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Exklusivinterview mit
Doris Gercke
F:Frau Gercke, ist die Welt wirklich so schlecht?
A:Kriminalromane befassen sich ja normalerweise mit den dunklen Seiten der Gesellschaft. Wenn ich Liebesromane schreiben würde, würde die Welt vielleicht ein bisschen anders aussehen. Ich weiss nicht, ob die Welt wirklich schlecht ist, so wie sie ist.
F:Aber Ihre Krimis bilden eine oft trostlose Wahrheit ab. Sie spielen in Milieus, in denen es nicht viel Schönes gibt und nicht gerade in gehobenen Gesellschaftsschichten.
A:Ja, das ist richtig. Gehobene Gesellschaftsmilieus interessieren mich einfach nicht. Das ist der Grund. Und was das andere Milieu angeht, so ist es, wenn man mal genauer hinguckt, eben häufig sehr trostlos. Und die Taten, mit denen ich mich befasse, sind ja auch nicht gerade lustig. Aber das hängt einfach auch mit dem Genre zusammen.
F:Wie entstehen die geschilderten Personen und Ereignisse in Ihren Romanen? Durch U-Bahn-Fahrten durch Hamburg oder...?
A:Ja, auch. Ich lese sehr viel Zeitung. Wenn ich arbeite, lese ich auch sehr viel Fachliteratur zu den Sachen, die ich gerade im Kopf habe und ansonsten fahr ich durch die Stadt, und gucke, was die Leute machen.
F:Sind es auch Erfahrungen aus Ihrem Jurastudium, die sie verarbeiten?
A: Ja. Ich habe während meiner Ausbildung bei einem Anwalt am Gericht gearbeitet. Aber als ich fertig war mit dem Studium, habe ich nicht mehr als Juristin gearbeitet. Mit dem Jurastudium hat meine heutige Arbeit eigentlich sehr wenig zu tun. Eigentlich fast gar nichts. Ich weiss, wie es im Gericht abläuft und ich weiß, wie die Polizei arbeitet, weil ich das eben gelernt habe, aber meine Geschichten haben damit nichts zu tun.
F:Aber war das Jurastudium vielleicht eine Anregung dazu, Kriminalromane zu schreiben? Oder warum wollte Sie ausgerechnet für dieses Genre schreiben?
A: Ich wollte über heute schreiben, über das Jetzt, über das, was ich sehe und höre, über unsere Gesellschaft. Den Kriminalroman habe ich deswegen gewählt, weil er eine sehr große Verbreitungsmöglichkeit hat. Und Krimis, wenn sie gut sind, befassen sich immer mit gesellschaftlichen Prozessen. Das habe ich gelernt von Sjöwall/Wahlöö oder Chandler oder wem auch immer. Das ist was, was mich von Anfang an gereizt hat.
F:Sprechen Sie damit auch schon Ihre Lieblingskrimiautoren an?
A: Ja, obwohl ich eigentlich sehr wenig Kriminalromane lese. Sjöwall/Wahlöö in den Sechzigern, Chandler in den Siebzigern. Manchmal, wenn mir irgendwas empfohlen wird. Und dann lese ich die Bücher von den Kolleginnen, die ich kenne. Es gibt ja schon eine ganze Menge Krimischreiberinnen. Wenn was neues da ist, dann lese ich das natürlich, weil wir dann auch darüber reden.
F:Wenn Sie sich für ein Thema, ein Milieu für Ihren Roman entschieden haben, recherchieren Sie dann auch weiter in den beschriebenen Milieus, fahren Sie hin und schauen Sie sich um?
A: Ja, ich beschreibe nur, was ich sehe.
F:Männer sind Schweine, Frauen sind doof?
A: Ach, das würde ich aber nicht sagen. Der Psychologe zum Beispiel ist doch ganz nett und da gibt es neuerdings einen jungen Polizisten, der auch ganz nett ist. Trinkt zwar manchmal ein bischen viel Schnaps, aber sonst ist er ganz in Ordnung.
F:Sie vermitteln ein männerdominiertes Gesellschaftsbild und setzen Ihre Hoffnungen auf Bella Block, eine Feministin mit positiven Eigenschaften (Intelligenz, Zivilcourage) und Fehlern (Alkoholkonsum). Wollen Sie mit Ihrer Sozialkritik etwas erreichen? Glauben Sie, mit Schreiben kann man etwas erreichen?
A: Ich fürchte, ich habe mir mal eingebildet, als ich angefangen habe zu schreiben, dass man damit etwas verändern könnte, dass es sozusagen eine aufklärerische Funktion haben könnte. Ich glaube das eigentlich nicht mehr. Inzwischen schreibe ich eher für mich selbst. Und wenn es dann die Leute interessiert, was ich fabriziert habe, dann ist das natürlich wunderbar. Aber der Wille, etwas zu verändern - ich glaube, das kann man nicht mit Büchern.
F:Aber Sie bekommen doch sicher auch Reaktionen von Ihren Leserinnen und Lesern.
A: Ja, Reaktionen auf diese Figur, diese Bella, natürlich. Auch viel über die Geschichten an sich, die ich erzähle. Wenn ich damit ein gewisses Wissen vermittle, über bestimmte Situationen, über die Lage von Frauen zum Beispiel, dann hat das schon einen aufklärerischen Effekt. Ich stell mir unter Aufklärung aber auch Erkennen und Handeln vor. Und dieses Handeln, das ist es, was ich nicht bewirken kann.
F:Wenn man als Frau Ihre Krimis liest, kann man eigentlich oft nur nicken und sagen, ja, genau so ist es. Was glauben Sie, was Männer an Ihren Büchern interessiert?
