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Exklusivinterview mit
Faye Kellerman
F: A propos "Doch jeder tötet, was er liebt" - Haben Sie einen ruhigen Schlaf?
A: (Lacht) Ja, ich schlafe nachts recht gut. Ich bekämpfe meine Ängste dadurch, daß ich darüber schreibe. D.h. wir Autoren kreieren furchteinflößende Situationen und lösen sie dann in der Handlung auf. So einfach geht das natürlich im "echten" Leben nicht - aber zumindest hat man dann das Gefühl, irgendetwas getan zu haben. Und das ist dann doch recht hilfreich.
Was mich allerdings nachts am Schlafen hindert, sind neue Ideen für mein Buch. Meistens bekomme ich sie, wenn ich gerade nichts tue. Bzw. wenn nichts um mich herum mich ablenkt - so wie in diesem Stadium kurz vor dem Einschlafen. Oder auf langen Flugreisen - da gibt es keinen Mann, keine Kinder, keine Hunde, keine Arbeit, da sind nur mein Laptop und ich.
F: Stichwort "Einfälle im Bett" - haben Sie immer etwas zu schreiben auf dem Nachttisch?
A: Ja, das auch. Aber es gibt ja diese Situationen, in denen man zu müde zum aufschreiben ist.... Manchmal fällt mir dann alles wieder ein, sobald ich das nächste Mal den Kopf auf mein Kissen lege. Vielfach erlebe ich aber auch, daß alles was ich mir ausgedacht, aber nicht notiert habe, "irgendwie" zu mir zurückkommt - eventuell ein bißchen abgewandelt...
Nichts geht für immer verloren, auch wenn man es nicht gleich aufschreibt. Ich weiß noch gut, als ich damals meinen allerersten Computer hatte und man noch alles auf diese großen Floppys speicherte, da drückte ich eines Tages den falschen Knopf und alles war gelöscht. Weg. Komplett verschwunden. 8 Kapitel. Und doch ist es mir gelungen, alles noch einmal zu schreiben. Es war mein erstes Buch, d.h. der Zeitverlust war nicht so wichtig, da ich in dieser Hinsicht keinem Druck unterworfen war.
Das Schlimmste was ich in dieser Beziehung jemals gehört habe, war eine Geschichte, die mir mein Agent erzählte: Eine seiner Autorinnen hatte einen umfangreichen historischen Roman geschrieben und war gerade auf dem Weg in den Copyshop, da wurde ihr Auto geklaut - mitsamt dem Manuskript. Kopien gab es keine. (Lacht) Wäre mir das passiert, wahrscheinlich hätte ich mich erschossen! Aber diese Autorin hat alles noch einmal aufgeschrieben. Aus dem Gedächtnis.
F: In der Regel sind die Hauptfiguren Ihrer Serie Pete und Rina - diesmal gibt es eine "Ich-Erzählerin", Terry. Ist das nicht eher ungewöhnlich?
A: Das ist in der Tat höchst ungewöhnlich und hat auch einen ganz bestimmten Grund: Die meisten Schriftsteller haben vor ihrem ersten, bei einem Verlag veröffentlichten Buch eine ganze Menge geschrieben. Meinen ersten Roman verfaßte ich etwa fünf Jahre bevor ich "richtig" verlegt wurde. Es war ein sehr, sehr umfangreiches Buch - ca. 2000 Seiten dick. Ein typischer Erstling - wie bei den meisten Leuten einer, der sich mit dem Erwachsenwerden beschäftigte. Das Ding war also ziemlich lang - und nicht besonders gut. Aber einige der Figuren, die ich erfunden hatte, waren gut. So gut, daß sie fast zwanzig Jahre in meinem Hinterkopf blieben - bis ich schließlich "Denn jeder tötet, was er liebt" geschrieben habe.
In diesem Buch wollte ich über Teenager schreiben und mir fiel plötzlich ein: "Hey, ich brauche keinen neuen Teenager zu erfinden, das habe ich ja schon einmal getan!" Nämlich in meinem allerersten Roman. Also nahm ich die beiden, Teresa und Christopher, und "setzte" sie in "Denn jeder tötet...".
Allerdings hatte ich da ein Problem: Als ich nämlich mein Buch über die Zeit des Erwachsenwerdens geschrieben hatte, tat ich dies in der ersten Person. "Teresa" war die Hauptfigur. Und wenn sie zu mir sprach, dann tat sie das in der "Ich-Form". Als ich nun diese Protagonistin in ein Buch aus der "Decker"-Serie hineinschrieb, da tat ich es anfänglich in der dritten Person - "Sie tat dies und das". Aber das funktionierte nicht. Es ging einfach nicht - denn in meinem Kopf war da diese "Ich-Erzählerin". Dann habe ich einfach dieser "Ich-Figur" freien Lauf gelassen und plötzlich lief die ganze Sache.
