Man sieht dem Mann mit dem schmalen Gesicht, der entspannt im Foyer einer Stuttgarter Hotelhalle sitzt, nicht an, dass es am Abend zuvor spät geworden ist. Aber als Programmchef eines Verlages (Ruetten & Loening), der einen von ihm entdeckten Autor (den Amerikaner Eliot Pattison) bei seinen Terminen begleitet, hat man eben gewisse Verpflichtungen …
Herr Rohn, vor etwa fünf Jahren haben wir im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit als Krimiautor schon einmal ein Interview geführt – was ist jetzt, fünf Bücher später, anders geworden?
Sehen Sie, mein erstes Buch war in gewisser Weise ein Experiment. Ich wollte – nach meinen Tätigkeiten als Übersetzer, Lektor und Herausgeber – einfach wissen: Kann ich das auch?
Dann stellte sich heraus, dass ich es konnte, außerdem hatte ich Spaß daran – also machte ich weiter.
Aber Ihre Bücher erscheinen nicht in einem der Verlage jener Gruppe (Aufbau nämlich), zu der auch „Ruetten & Loening“ gehört, das Haus, dem Sie als Programmchef vorstehen. Warum nicht? Auch bei ATV werden ja viele erfolgreiche Kriminalromane verlegt …
Für mich ist es ganz wichtig, Privates und Geschäftliches zu trennen. Das gelingt mir auch ganz gut, wenn ich die beiden Bereiche strikt auseinander halte. Was ein Grund dafür ist, meine Bücher nicht bei meinem Arbeitgeber zu veröffentlichen. Der zweite ist, dass sie einfach inhaltlich nicht zum Programm passen. Abgesehen davon habe ich einen eigenen Agenten, der mich auch in solchen Fragen berät.
Am Anfang waren die Romane voneinander "losgelöst" - jetzt gibt es einen Serienhelden, den Kölner Kommissar Brasch. Warum fällten Sie die Entscheidung für eine solche Serienfigur?
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, eine Serie zu schreiben – wie ich schon sagte, war mein erster Krimi eher so eine Art Versuchsballon.
Was hat Sie dann dazu gebracht, Ihre Meinung zu ändern?
Die Figur des Brasch hat mich dann doch interessiert, außerdem reizte es mich, etwas anderes auszuprobieren.
Mein erster Roman („Rote Frauen“) war sehr subjektiv und konzentriert, mein zweiter („Leere Spiegel“ – der erste Brasch-Krimi) war weggerückter und konventioneller.
Dann haben sich plötzlich weitere Themen dazugesellt, andere Milieus kamen hinzu, wie jetzt etwa das des Boxers …
Wo Sie gerade den Boxer erwähnen … Haben Sie persönlich eine Affinität zu diesem Sport?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Es schien mir einfach eine reizvolle Figur zu sein – und wesentlich interessanter als ein alternder Tennisspieler … Alles in allem fand ich, dass es ein stimmiges Milieu ergeben würde – und eine interessante Konstellation: Der Boxer und die Nachtschwester …
Tja und dann sind ja da noch diese beiden Nebenfiguren, zwei osteuropäische Boxer- Brüder … Ein Schelm, der Böses dabei denkt …
Natürlich ist das eine ganz klare Anspielung … - auf der anderen Seite könnte man aber auch sagen, dass hier in anderer Form das „Bruderthema“ aufgegriffen wird, das auch im restlichen Buch zum Tragen kommt. Und mit den beiden Boxern haben wir sozusagen das Abziehbild eines Bruderpaares. Abgesehen davon spielen sie aber nicht wirklich eine Rolle.
Haben Sie denn im Zug Ihrer Recherchen dann auch die verschiedenen Boxstätten besucht? In Köln gibt es ja wohl einiges in der Richtung …
Um eine authentische Atmosphäre schildern zu können, habe ich jetzt nicht alle Boxcamps abgeklappert … Das ist einfach nicht mein Sport!
