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Keine Spur von Reserviertheit bei der Frau, die bereits in einer gemütlichen Nische im Café Roma wartet. Im Gegenteil - von der ersten Minute an beweist sie mit launigen Bemerkungen ihren sprichwörtlichen Humor.
Ihrer Webseite ist zu entnehmen, dass Sie in der Lage sind, ein Flugzeug zu steuern - machen Sie das heute immer noch?
Oh nein - das Foto entstand während meiner Tätigkeit als Journalistin anlässlich irgendeines Preisausschreibens. Ich habe gar keinen Flugschein.
Würden Sie gern einen machen?
Keine Ahnung. Ja, vielleicht könnte das ganz spassig sein. Ich mag die Geschwindigkeit, ich mag, wenn es aufregend wird, also wäre das vielleicht doch ein Projekt, das man für die Zukunft im Auge behalten könnte.
A propos Geschwindigkeit und Nervenkitzel: In einigen Ihrer Bücher und Kurzgeschichten spielen schnelle Autos eine große Rolle ...
Ich habe eine Schwäche für Autos, das muss ich leider zugeben. Ich fahre ein BMW 325 Cabrio und gestern war ich beim BMW Fahrertraining in der Nähe des Flughafens, wo man mir gezeigt hat, wie ich Stunts mit einem Minicooper S machen kann. Und dabei habe ich mich gar nicht so dumm angestellt! Ich kann jetzt mit der Handbremse eine Vollbremsung hinlegen - das war sehr lustig! - und habe gelernt wir man sich um 180° dreht. Der Typ, der mich geschult hat, war früher Mitglied eines SEK, also hatte ich das Gefühl, in guten Händen zu sein.
Haben Sie außer den Autos noch andere Hobbies?
Also Briefmarken sammle ich nicht (lacht). Autos sind wirklich mein größtes Laster. Meine Schwäche. Ich gebe nicht wirklich viel Geld für andere Dinge für mich selbst aus. Ich liebe schöne Autos. Und ich hatte immer schon ordentliche Autos - selbst damals, als ich noch arm war.
In Anbetracht der Tatsache, dass Sie aus Schottland kommen - sind nicht manche der Straßen, vor allem in ländlichen Gegenden extrem eng, einspurig und immer mal wieder von einer Horde Schafe komplett blockiert?
Um diese Vierbeiner vermeiden zu können, müssen Sie schon ein richtig guter Autofahrer sein. Um ehrlich zu sein, habe ich sogar mal ein Tier überfahren. Ich konnte nichts dafür - das Schaf war selbst schuld. Es war mitten im Winter - damals lebte ich in Darbyshire, wo es eine Menge enger und verwinkelter Strassen gib - und es hatte ziemlich stark geschneit. Das Schaf am Strassenrand hatte im Schnee den Halt verloren, rutschte daher auf die Strasse und direkt vor mein Auto. Ich konnte nirgendwohin ausweichen. Also fuhr ich es tot.
Das war bestimmt kein schönes Gefühl?
Ich fühlte mich ausgesprochen mies! Insbesondere weil das Viech dabei den Kühler meines Autos komplett geschrottet hatte! (lächelt)
Wenn wir schon über das Umbringen sprechen: Wenn Sie Menschen in Ihren Büchern um die Ecke bringen - und ich muss gestehen, dass mir persönlich das Ableben einiger dieser doch ziemlich fiesen Subjekte aus ihrer kürzlich erschienenen Kurzgeschichtensammlung absolut gar nicht leid getan hat - fühlen Sie sich dann gut?
Es geht gar nicht so sehr darum, sich gut zu fühlen. Ich denke einer der Gründe, warum wir sowohl Krimis schreiben als auch lesen hängt damit zusammen, dass Frauen in der Gesellschaft noch immer keinen Platz zum zornig werden haben. Es ist doch so: Man erwartet ständig von uns, lieb und fürsorglich und sanft und mütterlich zu sein und niemals Lust zu verspüren, gewalttätig oder wütend zu werden. Aber Frauen haben nun mal ebenfalls diese Gefühle, auch bei uns sammeln sich Frust oder rasender Zorn. Einer der Wege um damit fertig zu werden, diese Emotionen zu kompensieren, ist das Lesen von Krimis. Und für uns, die Schriftsteller, ist es definitiv ein hervorragender Weg um Leute loszuwerden, die uns mächtig auf den Geist gegangen sind. Im "echten Leben" kann man das nicht tun und es wäre natürlich auch keine wirklich angemessene Reaktion, durch die Gegend zu ziehen und all jene abzumurksen, die einen geärgert haben. Hinzu kommt, dass gerade Frauen nicht zugestanden wird, ihre Wutgefühle auszuleben. Wenn ich mich richtig erinnere, sagt Sue Grafton im Vorwort ihres ersten Buches ungefähr Folgendes: "Nachts wachte ich auf und malte mir aus, wie ich meinen Ex-Mann umbringen könnte. Dann wurde mir klar, dass ich damit nicht davonkommen würde. Also schrieb ich ein Buch, um mich abzulenken." Und damit, denke ich, steht sie ganz und gar nicht alleine dar.
