Die Frau kokettiert mit ihrer Vorliebe für gutes Essen (kein Wunder, war ihr Vater doch Restaurantbesitzer) – ansehen allerdings tut man es ihr in keinster Weise. Rank und schlank, ausgesprochen charmant und fröhlich präsentiert sie sich der Interviewerin und hat auch kein Problem damit, für ein aktuelles Foto zu posieren. „Wissen Sie, mein Mann macht bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit Bilder von mir … - typischerweise dann, wenn ich grade den Mund voll habe oder so (lacht), insofern bin ich das alles gewohnt!“
Sehr professionell und interessiert stellt sie sich sodann den Fragen:
Jane Rizzoli sieht nicht wirklich gut aus. Sie trägt strenge Kostüme, kein Make-Up und hat nicht unbedingt das, was man ein gewinnendes Wesen nennt. Außerdem steckt sie voller Minderwertigkeitskomplexe…
Wie viel Autobiographisches steckt in dieser Frau?
Ich würde sagen, dass nicht sehr viel „Tess Gerritsen“ in Jane zu finden ist. Allerdings gehört meine Protagonistin zu der Gattung Frau, für die ich sehr viel Hochachtung empfinde.
Sie ist eine, die sich kein X für ein U vormachen lässt. Sie braucht niemanden, der sich um sie kümmert, kann für sich selbst sorgen. Und sie sagt, was sie denkt und will.
Die Gründe dafür liegen in ihrer Familiengeschichte und in der Vergangenheit – denn damals kämpfte sie vergeblich darum, von ihren Brüdern respektiert zu werden. Was ganz klar ist, denn Rizzoli kommt ja aus einer typischen Arbeiterfamilie, in der vor allem und ausschließlich die Männer etwas zählten.
Aber wenn ich das richtig sehe ist auch ihre Mutter nicht ganz unschuldig an dieser Situation …
Ja, das stimmt. In „Todsünde“ wird erklärt warum: Als Janes großer Bruder Frank vier Monate alt war, ließ seine Mutter ihn (unabsichtlich) fallen, woran er fast starb. Die damit verbundenen Schuldgefühle wurde sie nie los – und daher auch ihr Verhalten.
Die Geschichte ist völlig neu für Jane und wirft plötzlich ein ganz anderes Licht auf ihre Mutter, mit der sie immer ein bisschen im Clinch lag.
Aber trotzdem ändert die Mutter ihre Haltung nicht wirklich …
Auch das ist richtig. Allerdings sollten Sie bedenken, wie schwer es ist, ein Verhaltensmuster zu ändern, das man jahrzehntelang gepflegt hat …
Soviel zu Jane …
Aber da wäre in Ihren Büchern ja noch eine andere Frau: Maura Isles. Ein ganz anderer Typ: Gut aussehend, kompetent – okay, sie hat Pech gehabt mit den Männern … Und sie ist adoptiert und demzufolge immer irgendwie auf der Suche nach ihren Wurzeln … Aber auf den ersten Blick scheint sie sehr viel lässiger und gewandter zu sein als Jane. Woher haben Sie die Inspirationen für Maura?
Der Name als solcher stammt aus einer Wohltätigkeits-Auktion (a.d.R: Wer am meisten bietet, „gewinnt“ einen Job als Romanfigur, d.h. sein Name wird in einem Buch verwendet. Wird in englischsprachigen Ländern sehr häufig gemacht).
Und weil er mir so gut gefiel, taufte ich eine meiner Protagonistinnen so.
Und haben Sie die „echte“ Maura Isles jemals getroffen?
Nein, leider nicht. Aber meine Kontaktperson bei der Wohltätigkeitsorganisation, über die diese Geschichte damals lief, hat mir berichtet, dass Maura meine Bücher liest und sehr entzückt ist, dass ihr Name nun in mehr als einem Buch weiterlebt.
Zurück zur „erfundenen“ Maura …
Nun … mag sein, dass sie auf den ersten Blick „besser“ wegkommt als Jane, aber das täuscht. Denn Maura hat keinen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen – Jane schon. Und das ist sehr viel gesünder.
Abgesehen davon ist mir Maura natürlich schon sehr nahe, schon allein, wenn man ihren akademischen Hintergrund (und den meinen) betrachtet. Beide sind wir Wissenschaftler und beide glauben wir, dass sich so ziemlich jede offene Frage durch eine wissenschaftliche Erklärung beantworten lässt.
Und auch sonst sind wir uns ziemlich ähnlich ..
