Exklusivinterview mit Paul Doherty

Paul Doherty verwendet auch die Pseudonyme: Paul Harding, Celia L. Grace und Ann Dukthas.

F: Sie haben selbst einmal zugegeben, ein “zwanghafter” Schreiber zu sein – wahrscheinlich eine mehr als notwendige Voraussetzung für Ihre Tätigkeit, betrachtet man die Tatsache, daß Sie in den meisten Jahren mindestens zwei Bücher zu Papier bringen. Wie arbeiten Sie? Stellen Sie einen Roman nach dem anderen fertig oder schreiben Sie ”parallel”?
A: Ich bin in der Tat zwanghaft, was das Schreiben anbetrifft. Meine Bücher schreibe ich hintereinander. An allererster Stelle steht die Recherche, danach entwerfe ich die Handlung und die Figuren. Die einzelnen Kapitel diktiere ich dann meiner Sekretärin, überarbeite und redigiere das fertige Manuskript immer und immer wieder und erst, wenn ich damit ganz zufrieden bin, schicke ich es an den Verlag.
F: Kommt es nie vor, daß Sie die unterschiedlichen Handlungen der verschiedenen Bücher durcheinanderwerfen?
A: Ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß ich, sobald ich anfange, die Handlung einer neuen Geschichte zu entwerfen, alles vermeiden kann, was ich je zuvor geschrieben habe. Außerdem prüfe ich, zusammen mit meiner Recherche-Assistentin, ganz genau nach, daß es da keine Dopplungen gibt.
F: In Ihren wichtigsten historischen Krimi-Serien spielen jeweils zwei Männer, die im Team ermitteln, die Hauptrollen: Einmal ist dies Hugh Corbett mit Ranulf, seinem Diener: Zum zweiten sprechen wir von Sir John Cranston und Bruder Athelstan. Wie können Sie diese vier (mental) auseinanderhalten?
A: Genauso, wie ich es mit den Plots meiner Romane tue. Jede dieser Figuren ist in meinem Kopf, ein lebendiges Wesen, eines, das ich geschaffen habe. Für mich sind sie sehr gute Freunde und so behandle ich sie auch: jeden für sich und gut auseinanderzuhalten.
F: Liest man Ihre Bibliographie, dann bemerkt man, daß Hugh Corbett (A.d.R.: Hauptfigur einer von Hardings Serien - jung, gutaussehend, durchtrainiert, intelligent) der “erste” war. Aus welchem Grund schufen Sie dann diesen übergewichtigen, dem Alkohol zugetanen Lord Coroner Sir John Cranston (A.d.R.: Hauptfigur der anderen großen historischen Serie von Harding) mit den schlechten Manieren, der aber zugleich unglaublich witzig, schlau, großzügig und weichherzig sein kann?
A: Bis zu einem gewissen Grad hat der Lord Coroner dieselben guten Charaktereigenschaften wie Hugh Corbett. Er ist unbestechlich, hat eine Leidenschaft für die Gerechtigkeit, ist glücklich verheiratet – aber er ist in gewisser Hinsicht weltlicher als Corbett, vielleicht auch leidenschaftlicher. Corbett neigt dazu, seinen Kopf zu benutzen, er kann kalt und streng sein, denn er hat, das darf man nicht vergessen, seine Ausbildung als Beamter ja in Oxford erhalten. Cranston hingegen ist emotionaler – das ist wohl der größte Unterschied zwischen den beiden.
F: Manchmal sind die Einzelheiten in Ihren Romanen (besonders, wenn es um gewaltsam zu Tode gekommene Menschen geht, aber auch im Bezug auf das tägliche Leben) sehr derb und grausam – und doch, wenn ich Sie richtig verstehe, auf wahre Tatsachen gegründet. Wenn nun jemand den Vorschlag machte, die üblichen Schulbücher im Fach Geschichte durch ihre Romane zu ersetzen – würden Sie das für eine gute Idee halten?
A: Ich versuche, eine bestimmte historische Epoche wieder zum Leben zu erwecken, die gleichermaßen grausam wie von ganz eigener Schönheit sein konnte. In meinen Augen sind die Romane, die ich schreibe, “Zeitmaschinen”. Ich möchte die Menschen gerne zurückführen in eine bestimmte Zeit an einen bestimmten Ort. Und, abgesehen von falscher Bescheidenheit, denke ich, daß meine Bücher eine gute Ergänzung wären zu den eher trockenen Geschichtsstunden an unseren Schulen.
F: Man sagt, daß die meisten Romanfiguren zumindest einen winzig kleinen autobiografischen Zug des Autors in sich tragen. Wer kommt nun Paul Harding am nächsten? Hugh Corbett (A.d.R. sein Diener Ranulf kann vernachlässigt werden), Bruder Athelstan oder Sir John?
A: Meiner Meinung nach (zumindest möchte ich das gerne glauben) bin ich eine Mischung aus allen dreien. Die Ansätze sind alle vorhanden!
F: Für den Fall, daß eine Ihrer mittelalterlichen Krimis verfilmt werden sollte – welche Schauspieler würden Sie gerne in den Rollen von Sir John, seine Ehefrau Lady Maude und Bruder Athelstan sehen?
A: Wenn es nach mir ginge: Brian Blessed oder Alan Bates als Cranston, Helen Mirren als Lady Maude und vielleicht jemanden wie Ralph Fiennes als Bruder Athelstan.
F: Als Rektor und sechsfacher Vater, wie groß ist die Versuchung, mittelalterliche Methoden bei der Erziehung von Kindern anzuwenden?
A: Die Menschen im Mittelalter gingen zuweilen sehr sanft mit ihren Kindern um. Als Vater stand ich immer auf dem Standpunkt, daß Güte – egal, wie sehr man provoziert wurde – die beste Erziehungsmethode ist.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Herrn Doherty sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(November 1999)