F: Das Ende ist ja in gewisser Weise sehr offen - werden wir die beiden, Chris und Teresa, nochmal wiedersehen? In einem späteren Roman?
A: Vielleicht. Ich sage jetzt weder "ja" noch schließe ich es aus. Es gibt noch eine Reihe anderer Geschichten, über die ich schreiben möchte. Und außerdem müssen die beiden noch ein bißchen "leben" bevor ich sie zurückkehren lassen kann.
Mal sehen: "Doch jeder tötet..." habe ich 1995 geschrieben, also wäre Teresa jetzt 21 - vielleicht lasse ich sie in fünf Jahren wiederkommen...
F: Das bedeutet, daß ihre Figuren - wenn Sie sie denn in einem Folgeband wieder zum Leben erwecken - effektiv die Anzahl Jahre altern, die zwischen dem Schreiben des einen und des anderen Buches vergangen sind. Sie knüpfen NICHT dort wieder an, wo Sie aufgehört haben?
A: Nein. Denn die Protagonisten sollen ja etwas erlebt haben, bevor sie wieder auftreten. Und zwar nicht irgendwas, sondern schon so interessante Ereignisse, daß sie dadurch geprägt und verändert werden.
Insgesamt kann man schon sagen, daß es hin und wieder Figuren gibt, von denen ich mich schlecht trennen kann. Z.B. gibt es da diesen Abel Atwater, aus dem Buch "Abschied von Eden" (Original: "Milk and Honey") - ich kriegte ihn einfach nicht aus meinem Kopf. Also habe ich ihn in einer Nebenrolle im Buch "Der Schlange List" (Original: "Serpent's Tooth") nochmal auftreten lassen.
F: Nochmal zurück zu "Doch jeder tötet...": Der Christopher ist eigentlich irgendwo ein ganz netter Kerl, trotzdem er im Grunde ein schlechter Mensch ist...
A: (Lacht) Ein schlechter Mensch, den die Leute aber mögen! Vor allem Frauen kommen oft nach Lesungen zu mir und sagen: "So übel ist er doch gar nicht!" Was natürlich nicht stimmt! Der Typ ist alles andere als ein Chorknabe - aber er ist auch charmant und letztendlich in seinem Handeln Teresa gegenüber sehr edelmütig und er liebt sie wohl wirklich. DOCH TROTZDEM IST ER EIN SCHLECHTER MENSCH!
F: Das heißt, es macht Ihnen auch Spaß, "böse" Figuren zu erschaffen?
A: Ich mag komplexe Figuren. Menschen sind nicht NUR gut oder NUR böse. Außerdem möchte ich gerne zeigen, warum sich manche Beziehungen verändern - auch zum schlechten hin. Es liegt nicht etwa daran, daß der Mensch plötzlich von heute auf morgen "böse" wird. Oft hat es damit zu tun, daß die Menschen sich erst im Lauf der Zeit besser kennenlernen und erst dann unter der Oberfläche Charakterzüge zu Tage treten, die das Scheitern einer Beziehung nach sich ziehen. Das ist ja oft das Tragische: Nach der ersten totalen Verliebtheit folgt die Phase, wenn man die Persönlichkeit des anderen nach und nach entdeckt und sie sich im Alltag bewähren muß... Dann kommt der Punkt, an dem man sich einfach entscheiden muß und ich denke, Teresa hat das Richtige getan.
F: Was halten Ihre Kinder von diesem Buch?
A: Ich glaube gar nicht, daß einer von ihnen dieses Buch gelesen hat. Obwohl (zumindest drei der vier) sie natürlich mit 16, 19 und 22 alt genug dafür wären. Ich denke, es liegt daran, daß sie einfach einen anderen (Literatur-) Geschmack haben. Außerdem müssen sie viel für die Schule lernen und lesen.
Mein erstes Buch "Denn rein soll deine Seele sein" (Original: "The Ritual Bath") kennen sie natürlich alle. Und eine meiner Töchter, Rachel, hat auch fast alles andere von mir gelesen.
"Denn jeder tötet..." hat eine sehr starke sexuelle Komponente. Ich bin mir nicht sicher, wie meine Kinder reagieren würden, wenn sie so etwas von mir lesen würden. Bisher war das noch kein Thema - obwohl ich zum Beispiel in der Vergangenheit auch sehr gewalttätige Dinge in meinen Büchern beschrieben habe. In diesen Fällen mußten meine Sprößlinge meist lachen und sagten: "Hey, es ist MAMA, die sich das ausgedacht hat!" Andere Leute hingegen, die mich schon lange kennen und dann eines meiner Bücher lesen, sind immer völlig fassungslos: "Wir wußten gar nicht, was für gruselige Dinge du im Kopf hast!" (lacht).
