Exklusivinterview mit Harald Parigger

Herr Parigger, gibt man Ihren Namen in die Amazon-Suchmaschine ein, dann werden aktuell (Juli 2003) 35 Ergebnisse angezeigt. Zieht man die doppelten ab, präsentiert sich dem Betrachter dennoch eine beeindruckende Anzahl von Kinder- und Jugendbüchern. Hauptsächlich sind dies historische Romane, es finden sich aber auch die Abenteuer des "Turbo-Clubs", einer Kinder-Detektivbande, und die "Tor"-Bücher, rund um eine Fußballmannschaft.
Worauf gründet sich diese sehr unterschiedliche thematische Zusammenstellung?

Wie’s halt so ist: Da ruft jemand aus einem Verlag an und fragt: „Hätten Sie nicht mal Lust, ein Fußballbuch zu schreiben?“ Man möchte sofort „nein!“ schreien, tut’s aber aus Höflichkeit nicht und sagt: „Ich will’s mir überlegen.“ Man denkt irgendwann darüber nach, schwupps! nimmt eine Geschichte in einem Gestalt an, vage Bilder werden plastisch, auf einmal macht einem die Sache Spaß ...
Beim Thema „Fußball“ kamen mir zum Beispiel einige Originale des oberfränkischen Dörfchens, in dem ich einige Jahre gelebt habe, in den Sinn, in meiner krausen Phantasie verknüpften sich die Begriffe „Entscheidungsspiel“ und „Abführmittel“ zu einer wahrhaft durchschlagenden Einheit, und dann ging’s los. Meine Frau behauptet, nie hätte sie mich beim Schreiben so laut kichern hören wie damals.
So ist schon manches Buchprojekt entstanden. Aber am liebsten schreibe ich historische Romane, und darauf wird auch weiterhin mein Schwerpunkt liegen.

Wann und auf welche Weise entstand Ihre Idee, sich dem Alltagsleben des Mittelalters in romanhafter Weise zu nähern?

Es ist ja nicht nur das Mittelalter, das mich fasziniert. Das Buch über die Hexenverfolgung (Die Hexe von Zeil) spielt im 17. Jahrhundert, da hat die frühe Aufklärung schon begonnen, auch wenn man’s nicht glauben will. Und mein neuer Roman, der Anfang 2004 erscheint, spielt zur Zeit des Augustus (Der Dieb von Rom).
Was mich interessiert, sind die Menschen am Rand der Gesellschaft, ist das Verhalten von Menschen in Grenzsituationen, und zwar aus der Rückschau, aus der Perspektive dessen, der begreifen will, was außerhalb seiner eigenen zeitbedingten Normen liegt.
Deshalb, zugegeben, fesselt mich auch das Mittealter besonders. Es ist allgegenwärtig, in der Architektur, im Brauchtum, in der Metaphorik der Sprache, wir selbst haben unsere Wurzeln in ihm, und doch ist es uns ungeheuer fremd. Außerdem habe ich mich als Historiker ausgiebig mit dem Mittelalter beschäftigt, mit seiner Sozial- und Mentalitätsgeschichte, ich bin also verhältnismäßig nahe dran.

Wie waren die ersten Reaktionen von Verlagen und Leserschaft? Und was sagen diese heute - speziell die Schüler des Gymnasiums, in dem Sie als Direktor tätig sind?

Nach meinem ersten Buch, einer Sammlung von weihnachtlichen Geschichten, fragte mich die Programmleiterin meines damaligen Verlags, was ich denn als nächstes gern schreiben würde. Ich schlug einen historischen Roman über einen der Kinderkreuzzüge vor. Damit waren alle einverstanden, denn der Stoff ist ja wirklich spannend und farbenprächtig. Als der „Mönch“ ein Erfolg wurde, war klar, dass auch die Leserinnen und Leser damit etwas anfangen konnten. Und so habe ich mich bis heute in der Nische „historische Romane“ ganz ordentlich etabliert.
Was ich so mitkriege, lesen etliche Schüler des Gymnasiums Grafing meine Bücher ganz gern. Aber ich versuche, meine beiden „Berufswelten“ möglichst wenig zu verknüpfen, was Sie sicher verstehen. So ganz klappt das freilich nicht immer.

Ein anderer großer Autor historischer Romane, Rektor einer Highschool - Paul Doherty, hierzulande auch als Paul Harding bekannt - hat unter einem halben Dutzend Pseudonyme unterschiedlichste (historische) Serien verfasst. Aus welchen Gründen könnten Sie sich vorstellen - oder auch nicht - es dem englischen Vielschreiber gleichzutun?

Erst mal vielen Dank für die zauberhafte Formulierung „ein anderer großer Autor historischer Romane“ – selbst wenn es ein Versehen sein sollte, das geht runter wie olio extra vergine.
Wenn ich ein Buch schreibe, so stehe ich auch dazu, sonst würde ich es nicht veröffentlichen, obwohl ich gestehe, dass ich die Messlatte mit zunehmendem Alter höher hänge. Pseudonyme mag ich nicht, dazu bin ich zu eitel, außerdem find ich es immer ein bisschen feige. Ein Vielschreiber kann ich auch nicht werden, dazu fehlt mir die Zeit, und weil ich immer genau recherchiere, brauche ich auch zu lang.

Speziell die Romane um "Lorenz", jenem jungen Burschen mit den vielen Talenten, der dennoch vagabundierend durch die mittelalterlichen Lande zieht und dabei "nebenher" so manchen Kriminalfall aufklärt, enthalten ja trotz der oft sehr dramatischen und tragischen Inhalte, eine gute Portion Witz und Situationskomik. Wer oder was hat sie zu dieser Figur inspiriert - gibt es vielleicht sogar eine historische Vorlage?

