Exklusivinterview mit Jody Jaffe

F: Wenn man Ihrem Foto und den Informationen Ihres Verlages glaubt, dann sind Sie erstens eine sehr attraktive Frau, zweitens eine erfahrene Journalistin und drittens eine hochbegabte Turnier-Reiterin. Wann und warum verspürten Sie den Wunsch, außerdem noch eine ausgezeichnete (und dadurch wahrscheinlich steinreiche) Krimiautorin zu werden?
A: Erstens – ohne Scherz: Diese Fotos wurden nachbearbeitet! Kundige Hände haben meine Falten einfach weggezaubert! Gehen Sie mal davon aus, daß ich eine gewisse Ähnlichkeit mit diesen Bildern habe – wenn man mich in einem halbdunklen Raum sieht....
Zweitens: In der Tat bin ich eine erfahrene Journalistin, das gebe ich zu, was aber – drittens – die Hochbegabung beim Reiten anbetrifft, da würden sich meine Trainer wahrscheinlich totlachen. Angesichts der vielen Jahre, die ich diesen Sport nun schon ausübe, müßte ich viel, viel besser sein. Und je älter ich werde (im Februar 2000 sind es immerhin 47 Lenze), desto mehr verringert sich mein Wagemut.
Mit der Belletristik habe ich begonnen, nachdem ich aufgehört hatte, als Journalistin zu arbeiten. Zunächst waren es Kurzgeschichten und ich liebte die Freiheit, Dinge einfach zu erfinden. Das geht nicht, wenn Sie für eine Zeitung arbeiten (obwohl der eine oder andere hier in Amerika das dennoch versucht – zum Beispiel Janet Cooke...). Acht Jahre lang schrieb ich Kurzgeschichten, belegte diverse “Schreib- Kurse” und machte mich richtiggehend daran, das Schreiben von Belletristik zu lernen. Ich las viel, trat einer Romanschreiber-Gruppe bei, in der viel über das Schreiben gesprochen wurde – wahrscheinlich zu viel. Ein paar wenige meiner Geschichten wurden in kleineren Zeitschriften veröffentlicht.
Bis dann eines Tages einer meiner Freunde, der gleichzeitig Literaturagent war, davon sprach, daß es eine Marktlücke für einen weiblichen Dick Francis gäbe. Er sagte: “Du kannst schreiben, Du kennst Dich mit Pferden aus, mach Du das doch.”
Ich dachte, warum nicht. Also setzte ich mich eines Tages hin, schloß meine Augen, sah das Bild eines toten Pferdes und begann zu schreiben – daraus wurde dann “Tödlicher Parcours” – “Horse of a Different Killer”.
Er verkaufte das Buch (gleich mit einem Anschlußvertrag für einen zweiten Roman) innerhalb von fünf Tagen. Also hatte er recht gehabt, da schien es offensichtlich wirklich eine Marktlücke zu geben.
Was nun die “Unsummen von Geld” anbetrifft, so muß ich Sie leider enttäuschen. Krimiautoren verdienen leider nicht so viel – außer sie landen in der New York Times Bestseller-Liste. Und obwohl mich das People Magazine zur “Buch-Entdeckung der Woche” ernannte (für das Buch “Wie der Teufel” - “Chestnut Mare Beware”), heißt das noch lange nicht, daß ich auch nur in die Nähe der New York Times Bestseller-Liste komme.
F: Ihre Heldin, die Journalistin und Pferdebesitzerin Nattie Gold, hat eine Menge sympathischer Eigenschaften. Darf ich Sie bitten, jene, die ich jetzt aufzählen werde, kurz zu kommentieren, was die autobiographischen Züge anbetrifft?

  • Sehr schlau und nie um eine schlagfertige Antwort verlegen.
    A: Wenn ich lange genug darüber nachdenke, dann kann ich, glaube ich, ansatzweise amüsant sein
  • Manchmal etwas zu direkt, vor allem in Situationen, in denen ein Quentchen Diplomatie nicht geschadet hätte.
