Exklusivinterview mit Val McDermid

Keine Spur von Reserviertheit bei der Frau, die bereits in einer gemütlichen Nische im Café Roma wartet. Im Gegenteil - von der ersten Minute an beweist sie mit launigen Bemerkungen ihren sprichwörtlichen Humor.

Ihrer Webseite ist zu entnehmen, dass Sie in der Lage sind, ein Flugzeug zu steuern - machen Sie das heute immer noch?

Oh nein - das Foto entstand während meiner Tätigkeit als Journalistin anlässlich irgendeines Preisausschreibens. Ich habe gar keinen Flugschein.

Würden Sie gern einen machen?

Keine Ahnung. Ja, vielleicht könnte das ganz spassig sein. Ich mag die Geschwindigkeit, ich mag, wenn es aufregend wird, also wäre das vielleicht doch ein Projekt, das man für die Zukunft im Auge behalten könnte.

A propos Geschwindigkeit und Nervenkitzel: In einigen Ihrer Bücher und Kurzgeschichten spielen schnelle Autos eine große Rolle ...

Ich habe eine Schwäche für Autos, das muss ich leider zugeben. Ich fahre ein BMW 325 Cabrio und gestern war ich beim BMW Fahrertraining in der Nähe des Flughafens, wo man mir gezeigt hat, wie ich Stunts mit einem Minicooper S machen kann. Und dabei habe ich mich gar nicht so dumm angestellt! Ich kann jetzt mit der Handbremse eine Vollbremsung hinlegen - das war sehr lustig! - und habe gelernt wir man sich um 180° dreht. Der Typ, der mich geschult hat, war früher Mitglied eines SEK, also hatte ich das Gefühl, in guten Händen zu sein.

Haben Sie außer den Autos noch andere Hobbies?

Also Briefmarken sammle ich nicht (lacht). Autos sind wirklich mein größtes Laster. Meine Schwäche. Ich gebe nicht wirklich viel Geld für andere Dinge für mich selbst aus. Ich liebe schöne Autos. Und ich hatte immer schon ordentliche Autos - selbst damals, als ich noch arm war.

In Anbetracht der Tatsache, dass Sie aus Schottland kommen - sind nicht manche der Straßen, vor allem in ländlichen Gegenden extrem eng, einspurig und immer mal wieder von einer Horde Schafe komplett blockiert?

Um diese Vierbeiner vermeiden zu können, müssen Sie schon ein richtig guter Autofahrer sein. Um ehrlich zu sein, habe ich sogar mal ein Tier überfahren. Ich konnte nichts dafür - das Schaf war selbst schuld. Es war mitten im Winter - damals lebte ich in Darbyshire, wo es eine Menge enger und verwinkelter Strassen gib - und es hatte ziemlich stark geschneit. Das Schaf am Strassenrand hatte im Schnee den Halt verloren, rutschte daher auf die Strasse und direkt vor mein Auto. Ich konnte nirgendwohin ausweichen. Also fuhr ich es tot.

Das war bestimmt kein schönes Gefühl?

Ich fühlte mich ausgesprochen mies! Insbesondere weil das Viech dabei den Kühler meines Autos komplett geschrottet hatte! (lächelt)

Wenn wir schon über das Umbringen sprechen: Wenn Sie Menschen in Ihren Büchern um die Ecke bringen - und ich muss gestehen, dass mir persönlich das Ableben einiger dieser doch ziemlich fiesen Subjekte aus ihrer kürzlich erschienenen Kurzgeschichtensammlung absolut gar nicht leid getan hat - fühlen Sie sich dann gut?

