OKTOBER 2001
Herr Deaver, denken Sie dass sich nach der schrecklichen Katastrophe vom 11. September das Literaturverständnis, gerade im Thrillerbereich, ändern wird und diese Bücher eine inhaltliche Wandlung durchmachen (müssen)?
Nein, das glaube ich nicht.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten anständigen Menschen eine Phase der Trauer durchmachen werden - was ich für durchaus angemessen halte - und zwar aus Respekt gegenüber den Opfern, ihren Familien, sowie den Überlebenden, aber letztendlich wird sich an der Art, wie Romane geschrieben werden, gar nichts ändern.
Abgesehen davon denke ich auch nicht, dass dem so sein sollte, denn es wäre ein viel zu großer Sieg für die Terroristen, wenn sie erreichen würden, dass sich unsere grundsätzlichen Werte und unsere ganz normale Vorgehensweise verändern.
Allerdings glaube ich daran, dass die erste und wichtigste Verpflichtung eines Autors und/oder Journalisten die ist, seinen Leser eine Achterbahn der Gefühle zu bieten, die so unterhaltsam und intensiv ist, wie nur möglich. Wenn wir aber hergehen und eine Geschichte schreiben, die zu sehr "ans Eingemachte" geht, in der die Gewalt zu verstörend ist, dann entfremden wir uns von unseren Lesern und haben als Schriftsteller schlichtweg versagt.
Sprich: es ist keine Frage der politischen Entscheidung sondern es geht darum, ob wir unser Handwerk verstehen oder nicht.
Das heißt, auch Sie persönlich werden nach wie vor die bösen Jungs ihr blutiges "Business as usual" betreiben lassen?
Ja.
Mit Sicherheit.
Wahrscheinlich würde ich keinen Roman verfassen, in dem Terroristen die Hauptrolle spielen, aber andererseits stand der Terrorismus noch nie im Mittelpunkt meiner Bücher.
In 'Die Tränen des Teufels' (The Devil's Teardrop), in dem der Handschriftenexperte Parker Kinkaid die Hauptrolle spielt, gibt es zwar einen Massenmord - eine Schießerei mit Dutzenden von Opfern. Aber das Buch selbst handelt nicht von Terroristen, sondern von Psychopathen.
Denken Sie, dass in diesen Ereignissen, die die Welt verändert haben, auch eine Chance für Autoren liegt, künftig nicht nur Unterhaltung zu schaffen, sondern die Behörden wie Polizei und FBI konkret mit ihren Gedankengängen zu unterstützen?
Sie meinen, dass das FBI zu mir kommt und sagt: "Jeff, wir brauchen deine Hilfe!"? Hmm ... darüber habe ich noch nie nachgedacht. Klingt aber irgendwie nicht unlogisch.
Allerdings muss ich dazu sagen, dass man mich oft fälschlicherweise für einen Experten hält, weil ich unglaublich viel recherchiere.
Will sagen: in Wirklichkeit ist das allermeiste, was ich zu einem Spezialthema von mir gebe, eben nur angelesen und nicht wirklich ein Bestandteil dessen, was ich in irgendeiner Form gelernt habe. Was nicht heißen soll, dass nicht stimmt, was ich schreibe - das ist schon alles akkurat und ich schätze für meine Leser macht es Sinn. Aber meine wichtigste Aufgabe ist doch, meinen Fans ein vergnügliches, aufregendes, außerordentlich packendes Lesevergnügen zu bereiten. Wenn ich den Text aber mit zu vielen technischen Details überfrachte, dann 'verliere" ich den Leser unterwegs.
Um aber noch mal zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Ich könnte mir gut vorstellen, dass einige meiner Schriftstellerkollegen, die tatsächlich im Polizeidienst stehen oder standen, den Behörden eine Hilfe sein könnten, aber ich sehe mich nicht in so einer Berater-Rolle ... wohlgemerkt: ich wäre mehr als glücklich, in irgendeiner Form nützlich sein zu können.
