Exklusivinterview mit Ursel Scheffler

Dass sie schon jenseits der sechzig sein soll, das nimmt man ihr kaum ab, der zierlichen, gut aussehenden, sympathischen Dame mit der wohlklingenden, jugendlichen Stimme und dem interessierten Blick.
Anläßlich der "Längsten Krimi-Lesung der Welt" im April 2002 bei der Criminale in München präsentiert die geborene Nürnbergerin und nun Wahl-Hamburgerin ausnahmsweise eine spannende Kurzgeschichte für Erwachsene, die sie, wie sie selbst sagt, "am Wochenende mal eben geschrieben" hat.

Frau Scheffler, wissen Sie denn, wie viele Bücher es zum jetzigen Zeitpunkt (Juni 2002) genau sind, die Sie geschrieben haben?
Es sind inzwischen weit über 200 Bücher. Aber ich hab ja auch schon im letzten Jahrtausend mit dem Schreiben angefangen und war ziemlich fleißig.

In all diesen vielen, vielen Geschichten für Kinder sind keine Menschen zu Tode gekommen - dass Sie jedoch wissen, wie es "geht", haben Sie bei der Literaturhaus-Lesung in München bewiesen. Würden Sie gern öfter diesen oder jenen "um die Ecke bringen"? Manche AutorInnen (vor allem Frauen) sind ja der Ansicht, dass das auch für den Schreibenden eine gewisse befreiende Wirkung hat.
Spielen sie auf Martin Walser an? Nein, das Bedürfnis einen umzubringen hatte ich glücklicherweise noch nicht. Auch nicht literarisch. Aber ich baue durchaus Leute, über die ich mich geärgert habe, in unsympathischen Rollen in meine Geschichten ein. Da war zum Beispiel mal dieser mausgraue Prüfer vom Finanzamt. Der kam mir gerade recht für eine Rolle als Vampir.

Sie haben sich - wie Sie selbst sagen aufgrund Ihrer drei Kinder - seinerzeit auf das Schreiben von Kinderliteratur konzentriert. Worin liegt der besondere Reiz bei diesem Genre? Denn in die Bestsellerlisten schafft man es in diesem Segment doch eigentlich kaum - außer man erfindet eine Figur wie Harry Potter ...
Ich glaube mein Ansatz war auch nicht einen Bestseller zu schreiben, sondern Kinder waren einfach mein Lebensmittelpunkt und mir fiel viel ein, was ich ihnen erzählen wollte. Ich habe auch nie gedacht, dass ich weiter schreiben würde, wenn meine Kinder groß sind. Aber das Kind in mir schreibt weiter und ich empfinde das als Geschenk. Der Reiz daran? Vielleicht, dass man im Herzen jung bleibt.

Die wenigsten Serienhelden aus Kinderbüchern kommen über eine Lebensdauer von wenigen Jahren hinaus - Ihr Kommissar Kugelblitz ist mittlerweile seit 25 Bänden und 20 Jahren im Dienst. Wie erklären Sie sich den Erfolg dieser Figur?
Kugelblitz ist klein, knuffig, humorvoll, nicht ganz perfekt und einfach liebenswert. Vor allem in den letzten Jahren, seit ihm der Illustrator Hannes Gerber seine unverwechselbare kugelrunde Gestalt gegeben hat. Ich habe Kugelblitz damals entgegen allen Ratschlägen des Lektorats erfunden, denn man wollte immer eine Identifikations-Figur, die das Alter der Zielgruppe hat. Aber ich finde, wenn ein Detektiv in der Welt herumreist, ist er nur glaubwürdig, wenn er ein bestimmtes Alter hat. Superkids, die am Amazonas mit kriminellen Verbrechern agieren finde ich peinlich unehrlich. Es ist auch gefährlich, Kindern im Kugelblitzalter (ab 8) vorzumachen, dass sie sich auf solche gefährlichen Abenteuer auf eigenen Faust einlassen sollten. Kugelblitz trägt keine Waffe. Er zeigt: es geht auch ohne brutale Gewalt: mit Köpfchen.

Was ist das Schönste - und das Schwierigste beim Entwickeln neuer Fälle für den umtriebigen Kommissar? Und woher stammt eigentlich sein Name "Kugelblitz"?
Der Name Kugelblitz? Das ist ein klarer Fall für Sprachdetektive. Der Name beschreibt seine Figur (Kugel) und seinen Grips (Blitz) Das Schönste ist, wenn man mitten im Fall steckt und selbst nicht genau weiß, wie es weitergeht. Und dann merkt man, dass die Geschichte von selbst lebt und sich weiterentwickelt. Wenn man Glück hat. Manchmal gibt es auch die berühmten Schreibblockaden. Da wird es dann schwierig. Aber das dauert glücklicherweise nie lange. Wenn ich verreise, habe ich auch in Gedanken immer Kugelblitz neben mir sitzen und überlege, in welche Abenteuer er jetzt verwickelt werden könnte.