Es geht gar nicht so sehr darum, sich gut zu fühlen. Ich denke einer der Gründe, warum wir sowohl Krimis schreiben als auch lesen hängt damit zusammen, dass Frauen in der Gesellschaft noch immer keinen Platz zum zornig werden haben. Es ist doch so: Man erwartet ständig von uns, lieb und fürsorglich und sanft und mütterlich zu sein und niemals Lust zu verspüren, gewalttätig oder wütend zu werden. Aber Frauen haben nun mal ebenfalls diese Gefühle, auch bei uns sammeln sich Frust oder rasender Zorn. Einer der Wege um damit fertig zu werden, diese Emotionen zu kompensieren, ist das Lesen von Krimis. Und für uns, die Schriftsteller, ist es definitiv ein hervorragender Weg um Leute loszuwerden, die uns mächtig auf den Geist gegangen sind. Im "echten Leben" kann man das nicht tun und es wäre natürlich auch keine wirklich angemessene Reaktion, durch die Gegend zu ziehen und all jene abzumurksen, die einen geärgert haben. Hinzu kommt, dass gerade Frauen nicht zugestanden wird, ihre Wutgefühle auszuleben. Wenn ich mich richtig erinnere, sagt Sue Grafton im Vorwort ihres ersten Buches ungefähr Folgendes: "Nachts wachte ich auf und malte mir aus, wie ich meinen Ex-Mann umbringen könnte. Dann wurde mir klar, dass ich damit nicht davonkommen würde. Also schrieb ich ein Buch, um mich abzulenken." Und damit, denke ich, steht sie ganz und gar nicht alleine dar.
Um aber noch mal auf die Frage zurückzukommen, ich denke, ja, im Lauf der Jahre habe ich schon ein paar Leute in meinen Büchern um die Ecke gebracht, die mich geärgert hatten. Das Interessante dabei ist, dass sie sich so gut wie nie wiedererkennen. Keiner hält sich selbst für so böse, schrecklich oder schlecht.

Was denken Sie, wie nahe ist die Grenze zwischen Ihrer Vorstellungskraft und der "wirklichen" Welt? Will sagen: Wie gefährlich ist es, wenn ein Schriftsteller förmlich ins Gehirn eines Serienmörders hineinkriecht - wobei ich keine Ahnung habe, wie viele Autoren tatsächlich ausgerastet und selbst zu Serienmördern geworden sind ...

Ich denke, den Teufel treibt man am besten aus, indem man über ihn schreibt - das Verlangen vergeht indem man die Aktion selbst in den eigenen Kopf verlagert; das reicht dann schon aus.

Eine Ihrer Kurzgeschichten erzählt die Geschichte eines Autors, der am Ende selbst zum Mörder wird - Sie sagen in der Story nicht, welche Art Bücher dieser Mann verfasst, vielleicht sind es ja Krimis. Wie steht es damit?

In dieser speziellen Geschichte geht es mir mehr darum, die verschiedenen Stadien von Obsession näher zu beleuchten; ein Thema übrigens, das ich in der Anthologie, von der Sie sprechen, häufig aufgegriffen habe.
Aber im großen und ganzen denke ich, sind Krimiautoren die Menschen, die am wenigstens dazu neigen, jemanden zu töten oder sich gewalttätig zu verhalten, ganz einfach deswegen, weil wir Schriftsteller unsere dunklen Seiten auf dem Papier ausleben.
Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Krimischriftsteller sehr sensible, liebenswerte Menschen sind. Wir sind kontaktfreudig, wir ziehen gern miteinander um die Häuser, wir kommen auch gut miteinander aus, und im allgemeinen haben wir eine Menge Humor. Und wir mögen einander wirklich gern.
Meines Erachtens hat das viel damit zu tun, dass wir unsere eigene Spannung los werden und gleichzeitig immer wieder unseren größten Ängsten ins Auge sehen müssen. Wissen Sie, über die Dinge zu schreiben, die einen normalerweise nachts nicht schlafen lassen würden, ist ein hervorragendes Mittel, damit fertig zu werden; fast könnte man sagen eine Art Therapie.

Ganz anderes Thema: Es gibt den Spruch, dass Schwanger- und Mutterschaft daran schuld sind, wenn die Gehirnleistung nachlässt. Abgesehen davon - hat die Tatsache, dass Sie einen kleinen Sohn haben Ihre Sicht der Dinge in mancherlei Hinsicht verändert?

Wahrscheinlich geht die Tatsache, Mutter zu sein, einher mit der Angst vor Verlust. Und man wird sich der eigenen Sterblichkeit stärker bewusst.

Wie sieht es etwa aus mit verschwundenen Kindern. Wäre das ein Thema, das sich Ihnen für einen künftigen Roman anbieten würde?