Sie erwähnten es gerade: Eine Menge Leute halten Sie für einen Experten, da Sie Ihre Leser in den meisten Ihrer Romane über ein Spezialgebiet informieren (mal ist es die Rhetorik, die Gebärdensprache, die Graphologie oder darüber, wie man Bodenproben analysiert). Das führt uns zu der Annahme, dass Sie Ihre Leser nicht nur unterhalten, sondern ihnen auch etwas beibringen wollen. Ist das so?
Ja.
Das ist mir sehr wichtig.
Meist nehme ich mir ein oder zwei Themen vor. Bei "Der Insektensammler" waren es Insekten, in "The Blue Nowhere" geht es um Hacker und das Internet und in "The Stone Monkey", dem allerneuesten Lincoln Rhyme Krimi, der 2002 in Amerika und 2003 in Deutschland erscheinen wird, habe ich mich mit der chinesischen Kultur und der Integration der Chinesen befasst.
Und wenn wir gerade über Recherche sprechen - was in meinen Büchern letztendlich davon auftaucht ist nur ein Bruchteil dessen, was ich vorher zu einem Gebiet in Erfahrung gebracht habe. 80% meines Materials fliegt raus - und das ist manchmal richtig hart. Da habe ich mir all diese Mühe gemacht und einen Berg von Wissen erworben und dann muss ich mich sang- und klanglos davon trennen. Aber dann rufe ich mir ins Gedächtnis: Das Buch ist für den Leser, nicht für dich!
Am schlimmsten ist es, wenn auch noch die Formulierungen so richtig rund sind und beim Schreiben alles wie geschmiert läuft. Dann stehen auf dem Papier all diese perfekten Sätze und du musst sie einfach wegwerfen. Das tut schon weh. Aber es geht nicht anders. Da muss man durch.
Wie lange - zeitlich gesehen - muss man sich eine solche Recherche vorstellen?
Das ist alles ziemlich genau strukturiert.
Wissen Sie, auch wenn noch lange nicht alle auf deutsch erschienen sind, so arbeite ich doch gerade an meinem achtzehnten oder neunzehnten Buch.
Das heißt, dass ich mir über die Jahre eine bestimmte Vorgehensweise angeeignet habe: Ich mache ein Buch im Jahr. Acht Monate brauche ich für die Recherche und eine Gliederung der Handlung. Diese ist ca. 150 bis 200 Seiten lang. Sie enthält den gesamten Plot und einige Details. Außerdem sind alle Hinweise zur Lösung des Falles drin und die Figuren werden entwickelt, sowie der Zeitpunkt ihres Erscheinens festgelegt. Und die Choreografie für das Ende der Geschichte. Parallel dazu führe ich meine Recherchen durch.
Wenn das alles fertig ist, wie gesagt, so etwa nach siebeneinhalb bis acht Monaten, setze ich mich hin und schreibe das Buch selbst. Das dauert dann nur noch circa zwei Monate.
Und dann fahren Sie in Urlaub?
NEIN!!!
Danach überarbeite ich das Manuskript. Und überarbeite es noch mal. Und noch mal. Dreißig bis vierzig Mal geht das so. Mein Verleger sagt mir schon gar nicht mehr, wann das Buch in Druck geht - ich schätze sonst wäre ich imstande und würde noch Änderungen an den Platten vornehmen, bevor sie belichtet werden.
Was nicht heißt, dass ich nie in Urlaub fahre. Ich mache oft Ferien - mein Leben ist in dieser Hinsicht sehr angenehm. Ich bin auch sehr glücklich damit. Aber trotzdem muss ich ein Buch pro Jahr schreiben. Bei uns gibt es diesen Ausdruck "Hummeln im Hintern haben", kribbelig werden. Wenn ich für einen Monat wegfahren, dann fange ich nach vierzehn Tagen an zu schreiben, egal was sonst passiert - ich kann einfach nicht still sitzen.
Auch Ihre Schwester schreibt Bücher, nicht wahr? Für Kinder und Jugendliche.
Ja, sie ist ebenfalls Autorin.
Aber ich glaube, ich bin derjenige, der mit mehr Engagement an die Sache herangeht. Bei ihr kann es vorkommen, dass mehrere Jahre ins Land gehen, bevor sie ein neues Buch schreibt. Wahrscheinlich lebt sie auf diese Weise gesünder als ich.