Neben dieser sehr markanten Serienfigur erwecken Sie ja auch regelmässig neue "Helden" zum Leben - z.B. die drei Kinder-Detektive aus den Hafen-Krokodilen. Wie gelingt es Ihnen, die Protagonisten Ihrer Bücher, die sich ja auch charakterlich sehr unterscheiden, gedanklich beim Schreiben auseinanderzuhalten?
Bei den Hafenkrokodilen war es ganz anders als bei Kugelblitz. Die sollten voll in der Realität leben, die ihrem Alter und Wohnort entspricht. Ich habe zwei Jahre lang darüber gebrütet und mir erst die Charaktere und die Schauplätze ausgedacht, ehe ich anfing zu schreiben. Das war einmal ein völlig neuer Ansatz. Leonie, Ole und Pat lebten vor meinen inneren Augen, zusammen mit ihren Familien, Nachbarn, Freunden, noch ehe ich die erste Zeile schrieb. Ich hatte auch ganz besondere Kinder vor Augen. Allerdings habe ich mir sie ganz anders vorgestellt, als sie dann gemalt wurden. Aber jetzt hab ich mich daran gewöhnt.

Wieviel Zeit nimmt das Schreiben im Leben von Ursel Scheffler ein?
Jetzt, wo meine Kinder aus dem Haus sind, füllt es meinen Tag aus! Manchmal arbeite ich auch nachts, da ist es so schön ruhig, wie jetzt eben, wenn ich (endlich) dieses Interview beantworte. Um so mehr freue ich mich dann auf den Urlaub.

Noch einmal zurück zu den Anfängen Ihrer Karriere als Schrifstellerin. Wo lagen die Probleme beim Finden eines Verlages und wie haben Sie sie gemeistert? Was würden Sie anderen Frauen raten, die für ihre Kinder Geschichten ersonnen haben und diese gern gedruckt sehen würden?
Ich hatte damals nicht den Mut meine erste Geschichte weg zu schicken. Es kam mir auch nicht in den Sinn, dass ich Schriftstellerin werden würde. Es war die Kindergärtnerin meiner Tochter. Sie heißt Elisabeth Hutter und fand die Geschichte vom "Räuber Tomate" so toll, dass sie sie zum Ellermann Verlag geschickt hat. Das wurde mein erstes Bilderbuch. Es hat allerdings 2 Jahre gedauert und ich hab nicht geglaubt, dass es jemals gedruckt wird. Ich kann allen nur raten, die wirklich etwas zu erzählen haben, den Mut nicht zu verlieren. Sie sollten sich bei Leuten, die sich mit Kinderliteratur auskennen, Rat holen. Sie sollten sich in Buchhandlungen genau umgucken, was auf dem Markt ist und ob sie etwas Neues, Besseres, Originelleres haben. Da finden sie auch heraus, in welchen Verlag ihre Geschichte passt. Man kann sich auch auf Buchmessen informieren. Aber das Büchermeer dort entmutigt eigentlich mehr, weil man dann denkt: es gibt schon so viele Bücher. Soll ich wirklich noch eins dazu legen? So ist es jedenfalls mir ergangen. Es gibt kein Patentrezept. Letztendlich muss jeder seinen eigenen Weg finden.

Kommissar Kugelblitz hat sie bereits 20 Jahre begleitet - wird er das noch weitere 20 Jahre tun oder haben Sie "Lust" auf eine neue Figur?
Ich denke, Kugelblitz ist irgendwie alterslos und ich würde mich riesig freuen, wenn er mich noch viele Jahre begleitet! Lust auf eine neue Figur hätte ich schon: ich würde gern ein paar Kilo abnehmen, genau, wie Kugelblitz! (;-))

Pisacartoon Gibt es noch etwas, das Sie unseren Lesern - einmal den Eltern und dann natürlich auch direkt Ihren jungen Fans - mit auf den Weg geben möchten?
Den jungen Eltern möchte ich raten, lest wieder mehr vor! Denn vor dem Lesen kommt das Vorlesen! Den jungen Lesern möchte ich raten, dass sie sich von "Pisa" nicht entmutigen lassen und in Büchern auf Abenteuerreise gehen, sooft sie können! Das schult die Phantasie tausendmal mehr, als wenn sie sich nur Videos und Fernsehfilme ansehen. Lesen macht schlau: Kugelblitz nennt das Gehirnjogging.
Darum auch sein Motto: "Keine Angst vor Pisa, Lisa! Das wär schade - Kugelblitz rückt es gerade!"

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH!
Das Interview mit Ursel Scheffler führte Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Juni 2002)

(Foto: Egmont Franz Schneider Verlag)