Exklusivinterview mit Joachim Friedrich

F: Wann genau haben Sie begonnen, für kleine Leute statt für große Menschen Bücher zu schreiben – und was war der Auslöser?
A: “Schuld” an meinem Dasein als Autor sind zwei Menschen: meine Mama und Michael Ende. Meine Mutter war in der Schule eine begnadete Aufsatzschreiberin und sie ist auch heute immer noch eine begeisterte Leserin. Von ihr habe ich wohl einiges geerbt. Allerdings habe ich nie daran gedacht das Schreiben zu meinem Beruf zu machen, bis vor etwa zwölf Jahren. Damals ist mir das Buch “Momo” von Michael Ende in die Hände gefallen. Die “grauen Herren”, die darin den Menschen die Zeit stehlen, haben mich sehr an mich und mein damaliges Leben erinnert. Das war der Anstoß etwas zu ändern. Zwei Jahre später war meine erste Geschichte “Tillys Traumschloss” auf dem Markt. Heute bin ich sehr glücklich darüber, dass meine Bücher auch beim Thienemann-Verlag erscheinen – so wie Momo.
F: Wie unterscheiden sich die Tätigkeiten als Berater einer Industriefirma (bei der man sicherlich täglich mit vielen Menschen zu tun hat) und die (doch relativ “einsame”) eines Schriftstellers
A: So “einsam”, wie vielleicht manche Menschen glauben mögen, ist die Arbeit eines Autors, zumindest eines Kinder- und Jugendbuchautors, gar nicht. Ich habe das Glück zwischen 120 und 150 Mal im Jahr in Schulen, Bibliotheken und Buchhandlungen Kindern meine Geschichten vorzulesen. Das heißt, ich sehe etwa zehntausend Kinder im Jahr und unterhalte mich mit ihnen. Das ist für meine Arbeit sehr wichtig und hier treffen sich auch die beiden, auf den ersten Blick so unterschiedlichen Berufe. Ich habe als Berater gelernt, dass ich nur dann Erfolg haben kann, wenn ich die Wünsche meiner Kunden sehr ernst nehme, um sie, so gut ich eben kann, zu erfüllen. Das gilt für meine Beratungskunden ebenso wie für meine Leser.
F: Können Sie sich vorstellen, nur noch das eine oder das andere zu tun?
A: Ich kann es mir nicht nur vorstellen. Seit meiner ersten Veröffentlichung habe ich daran gearbeitet den Kinderbüchern immer größeren Raum in meinem Leben zu verschaffen. Nun ist es endlich soweit! Ab Juli dieses Jahres werde ich meinen “grauen Anzug” an den Nagel hängen und mich (beruflich) nur noch den Kinderbüchern widmen.
F: Woher nehmen Sie die Vorbilder für Ihre pfiffigen Hauptfiguren – z.B. die “Viereinhalb Freunde” oder jetzt, ganz neu, “Amanda X”? Sind das Menschen, Kinder, Tiere, die Sie kennen?
A: Die Charaktere meiner Figuren entspringen bestimmten “Grundtypen”, und mit diesen Grundtypen verbinde ich auch Gesichter. Ich denke, das geht jedem so, der Geschichten schreibt. Letztendlich sind sie aber geformte Charaktere, entsprechend den Notwendigkeiten der jeweiligen Geschichte. Allerdings mache ich die sehr spannende Erfahrung, dass die Figuren plötzlich zu leben beginnen. Die Viereinhalb Freunde, Amanda, Ricki, Blümchen und all die anderen haben in meinem Kopf den gleichen Platz wie reale Menschen, die ich kenne.
F: Was halten Sie von Horoskopen, Hellsehern und übersinnlich begabten Leuten?
A: Es wäre sicher sehr vermessen, wenn wir Menschen glaubten im Besitz der “letzten Erkenntnis” zu sein. Ich glaube fest an eine Macht, die unser Leben, wenn auch nicht im Detail lenkt, so doch Einfluss auf unser Schicksal hat. Und ich glaube auch daran, dass es Menschen gibt, denen ein kleines Fenster zu dieser “überirdischen” Macht geöffnet wird. Diese Fenster sind dann der Stoff für Horoskope, Hellseherei oder Geschichten wie “Amanda X”.
F: Besitzen Sie selbst ein intergalaktisches Schaf? Wenn ja: Wo haben Sie es her? Wenn nein: Wäre das nicht eine Züchtung, die man den Wissenschaftlern ans Herz legen sollte?
