Exklusivinterview mit Wolfgang Burger

Herr Dr. Burger, unser letztes Interview fand vor fast sechseinhalb Jahren statt; wir sprachen damals über Ihr erstes Buch.
Was hat sich in der Zwischenzeit geändert?

Oh, eine Menge hat sich geändert. Es sind sechs (demnächst sieben) Bücher hinzugekommen, und die Entwicklung meines Hobbys verläuft insgesamt recht erfreulich. Vor allem, dass ich mit Piper nun einen renommierten Verlag gefunden habe, der seine Bücher bundesweit vertreibt, wirkt sich positiv aus. Ein neuer Handlungsort (Heidelberg statt Karlsruhe), ein neuer Protagonist, all das hat sicherlich dazu beigetragen, dass es zurzeit ein wenig aufwärts geht.
Vor sechseinhalb Jahren (so lang ist das schon her?) hätte ich mir jedenfalls nicht träumen lassen, was einmal aus meinen ersten Gehversuchen wird.

Das heißt, Sie haben sich von Ihrem ersten Ermittler und seinem Team getrennt, um einen zweiten Serienhelden mit komplett anderem Charakter, beruflichem Background und Familiensituation an einem komplett anderen Ort ins Rennen zu schicken.
Was war der Auslöser für diesen Wechsel?

Es zeigte sich, dass Karlsruhe als Handlungsort keine wirklich gute Wahl war. Nichts gegen diese Stadt, ich lebe sehr gerne hier, aber Heidelberg hat nun mal einen anderen Klang, ein sehr positiv besetztes Image. Jeder findet Heidelberg irgendwie gut und wichtig, auch wenn er noch nie im Leben dort gewesen war und so gut wie nichts darüber weiß.
Dennoch wird es natürlich weitere Petzold-Bände geben. Der nächste (Ausgelöscht) erscheint in Kürze. Allerdings versuche ich derzeit, meinen Protagonisten, der vielen Leserinnen und Lesern doch ein wenig dröge vorkam, interessanter zu gestalten. Er wird befördert, muss auf einmal Verantwortung als Soko-Leiter übernehmen und stellt zu seiner Überraschung fest, dass er sich dabei gar nicht so dumm anstellt, wie er befürchtet hat.
Außerdem werden seine Kollegin Birgit Malmberg und seine anderen Mitstreiter gegen Petzold etwas in den Hintergrund treten. Ich musste feststellen, dass die Leserschaft bei Krimis klare Identifikationsfiguren wünscht.

Wie bereits angesprochen, war der Petzold aus der ersten Krimi-Reihe ein Team-Arbeiter, während Gerlach eher ein Einzelgänger ist; sicher auch aufgrund seiner etwas pikanten amourösen Verstrickungen ...
Welcher von beiden hat mehr vom "echten" Wolfgang Burger?

Beide haben (natürlich) eine Menge von mir. Wobei ich mich logischerweise schon lieber in Kriminalrat Gerlach wieder erkenne. Petzold hat, wenn man so will, meine gesammelten unerfreulichen Eigenschaften: Er ist ein bisschen faul, redet nicht so gerne, hat nicht den rechten Schlag bei Frauen, und im richtigen Moment fallen ihm todsicher die falschen Worte ein.
Und Gerlach auf der anderen Seite entstand in der Tat aus der Überlegung, warum soll der Neue nicht ein paar Ähnlichkeiten mit mir haben? Es schreibt sich eindeutig leichter, wenn man sich in eine Figur nicht hineinversetzen muss, sondern sozusagen schon drin sitzt. Wobei Gerlach, ehrlich gesagt, meist eher Ähnlichkeit mit dem Mann hat, der ich gerne wäre als mit dem, der ich bin.
Mein Leben verläuft ja leider (oder zum Glück?) viel, viel weniger aufregend und pikant als das meiner Kopfgeburten.

Ihr erster Serienheld war Kriminalkommissar - der jetzige ist Kriminalrat und in dieser Eigenschaft Leiter der Heidelberger Kriminalpolizei.
Wie haben Sie sich auf diese "Beförderung" vorbereitet, d.h. aus welchen Quellen stammen Ihre Informationen zu diesem Berufsbild?