Verzeihen Sie die Zwischenfrage … Sie sind doch nicht adoptiert oder täusche ich mich da?
Nein, adoptiert bin ich nicht. Aber die Suche nach den eigenen Wurzeln und der mangelnde Einklang mit meinen Gefühlen ist mir als chinesische Amerikanerin keineswegs fremd …
Inwiefern?
Nun, Sie wissen doch, was man uns Asiaten nachsagt: Wir sind unergründlich – keiner weiß, was wir eigentlich wirklich denken, wenn man unseren undurchdringlichen Gesichtsausdruck betrachtet …
Aber gilt das nicht nur für „asiatische“ Asiaten? Sie persönlich sind doch in Amerika aufgewachsen, ist der kulturelle Background dann nicht ein ganz anderer?
Nein, im Gegenteil – da wird das alles noch viel enger gesehen.
Meine Eltern sind ja beide Chinesen – meine Mutter kam nach Amerika, als sie 18 Jahre alt war, mein Vater wurde in den USA geboren. Ebenso wie wir Kinder.
Aber trotzdem waren wir uns zu jedem Zeitpunkt dessen bewusst, dass wir als Chinesen eine ganze Nation „vertreten“ mussten …
Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Eines Sonntags, wir wollten gerade zu einem Spaziergang aufbrechen, entdeckte meine Mutter an der Anzugjacke meines Vaters eine kleine schadhafte Stelle. An der Schulter war eine Naht ein kleines bisschen aufgegangen. Sie regte sich fürchterlich auf und sagte: „Du musst dich sofort umziehen! Was sollen denn die Leute denken?! Wenn dich jemand so sieht, wird es heißen, dass Chinesen schlampig und unordentlich sind!“
Nun … meine Mutter hätte sich – vielleicht – auch aufgeregt. Allerdings hätte sie wohl befürchtet, dass man ihre ganz persönlichen Qualitäten als Hausfrau anzweifeln würde …
Sehen Sie und DAS ist der Unterschied! In unserem Fall ging es um die Ehre sämtlicher Chinesen …
Das ist in der Tat sicherlich keine leichte Bürde – und erklärt auch, warum es Ihnen gelingt, ihre zweite starke Frauenfigur so lebendig darzustellen.
Dann gibt es da aber doch noch diese ominöse Dr. Joyce O’Donnell. Die Neuropsychiaterin mit dem Faible für kranke Gehirne. Was ist das Faszinierende an so einer Figur?
Dass sie auf eine bestimmte Weise jenseits jeder Moral steht und aus purem Intellekt besteht.
Aber wie nah ist die Grenze zwischen dem rein akademischen Interesse an den Motiven für psychopathisches Handeln und der Umsetzung in die Tat?
Nun sagen wir es so: O’Donnell ist, was die Moral anbetrifft, völlig wertfrei. Sie ist wirklich nur daran interessiert, herauszufinden, was die Täter dazu bewegt, so zu handeln, wie sie es tun. Darum hat sie sich auch mit Warren angefreundet und interessiert sich für sein Leben.
Wenn ich an diese Frau denke, dann nicht als „schurkische Person“.
Ich würde sagen, sie ist eine dieser – vielleicht in gewisser Hinsicht skrupellosen – Wissenschaftler, die nur ihre Forschungen im Kopf haben und alle anderen Zusammenhänge ausblenden. Ähnlich jenen Leuten, die im Labor tödliche Waffen entwickeln, ohne sich im geringsten mit den Folgen zu beschäftigen.
Aber würde O’Donnell sich nicht dafür eignen, einmal im Zentrum eines (Rizzoli-) Romans zu stehen?
Doch, das würde sie sicher … Denn irgendwie steht sie ja mitten auf der Gemarkung zwischen Gut und Böse …
In der Tat habe ich da auch schon einen Plan … Warten Sie mal meinen nächsten Roman ab … Also nicht den nächsten, den danach (a.d.R.: Der aktuellste Gerritsen heißt „Vanish“ und kommt in den USA im August 2005 in die Läden – deutsche Fans werden sich leider noch bis 2006 gedulden müssen bis der Titel, wie seine Vorgänger, beim Limes Verlag erscheint).
Neugierig gefragt: Wer steht in „Vanish“ im Mittelpunkt?
Jane und ihr Mann – halbe/halbe würde ich sagen.
Das heißt aber auch, dass Sie die Serie fortsetzen werden?
Ja, das ist richtig. So lange, bis ich selbst keine Lust auf meine Figuren mehr habe.