    A: Das trifft – zum großen Pech für meine Freunde und Ex-Freunde – leider voll zu. Ich kann zwar lügen, aber ich tue es nicht gerne. Da ich selbst es vorziehe, die Wahrheit gesagt zu bekommen, gehe ich dummerweise davon aus, daß andere das ebenso sehen. (Außer natürlich, wenn es um die Haarfarbe oder einen Schnitt geht – dann möchte ich sehr wohl belogen werden, vor allem, wenn ich aussehe wie Woodie Woodpecker. Falls Sie ihn nicht kennen: Es handelt sich dabei um einen amerikanischen Zeichentrickfilm, dessen Hauptfigur ein Specht mit einer großen Tolle roten Haares ist. Genau so sah ich nämlich eines Tages nach einem besonders katastrophalen Friseurbesuch aus!)
  • Jemand, den alle Menschen sofort in ihr Herz schließen und dem sie auch ihre schrecklichsten Geheimnisse anvertrauen, sogar bei der allerersten Begegnung.
    A: Auch das ist in der Tat der Fall. Ich darf das vielleicht kurz mit einer – nicht jugendfreien – Geschichte belegen. Eines Tages schickte mich der “Charlotte Observer” (die Zeitung, für die ich damals arbeitete) nach Atlanta, um eine Geschichte über AIDS zu machen (das war ganz am Anfang der Achtziger Jahre, als die Krankheit gerade erst bekannt wurde). Ganz kurz nach meiner Ankunft saß ein Schwuler in meinem Hotelzimmer und erzählte mir jede Einzelheit aus seinem Sexualleben – und wenn ich sage, jede, dann meine ich jede... Bis hin zu den diversen Körperöffnungen für Ein- und Ausgang, sportlichen Spielarten bei der Vereinigung und der jeweiligen Anzahl. Keine Ahnung, warum das so ist, aber Leute, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe, erzählen mir Dinge, die ihre Pfarrer, Mütter, Ehemänner, Ehefrauen, Liebhaber etc. nicht über sie wissen.
  • Leidenschaftliche, fast besessene Reiterin.
    A: Ich war eine Pferdenärrin, so lange ich denken kann und obwohl meine Gedächtnisleistung mit zunehmendem Alter nachzulassen scheint, kann man das ganz und gar nicht behauptet, was meine Begeisterung für Pferde anbetrifft. Die ist, im Gegenteil, noch gewachsen.
  • Hellseherin.
    A: Ich war bei einer ganzen Reihe von Leuten mit medialer Begabung, die behaupten, ich sei eine. Ich hatte ein paar Erscheinungen und einige sehr erstaunliche Erlebnisse in Bezug auf Verstorbene, die mir sehr nahestanden (mein Stiefvater und mein Großvater). Aber ich halte mich nicht für übersinnlicher als jeder andere auch.

F: Für den Fall, daß Sie “sämtliche genannten Eigenschaften treffen auf Jody Jaffe nicht im geringsten zu” angekreuzt haben” – welche davon hätten Sie denn gerne?
A: Ich wäre gern eine bessere Reiterin. Das sage ich jetzt keineswegs aufgrund von falscher Bescheidenheit. Und natürlich würde es mir nicht wirklich etwas ausmachen, auf der Bestsellerliste zu landen.
F: Normalerweise läßt sich ein Schriftsteller schon ein wenig von der “wirklichen” Welt, in der er lebt, inspirieren. Hat sich einer ihrer Reiterfreunde jemals beschwert, weil er/sie sich in einem der weniger schmeichelhaften Charaktere wiedererkannte?
A: Ja. Jeder von ihnen. Nicht direkt beschwert. Obwohl, einige haben es schon getan. Meine Figuren sind nur ganz leicht verhüllt, das heißt, jeder in diesen Kreisen weiß ganz genau, von wem ich spreche. In meinem ersten Buch beschloß ich, die schurkische Hauptperson einer “echten” Reiterin nachzuempfinden, die kurz zuvor gestorben war. Ich dachte mir, wenn sie schon tot ist, kann sie mich wenigstens nicht wegen übler Nachrede verklagen.