A: Das ungewöhnlichste Tier, das ich je besessen habe, war “das größte Zwergkaninchen der Welt” mit einem Gewicht von etwa fünf Kilogramm. Das Hobby dieses Kaninchens war das Knabbern an Stromleitungen, was dem Leben dieses armen Tieres auch ein frühes und jähes Ende bereitet hat. Ich wäre sehr glücklich darüber ein Schaf wie Sister X zu besitzen. Es kann nämlich, das wird in den folgenden Geschichten von Amanda X noch deutlicher werden, mit schafwandlerischer Sicherheit gute von bösen Menschen unterscheiden. Solche Schafe können nicht von Wissenschaftlern gezüchtet werden. Sie sind einfach nur intergalaktisch.
F: Es heißt, Sie werden ab Sommer “Babypause” machen – ist das eine ganz neue Erfahrung für Sie (Sie haben ja auch zwei ältere Töchter)?
A: Diese Babypause bezieht sich nur auf meinen, bereits erwähnten, grauen Anzug. Meine Autorentätigkeit wird davon (abgesehen vom nächtlichen Zubereiten der Babyfläschchen) nicht berührt. Wenn mir meine Leser auch weiterhin treu bleiben, wird sich diese Babypause bis zum Ende meines Lebens hinziehen. Als meine Töchter Babies waren, habe ich zwar keine ausdrückliche Babypause machen können, ich hatte aber das Glück viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Diese Zeit ist die wertvollste meines Lebens.
F: Wie bereiten Sie sich darauf vor, bei Pekip und Babyschwimmen in den Mütter-Hochburgen zu erscheinen und tapfer die Lieder von der “Kleinen Schnecke” und den “Zehn kleinen Zappelmännern” zu singen?
A: Da ich bereits zwei Töchter (21 und 9 Jahre) habe, kann ich schon mit einiger Erfahrung aufwarten. Auf das Babyschwimmen verzichte ich, da ich mit meinen 104 Kilo (letzte zuverlässige Schätzung) die kleinen Schwimmbecken regelmäßig zum Überlaufen bringen würde. Was die Krabbelgruppen angeht, kann ich mich noch gut daran erinnern, dass dort immer wieder die “Mütter” aufgefordert wurden einen Stuhlkreis zu bilden, mit den Kindern zu singen oder Spiele zu spielen. Erst als ich mich demonstrativ verweigerte, wurde zur allgemeinen Überraschung festgestellt, dass ja auch ein Vater anwesend war. Ich weiß nun, wie sich Frauen fühlen, die solche Erfahrungen ja immer noch in sehr viel mehr Lebensbereichen machen müssen.
F: Wie geht Ihre Familie mit der Popularität des Mannes und Vaters um? Sind Ihre Lieben stolz auf Sie oder müssen Sie bei Kinderfesten zu viele Autogramme geben?
A: Ich bin in diesem Sinne nicht populär. Die Autogramme beschränken sich in der Regel auf Lesungen. Meine Familie hat sich an mein Leben als Autor gewöhnt, das ja auch seine Schattenseiten hat, wenn ich oft wochenlang auf einer Lesereise bin. Andererseits sind sie, glaube ich, doch ein wenig stolz, wenn Papa sie von einer Zeitungsseite aus anlacht.
F: Welchen Traum möchten Sie sich – als Autor – noch verwirklichen?
A: Ich bewundere Kolleginnen und Kollegen, die auch in hohem Alter noch Geschichten schreiben, die Kinder begeistern und fesseln. Astrid Lindgren ist da sicher das beeindruckendste Beispiel. Ich träume davon, vorausgesetzt ich erreiche ein hohes Alter, das auch zustande zu bringen.
F: Letzte Frage: Unsere Krimi-Seite ist ja im Internet zu finden – können Ihre Fans Sie per E-Mail erreichen? Oder gibt es eine Web-Seite, die Sie Ihren Lesern ganz besonders ans Herz legen wollen?
A: Informationen über meine Bücher und mich sind unter
http://www.thienemann.de zu finden. Dort können meine Leser mir auch Fragen stellen, die ich garantiert beantworte. Allerdings bitte ich gleich um etwas Geduld; es kann ein paar Wochen dauern, da ich, wie gesagt, sehr viel unterwegs bin.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Herrn Friedrich sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Februar 2000)

(Foto: Thienemann Verlag)