Nochmal zurück zu diesen: Jane Rizzoli und ihre Mutter – ein unerschöpfliches Thema … Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrer eigenen Mutter?
Nun ich würde sagen, es war zuweilen ziemlich durchwachsen und wir hatten stürmische Zeiten. Jetzt aber ist es hervorragend. Wir kommen ausgezeichnet miteinander aus und meine Mutter ist sehr, sehr stolz auf mich.
Sicherlich war es für die Änderung in unserem Verhältnis auch die Tatsache von Bedeutung, dass ich erkannt habe, dass meine Mutter in der Vergangenheit oft sehr unglücklich war und sich nicht wohl in ihrer Haut fühlte. Das hing auch mit ihrer Ehe zusammen.
Dann ließen sich meine Eltern scheiden …
Wann war das?
Sobald mein jüngerer Bruder auf eigenen Beinen stand und das Haus verlassen hat.
Seitdem geht es ihr viel viel besser.
Und man muss die beiden für dieses Vorgehen auch bewundern: Eine Scheidung ist eine ausgesprochen seltene Sache in einer chinesischen Familie.
Und welche Art Mutter sind sie selbst?
Ich würde mich wohl schon als einen sehr fürsorglichen Typ bezeichnen. Dennoch habe ich mich immer bemüht, meine Söhne und ihre Privatsphäre zu respektieren. So bin ich etwa niemals in ihre Zimmer gegangen, wenn sie nicht zu Hause waren.
In diesem Zusammenhang erzähle ich Ihnen gern, was das allerschönste war, was jemals über mich gesagt wurde. Und zwar war es während einer jener Autofahrten – Sie wissen ja, wie das ist, wenn man Kinder hat, man muss sie permanent hierhin oder dorthin fahren … Auf jeden Fall waren meine beiden da schon groß, bestimmt schon zwanzig Jahre alt oder so … Und wie es so ist, sprachen wir über andere Leute und deren Mütter … tja und darauf sagten meine Jungs: „Wenn wir es recht überlegen, dann haben wir verdammtes Glück gehabt mit dir als Mutter, du bist wirklich ganz große Klasse!“
Alles in allem würde ich sagen, dass bei der Kindererziehung sehr viel von der eigenen Haltung abhängt: Mein Mann und ich sind einfach davon ausgegangen, dass unsere Sprösslinge wunderbare Menschen sein würden und sie SIND ganz wunderbare Menschen geworden!
Wobei die Fußstapfen nicht gerade klein sind, in die es zu treten galt – die Mutter Ärztin und erfolgreiche Schriftstellerin, der Vater ebenfalls Mediziner …
Das stimmt schon, aber wir haben nie Zweifel daran gelassen, dass es uns wichtig war, dass sie das tun, wozu sie selbst Lust haben.
Das heißt – jetzt beruflich gesehen?
So wie es aussieht, wird der Jüngere wahrscheinlich Fotograf.
Der ältere hingegen arbeitet im Labor einer Pharmafirma – er hat Biologie studiert.
Beide aber kommen sie immer wieder gern nach Hause – was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich sie nicht permanent anrufe und mit Alltagsdingen langweile (lacht).
Meine Mutter hat einmal die weisen Worte gesprochen: „Wenn du möchtest, dass deine Kinder gern zu Besuch kommen, dann musst du dafür sorgen, dass dieser Besuch auch ihnen selbst Freude bereitet.“
Daran halte ich mich – und das funktioniert.
Deutsche Fans – vor allem die weiblichen – lieben und verehren Tess Gerritsen. Dabei geht es in Ihren Romanen ja durchaus „zur Sache“, es werden oft sehr unschöne Details genau beschrieben. Wie erklären Sie sich, dass die Mädels dennoch jedes Ihrer Bücher verschlingen?
Die meisten meiner Leser sind in der Tat Frauen – obwohl ich in letzter Zeit über meine Webseite www.tessgerritsen.com immer mehr Fanpost von Männern bekomme. Allerdings gehe ich davon aus, dass es Männer sind, denen ihre Frauen nahe gelegt haben, meine Bücher zu lesen …
Insgesamt ist es aber so, dass die Mehrzahl der Leser von Belletristik und damit auch von Kriminalromanen schon grundsätzlich Frauen sind – also ist es nicht verwunderlich, dass ich so viele weibliche Leserinnen habe. Und wenn es mir nicht gelingt, diese glücklich zu machen mit dem, was ich schreibe, dann bin ich nicht länger erfolgreich.