Aber ich habe das Gefühl, als müsste ich einfach arbeiten - ich bin es meinen Lesern überall auf der Welt schuldig. Meine Romane werden in zwanzig Sprachen übersetzt und es berührt mich schon tief, wenn mich jemand fragt: "Können Sie nicht schneller schreiben?" - einfach aus dem Grund, weil meine Fans dazu neigen, schneller zu lesen.
Für einen Deaver braucht man keine drei Monate - entweder man verschlingt ihn in einem Zug oder man lässt es ganz bleiben. Was wiederum bedeutet, dass der Spaß für den Leser ziemlich schnell vorbei ist. Aus diesem Grund habe ich mir das Ziel von einem Buch pro Jahr gesetzt.
Gibt es noch mehr Mitglieder in Ihrer Familie mit einer kreativen Ader?
Meine Eltern sind beide schon tot. Mein Vater war Werbetexter. Und ich habe nur die eine Schwester.
Was mich und das Schreiben anbetrifft, würde ich es wohl eher so sehen: Meine Eltern haben mich nicht besonders beeinflusst, sie haben mir nicht den Anstoß gegeben, Geschichten zu erfinden. Aber ich war viel allein und ich habe jede Menge Bücher gelesen. Außerdem bin ich sehr oft ins Kino gegangen. Oder sagen wir besser, ich habe mich ins Kino geschlichen. Und zwar nicht im Sinn von "sich umsonst hineinmogeln", sondern eher, dass ich mich vor meinen häuslichen Pflichten gedrückt habe. Beispielsweise sagte ich, ich würde den Müll hinunterbringen, was ich zwar tat, aber nur, um im Anschluss sofort ins Kino zu rennen statt wieder nach Hause zu gehen.
Haben Sie selbst Kinder?
Nein.
Ich bin geschieden, aber wir hatten nie Kinder.
Sie sagten, dass Sie jetzt ein Buch pro Jahr machen. Aber damals, als Sie mit der Schule fertig waren, haben Sie Ihr Geld nicht sofort als Schriftsteller verdient. Ihrer Biografie können wir entnehmen, dass Sie sogar eine Zeitlang Folk-Sänger waren. Warum haben Sie nicht versucht, als Musiker reich und berühmt zu werden?
Ich hatte eine ganze Menge Jobs. Am Anfang war ich Journalist - darin habe ich mein Vordiplom gemacht.
Außerdem war ich Anwalt - obwohl ich nie wirklich vorgehabt hatte, als Anwalt zu arbeiten.
Geschrieben habe ich, seitdem ich ein Kind war. Ich wollte immer schon schreiben. Aber wie Sie wissen, muss man sich, um im Journalismus Erfolg zu haben, auf irgendetwas spezialisieren. Die Tage des Generalisten sind gezählt - zumindest, wenn Sie in einer großen Stadt Ihre Brötchen verdienen wollen. Ich lebte damals in Manhattan. Also wollte ich versuchen, bei der New York Times oder beim Washington Journal als Gerichtsreporter unterzukommen. Darum belegte ich parallel zu meinem Journalistik-Studium Abendvorlesungen in Jura.
Danach habe ich eine Zeitlang praktiziert - ich dachte, ich versuche es mal, es war mir nicht wirklich wichtig. Aber selbst damals schrieb ich in jeder freien Minute.
Und wie war das mit Ihrer Gesangskarriere?
Wenn ich das entsprechende Talent gehabt hätte, würden Sie wahrscheinlich jetzt hier mit Mary Higgins Clark oder Michael Connelly oder einem anderen Autor dieses Kalibers sitzen und hätten noch nie etwas von einem Schreiberling namens Jeffery Deaver gehört, denn Musik ist unglaublich wichtig für mich.
Ich war ein Liedermacher und es gab nichts, was mir mehr gefiel, als auf der Bühne zu stehen oder Songs zu schreiben. Aber da draußen sind so viele gute Leute und ich konnte da einfach nicht mithalten.
