Der junge Brite Lee Child, vier Jahre alt, sieht in einem zwölfseitigen Bilderbuch einen Jungen am Fenster eines Apartments in Manhattan sitzen, der auf die Stadt herunterblickt und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dieser Junge zu sein.
Jetzt bist du erwachsen, hast Familie und du hast den Sprung über den großen Teich gemacht. Hast du dir als erwachsener Familienvater auch irgendwann einmal gewünscht, Jack Reacher zu sein?
Und wenn ja, wie lange hielt dieser Wunsch an?
Ich BIN Jack Reacher - oder zumindest war ich es, als Kind. Er ist die erwachsene Version von dem Lee, der damals den Schulhof unsicher machte.
Als ich anfing, Jack Reacher zu lesen, sah ich Jack vor meinem visuellen Auge immer als Typ junger John Wayne.
Seit ich auf deiner Seite war, ertappe ich mich immer öfter dabei, mir Jack wie Lee vorzustellen.
Was hat Jack Reacher von Lee Child?
Und wieviel hat Lee von Jack?
Wie ich schon sagte: Wir sind quasi Zwillinge. War es nicht E.M. Forster, der sagte "Jeder Roman ist irgendwie autobiografisch." Oder doch C.S. Lewis?
In fast allen Interviews mit dir, die ich gelesen habe und ich habe viele gelesen, stand, du hast mit dem Schreiben begonnen, als du deinen Job verloren hast.
War das letztendlich nur der letzte Anstoß, der den lang gehegten Wunsch zu schreiben zum Ausbruch brachte, oder wie müssen wir uns das vorstellen?
Jemand der so erfolgreich Entertainment gemacht hat, hätte doch sicher wieder einen ähnlichen Job gefunden.
Durch meine Gewerkschaftsaktivitäten hatte ich mir im TV-Geschäft alle Wege verbaut. Außerdem hatte ich diese ständig wachsende Unternehmensmentalität satt. Ich wollte etwas tun, bei dem ich keinen Chef hatte, etwas eigenes haben, für das ich ganz allein selbst verantwortlich sein würde.
Hat es viel Mut gekostet oder war es mehr eine Befreiung zu wissen, man tut endlich, was man sich lange gewünscht hat?
Die Tatsache, dass es keine Alternativen gab, vereinfachte die ganze Sache enorm. Aber, doch, dieses Gefühl "endlich frei zu sein" entspricht ziemlich genau dem, wie mir zumute war.
Wie hat dein familiäres Umfeld reagiert, als du beschlossen hast, Kriminalromane zu schreiben?
Gab es viel Unterstützung, oder eher Zweifel?
Ich denke mal es war eine Mischung aus beidem. Natürlich machten sie sich Sorgen, aber es war mit ihrer Zustimmung, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. Diese meine Entscheidung hatte ja nicht nur Auswirkungen auf (m)ein, sondern auf drei Leben - doch sie standen mir zur Seite.
Und es waren immer Kriminalromane, die du schreiben wolltest?
Warum nicht zum Beispiel englische Lyrik?
Ich musste meine Brötchen verdienen - und in der Lyrik steckt nun mal kein Geld! Nein, aber ganz im Ernst, ich denke, dass der Thriller wie keine andere Literaturform die zentralen Themen menschlichen Miteinanders aufgreift … Gefahr, Angst und schließlich die Begleichung aller Schulden und eine wiederhergestellte Ordnung.
Du hast erst recht spät mit dem Schreiben begonnen.
Wie hätte die Figur Reacher wohl bei einem jungen Autoren Lee Child ausgesehen?
Vielleicht wäre er ein wenig schüchterner gewesen. Oder ein bisschen unbeherrschter.
Wie überrascht warst du vom Erfolg von Größenwahn/Killing Floor?
Ich bin jetzt nicht total aus allen Wolken gefallen, aber überrascht war ich schon. Es war als hätte ich beim Golf mit einem einzigen Schlag eingelocht - sozusagen ein Hole in One. Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, dass so etwas geschieht - aber dennoch ist es eine Riesen-Überraschung, wenn es dann tatsächlich auch passiert.
Warum ist Jack eigentlich Amerikaner und nicht ein harter Engländer oder vielleicht ein Schotte?