Um ehrlich zu sein: So gut wie gar nicht. Gerlach (der ja auch in der Petzold-Reihe schon eine Rolle spielte) war zuletzt Erster Kommissar. Der kann gar nicht so mir nichts dir nichts zum Kriminalrat befördert werden. Komischerweise hat das aber noch niemand bemängelt.
An Gerlach hat mich von Anfang an sehr seine Position des Sandwich-Manns interessiert, denn das ist genau meine Position hier an der Uni: Ich bin Chef von vielen und Untergebener von einem. Und so bin ich immer an allem schuld.
Natürlich habe ich mich zu Beginn meines Autoren-Daseins oft mit den netten Leuten in der Pressestelle des Karlsruher Polizeipräsidiums unterhalten. Die waren immer äußerst offen und hilfsbereit, und in dieser Phase habe ich eine Menge gelernt, wovon ich auch heute noch zehre.
Daneben lese ich aufmerksam die Tageszeitung, wenn es um Verbrechen und Polizeiarbeit geht.
Aber die traurige Wahrheit ist: Die Leser wollen das alles eigentlich gar nicht so genau wissen. Wenn man einen Krimi schreiben würde, wo die Polizeiarbeit realistisch geschildert wird, dann würden eine Menge Leute sagen: Der kennt sich ja gar nicht aus, im Fernsehen läuft das immer ganz anders.
In Romanen werden Morde von zwei, drei Beamten aufgeklärt. Das ist natürlich Blödsinn. Aber man kann einfach keinen Roman mit dreißig, vierzig Protagonisten schreiben. Das Publikum liebt Figuren, mit denen es sich identifizieren kann und überschaubare Settings.

Wenn man sich so lange wie Sie literarisch mit einer Tätigkeit bei der Polizei beschäftigt - kommt dann irgendwann der heimliche Wunsch auf, tatsächlich einmal in diesen Beruf hineinzuschnuppern?

Schnuppern ja. Aber Polizist sein wollte ich nie.
Als Ingenieur bin ich es gewohnt, dass ich (technische) Probleme, die ich heute nicht lösen kann, abends einfach ausschalte. Und wenn ich am nächsten Morgen frisch und ausgeschlafen wiederkomme, dann hat sich mein Problem nicht das Leben genommen, es hat keine weiteren Verbrechen begangen, es ist nicht ausgebüxt, sondern es steht genau so da, wie ich es verlassen habe, und vielleicht ist mir über Nacht ja die Lösung eingefallen.
Das ist im Polizistenleben sicherlich völlig anders. Ich habe große Hochachtung vor den Menschen, die diesen Job machen, die zum Teil sehr viel Verantwortung tragen für Menschen und Menschenleben, und dafür herzlich schlecht bezahlt werden. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin ja selbst im öffentlichen Dienst.

Nur mal angenommen Sie könnten sich für einen Tag (oder eine Woche, einen Monat ...) einen Job nach Wahl bei der Polizei oder beim LKA aussuchen. Für welchen Bereich würden Sie sich entscheiden und warum?

Ich würde gerne mal eine oder zwei Nächte in einem Streifenwagen mitfahren. Das Spektakuläre - Mord und Todschlag - interessiert mich dabei eher weniger (vielleicht habe ich sogar ein bisschen Angst davor, dem Grauen so direkt ins Gesicht sehen zu müssen). Aber der ganz normale Wahnsinn einer Nacht in einer Großstadt, das stelle ich mir schon spannend vor.

Sie haben - ähnlich wie Ihr Protagonist Gerlach - Töchter im Teenager-Alter. In welchen Situationen ließen Sie sich von "echten" Erlebnissen inspirieren?

Sehr, sehr oft. Vieles in den Büchern ist O-Ton. Meine Töchter lachen auch immer sehr herzliche darüber.
Ich lasse die Zwillinge übrigens mit Absicht nicht so schnell altern. Die Bücher erscheinen im Abstand von jeweils einem Jahr. Aber im zweiten sind z.B. seit dem ersten nur vier Monate vergangen. So kann ich diese höchst interessante Phase im Teenager-Leben noch ein bisschen in die Länge ziehen und ausschlachten.
Die Reaktion vieler Leser ist übrigens: Ja! Genau so sind sie!!

Die Gerlach-Zwillinge sind ja auch schon mal als Hobby-Detektivinnen unterwegs ... Was würden Sie sagen, wenn eine Ihrer Töchter den Wunsch hätte, später einmal zur Polizei zu gehen?

Das fände ich prima. Ganz ehrlich. Angst um sie hätte ich keine. Ich glaube, das Polizistenleben ist auch nicht viel gefährlicher als das anderer Menschen, die oft unterwegs sind.
Aber es sieht bisher nicht so aus, als wollte eine meiner Töchter diesen Beruf wählen. Vielleicht die jüngste, die beginnt demnächst ein Psychologie-Studium. Wer weiß...

