stets. Denn wenn ich es nicht tue, dann wird die Handlung irgendwie verwaschen und versickert so langsam.
Ich plane die Phryne Bücher ganz und gar nicht. Sobald ich mit meiner Recherche fertig bin, muß ich nur schnell genug schreiben, um den Faden nicht zu verlieren. Das Schreiben selbst dauert dann so um die drei Wochen.

Könnten Sie sich vorstellen, eine andere Heldin in einem anderen Umfeld zu erfinden oder sind Sie so glücklich mit Phryne, daß Sie denken, Ihre “Beziehung” wird eine fruchtbare und lang andauernde sein?

Ich habe viele andere Bücher mit vielen anderen Heldinnen geschrieben, aber Phryne ist mein Liebling und ich bin jedesmal entzückt, wenn sie wieder mit einem neuen Buch in mein Leben tritt. Unser Verhältnis ist sehr herzlich und ich freue mich immer, sie wiederzusehen.

Schließlich: Sollte eine Filmgesellschaft jemals auf den Gedanken kommen (was meiner Ansicht nach mehr als berechtigt wäre), aus den Büchern einen Film oder eine Serie zu machen, wen hätten Sie gerne als Darsteller für Phryne Fisher, ihr Dienstmädchen Dot und die zwei Taxifahrer Bert und Cec?

Ich weiß nicht, wer die Hauptrollen spielen sollte. Diana Rigg ist wahrscheinlich zu alt (obwohl ich sie wundervoll finde) und sie war es, die ich im Hinterkopf hatte, als ich das erste Mal an Phryne dachte. Viele gute australische Schauspieler könnten Bert und Cec darstellen.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Dezember 1999)

(Foto: Carmel Shute)