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Was erwartet man(n), wenn man ein Treffen mit einer Frau hat, die über eine Berufs-Killerin geschrieben hat? Wird Birgit H. Hölscher ebenso smart sein wie ihre Heldin Ingeborg "Ibo" Schulz aus der "Treibjagd an Bord"? Andererseits ist Ibo Schulz aber auch das sympathischste bad girl der aktuellen Krimiszene, eine interessante und vielschichtige Figur abseits aller lauen Serienkommissarinnen und Katzenfreundinnen. Am Rande der Verleihung des Agatha-Christie-Preises in Hamburg kommt es zur Begegnung mit Birgit H. Hölscher. Good girl oder bad girl? Am besten gleich mit einer knallharten Frage an die rothaarige Krimi-Lady mit dem kühlen Blick hinter den Gläsern der extraordinairen Designer-Brille einsteigen:
Sie sagen über sich selbst, Sie seien eine "selbstverliebte Egozentrikerin". Da werden Sie dieses Interview jetzt sicher zu nutzen wissen, oder?
Über wen sollte ich denn hier was erzählen, wenn nicht über mich?...
Um da gleich mit dem Anfang anzufangen: Sie haben heute Geburtstag...
Soweit ist das richtig...
Es gibt aber nun recht unterschiedliche Meinungen über Ihren Geburtsort. Jetzt können Sie ein für alle Mal Klarheit schaffen: La Laguna/Panama oder Memphis/Tennesee?
Wenn ich das wüsste! Anfangs war es ja Bamako, Mali, gefolgt von Reykjavik, Island. Ich glaube, das führt zurück zu der "selbstverliebten Egozentrikerin", die es todlangweilig findet, stets die gleiche Antwort auf Fragen nach dem Geburtsort zu geben. Hey, wir Schriftsteller sind mit Fantasie begabt, glaubt ihr etwa, alles was wir sagen ist Realität?
Sie machen in Ihrer offiziellen Biographie noch ein paar mysteriöse Angaben: da ist von "verdeckten Milieustudien im Knast, in der Drogenszene und im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli" die Rede, die Sie in den 80er Jahren absolviert haben. Was sollen wir uns jetzt konkret darunter vorstellen?
Noch konkreter? Also: ich habe Ende der siebziger Jahre begonnen, Menschen im Knast zu besuchen, mir ihre Erfahrungen und Schicksale schildern zu lassen und im Gegenzug versucht, ihnen die Haftsituation zu erleichtern. Meine erste Begegnung mit „dem Verbrechen„ also. Nebenbei: in den Knästen landen tatsächlich nur die armen Würstchen, die für eine erfolgreiche illegale Karriere nicht genügend Grips mitbringen.
Bleiben die Studien in der Drogenszene...
Später verdiente ich mein Geld damit, Drogenabhängigen das Leben in unserer Gesellschaft erträglicher zu machen. Sie sehen, der Hang mich mit den gesellschaftlichen Randgruppen zu beschäftigen, zieht sich durch mein kleinbürgerliches, aufregungsarmes Leben. Psychoanalytische Deutungen dessen lassen wir hier mal bei Seite.
Vielleicht dann noch ein Wort über Ihre Beziehung zur Rotlichtszene? Die Erzählung "Süßer Sumpf" ist eine ziemlich dichte Studie aus den Kneipen des Hamburger Kiez, über die Typen, die dort herumhängen. Alles Recherche? Oder authentisches Rotlicht?
Ich gestehe: ich habe einen Mordsspaß daran, authentische Figuren in meinen Geschichten auftreten zu lassen. Dieses Vergnügen verkneife ich mir aber meistens, denn das gibt nur Ärger (im Privaten, als auch bei öffentlichen Personen). Beim „Süßen Sumpf" habe ich allerdings eine Ausnahme gemacht. Da ich seit fünfzehn Jahren in St. Pauli lebe, bot es sich an, mal meinen Hamburger Lieblingsstadtteil auftreten zu lassen. Die betreffende St. Pauli-Kneipe, die dort auftretende Hausband, den Wirt, der auch Zuhälter ist – all das hat es wirklich gegeben. Die Kneipe heißt inzwischen anders, hat einen anderen Wirt und die Band hat sich auch aufgelöst – aber ich treffe immer noch gerne diese Personen und Schauplätze aus meiner eigenen Vergangenheit, wenn ich bei Lesungen den „Süßen Sumpf„ vorstelle.