Spielen Sie immer noch zu ihrem eigenen Vergnügen?
Leider leide ich unter einer sehr schlimmen Arthritis. Und da komme ich an einen Punkt, an dem ich mich zwischen zwei Dingen entscheiden muss.
Ich liebe es zu schreiben. Ich bin Autor aus Leidenschaft. Ich schreibe zehn, zwölf Stunden pro Tag, oft lange Zeit davon an der Tastatur. Das Karpaltunnelsyndrom habe ich zwar nicht, aber Arthritis.
Das wiederum bedeutet, dass ich nicht mehr so viel Gitarre spielen kann wie früher. Es fehlt mir schon ein bisschen, aber wahrscheinlich war es eben nicht meine Bestimmung, Musiker zu werden. Heute finde ich es ungemein aufregend, Bücher zu schreiben. Es schenkt so viel Befriedigung, wenn man Menschen auf diese Weise unterhalten kann.
Zurück zu Ihrem aktuellen Buch "Der Insektensammler", oder besser der ganzen Lincoln-Rhyme-Serie. Warum haben Sie Ihren Serienhelden in den Rollstuhl befördert?
Dafür gab es mehrere Gründe.
Einen philosophischen und einen ganz praktischen.
Vielleicht den letzten zuerst: Ein richtig guter Thriller muss den Leser auf emotionaler Ebene packen. Ich persönlich kann mir nichts Grauenvolleres vorstellen, als eine Figur, die ich liebgewonnen habe, und die physisch nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen, allein mit dem Bösewicht in einem verschlossenen Zimmer.
Es gibt doch nichts, das uns die Seiten schneller umblättern lässt, als wenn wir uns ausmalen müssen, wie sich der Held aus so einer Situation ohne fremde Hilfe wieder befreien wird. Keiner, der kommt, um ihn zu retten.
Das ist der praktische Grund.
Daneben habe ich im ersten Band der Serie die Thematik der Beihilfe zum Selbstmord aufgegriffen. Dass Lincoln mit dem Gedanken spielt, sich aufgrund seiner Behinderung das Leben zu nehmen, hat mir ermöglicht, die Spannung noch mehr zu steigern.
Aber mehr als all das hat mich wohl eine Sache zu dieser Entscheidung bewogen - ich wollte einen Protagonisten, der ausschließlich aus grauen Zellen besteht. In dieser Hinsicht ist Rhyme sicherlich einzigartig - was alles in allem schon merkwürdig ist, da er sich zwar gewaltig von Ihnen und mir unterscheidet, aber wir alle wie jeder Mensch doch in erster Linie durch unser Denken bestimmt werden, mehr als durch unsere physischen Merkmale.
In einigen der Serien, die Sie bisher verfasst haben (mit Protagonisten wie Rune oder John Pellam - beide noch nicht auf deutsch erschienen) haben Sie nach dem dritten Band aufgehört.
Wird das bei Lincoln Rhyme anders sein?
Dass bei beiden genannten Serien nach dem dritten Buch Schluss war, ist nur Zufall.
Lincoln Rhyme geht weiter.
Die anderen waren eher klassische Krimis. Voller Verwicklungen und falschen Spuren.
Wohlgemerkt, die Bücher sind absolut nicht schlecht, ich mag sie nach wie vor sehr gerne, aber sie waren irgendwie "schmaler" angelegt und da war es einfach Zeit für die Serie(n) ein Ende zu finden.
Lincoln Rhyme hingegen werde ich so lange ermitteln lassen, wie meine Fans seine Geschichten kaufen.
Der neue Band ist schon fertig - er heißt "The Stone Monkey". Die meisten Übersetzungen davon werden 2003 erscheinen.
Und wenn Sie immer auf dem Laufenden sein wollen, was es gerade Neues gibt, dann schauen Sie doch regelmäßig auf meiner Webseite vorbei: DAS ist sie!
DANKE FÜR DIESES ANGENEHME GESPRÄCH!
(mit Jeffery Deaver sprach Chefredakteurin Michaela Pelz während der Frankfurter Buchmesse 2001)
(Foto: Krimi-Forum)