Vor sechs Jahren stellte ich Ihnen folgende Frage: Angenommen, morgen klopft die gute Fee an Ihre Türe und sagt: "Ich mache Dich, Wolfgang Burger, als Kriminalschriftsteller so reich, dass Du Dir Boot, Auto und Haus Deiner Wahl leisten kannst. Die einzige Bedingung: Du musst Deinen Job an der Uni aufgeben!" Würden Sie das annehmen?

Es gibt schon Tage, da erscheint mir diese Perspektive äußerst attraktiv.
Auf der anderen Seite macht man im Berufsalltag eine Menge Erfahrungen, die man ohne Job nicht machen würde. An der Uni habe ich täglich Kontakt mit jungen Leuten, das hält den Geist ein wenig elastisch, bilde ich mir zumindest ein. Und ich bin sicher, nach vier Wochen würde ich mich an meinen Schreibtisch und zu meinen Kollegen zurücksehnen.
Andererseits: so ganz allein in meiner Dichterklause vor mich hin modern - nein, das doch lieber nicht. Irgendwann schreibt man dann vermutlich nicht mehr über das Leben, sondern nur noch über sich.

Damals sagten Sie: Puh! Heute: Eindeutig nein. Ich bin schon ein sicherheitsbedürftiger Mensch. Ich habe Familie und eine Wohnung abzuzahlen, und ein staatlich gesichertes Einkommen hat durchaus seinen Charme. Lassen wir die Fee in fünf Jahren noch mal anklopfen, okay?
Wie würde Ihre Antwort heute lauten?

Siehe oben. Es ist ja leider nicht so, dass man als Krimischreiber in Deutschland automatisch reich wird. Von Boot ist keine Rede, mein Auto ist siebzehn oder achtzehn Jahre alt, so genau weiß ich das schon gar nicht mehr, und die Wohnung ist immer noch nicht ganz bezahlt.
Wie geht es nun - literarisch - weiter? Wird Petzold noch einmal auftauchen? Oder ein ganz neuer Ermittler? Und wird es noch mehr Heidelberg-Romane geben?

Der nächste Petzold wird wie gesagt im September erscheinen ("Ausgelöscht", Emons). Ich hoffe und erwarte auf Grund diverser Entwicklungen in den letzten Jahren, dass er sich ganz gut verkaufen wird. Die Lektorin war völlig begeistert von dem Buch. Wie üblich geht es um die Liebe und was dabei so alles schief gehen kann.
Der nächste Heidelberg-Roman ("Heidelberger Wut", Piper) kommt im Februar 2007. Wenn der Trend anhält und die zwei Bücher tatsächlich so gut sind, wie sie manche Testleser fanden, dann könnte es nächstes Jahr ein ordentliches Stück voran gehen. Wie sagt man in Bayern: Schaumermal.
Und natürlich wird es auch noch weitere Heidelberg-Romane geben. Zurzeit sammle ich Ideen. Entschieden ist noch nichts. Aber es könnte zur Abwechslung mal wieder eine Geschichte mit internationalen Verwicklungen werden, deren Hintergründe im Ausland liegen, und zwar sehr weit weg. Mehr wird aber jetzt nicht verraten.

Und die letzte Frage: Hat man Sie - entweder in Karlsruhe oder in Heidelberg - schon zum Polizisten ehrenhalber gemacht?
Und wenn nein: Wäre das etwas, was Sie sich wünschen würden?

Hihi. Nein, da halten sich die Reaktionen doch sehr in Grenzen. Ich fürchte, die meisten Polizisten lesen nämlich gar keine Krimis.
Kann ich auch verstehen. Ich wende mich auch immer mit Grausen ab, wenn es im Fernsehen um Forschung geht. Und so ähnlich stelle ich mir das vor, wenn man als Polizist lesen muss, wie sich Leute, die keine Ahnung haben, den eigenen Alltag vorstellen.
Ansonsten - klar würde ich mich auch über Anerkennung von dieser Seite freuen. Früher gab es sogar mal einen Krimipreis der deutschen Kripo. Den hätte ich gerne mal gewonnen. Leider wurde der vorher abgeschafft.

Wir danken für das Gespräch - und hoffen, dass Sie in der kommenden Zeit produktiv genug sind, um uns deutlich vor dem Ablauf von sechs Jahren genügend Material für unser nächstes Interview zu liefern!