Themen und Geschichten drängen sich einem aus den unterschiedlichsten Gründen auf. Ich habe keine wirkliche Kontrolle darüber, was sich mir anbietet und was nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass ich vor irgendeinem Stoff zurückschrecken würde. Es könnte ja sein, dass ich dadurch einige der Aspekte des Lebens besser verstehe.
Keine Ahnung, ob das stimmt, aber in meinen Augen sollte jemand, der versucht, ein guter Schriftsteller zu sein, an seiner Fähigkeit des Mitgefühls, des Mit-Leidens arbeiten. Man muss sich bemühen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sich vorstellen, was sie bewegt, und versuchen so zu denken, als steckte man in ihrer Haut: "Was würde ich wohl tun, wenn ich in dieser Situation wäre?"
Paradoxerweise ist dabei eigene Erfahrung nicht immer der beste Ratgeber. Ganz einfach deswegen, weil die eigenen Gefühle im Zusammenhang mit einer Erfahrung so intensiv sein können, dass sie die Fähigkeit behindern, sich in jemanden anderen hineinzuversetzen. Du kannst nicht einfach abstreifen und vergessen, was du selbst in einer bestimmten Situation getan hast. Und es ist dann verdammt schwer, allein die Figur entscheiden zu lassen, wie es weitergehen soll. Dabei darf man nie vergessen: "Das bist NICHT du, der da spricht und handelt! Überleg dir, was die Figur tun würde, was sie - und NICHT DU! - fühlen würde."

In früheren Interviews haben Sie mehrfach gesagt, dass Ihre Figuren stets Züge von Val McDermid tragen ... - zum Beispiel was den Humor anbetrifft ...

Man kann nicht erfinden, was man selbst nicht besitzt.
Und man kann es nicht abstreifen.
Humor ist die eine Sache, die du nicht los wirst. Manchmal ist es hart, denn das, was mich zum Lachen bringt, das muss nicht notwendigerweise auch für andere lustig sein, aber das kann ich dann leider nicht ändern. Dieser eine Wesenszug gehört unverrückbar zu mir.

Diese Story, von der wir vorhin gesprochen haben, die über den Autor der zum Mörder wird. Er findet die Adresse der Frau, die er verfolgt, über das Internet heraus. Nutzen Sie persönlich das Netz?

Das kann man so sagen - ich nutze es recht intensiv. Das tue ich schon ziemlich lange; ich bin bereits seit 1987 online, als es noch nicht mal ein www gab, sondern nur Message Boards. Aber die Möglichkeiten, die der Cyberspace bietet, fand ich immer schon außerordentlich interessant.
Früher war ich außerdem technisch recht versiert, aber nun, da sich die Welt so schnell und so weit weg bewegt, sieht es so aus, dass es dich, wenn du auf dem Laufenden bleiben möchtest, dein halbes Leben kostet. Also bin ich jetzt kein so großartiger Techniker mehr wie damals.
Das Netz benutze ich zu Recherchezwecken. Es ist unglaublich und wundervoll, wie weit man kommen kann, wenn man einfach nur seiner Nase folgt. Das einzige Problem daran ist, rechtzeitig den Absprung zu finden. Ich versuche, das Ganze auf einer vernünftigen Basis zu halten, streng zu mir selbst zu sein.

Stichwort "Homepages": Man sagt, dass sich manche Verlage Domains mit dem Namen eines Autors sichern und dann Internetseiten bauen, mit denen der gleichnamige Schriftsteller nicht wirklich glücklich ist. Wie steht es in dieser Hinsicht mit www.valmcdermid.com - gehört die Seite Ihnen bzw. betreiben Sie sie oder Ihr Verlag?

Die Seite gehört nicht meinem Verlag, aber selbst betreibe ich sie auch nicht.
Eine meiner Freundinnen kümmert sich ganz wunderbar darum - sie ist Webdesignerin. Dazu kommt, dass wir uns seit mehr als zwanzig Jahren kennen. Darum habe ich vollstes Vertrauen zu ihr, sie weiß, was für ein Mensch ich bin und wie ich mich selbst gern nach außen darstellen möchte. Daher lief das alles ohne große Umwege oder Probleme ab, die Zusammenarbeit ist hervorragend. Sie macht das, worum ich sie bitte und schlägt mir Dinge vor, von denen sie glaubt, dass sie funktionieren bzw. rät mir von Sachen ab, die ihrer Ansicht nach nicht gehen.

Zurück zu Ihren Büchern: Sie haben einige Serienfiguren erschaffen. Welche davon ist Ihr persönlicher Favorit/In?

Ich habe ein ganz unterschiedliches Verhältnis zu jeder von ihnen. Es ist, als würde ich alte Freunde wiedertreffen. Na ja, sagen wir, was Carol anbetrifft ist das vorherrschende Gefühl eher pure Lust (lacht).
Du verbringst eine Menge Zeit damit, eine Hauptfigur kennen zu lernen, dann schreibst du eine Weile nicht über sie, dann kommst du wieder auf sie zurück. Das ist dann, als würdest du Freunde treffen, die du lange nicht gesehen hast - und du fängst genau an dem Punkt wieder an, an dem euer letztes Gespräch unterbrochen wurde. Diese Art von Verhältnis ist das.
Für mich ist es außerordentlich interessant zu sehen, was den Figuren mittlerweile passiert ist, was sie getan haben, wie sie sich entwickelt, wie sie sich verändert haben.