Fast identisch mit den Vorbildern aus dem wirklichen Leben ist Natties Familie. Ihr Vater Lou und mein Vater Phil sind sich so ähnlich, daß ich seine Aussprüche nur wörtlich zitieren muß. Natties Stiefvater David ist mein Stiefvater Arthur. Nur die Mutter ist eine Art Mischung aus diversen Personen und ähnelt meiner Mutter dann doch nicht so sehr.
F: Wie sieht es mit Ihren Kollegen aus? Jene aus der schreibenden Zunft – fühlten die sich korrekt dargestellt?
A: Daran habe ich meine Zweifel. Ich war nicht sehr nett zu ein paar von meinen vorgesetzten Redakteuren. Aber ich habe die Dinge sehr wahrheitsgetreu geschildert.
F: Nattie Gold ist nun nicht wirklich die beste Freundin ihrer Chefin. Wie sind Ihre ganz persönlichen Erfahrungen wenn es darum geht, mit Frauen zusammenzuarbeiten? Und gibt es einen Unterschied, wenn Sie selbst die Vorgesetzte sind?
A: Ich hasse diese Frage, denn ich bin eine Frau und ich schätze mein eigenes Geschlecht. Trotzdem kann ich nicht leugnen, daß es eine Frau war, die mich mit Abstand am gemeinsten, halsabschneiderischsten und unehrlichsten behandelt hat. Und ja, natürlich ist genau diese Person das Vorbild für die Chefin im Buch.
Ich habe aber auch schon mit anderen Frauen zusammengearbeitet, mit denen das wunderbar geklappt hat. Es liegt an der Persönlichkeit, nicht daran ob jemand Mann oder Frau ist. Bei Bedarf können wir alle Fieslinge sein.
F: Nicht einmal eine mögliche Gefahr für Leib und Leben kann Ihre Heldin davon abhalten, an einer Ermittlung dranzubleiben, sobald sie diese einmal begonnen hat. Nochmal: Ist auch das einer Ihrer ganz persönlichen Charakterzüge?
A: Nein. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn man mich bedrohte, aber ich bin fast sicher, da käme irgendwie ein Flugticket in ein Land ganz weit weg ins Spiel...
F: Ihre beiden Söhne sind sehr stolz auf ihre Mutter, die Autorin. Es ist sogar so, daß der Dreizehnjährige auf der Amazon Leserrezensions-Seite die Menschen dazu auffordert, die Bücher von Jody Jaffe all ihren Freunden weiterzuempfehlen. Liegt das mehr daran, daß die beiden stolz darauf sind, als Vorbilder für die Kinder in Ihren Büchern gedient zu haben oder wollte Ben Sie aktiv beim Verkauf Ihrer Romane unterstützen?
A: Ben und Sam lieben es, in den Büchern vorzukommen. Aber Ben, der selbst schreibt und zwar wesentlich besser als ich das tue, ist nicht nur deshalb, weil er ein ganz toller Bursche ist, an meinem Erfolg interessiert, sondern vor allem deswegen, weil ich ihm ein Abendessen im “Little Washington” (einem der besten und teuersten Restaurants des Landes) versprochen habe, sobald meine Bücher auf den Bestsellerlisten gelandet sind.
F: Die letzte Frage geht an Nattie Gold, die Modeexpertin: Was halten Sie vom Revival der hautengen Reiterhosen und – stiefel (knielang)?
A: Nattie ist, wie ich, schon ihr ganzes Leben mit “Reithosen-Oberschenkeln” gestraft. Wenn es nicht so wäre, daß die Möglichkeit eines Exitus oder die, für zu eitel gehalten zu werden, zu befürchten steht, dann hätte sie (wie ich auch) schon längst das überflüssige Fett absaugen lassen.
Wie ich würde Nattie gerne eine Sportart betreiben, die mit weiten Baggy-Hosen oder langen Röcken einhergeht – wie Golf zum Beispiel oder Squaredance. Aber sie liebt Pferde so sehr, daß sie auch die Begegnung mit einem Spiegel übersteht.
F: Und gibt es modemäßig etwas, was Sie Ihren Durchschnittslesern empfehlen würden?
A: Das, was ich gerade trage: Alte Jogginghosen, fusselige Socken und ein schweres Sweatshirt.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Januar 2000)

(Foto: Rowohlt Verlag)