Ganz einfach deswegen, weil ich diese enorme Weite der Vereinigten Staaten brauchte, um die Art von Geschichten zu erzählen, die ich erzählen wollte.
Lee, wenn man so einen amerikanischen, patriotischen Helden erschafft, will man dann selbst ein Held sein, ein schreibender Held sozusagen?
Nein, nicht wirklich. Ich habe kein Ego in dem Sinne. Ich wollte mir nur diese Jahrtausend alte Tradition der Heldenfigur in der Literatur zunutze machen.
Jack ist ein Mann, der praktisch nie richtige Gefühle zeigt, der keine Familie hat, keine Bindung.
Wird sich das ändern?
Wahrscheinlich nicht. Das ist ein so großer Teil von ihm - seine eigenbrötlerische Art, sein nach innen gekehrt sein, seine Bemühungen, das Gleichgewicht zu halten zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Das zu ändern würde bedeuten, die ganze Figur zu ändern.
Du als Brite liebst Amerika, deine Wahlheimat, das hast du immer wieder betont. Wie steht aber ein Autor, der solch eine harte Figur wie Jack Reacher erschaffen hat, zum Beispiel zum Thema Todesstrafe?
Ich bin gegen die Todesstrafe. Das Ganze ist so eiskalt - und abschreckend wirkt diese Strafe auch nicht.
Angenommen Lee Child wäre eine Romanfigur, wie würdest du ihn vorstellen?
Ziemlich genau so wie ich Joe Reacher - Jacks Bruder - beschrieben habe. Vor allem im Buch, das nächstes Jahr erscheinen wird "The Enemy".
Promotiontouren sind vielen Autoren ein Greuel, für dich stellen sie eine willkommene Abwechslung dar.
Was ist das Besondere daran?
Ohne diese Touren ist das Schreiben ein verdammt einsames Geschäft - nur ich und mein Computer. Auf meinen Lesereisen treffe ich echte Menschen und lande an Orten, die ich sonst nie gesehen hätte. So bin ich etwa letztes Jahr zum ersten Mal in meinem Leben in Deutschland gewesen.
Du hast geschrieben, du willst bis zu deinem Tod jedes Jahr einen Reacher schreiben.
Wird Jack Reacher in vierzig Jahren im Rollstuhl auf der Strasse unterwegs sein?
Oder wird er, wie seiner Majestät Spion James Bond, nie altern?
Das hängt davon ab, wann ICH sterbe … ich bin älter als der Reacher aus den Romanen!
Sehen wir mal fiktiv in die Zukunft, Jack Reacher Band 12, 17 oder 24.
Jack Reacher sitzt an diesem Fenster, in diesem Apartment in Manhattan und er sieht hinunter auf die Stadt.
Was denkt er, was würde er sagen? Zu wem?
Da er wahrscheinlich alleine sein wird, gehe ich davon aus, dass er mit sich selbst sprechen und vielleicht etwas in dieser Art sagen wird, wie "das war echt ein Wahnsinns-Trip".
Hat die Kommunikation mit deinen Lesern durch das Internet einen anderen Stellenwert erhalten?
Mit Sicherheit! Dass es heutzutage Webseiten von Autoren gibt und die Möglichkeit, e-mails zu senden, hat den Kontakt zwischen Schriftstellern und ihren Lesern revolutioniert. Ich bekomme hunderte von Mitteilungen pro Woche. Früher, in den Tagen der (Schnecken-) Post war es maximal ein Dutzend - eher weniger.
Wie nutzt du das Internet?
Nur beruflich, oder auch privat?
Beides. Ich bin standing im Netz unterwegs. Man kommt einfach von Hölzchen auf Stöckchen …
Das Internet hat generell einen schlechten Ruf. Sollte es mehr staatliche Kontrollen geben, oder regelt sich das von ganz alleine?
Ich denke, wir sollten im Netz keinerlei Kontrollen haben. Das www regelt sich schon von allein.
Was macht ein vielbeschäftigter Autor wie du in seiner Freizeit?
Ich sehe mir Baseball an, höre Musik, fahre meinen T-Bird.
Hast du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
Nein - klasse Fragen!
Noch einen Schlusssatz?
Danke, dass Ihr meine Bücher lest - es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl zu wissen, dass meine "Babys" überall auf der Welt geliebt werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte unser Redakteur Robert Herbig.
(September 2003)
(Foto: Blanche Mackey)