Gibt es deswegen in jedem ihrer Romane einen Serienmörder?
Ja.
Warum auch immer … viele, wenn nicht die meisten Frauen finden Serienmörder ungemein faszinierend.
Zumal wenn dieser dann entlarvt, gefasst und bestraft oder gar getötet wird …
Ganz richtig.
Ich persönlich glaube, dass es damit zusammenhängt, dass wir Frauen unsere alltäglichen Ängste und Sorgen gern auf eine fiktionale Ebene übertragen, wo wir uns sozusagen „auf sichere Weise gruseln und ängstigen“ können.
Leider führt das oft auch zur unschönen Situation, dass die Leser, wenn ihnen der erste, zweite oder dritte Roman gefallen hat, immer wieder nach einem ähnlich gelagerten Buch verlangen …
Darum hagelt es, wenn ich mal auf einen Serienmörder verzichte, sofort Proteste …
Und so ist es immer wieder eine Herausforderung, einen Modus zu finden, durch den ich einerseits die Erwartungshaltung meines Publikums bedienen, gleichzeitig aber auch meiner Phantasie freien Lauf lassen kann …
Sie arbeiten nun … wie lange schon? nicht mehr als Ärztin …
Seit 1990. Und die Arbeit habe ich unter anderem auch deswegen aufgegeben, weil sie sich so schlecht mit meinen Mutterpflichten vereinbaren ließ.
Was fehlt Ihnen am meisten seitdem Sie diesen Beruf aufgegeben haben?
Auf jeden Fall das direkte Gespräch mit den Menschen.
Schreiben ist ein sehr einsames Geschäft … - darüber hinaus hatte ich ja während meiner Tätigkeit auf Hawaii mit Patienten jeglicher sozialer Schicht zu tun und es war einfach ungemein faszinierend mit diesen unterschiedlichen Leuten zu sprechen.
Sie könnten ja neben Ihren Lesungen auch Workshops veranstalten, dann hätten Sie wieder Gelegenheit, unter Menschen zu kommen …
Oh, das tue ich bereits!
Ich veranstalte Schreibwerkstätten und einmal im Jahr ein ganz besonderes Seminar, das sich ausschließlich an Mediziner richtet, die gerne einen Krimi schreiben wollen.
Sie wissen doch: Jeder Hans und Franz wäre gern Krimiautor und die meisten denken, dass dazu sowieso nicht viel gehört … (lacht) (a.d.R: Auf spritzige Weise beleuchtet Gerritsen diese Ambitionen, vor allem im Hinblick auf die Realität, in einem der Texte ihres ausgesprochen lesenswerten Blogs)
Und was ist der Thrill, den Sie empfinden, wenn ein neues Baby in den Regalen der Buchhändler – oder besser noch – auf der New York Times Bestsellerliste steht?
Es ist das Gefühl, endlich respektiert zu werden!
Das hat mit meiner Kindheit zu tun und damit wie und wo ich aufwuchs.
Immer und immer musste ich darum kämpfen, respektiert zu werden.
Als ich klein war, Anfang/Mitte der Fünfziger Jahre, da wohnten in meiner kalifornischen Heimatstadt überwiegend Weiße. Wir gehörten zu einer Minderheit (Sie müssen bedenken, dass etwa mein Vater in seiner Jugend noch erlebt hat, dass es getrennte Toiletten für Weiße und „andere“ gab …).
Darüber hinaus war in San Diego ein großer Militärstützpunkt und viele der dort stationierten Soldaten und ihre Familien erinnerten sich noch sehr gut an den Zweiten Weltkrieg. Für sie hatte jeder Asiate das Gesicht eines Japaners, was die Situation nicht eben begünstigte.
Genau darum ist das stärkste Gefühl, das mich treibt, die Sehnsucht nach Anerkennung.
Aber die haben Sie doch jetzt sicherlich in reichem Ausmaße erfahren?!
Jetzt ja …
So langsam wandeln sich die Dinge – auch in den USA.
Aber es hat lange genug gedauert …
Gibt es noch ein letztes Statement, das Sie unseren Lesern mitteilen möchten?
Ich wünsche Ihnen allen weiterhin viel viel Vergnügen mit meinen Romanen und werde alles dran setzen, Ihre Erwartungen nicht zu enttäuschen. Denn Ihnen Freude zu bereiten, das ist mein Job!
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz – München, Juli 2005.
(Foto: krimi-forum.de)