In "Süßer Sumpf" und den Fortsetzungen, die ebenfalls als "Schwarze Hefte" erschienen sind, schreiben Sie über Joachim Last, der als Kommissar anfängt und als Privatschnüffler endet. Das sind düstere Geschichten - für den "Süßen Sumpf" haben Sie den "Marlowe" der Raymond Chandler-Gesellschaft erhalten - das sind harte Männerstories. Hat Ihnen eigentlich niemand gesagt, dass Frauen solche Männergeschichten gar nicht schreiben dürfen?
Ach je – das war jetzt eine Provokation, oder? Aber auch ein Kompliment, finde ich. Harte Männerstories – das hört sich gut an. Ich sehe tagtäglich zu viel Härte, als dass ich nicht versuchen müsste, sie auf meine Art, durch das Schreiben, zu verarbeiten. Raus kommen dabei natürlich keine Häkelkrimis oder „Die-Bullen/Detektive-sind -immer-die-Sieger-Geschichten".
Ingeborg "Ibo" Schulz in "Treibjagd an Bord" ist auch nicht gerade das Idealbild einer weiblichen Krimiheldin: Als sie ihren ersten Lover ersticht und ordentlich zersägt, wird ihr klar, dass die Abwesenheit von Gefühl, die Kühle, die sie dabei empfindet sie für einen ganz besonderen Job qualifiziert: den einer Berufskillerin. Und dann verliebt sie sich trotzdem bei der "Treibjagd an Bord" in den starken smarten Captain. Sie scheinen eine Schwäche für Grenzgänger zu haben?
Es gibt zwei literarische Gestaltungsmittel, die einen spannenden Roman ausmachen: Entweder durchläuft die Hauptfigur während eines Romans eine gravierende charakterliche Veränderung, überschreitet ihre persönlichen Grenzen. Oder sie bleibt wie sie ist und wird aus diesem Grund mit Schwierigkeiten konfrontiert (und muss sich vielleicht am Ende doch verändern). Ich experimentiere in meinen Romanen mit beiden Varianten. Ibo Schulz, meine Killerin, ist mir von Anfang an vielleicht einen Tick zu liebenswert geraten, aber so lieb, um mit ihr so eine Frachtschiffreise wie in „Treibjagd an Bord" zu unternehmen, hat sie der Leser auf Anhieb bestimmt nicht. Am Ende ... Ach nee, das Ende verrate ich nun nicht.
Trotzdem - und ohne das Ende zu verraten: "Treibjagd an Bord" ist eine Art Landhaus-Agenten-Action-Thriller: Agatha Christie meets Alistair Maclean. Mit den Abgrenzungen des Genres nehmen Sie es auch nicht ganz so genau. Was sind Ihre Vorbilder im Genre? Welche Krimis lesen Sie gern und welche haben Sie geprägt?
Krimisozialisiert wurde ich bereits als Kind durch die Jerry-Cotton-Hefte. Später kamen dann die namhaften Amerikaner hinzu: Chandler, Hammett, Ross Macdonald. Dann hatte ich eine Agatha Christie- und Dorothy Sayers-Phase. Ja, und irgendwann entdeckte ich Patricia Highsmith mit ihren beklemmenden psychologischen Dramen und wusste: So will ich selbst auch schreiben.
Sie gelten als eine der besten Erzählerinnen der deutschen Krimiszene - in Ihren Geschichten zeichnen Sie Stimmungen und Personen mit einer liebevollen Genauigkeit, die man selten findet: Muss man als Krimi-Autorin einen ganz besonderen Blick für besondere Dinge haben?
