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Herr Dr. Burger, unser letztes Interview fand vor fast sechseinhalb Jahren statt; wir sprachen damals über Ihr erstes Buch.
Oh, eine Menge hat sich geändert. Es sind sechs (demnächst sieben) Bücher hinzugekommen, und die Entwicklung meines Hobbys verläuft insgesamt recht erfreulich. Vor allem, dass ich mit Piper nun einen renommierten Verlag gefunden habe, der seine Bücher bundesweit vertreibt, wirkt sich positiv aus. Ein neuer Handlungsort (Heidelberg statt Karlsruhe), ein neuer Protagonist, all das hat sicherlich dazu beigetragen, dass es zurzeit ein wenig aufwärts geht.
Das heißt, Sie haben sich von Ihrem ersten Ermittler und seinem Team getrennt, um einen zweiten Serienhelden mit komplett anderem Charakter, beruflichem Background und Familiensituation an einem komplett anderen Ort ins Rennen zu schicken.
Es zeigte sich, dass Karlsruhe als Handlungsort keine wirklich gute Wahl war. Nichts gegen diese Stadt, ich lebe sehr gerne hier, aber Heidelberg hat nun mal einen anderen Klang, ein sehr positiv besetztes Image. Jeder findet Heidelberg irgendwie gut und wichtig, auch wenn er noch nie im Leben dort gewesen war und so gut wie nichts darüber weiß.
Wie bereits angesprochen, war der Petzold aus der ersten Krimi-Reihe ein Team-Arbeiter, während Gerlach eher ein Einzelgänger ist; sicher auch aufgrund seiner etwas pikanten amourösen Verstrickungen ...
Beide haben (natürlich) eine Menge von mir. Wobei ich mich logischerweise schon lieber in Kriminalrat Gerlach wieder erkenne. Petzold hat, wenn man so will, meine gesammelten unerfreulichen Eigenschaften: Er ist ein bisschen faul, redet nicht so gerne, hat nicht den rechten Schlag bei Frauen, und im richtigen Moment fallen ihm todsicher die falschen Worte ein.
Ihr erster Serienheld war Kriminalkommissar - der jetzige ist Kriminalrat und in dieser Eigenschaft Leiter der Heidelberger Kriminalpolizei.
Um ehrlich zu sein: So gut wie gar nicht. Gerlach (der ja auch in der Petzold-Reihe schon eine Rolle spielte) war zuletzt Erster Kommissar. Der kann gar nicht so mir nichts dir nichts zum Kriminalrat befördert werden. Komischerweise hat das aber noch niemand bemängelt.
Wenn man sich so lange wie Sie literarisch mit einer Tätigkeit bei der Polizei beschäftigt - kommt dann irgendwann der heimliche Wunsch auf, tatsächlich einmal in diesen Beruf hineinzuschnuppern?
Schnuppern ja. Aber Polizist sein wollte ich nie.
Nur mal angenommen Sie könnten sich für einen Tag (oder eine Woche, einen Monat ...) einen Job nach Wahl bei der Polizei oder beim LKA aussuchen. Für welchen Bereich würden Sie sich entscheiden und warum?
Ich würde gerne mal eine oder zwei Nächte in einem Streifenwagen mitfahren. Das Spektakuläre - Mord und Todschlag - interessiert mich dabei eher weniger (vielleicht habe ich sogar ein bisschen Angst davor, dem Grauen so direkt ins Gesicht sehen zu müssen). Aber der ganz normale Wahnsinn einer Nacht in einer Großstadt, das stelle ich mir schon spannend vor.
Sie haben - ähnlich wie Ihr Protagonist Gerlach - Töchter im Teenager-Alter. In welchen Situationen ließen Sie sich von "echten" Erlebnissen inspirieren?
Sehr, sehr oft. Vieles in den Büchern ist O-Ton. Meine Töchter lachen auch immer sehr herzliche darüber.
Die Gerlach-Zwillinge sind ja auch schon mal als Hobby-Detektivinnen unterwegs ... Was würden Sie sagen, wenn eine Ihrer Töchter den Wunsch hätte, später einmal zur Polizei zu gehen?
Das fände ich prima. Ganz ehrlich. Angst um sie hätte ich keine. Ich glaube, das Polizistenleben ist auch nicht viel gefährlicher als das anderer Menschen, die oft unterwegs sind.
Vor sechs Jahren stellte ich Ihnen folgende Frage: Angenommen, morgen klopft die gute Fee an Ihre Türe und sagt: "Ich mache Dich, Wolfgang Burger, als Kriminalschriftsteller so reich, dass Du Dir Boot, Auto und Haus Deiner Wahl leisten kannst. Die einzige Bedingung: Du musst Deinen Job an der Uni aufgeben!" Würden Sie das annehmen?
Es gibt schon Tage, da erscheint mir diese Perspektive äußerst attraktiv.
Damals sagten Sie: Puh! Heute: Eindeutig nein. Ich bin schon ein sicherheitsbedürftiger Mensch. Ich habe Familie und eine Wohnung abzuzahlen, und ein staatlich gesichertes Einkommen hat durchaus seinen Charme. Lassen wir die Fee in fünf Jahren noch mal anklopfen, okay?
Siehe oben. Es ist ja leider nicht so, dass man als Krimischreiber in Deutschland automatisch reich wird. Von Boot ist keine Rede, mein Auto ist siebzehn oder achtzehn Jahre alt, so genau weiß ich das schon gar nicht mehr, und die Wohnung ist immer noch nicht ganz bezahlt.