Meine Phantasie ist eben sehr ausgeprägt.
F: Nochmal zurück zu den Kindern: Wenn sie gefragt werden, welchen Beruf ihre Eltern ausüben, was antworten sie?
A: Sie sagen: "Die schreiben Bücher. Krimis." Und manchmal kommt natürlich die Frage: "Aber wie SIND deine Eltern?" Worauf sie antworten: "Wie alle Eltern eben - Sie fordern mich auf, mein Zimmer aufzuräumen!"
Abgesehen davon, haben wir ein sehr offenes Verhältnis. Mein Sohn z.B., das älteste meiner Kinder, schreibt auch. Und er ist in dieser Hinsicht mit Sicherheit begabter als ich es bin. Außerdem hat er sich ein Gebiet ausgesucht, auf dem er nicht mit seinen Eltern konkurrieren muß: er schreibt gerade an einem historischen Roman.
Ich denke, daß er sich damit abgefunden hat, daß sowohl mein Mann als auch ich unseren Unterhalt mit dem Schreiben verdienen. Er spricht offen über diese Situation, was ich für sehr gut halte, und er gibt uns auch die Dinge, die er schreibt, zum Gegenlesen. Zum Glück sind seine Sachen wirklich sehr, sehr gut.
Auch eine meiner Töchter, die 16-jährige, wird wohl einen beruflichen Weg wählen, der mit dem Schreiben zu tun hat. Allerdings denke ich, daß es bei ihr eher in Richtung Journalismus gehen wird. Ich bestärke sie darin auch, denn sie liebt Menschen und sie liebt es, ihnen ein Loch in den Bauch zu fragen. Außerdem kann sie hervorragend zuhören und andere zum sprechen bringen.
Die 19-jährige hingegen hat kein Interesse am Schreiben - obwohl auch sie das nicht schlecht macht. Ich denke, sie möchte lieber Psychologin werden.
Schließlich ist da noch die ganz Kleine, die acht Jahre alt ist - sie hat gerade diese Phase, in der die Kinder herumlaufen und mit sich selbst sprechen.
F: Aber ist es nicht doch schön, seine eigenen Talente in den Kinder wiederzufinden?
A: Das ist es mit Sicherheit. Wobei ich denke, daß die Fähigkeit zu schreiben eine Begabung ist, die man hat oder auch nicht. Das allein reicht aber nicht. Denn die angeborene Begabung ist eine Sache - sich dessen bewußt zu werden, eine zweite. Und um etwas daraus zu machen, muß man dann als drittes noch richtig harte Arbeit hineinstecken. Es gibt einen Haufen Leute, die nicht begriffen haben, daß Schreiben darin besteht, einen Text zigmal umzuarbeiten. Penibel zu sein. Nicht bis zu dem Punkt, an dem man es niemandem mehr zeigt, weil immer noch irgendwo eine kleine Ecke oder Kante ist. Ach doch so, daß man der festen Überzeugung sein kann: Besser geht es nicht!
F: Besteht Ihrer Ansicht nach ein Unterschied zwischen einer Autorin, die Mutter ist und jemand, der keine Kinder hat?
A: Ich denke, daß jemand, der nie Kinder - aber dafür jede Menge Zeit gehabt hat, fast im Nachteil ist. So jemand hat all diese Stunden, die vor ihm/ihr liegen, aber niemanden, FÜR den er das tut, was er tut.
Als Mutter würde ich, wie jede andere Mutter, manchmal alles darum geben, mehr Zeit zu haben. Aber man arbeitet wesentlich konzentrierter. Sprich: Wenn du genau weißt, du hast jetzt drei Stunden frei, denn genau so lange ist der Babysitter gebucht, dann nutzt du diese drei Stunden auch.
Außerdem glaube ich, daß es immer besser ist, neben dem Schreiben noch etwas anderes zu haben. Man erweitert den eigenen Horizont. Und in meinem Fall kommt noch etwas anderes hinzu: In meinen Büchern schreibe ich über eine Familie und da kann ich viel von meinem ganz persönlichen Leben und Er-Leben mit den Kindern verwerten.
F: "Kennen" Sie Ihre Leser, d.h. wissen Sie, wer überwiegend Ihre Bücher kauft?
A: Wahrscheinlich mehr Frauen als Männer.
Dann natürlich viele Juden, denn sooooo viel gibt es in dieser Hinsicht sonst nicht zu diesem Thema.
Altersmäßig würde ich sagen: viele in meinem Alter, d.h. zwischen vierzig und fünfzig. Aber ich habe bei meinen Lesung auch schon Tochter, Mutter und Großmutter da gehabt - das gibt es alles und das macht mich auch sehr stolz.