Es geht natürlich auch anders herum: man wirft einen sehr speziellen, möglichst artifiziellen Blick auf alltägliche Dinge. Aber ich mache es mir da leichter. Mein Augenmerk richtet sich ohnehin automatisch auf das Bizarre, Absonderliche. Davon lasse ich mich dann inspirieren, spinne es zu Geschichten zusammen, von denen ich hoffe, dass sie dem Leser, neben dem Thrill, Tore zu ihm nicht bekannten Lebenswelten eröffnen. Huch, klingt das jetzt pathetisch.
Seit 1998 arbeiteten Sie als freie Autorin und Künstlerin. Schaut man auf die genau beobachten Details in Ihren Romanan, dann könnte man vermuten, dass Sie sich neben dem Schreiben auch mit Malerei oder Fotografie befassen?
Leider nicht mehr in dem Umfang, den ich mir wünsche. Ich habe mich, bevor ich mich für die Schreiberei entschied, intensiv mit Fotografie beschäftigt, habe Ausstellungen bestritten und hatte z. B. das Glück, die Fotovorlagen für die Cover meiner beiden ersten Romane „Therapie mit Todesfolge" und „Kaputtmacher" liefern zu dürfen. Aber seit ich nun hauptberufliche Autorin bin, fehlt einfach die Zeit, um mehr als ein paar Dokumentarfotos zu schießen.
Sie haben viele Kriminalstories geschrieben, und die kurze Form scheint Ihnen auch ganz besonders gut zu liegen. Oder sind dies alles nur Fingerübungen für Romane, die noch kommen?
Beide Formen haben ihre Tücken und ihre Vorteile. Mit den Kurzgeschichten schmiere ich, salopp gesprochen, meine Schreibe. Das heißt, meist gibt es ja thematische Vorgaben, die man mehr oder weniger einhalten muss. Das ist eine schöne Übung. Ganz so, wie ich in den Schreibworkshops, die ich leite, den Teilnehmern Schreibaufgaben stelle, an denen sie ihre handwerklichen Fähigkeiten schulen können.
Wie geht es weiter - mit Ibo Schulz und vielleicht auch dem Ex-Kommissar Last?
Joachim Last ist so eine Type, die man nicht so leicht verlässt, wenn man sie einmal ins Herz geschlossen hat. Der nicht immer erfolgreiche Privatschnüffler mit dem Hang zu tragischen Liebesgeschichten wird sicher weiter in Hamburg ermitteln. Jedes Jahr ein neues „Schwarzes Heft", das ist eine schöne Gelegenheit diesem sympathischen Querkopf wiederzubegegnen. Auch für mich als seiner Schöpferin.
Aber als nächstes wird es auch etwas ganz anderes von Ihnen geben, weil Sie nicht zur Seriengretel werden wollen?
Ja, ich nehme mir die Freiheit, nicht zur Seriengretel (schöner Begriff, nebenbei bemerkt!) zu werden. Es bringt so viel Spaß, neue Figuren zu entwickeln, sie mit einem eigenen Charakter und einer Lebensgeschichte auszustatten und sie mit anderen Figuren interagieren zu lassen. Da wäre ich schön blöd, mir dieses Vergnügen beim Schreiben zu nehmen, nur weil die Verlage zum Beispiel „Ibo Schulzes neuester Fall" auf das Cover drucken wollen, weil sich das angeblich besser verkauft. Ich meine, man darf den Lesern zumuten, neue Figuren kennen und lieben zu lernen. Wer will schon ewig mit denselben Nasen zusammentreffen? Das hat man doch im realen Leben zur Genüge.
Zum Schluss: Als Internet-Portal interessiert uns natürlich, wie sehr Sie dieses Medium nutzen und ob Sie eine Lieblingsseite haben.
Ich nutze es für so ziemlich alle Belange des Lebens. Vorwiegend natürlich für die Recherche, aber auch für kommerzielle Transaktionen, die Bildung und das Vergnügen. Meine Lieblingsseite (Achtung: Schleichwerbung!) ist www.hybridenmuseum.de.
Danke für das Gespräch.
Mit Birgit H. Hölscher sprach krimi-forum.de Mitarbeiter Reinhard Jahn (September 2003)
(Foto: Horst Lohmeyer)
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