Aber Ihr Held, der Kommissar Brasch, der schlägert schon mal ganz gern … In „Die weiße Sängerin“ gerät er ja ganz am Anfang mehr oder weniger unfreiwillig in eine Schlägerei – gibt es denn eine Person oder eine Sache für die Sie sich prügeln (lassen) würden?
Ich hoffe nicht, dass ich jemals in so eine Situation gerate! Ich gehöre nicht zu denen, die die Ärmel hochkrempeln und jemanden vermöbeln. Und auch Brasch ist da ja eher reingeschlittert in diese Prügelgeschichte.
Allerdings fand ich es sehr reizvoll, darzustellen, wie Polizisten da in etwas hinein geraten können – und es hat ja einen angedeuteten, realen Hintergrund … Vielleicht erinnern Sie sich: In Köln rückte vor gar nicht so langer Zeit die Problematik „Polizei und Gewalt“ sehr ins Licht der Öffentlichkeit. Es gab da auch Anklagen wegen zu burschikoser Verhaftungen.
Nochmal zurück zu Brasch …
Ja richtig, Sie wollten ja wissen, wie es dazu kam, dass er eine Serienfigur wurde …
Nun, nachdem ich das erste Buch mit ihm fertig geschrieben hatte, stellte ich fest, dass mir diese Figur plötzlich sehr nahe war. Und ich hatte das Gefühl „da lässt sich noch was entwickeln“. Zumal er immer diese mitlaufende private Geschichte hat.
Brasch soll ja nicht nur als Polizist funktionieren (was unter anderem damit zu tun hat, dass ich persönlich gar nicht so sehr an der Polizeiarbeit an sich interessiert bin), ganz wesentlich erschien mir immer dieses Spannungsfeld zwischen Privatleben und beruflicher Tätigkeit.
Wird es also weitere Kommissar-Brasch-Fälle geben?
Einen vierten Band habe ich schon im Kopf – danach muss man sehen.
Momentan schreibe ich gerade etwas anderes – auch einen Spannungsroman – aber eben nichts aus der Serie. So habe ich das auch schon in der Vergangenheit gehalten.
Sie haben alterniert – mal mit Serienheld, mal ohne … - und fast jedes Jahr einen neuen Krimi herausgebracht, 2004 waren es sogar zwei. Eine beachtliche Leistung für einen Mann, der vor Jahren selbst sagte, dass der Krimi an sich nicht zu seiner bevorzugten Lektüre gehört …
Daran hat sich auch nicht so sehr viel geändert. An Polizeiarbeit bin ich nicht wirklich interessiert, außerdem möchte ich nicht nur bei einer Serie bleiben und mich (literarisch) nur in der Stadt Köln bewegen.
Aber die Figur des Brasch hat mich gefangen genommen – so kam es zu den bisherigen drei Bänden.
Doch das Wichtigste ist für mich immer der Spannungsbogen – wie etwa in „Winterkind“, in dem einer vorhat, sich umzubringen.
Okay, Krimi ist nicht so Ihr Ding, boxen auch nicht. Wie steht es aber mit Musik? Ihr neuester Roman heißt ja "Die weiße Sängerin". Welches ist Ihre Lieblingsmusik?
Musik ist ganz wichtig!
Ich mag sehr gern Klassische Musik, aber auch Old Fashioned Rock … Springsteen, Jackson Browne.
Wir danken für dieses Gespräch!
Mit Reinhard Rohn sprach Chefredakteurin Michaela Pelz
(November 2004)
***
F:
Was gab den Anstoß – für den Lektor und Programmleiter – selbst das Schreiben zu beginnen?
A: Da ich bereits schon als Übersetzer als auch als Herausgeber von Anthologien gearbeitet habe, war das eigene Schreiben gleichsam eine letzte große, kreative Herausforderung. Außerdem war es auch eine Art “Gegenarbeit” in einer Zeit, als meine Arbeit als Lektor etwas ermüdend war.
F: Und warum grade ein Krimi?