Ich habe zu danken. Es hat mir Spaß gemacht. Und was das Liefern von Material betrifft: Ich werde mir Mühe geben!

Mit Dr. Burger sprach Chefredakteurin Michaela Pelz
(Juni 2006)

***

Herr Burger, in Ihrem ersten Buch “Mordsverkehr“ geht es um einen Bombenleger, der bevorzugt die Radarfallen der Polizei in die Luft sprengt. Wie ist Ihr ganz persönliches Verhältnis zu des Deutschen liebstem Kind, dem Auto?

Gespalten.
Ich fahre Auto wie (fast) jeder andere. Und ich habe wie (fast) jeder andere mehr oder weniger ständig ein schlechtes Gewissen dabei. Aber um wirklich die Konsequenz aus den Überlegungen zu ziehen, was wir da unserer guten alten Erde täglich antun (und nicht nur durch das Autofahren), fehlt mir leider wie auch (fast) allen anderen der Mut. Wenn ich mir nur vorstelle, wie wir leben müssten, wenn wir leben würden, wie wir leben dürften ...
Eine Frage, die mich manchmal in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist die folgende: Ich gehöre zu einer Generation, die ihren Eltern vorwirft: Ihr habt doch damals unter den Nazis gewusst, dass Juden abtransportiert wurden, warum habt ihr alle nichts getan? Werden uns unsere Kinder in zwanzig Jahren fragen: Ich habt es doch gewusst, dass ihr die Natur ruiniert und unsere Rohstoffe verpulvert, warum habt ihr nichts getan?

Im genannten Roman soll eine Stadtverwaltung durch die Attentate erpresst werden. Doch die Obrigkeit beschließt, einen harten Kurs zu fahren, die ganze Sache sogar zunächst einmal unter den Teppich zu kehren.
Als sich aber dann die Ereignisse überstürzen, führt dies zwischen Oberbürgermeister und Polizeipräsidentin zu einer nicht unerheblichen Uneinigkeit, die Sie gar trefflich mit spitzer Feder beschreiben.
Gab es Reaktionen von offizieller Seite darauf?

Nein. Der Oberbürgermeister ist inzwischen in Pension, was er denkt, weiss ich nicht.
Die Polizeipräsidentin ist mir wohlgesonnen, wie man hört.
Aber es war auch nicht meine Absicht, jemanden als Bösewicht aufzubauen. Das ist ja gerade das Gemeine an einem solchen Dilemma: Egal, was man tut, es ist vermutlich das Falsche. Das ist es eigentlich, was ich rüberbringen wollte: Jeder der Beteiligten, auch der Erpresser, tut das nach seiner Meinung Richtige. Und am Ende kommt dennoch das Falsche heraus.

Um die Beschaffenheit einer der Bomben durch einen Experten prüfen zu lassen, wird ein Oberingenieur der Universität Karlsruhe zu Rate gezogen. Was war der Auslöser für diese dramaturgische Wendung – persönliche Erfahrung als Polizei-Ratgeber oder der Wunsch, die eigene Profession und Position literarisch zu “verewigen“?

Das war ein Ulk. Ich habe einen Kollegen, der einem fast die Hand abquetscht, wenn man sie ihm unvorsichtigerweise reicht. Ja, und ein bisschen, das Uni-Leben auf die Schippe zu nehmen. Mit meiner Person hat das aber nichts zu tun.

Ihrer Biographie ist zu entnehmen, dass Sie “eigentlich“ Leiter eines Forschungslabors sind und zum Schreiben (erst) in einem Alter kamen, in dem (ich zitiere): “...sich andere eine Segelyacht oder einen Porsche kaufen, bzw. sich eine Freundin oder ein Haus in der Toskana zulegen – gegen das eine sprach meine finanzielle Lage, gegen das andere meine Frau...“.
Abgesehen von den letztgenannten Restriktionen: Welchen “Kick“ bietet das Verfassen von Krimis, den Porsche, Freundin oder die Villa vor den Toren von Siena nicht haben?