Der nächste Petzold wird wie gesagt im September erscheinen ("Ausgelöscht", Emons). Ich hoffe und erwarte auf Grund diverser Entwicklungen in den letzten Jahren, dass er sich ganz gut verkaufen wird. Die Lektorin war völlig begeistert von dem Buch. Wie üblich geht es um die Liebe und was dabei so alles schief gehen kann.
Und die letzte Frage: Hat man Sie - entweder in Karlsruhe oder in Heidelberg - schon zum Polizisten ehrenhalber gemacht?
Hihi. Nein, da halten sich die Reaktionen doch sehr in Grenzen. Ich fürchte, die meisten Polizisten lesen nämlich gar keine Krimis.
Wir danken für das Gespräch - und hoffen, dass Sie in der kommenden Zeit produktiv genug sind, um uns deutlich vor dem Ablauf von sechs Jahren genügend Material für unser nächstes Interview zu liefern!
Ich habe zu danken. Es hat mir Spaß gemacht. Und was das Liefern von Material betrifft: Ich werde mir Mühe geben!
Mit Dr. Burger sprach Chefredakteurin Michaela Pelz
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Herr Burger, in Ihrem ersten Buch “Mordsverkehr“ geht es um einen Bombenleger, der bevorzugt die Radarfallen der Polizei in die Luft sprengt. Wie ist Ihr ganz persönliches Verhältnis zu des Deutschen liebstem Kind, dem Auto?
Gespalten.
Im genannten Roman soll eine Stadtverwaltung durch die Attentate erpresst werden. Doch die Obrigkeit beschließt, einen harten Kurs zu fahren, die ganze Sache sogar zunächst einmal unter den Teppich zu kehren.
Nein. Der Oberbürgermeister ist inzwischen in Pension, was er denkt, weiss ich nicht.
Um die Beschaffenheit einer der Bomben durch einen Experten prüfen zu lassen, wird ein Oberingenieur der Universität Karlsruhe zu Rate gezogen. Was war der Auslöser für diese dramaturgische Wendung – persönliche Erfahrung als Polizei-Ratgeber oder der Wunsch, die eigene Profession und Position literarisch zu “verewigen“?
Das war ein Ulk. Ich habe einen Kollegen, der einem fast die Hand abquetscht, wenn man sie ihm unvorsichtigerweise reicht. Ja, und ein bisschen, das Uni-Leben auf die Schippe zu nehmen. Mit meiner Person hat das aber nichts zu tun.
Ihrer Biographie ist zu entnehmen, dass Sie “eigentlich“ Leiter eines Forschungslabors sind und zum Schreiben (erst) in einem Alter kamen, in dem (ich zitiere): “...sich andere eine Segelyacht oder einen Porsche kaufen, bzw. sich eine Freundin oder ein Haus in der Toskana zulegen – gegen das eine sprach meine finanzielle Lage, gegen das andere meine Frau...“.
Das Verfassen von Krimis macht mir einen Riesen-Spaß. Den würde mir das Porsche-Fahren nach vier Jahre vermutlich längst nicht mehr machen.
Das Hobby “Krimi“ ist – wieder Ihren eigenen Aussagen zufolge - ...“keine Schande. Man hat ein bißchen was gelesen - vieles davon war Mist, manches gar nicht so schlecht und weniges beneidenswert gut.“
Da locken Sie mich jetzt auf ein sehr glattes Eis ...
Die Formulierungen in Ihrer Biographie und die Antworten auf die vorliegenden Fragen lassen darauf schließen, daß Sie durchaus ein Faible für einen lockeren, frechen Stil haben. Im Vergleich dazu ist “Mordsverkehr“ eher “zurückhaltend“ – werden Sie in Ihren nächsten Büchern “hemmungsloser“?
Ein wenig sicherlich. Man lernt ja dazu. Aber es ist nicht mein Ziel, am Ende alles in einem locker-flockig-routiniert-unverfänglichen Stil runterzuschreiben. Dadurch würde vielleicht das eine oder andere wichtige Thema das Gewicht verlieren, das ihm eigentlich zukommt.
Angenommen, morgen klopft die gute Fee an Ihre Türe und macht Ihnen folgendes Angebot: “Ich mache Dich, Wolfgang Burger...“ (gute Feen halten sich nicht an die Etikette und duzen hemmunglos jeden, schon beim ersten Mal) “...als Kriminalschriftsteller so reich, daß Du Dir Boot, Auto und Haus Deiner Wahl leisten kannst. Die einzige Bedingung: Du mußt Deinen Job an der Uni aufgeben!“ Würden Sie das annehmen?
Puh! Heute: Eindeutig nein. Ich bin schon ein sicherheitsbedürftiger Mensch. Ich habe Familie und eine Wohnung abzuzahlen, und ein staatlich gesichertes Einkommen hat durchaus seinen Charme.
Letzte Frage: Wann erscheint Ihr nächstes Buch und worum geht es?
Das nächste Buch erscheint im Februar 2000 im Verlag Elefanten Press, Berlin. Es heißt “Marias Sohn”, und es geht um Jugendkriminalität. Ein junger Mann ist zum Mörder geworden, obwohl seine (geschiedene) Mutter doch alles erdenkliche getan hat, um ihn gut zu erziehen.
Auch sie ist wieder (siehe oben) der Ansicht, dass sie eigentlich alles richtig gemacht hat, und dennoch ist es so schief gegangen, wie es nur schief gehen konnte. Vielleicht ein Alptraum aller Menschen, die selbst Kinder erziehen und deshalb auch meiner.
WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.
Mit Herrn Dr. Burger sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Foto: privat)
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