Haben Sie dann nicht manchmal genug von Ihren Figuren?

Nein. Ich bewege mich zwischen unterschiedlichen Charakteren und deswegen gehen sie mir nicht auf die Nerven. Schon ziemlich früh in meiner Karriere wurde mir klar, dass es mir keinen Spaß machen würde, ausschließlich über eine einzige Figur zu schreiben. Ich hatte Angst davor, mich zu langweilen. Mir wurde bewusst, dass ich unterschiedliche Dinge tun musste. Aber ich komme immer wieder zu den einzelnen Figuren zurück - erfrischt und mit neu erwachtem Interesse.

Die Helden bzw. Heldinnen Ihrer Romane sind zwar alle sehr unterschiedlich aber doch irgendwie ähnlich. Haben Sie vor neben Lindsay Gordon, Kate Brannigan, Tony Hill/Carol Jordan noch weitere Figuren zu erschaffen?

Im Moment glaube ich nicht, dass ich weitere Serienfiguren erfinden werde, aber ich habe ja begonnen, Einzelromane zu verfassen. Sehen Sie manchmal ist es so, dass ich eine Idee habe, die aber zu keiner meiner bereits existierenden Figuren passt. Dann gehe ich her und erzähle die Geschichte mit neuen, frischen Protagonisten.
In meinen Augen ist das Krimi-Genre derzeit ungemein vielfältig - es ist ein wirklich weites Feld geworden. Du kannst heute jede Art Roman, in jedem Stil und jedem Ambiente schreiben. Das Schreiben ist zu einem Ort unendlicher Freiheit geworden. Und das ist eine der Freuden, die diese Arbeit für mich mit sich bringt. Denn ich kann gehen, wohin ich möchte mit meiner Phantasie und trotzdem noch innerhalb meines Genres bleiben, kann meine Leser mit auf die Reise nehmen. Okay, manchmal muss ich noch kämpfen, um meine Verleger ebenfalls zum Mitreisen zu bewegen, aber okay ...
Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit mit unendlich vielen Fähigkeiten - keiner ist nur eindimensional. Und doch wird so oft von Schriftstellern erwartet, nur eine Art Bücher zu schreiben. Das scheint mir so widersinnig! Warum sollen gerade Schriftsteller der Welt nur eine einzige Seite ihres Wesens zeigen dürfen?

Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen bevorzugen zu wissen, was sie erwartet?

Klar mögen die Leser Serien - ich selbst LIEBE Serien! Als Leser feiere ich mit Freuden ein Wiedersehen mit den mir lieb gewordenen Protagonisten. Aber meiner Ansicht nach müssen Schriftsteller zuweilen auch ihre Chance ergreifen dürfen - und manchmal habe ich das Gefühl, einige von uns hängen in ihren Serien fest. Weil die Leser nach einer Fortsetzung verlangen, weil die Verleger das natürlich auch wollen und nicht zuletzt, weil es ziemlich schwierig ist, in die Ungewissheit neuer Figuren zu springen, wenn du bereits mit bestimmten Charakteren erfolgreich eingeführt bist.
Ganz am Anfang meiner Karriere hatte ich keinen Ruf, den ich verlieren konnte, keinen Erfolg, an dem ich mich messen lassen musste, wodurch es sehr viel leichter wurde, etwas ganz anderes zu schreiben.

Wenn Sie davon sprechen, dass es innerhalb des Genres eine neue Art "Freiheit" gibt, bedeutet das, dass sich die Dinge in den letzten Jahren verändert haben?