Dann mögen meine Bücher natürlich die Krimifans - aber auch solche Leute, die einen guten Thriller zu schätzen wissen.
Daneben habe ich viele Leser aus dem kirchlichen Bereich - nicht nur Juden, denn oft geht es bei mir ja auch um religiöse Themen im allgemeinen.
Und schließlich fühlen sich bei mir all die Menschen gut aufgehoben, die ein Faible für eine gute Geschichte haben.
Doch egal in welcher Gruppe, es sind, wie eingangs erwähnt, meist mehr Frauen als Männer. Als Krimi-Autorin ist es sehr schwierig, Zugang zu einer männlichen Klientel zu finden. Wenn ein Kerl dann erst mal eines meiner Bücher gelesen hat, dann ist er meistens hin und weg. Aber diese "Einstiegshürde" zu überwinden, das ist das Problem.
Dabei gibt es gerade bei den Krimi-Schriftstellern auch rein historisch gesehen, eine lange Reihe sehr erfolgreicher Autorinnen: Agatha Christie, Dorothy Sayers, P.D. James, Ruth Rendell und jetzt in jüngster Zeit, Patricia Cornwell.
Das zeigt mir: Wenn die (männlichen) Leser erst mal "Blut geleckt" haben, dann ist alles in Ordnung, schwierig ist nur der Weg bis dahin...
F: Wie ich bereits sagte, vertrete ich hier eine Krimi-Internetseite. Surfen Sie auch? Haben Sie eine Webseite oder Email-Adresse, über die Ihre Fans Sie erreichen können?
A: Ich habe einen Computer und bei meinem (amerikanischer) Verlag gibt es auch eine Faye-Kellerman-Webseite. Ich selbst habe kein Modem - mein Mann hat eines.
Das benutze ich bei Bedarf dann auch. Und ich denke, wenn man etwas herausfinden oder recherchieren möchte, dann geht wirklich nichts über das Internet.
Nur ein Beispiel: In einem meiner Bücher ging es um ein bestimmtes Krankheitsbild. Auf einer medizinischen Site konnte ich dazu eine ganze Reihe von Artikeln finden. Hätte ich das auf "konventionellem" Weg erledigen wollen, hätte ich in die Bücherei fahren müssen, dort möglicherweise das Archiv konsultieren und Berge von alten Ausgaben medizinischer Fachzeitschriften wälzen müssen. So hingegen hatte ich ruck zuck all die allgemeinen Informationen, die ich brauchte und wußte nun genau, welche Detailfragen ich einem Arzt stellen mußte, den ich natürlich wegen der genauen Einzelheiten noch in jedem Fall konsultierte. Für solche Zwecke ist das Internet eine wahre Goldgrube.
Ein anderer Aspekt, der mir gut gefällt, ist die Tatsache, daß man auf diese Weise nach vergriffenen und seltenen Büchern suchen kann.
Dann die Möglichkeit, zu jedem noch so speziellen Fachgebiet einen Experten aufzutun - das geht eben nur deshalb, weil die ganze Welt angeschlossen ist.
Und schließlich mag ich es, nach Erscheinen eines neuen Buches mit meinen Lesern chatten zu können. Ich sitze dann zu Hause und bekomme diese Fragen von überall her - währenddessen, wenn ich zu einer Signierstunde nach Los Angeles fahre, ich natürlich nur mit Leuten aus L.A. sprechen kann.
Sollten Sie wissen wollen, wie ich über die Zukunft des Internets im Bezug auf Bücher denke, so würde ich sagen: Sehr hoffnungsvolle Entwicklung im Kurzgeschichtenbereich oder da, wo es um Fachaufsätze geht. Auch das E-Book wird boomen. Trotzdem sehe ich nicht, daß ein Buch auf dem Monitor das "klassische Buch" komplett verdrängen wird. Ich persönlich habe immer noch gern Papier in den Händen, mag den Geruch... Und wenn ich mir vorstelle, Kaffee auf einem E-Book auszugießen, oh Gott, dann wäre der ganze Roman beim Teufel (lacht).
F: Gibt es noch irgendetwas, was Sie unsere User wissen lassen möchten?
A: Ich möchte aus tiefstem Herzen all jenen Menschen danken, die meine Bücher lesen und mögen. Und es ist immer noch schön und aufregend für mich, wenn ich ein direktes Feedback darauf bekomme, d.h. ich würde es sehr begrüßen, Mails (die dann vom Krimiforum weitergeleitet werden - A.d.R.) zu bekommen.
Und sobald mein neues Buch erscheint, können wir durchaus einmal einen Live-Chat machen.
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!
Mit Frau Kellerman sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
Oktober 2000
(Foto: Exley)
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