A: Ich bin überhaupt kein Krimi-Fan (wenn ich auch David Goodis sehr schätze), aber am Kriminalroman hat mich der dramaturgische Bogen gereizt. In keiner anderen Literaturgattung muß man so präzise erzählen.
F: Erstaunlicherweise finden sich in Ihrem Buch sowohl lyrische Elemente als auch knallharte Actionszenen. Dienen die einen dazu, daß sich der Leser von den anderen “erholen” kann, ist das in Ihren Augen die perfekte Ergänzung oder konnten Sie sich einfach nicht für eine Stilrichtung entscheiden?
A: Ich glaube, daß nur action auf die Dauer ermüdet. Außerdem macht es mir Spaß, lyrische Passagen zu schreiben.
F: In Ihrem Roman erfindet der Protagonist einen Namen und eine Biographie für eine Frau, die er nur vom Sehen “kennt”. In welchen Situationen haben Sie so etwas schon einmal getan?
A: Pardon – noch nie.
F: Wie groß ist die Versuchung – nachdem man so etwas einmal gedanklich bis zum Ende durchgespielt hat - tatsächlich Detektiv zu spielen, d.h. sich zu bemühen, von einem x-beliebigen Menschen Namen und Background herauszufinden?
A: So etwas funktioniert nur als Rollenspiel auf der Ebene der Fiktion. Ich würde niemals irgend jemandem hinterherlaufen. Bisher ist es jedenfalls noch nicht vorgekommen.
F: Ihr Held ist, nachdem er sich in die ganze Sache gestürzt hat, förmlich besessen davon, alles über die unbekannte Rothaarige und die Umstände ihres Todes herauszufinden. Sind auch Sie so ein hartnäckiger Hinterfrager, der wie ein Terrier am Ball bleibt, wenn er einmal Blut geleckt hat – ungeachtet der Konsequenzen?
A: Ich bitte, Autor und Erzähler nicht zu verwechseln. Die Geschichte ist pure Fiktion und zeigt, wie jemand, der sich an allem unbeteiligt glaubt, plötzlich in eine unglaubliche Geschichte hineingerät. Mit Verlaub – ich bin im “wahren Leben” nicht so ein hartnäckiger Hinterfrager.
F: Man sagt, daß die meisten Autoren ihre Figuren, gewollt oder ungewollt, autobiographische Züge annehmen lassen. Welche Eigenschaften haben die handelnden Personen vom Menschen Reinhard Rohn übernommen -es muß ja nicht immer die zentrale Figur sein, an der sich so etwas festmacht?
A: Sicherlich gibt es ein paar Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur, aber die sind marginal und eher in einer gewissen Stimmung im Buch zu finden, z.B. in der Musik, die erwähnt wird. Ich bin jedenfalls “ordentlicher” Familienvater, Nicht-Trinker und keinesfalls mondsüchtig.
F: Der Mond spielt ja eine ganz wichtige Rolle. Welche Dinge würden Sie nie bei Neumond tun?
A: Auch hier der Hinweis, daß der Mond lediglich eine Chiffre ist. Ich selbst gehöre nicht zu den Menschen die den Mond anbeten und sich nur bei Vollmond die Haare schneiden lassen.
F: Das Buch spielt in Köln und beim Lesen spürt der Kenner eine große Verbindung des Autors mit der Domstadt. Heute jedoch leben Sie in Berlin – was ist es, das Sie an der Spree am meisten vermissen?
A: Ich arbeite zwar in Berlin, lebe aber – zur Zeit vornehmlich amWochenende – immer noch in Köln. Auch wenn Berlin für Deutschland die große weite Welt sein mag – die “kölsche”, oftmals chaotische Lebensart ist einmalig, und darum schätze ich sie so sehr.
F: Gibt es bereits Pläne für ein neues Buch?
A: Ein zweites Buch ist – heftig – in Arbeit. Ein Kriminalroman mit einem Polizisten in der Hauptrolle.
WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.
Mit Herrn Rohn sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Februar 2000)
(Foto: Günter Prust)