Exklusivinterview mit Mo Hayder

F: Schlafen Sie gut?
A: (lacht). Ja, das tue ich. Seitdem ich "Der Vogelmann" geschrieben habe, sind meine Albträume verschwunden.
F: Es heißt, daß Sie viele der schrecklichen Situationen, die Sie beschreiben, deshalb erfunden haben, um Ihre eigenen Ängste zu bekämpfen - so sollen Sie in Vietnam durch enge Vietcong-Tunnel gekrabbelt sein, um mit Ihrer Klaustrophie fertig zu werden.
A: Ich würde nicht behaupten, daß ich ungemein klaustrophobisch veranlagt bin, aber die Vorstellung von diesen Tunneln und den Menschen, die sie benutzt hatten, fand ich ziemlich beängstigend, darum zwang ich mich, mir das selbst anzusehen.
F: Heißt es, daß Sie durch das Schreiben dann tatsächlich mit Dingen besser umgehen können, die Sie belasten?
A: Ja und nein. Als ich mit dem Buch angefangen habe, wollte ich etwas schreiben, was ich persönlich gerne lesen würde. In gewisser Weise habe ich also für mich selbst geschrieben - allerdings nicht mit der Absicht, meine Albträume, meine Ängste loszuwerden.
F: In einem Interview haben Sie einmal erzählt, daß die Geschichten damals, als Sie noch (Trick-)Filme machten, immer in einem großen Blutbad endeten - ganz egal, wie niedlich ihre Knetfiguren auch waren. Als Folge davon hat Sie manch einer als ein bißchen "sonderbar" betrachtet. Was denken diese Leute heute?
A: Die gehen bestimmt davon aus, daß ihre Meinung damals völlig korrekt war, denn mittlerweile habe ich ja bewiesen: ich bin mehr als nur ein wenig sonderbar! Allerdings denke ich, daß irgendwo, tief drinnen, jeder von uns neugierig ist auf solche "schauderhaften" Sachen.
Aber es stimmt schon, da war diese Freundin von mir, eine Psychiaterin. Sie sah sich einen meiner Filme an und sagte: "Soll ich Dir was sagen? Du brauchst Hilfe. Du brauchst wirklich professionelle Hilfe!"
F: Gibt es sonst noch jemanden, der nach der Lektüre von "Der Vogelmann" gesagt hätte: "Das Buch ist doch eher eigenartig und Du bist vielleicht auch nicht ganz normal!"
A: Meine Mutter. Sie las das Buch und konnte dann erst mal eine Woche lang nicht mit mir reden. Danach war das erste was sie sagte: "Kind, bin ich schuld? Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Als Du klein warst, habe ich doch immer, versucht, Dir nur schöne Dinge zu zeigen?!"
Worauf ich antwortete: "Vielleicht ist das ja der Grund, daß ich mich so für die häßlichen Sachen interessiere."
F: Hat sich irgendjemand darüber gewundert, daß ein solch grausame Geschichte von einer Frau geschrieben wurde?
A: In der Tat. Was ich persönlich wirklich erstaunlich finde. Aber ich denke, gerade andere Frauen haben das Gefühl, als hätte ich mit diesem Buch einen stillschweigenden weiblichen Pakt gebrochen, nur auf eine bestimmte Art über Verbrechen zu schreiben. Nun gibt man mir zuweilen das Gefühl, ein wirklich böses, böses Mädchen zu sein.
F: Hatten Sie den genauen Hergang der Handlung bereits von Anfang an im Kopf oder haben sich die Details beim Schreiben ergeben? Ich spiele auf die Tatsache an, daß der Leser bereits in der Buchmitte glaubt, nun könne nicht mehr viel kommen - und damit ziemlich falsch liegt (mehr werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten, um all denen, die erst beim Lesen dieses Interviews auf den Geschmack kommen, die Überraschung nicht zu verderben).