Was denken Sie, wie nahe ist die Grenze zwischen Ihrer Vorstellungskraft und der "wirklichen" Welt? Will sagen: Wie gefährlich ist es, wenn ein Schriftsteller förmlich ins Gehirn eines Serienmörders hineinkriecht - wobei ich keine Ahnung habe, wie viele Autoren tatsächlich ausgerastet und selbst zu Serienmördern geworden sind ...
Ich denke, den Teufel treibt man am besten aus, indem man über ihn schreibt - das Verlangen vergeht indem man die Aktion selbst in den eigenen Kopf verlagert; das reicht dann schon aus.
Eine Ihrer Kurzgeschichten erzählt die Geschichte eines Autors, der am Ende selbst zum Mörder wird - Sie sagen in der Story nicht, welche Art Bücher dieser Mann verfasst, vielleicht sind es ja Krimis. Wie steht es damit?
In dieser speziellen Geschichte geht es mir mehr darum, die verschiedenen Stadien von Obsession näher zu beleuchten; ein Thema übrigens, das ich in der Anthologie, von der Sie sprechen, häufig aufgegriffen habe.
Ganz anderes Thema: Es gibt den Spruch, dass Schwanger- und Mutterschaft daran schuld sind, wenn die Gehirnleistung nachlässt. Abgesehen davon - hat die Tatsache, dass Sie einen kleinen Sohn haben Ihre Sicht der Dinge in mancherlei Hinsicht verändert?
Wahrscheinlich geht die Tatsache, Mutter zu sein, einher mit der Angst vor Verlust. Und man wird sich der eigenen Sterblichkeit stärker bewusst.
Wie sieht es etwa aus mit verschwundenen Kindern. Wäre das ein Thema, das sich Ihnen für einen künftigen Roman anbieten würde?
Themen und Geschichten drängen sich einem aus den unterschiedlichsten Gründen auf. Ich habe keine wirkliche Kontrolle darüber, was sich mir anbietet und was nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass ich vor irgendeinem Stoff zurückschrecken würde. Es könnte ja sein, dass ich dadurch einige der Aspekte des Lebens besser verstehe.
In früheren Interviews haben Sie mehrfach gesagt, dass Ihre Figuren stets Züge von Val McDermid tragen ... - zum Beispiel was den Humor anbetrifft ...
Man kann nicht erfinden, was man selbst nicht besitzt.
Diese Story, von der wir vorhin gesprochen haben, die über den Autor der zum Mörder wird. Er findet die Adresse der Frau, die er verfolgt, über das Internet heraus. Nutzen Sie persönlich das Netz?
Das kann man so sagen - ich nutze es recht intensiv. Das tue ich schon ziemlich lange; ich bin bereits seit 1987 online, als es noch nicht mal ein www gab, sondern nur Message Boards. Aber die Möglichkeiten, die der Cyberspace bietet, fand ich immer schon außerordentlich interessant.
Stichwort "Homepages": Man sagt, dass sich manche Verlage Domains mit dem Namen eines Autors sichern und dann Internetseiten bauen, mit denen der gleichnamige Schriftsteller nicht wirklich glücklich ist. Wie steht es in dieser Hinsicht mit www.valmcdermid.com - gehört die Seite Ihnen bzw. betreiben Sie sie oder Ihr Verlag?
Die Seite gehört nicht meinem Verlag, aber selbst betreibe ich sie auch nicht.
Zurück zu Ihren Büchern: Sie haben einige Serienfiguren erschaffen. Welche davon ist Ihr persönlicher Favorit/In?
Ich habe ein ganz unterschiedliches Verhältnis zu jeder von ihnen. Es ist, als würde ich alte Freunde wiedertreffen. Na ja, sagen wir, was Carol anbetrifft ist das vorherrschende Gefühl eher pure Lust (lacht).
Haben Sie dann nicht manchmal genug von Ihren Figuren?
Nein. Ich bewege mich zwischen unterschiedlichen Charakteren und deswegen gehen sie mir nicht auf die Nerven. Schon ziemlich früh in meiner Karriere wurde mir klar, dass es mir keinen Spaß machen würde, ausschließlich über eine einzige Figur zu schreiben. Ich hatte Angst davor, mich zu langweilen. Mir wurde bewusst, dass ich unterschiedliche Dinge tun musste. Aber ich komme immer wieder zu den einzelnen Figuren zurück - erfrischt und mit neu erwachtem Interesse.
Die Helden bzw. Heldinnen Ihrer Romane sind zwar alle sehr unterschiedlich aber doch irgendwie ähnlich. Haben Sie vor neben Lindsay Gordon, Kate Brannigan, Tony Hill/Carol Jordan noch weitere Figuren zu erschaffen?
Im Moment glaube ich nicht, dass ich weitere Serienfiguren erfinden werde, aber ich habe ja begonnen, Einzelromane zu verfassen. Sehen Sie manchmal ist es so, dass ich eine Idee habe, die aber zu keiner meiner bereits existierenden Figuren passt. Dann gehe ich her und erzähle die Geschichte mit neuen, frischen Protagonisten.
Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen bevorzugen zu wissen, was sie erwartet?
Klar mögen die Leser Serien - ich selbst LIEBE Serien! Als Leser feiere ich mit Freuden ein Wiedersehen mit den mir lieb gewordenen Protagonisten. Aber meiner Ansicht nach müssen Schriftsteller zuweilen auch ihre Chance ergreifen dürfen - und manchmal habe ich das Gefühl, einige von uns hängen in ihren Serien fest. Weil die Leser nach einer Fortsetzung verlangen, weil die Verleger das natürlich auch wollen und nicht zuletzt, weil es ziemlich schwierig ist, in die Ungewissheit neuer Figuren zu springen, wenn du bereits mit bestimmten Charakteren erfolgreich eingeführt bist.
Wenn Sie davon sprechen, dass es innerhalb des Genres eine neue Art "Freiheit" gibt, bedeutet das, dass sich die Dinge in den letzten Jahren verändert haben?
Meiner Ansicht nach hat es enorme Veränderungen gegeben, seitdem ich angefangen habe zu schreiben. Als ich damals meinen ersten Roman schrieb, Mitte der Achtziger, gab es in diesem Bereich der Belletristik den Polizeiroman und den Häkelkrimi und dann war da noch Ruth Rendell, die irgendwelche sonderbaren Psychothriller verfasste, die sich beträchtlich von dem abhoben, was alle anderen zu Papier brachten.
Wie sieht es mit den Themen aus - haben die sich auch in den letzten Jahren verändert? Ist heute alles und jedes möglich, ganz ohne Tabus? Vielleicht täusche ich mich, aber mir scheint, als wäre "Kindesmissbrauch" nicht wirklich etwas, worüber man vor zwanzig oder sogar vor zehn Jahren besonders häufig geschrieben hätte ...
Wenn Sie es von dieser Warte aus betrachten, denke ich, dass die Themenpalette in der Tat sehr viel umfangreicher geworden ist. Das auch zum Teil, weil sich das Genre verändert hat. In einem kleinen, eng umrissenen Mikrokosmos von Verdächtigen, so à la Agatha Christie, war es - vor allem auch im Hinblick auf die moralischen Gegebenheiten jener Zeit - kaum möglich, so weit zu gehen.
Die Heldin Ihrer ersten Bücher war eine lesbische Amateurdetektivin - hat das seinerzeit für Aufruhr gesorgt? Beim Verleger, bei den Medien oder den Lesern?
Mein allererster Verlag war ein britischer Frauenbuchverlag. Und dort war das, was ich schrieb absolut kein Problem - ganz im Gegenteil, es war genau das, was sie suchten. Damals strömte eine Welle neuer amerikanischer feministischer Krimiautorinnen - so wie Sara Paretsky, Mary Wings, Barbara Wilson, Sue Grafton auf den englischen Markt - und die britischen Verleger waren ganz heiß darauf, etwas ähnliches zu haben ... mit einem britischen Background.
Ihre Leser sind nicht nur von den Figuren fasziniert, die Sie kreieren, sie haben auch viel für die Autorin Val McDermid übrig - wie fühlt es sich an, eine berühmte Schriftstellerin zu sein?
Um wenigstens noch ein bisschen Privatleben zu haben, musst du manchmal "Nein" sagen können, wenn Leser dich ansprechen, und um ein Autogramm bitten oder dich in ein Gespräch verwickeln wollen.
Bisher blicken Sie auf eine Bilanz von siebzehn Romanen und mehr als ein Dutzend Kurzgeschichten zurück. Wie schaffen Sie das alles?
Als ich anfing zu schreiben, machte ich mir einen Fünfjahresplan. Wenn ich den einhalten konnte, dann würde es mir auch gelingen, mit dieser Art Tätigkeit für den Rest meines Lebens Geld zu verdienen. Aus diesem Grund schrieb ich eine Zeitlang sogar zwei Bücher im Jahr. Na ja, es funktionierte, und nun kann ich alles ein bisschen langsamer angehen lassen.
Sie sagen, Sie selbst haben keine Präferenzen, was Ihre Figuren anbetrifft - haben Ihre Leser ein Faible für einen der Charaktere?
Ach ich denke, jede Figur hat ihre Fans. Manche mögen Kate Brannigan, andere Lindsay, und wieder andere können von Tony and Carol nicht genug hören. Es gibt auch Leser, die mich bereits gebeten haben, Fiona Cameron aus "Killing the Shadows" (dt. "Die Erfinder des Todes" a.d.R.) ein weiteres Mal auftreten zu lassen. Die Leute neigen schnell dazu, Hauptfiguren eines Romans in ihr Herz zu schließen.
Tja, das Interview (das ungefähr dreimal so lang wurde wie vorgesehen ;-) hingegen MUSSTE an dieser Stelle beendet werden, aber es war ein großes Vergnügen mit einer so ausgesprochen sympathischen Person wie Val McDermid geplaudert zu haben.
Wir danken für dieses Gespräch!
Mit Val McDermid sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Foto: Michaela Pelz)
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