A: Sehr oft die politischen Haltungen, habe ich den Eindruck. Es sind eine ganze Reihe von Männern, die den kritischen politischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schätzen.
F:Zu Anfang, als Sie noch etwas verändern wollten, haben Sie Bella Block auch als Positivbild dargestellt. Bella wird aber von Roman zu Roman immer depressiver.
A: Ich glaube, der Eindruck täuscht nicht. Das hat wahrscheinlich wirklich damit zu tun, dass Bella immer die selben Verhaltensweisen bei Leuten erlebt. Dass man davon immer depressiver wird, kann ich mir ganz gut vorstellen.
F:Kommt Bella aus ihrer traurigen Phase raus - oder wie wird es weitergehen?
A: Im Moment, ich habe gerade einen Roman mit dem Titel ´Die schöne Mörderin` abgeschlossen - er kommt schätzungsweise Ende Februar, Anfang März heraus - ist sie eigentlich gar nicht so traurig.
F:Sie gelten als beste deutsche Krimiautorin. Warum sind Ihre Kriminalromane so erfolgreich? Weil sie die Gesellschaft widerspiegeln? Weil sie sie kritisieren? Weil es eine besondere Frau ist, die die Hauptrolle spielt?
A: Ja, es kommen mehrere Gründe zusammen. Einmal das Frauenbild, ganz klar. Diese Geschichten sind ja auch mit einem weiblichen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse beschrieben. Die allermeisten Leserinnen, nicht nur von Kriminalromanen, sondern auch überhaupt, sind weiblich. 80 Prozent aller Belletristik-Leser sind weiblich. Und für die ist es natürlich eine besonders erfreuliche Erfahrung, dass ihr Leben dargestellt wird, nun ja, nicht vielleicht konkret ihr Leben, aber ihre Probleme, ihre Bedürfnisse, ihre Lage und so weiter.
F:Sie finden sich in den Kriminalromanen wieder.
A: Ja, eindeutig, das ist ganz sicher so. Dann gibt es nicht so viele Leute, die politisch ambitionierte Bücher schreiben. Auch das ist natürlich für eine bestimmte Gruppe von Lesern interessant. Dann hängt es sicher auch mit der Sprache zusammen. Meine Bücher sind nicht schwer zu lesen, sie sind eigentlich eher einfach, weil sie eine relativ klare Sprache haben. Und das wird von den Lesern einfach genossen.
(A.d.R.): Und deshalb ist hinterher der Kloß im Hals umso größer....
F:Was ist Ihr bester Krimi?
A: Das finde ich schwierig. Das kann ich selber eigentlich gar nicht sagen.
F:Und der liebste?
A: Mein liebster ist der vierte, `der Krieg, der Tod, die Pest´. Der gefällt mir eigentlich ganz gut. Dann gefällt mir natürlich der erste, ´Weinschröter, du musst hängen´, weil der immer noch der erfolgreichste ist. Der hat x-verschiedene Umschläge gehabt und x-verschiedene Auflagen. Dann habe ich den Odessa-Roman sehr gern - ´Dschingis Khans Tochter`.
F:Sie waren auch selber in Odessa?
A: Ja, natürlich, ich guck mir immer alles an. Ist doch wunderbar, so kann man schön reisen....
F:Sie haben auch zwei Kinderkrimis geschrieben. Hatten Sie dabei auch eine pädagogische Absicht?
A: Nein, überhaupt nicht. Ich habe diese Bücher für meinen Enkel und meinen Neffen geschrieben. Den ersten, als sie acht oder neun waren, den zweiten ´Für eine Handvoll Dollar´, als sie vierzehn waren. Ich hab es für die Kinder gemacht und war dann auch in ihrer Klasse eingeladen und hab den anderen da vorgelesen.
F:Hannelore Hoger bestimmt das Bild Bella Blocks. Leider?
A: Och nein, leider kann ich nicht sagen.
F:Wenn Sie Ihre neuen Bella-Block-Kriminalromane schreiben, haben Sie dann die Schauspielerin vor Augen?
A: Nein, ich denk an meine Bella Block, die sieht ganz anders aus. Die Hoger ist natürlich sehr beeindruckend. Als ich das erste Mal den Film gesehen hatte, da hatte ich das Gefühl, dass sie mir beim Schreiben vor die Augen kam, aber da habe ich das schnell gebremst. Wenn ich schreibe, dann sehe ich eine ganz andere Bella.
F:Nur zwei Ihrer Bella-Block-Romane wurden verfilmt (´Weinschröter, du musst hängen´ und ´Kinderkorn´). Dann hat sich Ihre Bella verselbständigt. Andere schreiben die Drehbücher. Haben Sie noch etwas mit der Fernseh-Bella-Block zu tun?
A: Nee, eigentlich vertraglich nicht. Ich kriege die Drehbücher, wenn sie geschrieben sind und soll sie dann angucken und was dazu sagen. Das mach ich dann auch.
F:Wird das dann angenommen, wenn Sie etwas zu kritisieren haben?
A: Ja, natürlich. Das hat bisher ganz gut geklappt.
F:Sie schreiben Ihre Kriminalromane mit der Hand. Warum?
A: Ich finde, ich schreibe dann nichts überflüssiges. Der Arbeitsprozess ist intensiver und konkreter. Ich finde es vernünftiger, mit der Hand zu schreiben, als mit dem Computer.
F:Dann brauche ich Sie nicht nach einem www-Surftip zu fragen...
A: Nein, tut mir leid.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Frau Gercke sprach Redakteurin Iris Groschek.
(Dezember 2000)
(Foto: Iris Groschek)
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