A: Eine bestimmte Vorstellung davon, wer wie an der Handlung beteiligt sein sollte, hatte ich schon von Anfang an. Aber so klar und deutlich, wie es sich letztendlich im Buch abzeichnet, hatte ich das nicht geplant.
F: Sicherlich geht es einigen Lesern wie mir, daß sie lieber den "bösen" Polizisten tot gesehen hätten als eine der sehr viel sympathischeren Figuren. Warum mußten Sie gerade diese opfern?
A: Ich denke man sollte dem Leser nicht immer das geben, was der Leser haben möchte.
Eine kleine Anekdote dazu: Bevor der Verlag mit dem Manuskript in Druck ging, herrschte ziemliche Uneinigkeit darüber, ob wir den "Guten" leben lassen sollten oder nicht. Ich persönlich wollte ihn von Anfang an umbringen, das machte ich auch sehr deutlich. Andere hingegen fanden diese Haltung zu hart. Also wurde abgestimmt. Das Ergebnis war 50:50 - also ließen sie mich am Ende doch entscheiden. Und ich blieb bei meiner ursprünglichen Meinung.
F: Im Lauf Ihres Lebens haben Sie die unterschiedlichsten Dinge "für Geld" getan: in England jobbten Sie in einer Kneipe, in Japan schrieben Sie für eine englische Zeitung, in den USA machten Sie Trickfilme, wieder zurück in Großbritannien verdienten Sie Ihre Brötchen bei einer Sicherheitsfirma, jetzt sind Sie eine Autorin auf dem besten Weg nach oben.... - für welche dieser Beschäftigungen würden Sie sich - bei gleicher Bezahlung - entscheiden?
A: DAS hat mich noch niemand gefragt! (lacht) Ich habe immer davon geträumt, hauptberuflich vom Schreiben leben zu können. Und wie jeder Traum ist das natürlich nicht 24 Stunden am Tag das Paradies auf Erden - als Autor ist man dann doch manchmal recht einsam.
Trotzdem würde ich sagen: Den Zuschlag bekäme eindeutig die Schriftstellerei. Man kann all seine Kreativität einbringen und trotzdem die komplette Kontrolle behalten (was zum Beispiel bei einem Film nicht geht, weil viel zu viele Leute beteiligt sind).
F: Es scheint mehr als wahrscheinlich, daß "Der Vogelmann" früher oder später verfilmt wird. Könnten Sie die Rollen besetzen, welche Schauspieler würden sie wählen?
A: Als Detective Inspector Jack Caffery unbedingt Kevin Spacey. Der "Bösewicht" könnte von einer Art John Malkovic gespielt werden - aber ohne dessen witzige Art. Und was die Frauen im Buch angeht.... (denkt angestrengt nach)
Manchmal stelle ich mir beim Schreiben, beim Erfinden einer Figur, einen bestimmten Schauspieler (oder eine Schauspielerin) vor - die Figur wird so in der Phantasie lebendiger. Z.B. denke ich, daß Patricia Arquette eine wunderbare "Joni" wäre. Diese Vorstellung hat mir letztendlich auch geholfen, deren Wesenszüge und Verhaltensweisen auszuarbeiten.
F: Und wen würden Sie als Becky, die Malerin, nehmen?
A: Bei Rebecca weiß ich nicht so richtig...
F: Würden Sie sie selbst spielen wollen?
A: Oh Gott, nein! Mein Mann, ja der möchte gern im Film mitspielen, falls je einer gedreht wird. Er würde gern als Komparse auftreten, der im Hintergrund in einer Kneipe "Dart" spielt.
Und wer weiß, vielleicht wird er ja wirklich einmal auf der Leinwand zu sehen sein - ich arbeite jetzt erst mal an meinem nächsten Buch. Es wird, das kann ich versprechen, ebenso spannend sein wie "Der Vogelmann", aber vielleicht ein klein wenig blutrünstiger...

Wir danken für dieses Gespräch

Mit Frau Hayder sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Februar 2000)