Meiner Ansicht nach hat es enorme Veränderungen gegeben, seitdem ich angefangen habe zu schreiben. Als ich damals meinen ersten Roman schrieb, Mitte der Achtziger, gab es in diesem Bereich der Belletristik den Polizeiroman und den Häkelkrimi und dann war da noch Ruth Rendell, die irgendwelche sonderbaren Psychothriller verfasste, die sich beträchtlich von dem abhoben, was alle anderen zu Papier brachten.
Das ganze Genre wurde revolutioniert und ich denke, auf merkwürdige Weise hängt das damit zusammen, was mit der Literatur allgemein passiert ist. In den Achtzigern wurden die Literaturwissenschaften als Grundlage jeder kritischen Betrachtung eines neuen Buches so vorherrschend, dass die Autoren plötzlich überhaupt nicht mehr an ihre Leser dachten und nicht mehr an Handlungsaufbau und Erzählkunst. So sehr standen Theorie und Erwägungen der Postmoderne im Vordergrund, dass die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, komplett verloren ging.
An diesem Punkt wandten sich eine Menge Schriftsteller, die nur eine Generation zuvor in Richtung allgemeine oder literarische Belletristik gegangen wären, dem Krimi zu, weil sie Geschichten erzählen wollten. Und ein Kriminalroman par excellence ist nun mal der, der einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Möglicherweise muss man die Bestandteile nicht in dieser Reihenfolge niederschreiben, aber Fakt ist, dass es Anfang, Mitte und Ende GIBT.
Und so hat sich der Altersdurchschnitt der Krimiautoren drastisch verändert, seitdem ich mit dem Schreiben anfing. Als mein erstes Buch veröffentlicht wurde, war ich zweiunddreißig. Und ich werde nie vergessen, wie ich zu meiner ersten Krimischriftstellerversammlung in Großbritannien ging und das Gefühl hatte, als sei ich in eine Senioren-Tagesstätte geraten ... Es gab praktisch niemanden dort, der jünger als fünfzig gewesen wäre. Nur ich und ein anderer Typ schrieben tatsächlich im zarten Alter von um die Dreißig Kriminalromane.
Heutzutage ist ein Großteil der einschlägigen Autoren in diesem Alter, es gibt sogar Zwanzigjährige, die sich dieser literarischen Form zuwenden, weil sie sie in die Lage versetzt, Geschichten zu erzählen.
Darüber hinaus hat der Krimi eine sozial- und gesellschaftskritische Funktion übernommen. Er beleuchtet, wer wir sind und wo wir stehen. Dieses Thema kann man auf sehr ernsthafte, aber auch auf sehr komische Weise angehen.
Meiner Ansicht nach haben all diese Fakten zusammengenommen einen ausgesprochen reizvollen und spannenden Nährboden für experimentierfreudige Zeitgenossen geschaffen.
Es ist doch so: Wenn man den Alterdurchschnitt eines Genres auf diese Weise verändert, wird man nie Angst haben müssen, dass es irgendwann an Experimentierfreude oder Energie fehlt. Wissen Sie, als ich damals mit zweiunddreißig anfing, dachte ich: "Diesen Job werde ich jetzt die nächsten dreißig oder vierzig Jahre meines Lebens machen. Da muss ich auf jeden Fall darauf achten, nie das Interesse an der ganzen Sache zu verlieren!" Es ist ja nicht so, dass ich in Pension gegangen wäre und nun ein bisschen schreibe, um mich als Rentnerin nicht zu sehr zu langweilen und ein wenig Taschengeld nebenbei zu verdienen.
Nein - wir sprechen hier über meine Karriere! Über das, was ich für den Rest meines Arbeitslebens tun möchte. Und genau darum musste die Sache für mich immer spannend bleiben, musste ich immer Mittel und Wege finden um selbst bei der Stange zu bleiben.

Wie sieht es mit den Themen aus - haben die sich auch in den letzten Jahren verändert? Ist heute alles und jedes möglich, ganz ohne Tabus? Vielleicht täusche ich mich, aber mir scheint, als wäre "Kindesmissbrauch" nicht wirklich etwas, worüber man vor zwanzig oder sogar vor zehn Jahren besonders häufig geschrieben hätte ...

Wenn Sie es von dieser Warte aus betrachten, denke ich, dass die Themenpalette in der Tat sehr viel umfangreicher geworden ist. Das auch zum Teil, weil sich das Genre verändert hat. In einem kleinen, eng umrissenen Mikrokosmos von Verdächtigen, so à la Agatha Christie, war es - vor allem auch im Hinblick auf die moralischen Gegebenheiten jener Zeit - kaum möglich, so weit zu gehen.
Aber ich denke auch, dass wir uns heute generell mehr für die Psychologie eines Verbrechens interessieren, für die psychologische Komponente eines Romans und das wiederum bedeutet, dass nichts undenkbar ist, was sich auf ein wie auch immer geartetes gesellschaftliches Phänomen bezieht.

Die Heldin Ihrer ersten Bücher war eine lesbische Amateurdetektivin - hat das seinerzeit für Aufruhr gesorgt? Beim Verleger, bei den Medien oder den Lesern?