Sie werden lachen: Den Lorenz habe ich in einer Münchner U-Bahn entdeckt. Aber auch historische Anspielungen gibt es viele (es merkt bloß nie einer), an Walther von der Vogelweide, Neidhart von Reuenthal, Oswald von Wolkenstein, Motive aus mittelhochdeutschen Dichtungen, aus Schwankmären des Spätmittelalters; wenn man Hartmann von Schroffa übersetzt, kommt Hartmann von (S)Aue heraus – da muss man aber schon ganz schön Philologe sein, um das zu kapieren.
Das Spielen mit solchen Motiven macht mir sehr viel Spaß. Außerdem steckt im Lorenz auch ein gutes Stück von mir. Sie werden verstehen, dass ich ihn deshalb besonders gut leiden mag ...

Wird die Lorenz-Serie fortgesetzt?

Ich weiß noch nicht genau; wie man an „Harry Potter“ sieht, setzt eine „Serie“ den Autor gewaltig unter Druck, weil er bestimmte Lesererwartungen erfüllen muss. Oft genug geht das auf Kosten der Qualität.

Was halten Sie - als Pädagoge, Autor und Leser - vom Harry-Potter-Boom, sowie (falls sie ihn schon gelesen haben) dem neuesten Band der Serie?

Tja, was soll ich sagen? Den ersten Band fand ich köstlich und wunderbar skurril, den zweiten und dritten sehr spannend, den vierten fad, den fünften? Nein, danke, der ist mir zu dick. Und inzwischen tut mir die arme reiche Schöpferin des kleinen Harry fast Leid, denn sie steht unter ungeheurem Erwartungsdruck – nichts mehr von schöpferischer Freiheit im Kaffeehaus. Drei Bände Potter – klasse! Und dann sich was Neues ausdenken, das wär’s gewesen.
Die Hysterie, den Harry-Potter-Wahn verstehe ich nicht. Aber wer versteht schon einen Wahn?

Was möchten Sie persönlich Ihren Lesern gerne als "Botschaft" mitgeben bzw. durch Ihre Bücher vermitteln?

Keine Botschaft. Ich will Geschichten erzählen, Geschichten, die ich für erzählenswert halte. Natürlich fließt da viel von meinem eigenen Denken und Fühlen ein, das ist selbstverständlich und auch gut so. Aber ich will nicht der Erzieher meiner Leser/innen sein. Das fände ich ausgemacht penetrant.

Herr Parigger, seit über zehn Jahren schreiben Sie Kinder- und Jugendbücher. Wie lange wollen Sie noch diesem Genre treu bleiben bzw. würde es Sie reizen, Bücher für Erwachsene zu verfassen?

Wissen Sie, wenn man Kinder- und Jugendbücher begreift, wie es meine Antwort zu Frage acht nahe legt, dann gibt es keinen so großen Unterschied zwischen Büchern für junge Leute und Erwachsene. Die Vorstellung vom „Guten Jugendbuch“, als einem moralisch wertvollen, erzieherisch ergiebigen Buch ad usum scholarum, ist ein typisch deutsches, mir persönlich eher widerwärtiges Konstrukt, das ein bisschen Delectatio (Unterhaltung) mit viel Utilitas (pädagogischer Nutzen) verbindet. Es stammt aus der Aufklärung und spukt bis heute in den Köpfen vieler Leute herum. Das sind dann die, die sich über „derbe Sprache“ (in einem Roadmovie des Spätmittelalters!!) oder über eine erotische Beziehung aufregen.
Ich bemühe mich, aufrichtig und präzise zu schreiben, und das schadet, finde ich, „Erwachsenenbüchern“ durchaus nicht. Oder kennen Sie einen Grund, warum ein Erwachsener „Die Hexe von Zeil“ oder „Im Schatten des schwarzen Todes“ nicht lesen sollte?

Angenommen man könnte durchs Schreiben reich werden (was, auch wenn viele Leser dies glauben, den meisten Autoren nicht möglich ist) – würden Sie in diesem Fall ihre Lehrer-Tätigkeit aufgeben?

Das ist eine Frage ... Es fällt mir schwer, sie zu beantworten, weil ich meine beiden Berufe liebe und nicht nur von dem einen (als Schuldirektor), sondern, freilich nur zur Not, auch von dem andern leben könnte.
Aber ich sag’s mal so: Wenn ich wirklich einen Riesenerfolg landete, dann wäre ich in unserer Welt der Vermarktung so vielen Zwängen unterworfen, dass ich, wollte ich diesen Erfolg nutzen, wahrscheinlich gar nicht anders könnte, als meinen bisherigen Hauptberuf aufzugeben. Aber das sind müßige Gedankenspiele, denn die Wahrscheinlichkeit, ein unbekanntes Werk des Aristoteles zu finden (sic!) ist sicher größer als die, einen Millionenseller zu schreiben.

Sie beantworten Ihre Fragen für ein Internet-Portal – verraten Sie uns doch Ihren ganz persönlichen Surftipp.

Ich bin ein ausgesprochener Internet-Muffel und surfe fast ausschließlich zu Recherche-Zwecken. Was mir gelegentlich Spaß macht: Städte / Landschaften in Italien anzuklicken und virtuell auf Reisen zu gehen.

Und wenn Sie mögen, dürfen Sie nun zum Abschluss alles das loswerden, was sie unseren Lesern immer schon mal mitteilen wollten.

Mach ich gern: Lest, Leute, lest! Am besten meine Bücher! (siehe oben!)

Wir danken für dieses Gespräch!
Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz
(Juli 2003)

(Foto: privat)