Das Verfassen von Krimis macht mir einen Riesen-Spaß. Den würde mir das Porsche-Fahren nach vier Jahre vermutlich längst nicht mehr machen.
Ich komme mit einer Menge von Leuten in Kontakt, die ich sonst niemals kennengelernt hätte, ganz, ganz weit weg von meinem bisherigen Lebensbereich. Plötzlich habe ich mit Presse, Funk und Fernsehen zu tun, dem Verlags(un)wesen sowieso, ich mache unglaublich viele, funkelnagelneue Erfahrungen, und das ist schon was, mit Mitte vierzig noch mal was ganz Neues anfangen zu dürfen. Ich kenne Leute, die in diesem Alter bereits dabei sind, sich die Höhe ihrer Rente auszurechnen.

Das Hobby “Krimi“ ist – wieder Ihren eigenen Aussagen zufolge - ...“keine Schande. Man hat ein bißchen was gelesen - vieles davon war Mist, manches gar nicht so schlecht und weniges beneidenswert gut.“
Können Sie es wagen (ohne Gefahr, fürderhin von den Kollegen der Zunft geschnitten zu werden), Beispiele für alle drei Kategorien zu nennen?

Da locken Sie mich jetzt auf ein sehr glattes Eis ...
Fangen wir mal hinten an: Bernhard Schlink, Karr & Wehner, Regula Venske, Gunter Gerlach zähle ich u.a. zu den derzeitigen Spitzenschreibern unter den deutschen KrimiautorInnen, da kommt Neid auf.
Wobei das wirklich eine ganz und gar subjektive Auswahl ist, ich habe vermutlich noch nicht einmal von fünf Prozent was gelesen. Der Rest? Nein, da will ich doch lieber von meinem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch machen.
Was ich noch dazu sagen könnte, ist vielleicht, dass viele Amerikaner nicht annähernd so gut sind, wie sie sich seltsamerweise immer noch verkaufen. Es gibt von den heimischen Äckern inzwischen doch eine ganze Menge Genießbares.

Die Formulierungen in Ihrer Biographie und die Antworten auf die vorliegenden Fragen lassen darauf schließen, daß Sie durchaus ein Faible für einen lockeren, frechen Stil haben. Im Vergleich dazu ist “Mordsverkehr“ eher “zurückhaltend“ – werden Sie in Ihren nächsten Büchern “hemmungsloser“?

Ein wenig sicherlich. Man lernt ja dazu. Aber es ist nicht mein Ziel, am Ende alles in einem locker-flockig-routiniert-unverfänglichen Stil runterzuschreiben. Dadurch würde vielleicht das eine oder andere wichtige Thema das Gewicht verlieren, das ihm eigentlich zukommt.
Der Spagat, in dem man als Krimi-Autor immer wieder steckt, ist ja, ein eigentlich schweres Thema, schließlich geht es ohne Ende um Gewalt, Tod, Verletzung, in einer Weise rüberzubringen, dass die LeserInnen beim Lesen nicht depressiv werden.

Angenommen, morgen klopft die gute Fee an Ihre Türe und macht Ihnen folgendes Angebot: “Ich mache Dich, Wolfgang Burger...“ (gute Feen halten sich nicht an die Etikette und duzen hemmunglos jeden, schon beim ersten Mal) “...als Kriminalschriftsteller so reich, daß Du Dir Boot, Auto und Haus Deiner Wahl leisten kannst. Die einzige Bedingung: Du mußt Deinen Job an der Uni aufgeben!“ Würden Sie das annehmen?

Puh! Heute: Eindeutig nein. Ich bin schon ein sicherheitsbedürftiger Mensch. Ich habe Familie und eine Wohnung abzuzahlen, und ein staatlich gesichertes Einkommen hat durchaus seinen Charme.
Lassen wir die Fee in fünf Jahren noch mal anklopfen, okay?
Ansonsten habe ich nichts dagegen, geduzt zu werden. Im Buchgeschäft duzen sich alle. Auch eine der neuen Erfahrungen, die ich machen durfte.

Letzte Frage: Wann erscheint Ihr nächstes Buch und worum geht es?

Das nächste Buch erscheint im Februar 2000 im Verlag Elefanten Press, Berlin. Es heißt “Marias Sohn”, und es geht um Jugendkriminalität. Ein junger Mann ist zum Mörder geworden, obwohl seine (geschiedene) Mutter doch alles erdenkliche getan hat, um ihn gut zu erziehen. Auch sie ist wieder (siehe oben) der Ansicht, dass sie eigentlich alles richtig gemacht hat, und dennoch ist es so schief gegangen, wie es nur schief gehen konnte. Vielleicht ein Alptraum aller Menschen, die selbst Kinder erziehen und deshalb auch meiner.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Herrn Dr. Burger sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Januar 2000)

(Foto: privat)