Mein allererster Verlag war ein britischer Frauenbuchverlag. Und dort war das, was ich schrieb absolut kein Problem - ganz im Gegenteil, es war genau das, was sie suchten. Damals strömte eine Welle neuer amerikanischer feministischer Krimiautorinnen - so wie Sara Paretsky, Mary Wings, Barbara Wilson, Sue Grafton auf den englischen Markt - und die britischen Verleger waren ganz heiß darauf, etwas ähnliches zu haben ... mit einem britischen Background.
Während des Schreibens wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, aus Lindsay Gordon eine heterosexuelle Frau zu machen, und es ist mir nicht im Traum eingefallen, ihr lesbisch sein könnte zu einem Problem für irgendjemand werden. Wohlgemerkt, niemand hatte je zuvor etwas ähnliches geschrieben, es handelte sich also um die erste Lesbe in einem Krimi. Aber es entsprach dem damaligen Zeitgeist und schien eine völlig logische Sache zu sein.

Ihre Leser sind nicht nur von den Figuren fasziniert, die Sie kreieren, sie haben auch viel für die Autorin Val McDermid übrig - wie fühlt es sich an, eine berühmte Schriftstellerin zu sein?

Um wenigstens noch ein bisschen Privatleben zu haben, musst du manchmal "Nein" sagen können, wenn Leser dich ansprechen, und um ein Autogramm bitten oder dich in ein Gespräch verwickeln wollen.
Aber meistens behandeln mich die Leute in der Stadt, in der ich lebe, ganz genau so wie jeden anderen auch.
Das einzig wirklich nette Erlebnis im Zusammenhang mit meiner "Popularität" hatte ich in Australien: Meine zuständige Pressebetreuerin und ich waren auf der verzweifelten Suche nach einem Taxi, weil wir zu einer Autogrammstunde mussten und eh schon viel zu spät dran waren. Aber kein Taxi weit und breit zu sehen. Plötzlich hielt ein Auto und die Fahrerin sagte: "Sind Sie nicht Val McDermid? Ihr Mädels seht aus, als könntet Ihr Hilfe gebrauchen - was kann ich für Euch tun?" Als wir Ihr von unserem Problem erzählten, hieß uns die Frau einsteigen und fuhr uns zu unserem Termin - obwohl sie ursprünglich eigentlich ganz woanders hin musste.

Bisher blicken Sie auf eine Bilanz von siebzehn Romanen und mehr als ein Dutzend Kurzgeschichten zurück. Wie schaffen Sie das alles?

Als ich anfing zu schreiben, machte ich mir einen Fünfjahresplan. Wenn ich den einhalten konnte, dann würde es mir auch gelingen, mit dieser Art Tätigkeit für den Rest meines Lebens Geld zu verdienen. Aus diesem Grund schrieb ich eine Zeitlang sogar zwei Bücher im Jahr. Na ja, es funktionierte, und nun kann ich alles ein bisschen langsamer angehen lassen.

Sie sagen, Sie selbst haben keine Präferenzen, was Ihre Figuren anbetrifft - haben Ihre Leser ein Faible für einen der Charaktere?

Ach ich denke, jede Figur hat ihre Fans. Manche mögen Kate Brannigan, andere Lindsay, und wieder andere können von Tony and Carol nicht genug hören. Es gibt auch Leser, die mich bereits gebeten haben, Fiona Cameron aus "Killing the Shadows" (dt. "Die Erfinder des Todes" a.d.R.) ein weiteres Mal auftreten zu lassen. Die Leute neigen schnell dazu, Hauptfiguren eines Romans in ihr Herz zu schließen.
Eins der Dinge, die ich stets versuche, bei meinen Romanen zu berücksichtigen, ist, den Lesern Raum für ihre eigenen Phantasie zu lassen. Auf diese Weise bauen die Leser ihr eigenes Verhältnis zu den Figuren auf, so dass, wenn das Buch endet, die Verbindung zwischen Leser und Figur darum noch lange nicht beendet ist.

Tja, das Interview (das ungefähr dreimal so lang wurde wie vorgesehen ;-) hingegen MUSSTE an dieser Stelle beendet werden, aber es war ein großes Vergnügen mit einer so ausgesprochen sympathischen Person wie Val McDermid geplaudert zu haben.

Wir danken für dieses Gespräch!

Mit Val McDermid sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(München, April 2001)

(Foto: Michaela Pelz)