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Exklusivinterview mit
Terry Pratchett
F: Sind die Scheibenweltbücher Fantasy, Krimis, Science Fiction?
A: Ich muss sagen, dass die Einteilung von Büchern in Genres dumm ist. Wenn ein Buch in Arizona im Jahre 1888 spielt, ist es dann ein Western? Es sieht aus wie ein Western, aber es könnte auch ein Krimi sein. Es könnte Science Fiction sein oder eine Liebesgeschichte. Wir leben in einer Welt in der gesagt wird "Das Buch spielt 1888 in Arizona, es MUSS ein Western sein.
Der größte Teil meines Buches "Der fünfte Elefant" besteht aus der Auflösung eines Verbrechens, aber es ist - in einem anderen Universum - ein Krimi wie auch eine Fantasygeschichte. Es ist Unfug, dem Buch einen Stempel aufdrücken zu wollen, nur damit die Buchhändler wissen, in welches Regal sie es stellen müssen.
F: Haben Sie einen Lieblingskrimi?
A: Diese Frage macht mir Spaß! Es gibt nicht viele Autoren, deren Bücher ich kaufen würde, weil ich sie gerade im Regal sehe. Einer, bei dem ich es täte ist Carl Hiassen: Fast alle seine Bücher spielen in Florida und sind eine Art Krimi.
Oder Donald Westlake. Er schreibt "Krimis light ".
Ebenso der schottische Autor Christopher Brookmyer. Die Geschichten bestehen nicht aus wirklich ernsthaften Verbrechen, sondern sind eher auf der witzigen Schiene. So etwas lese ich gern.
Oder Joseph Wambaugh. Er schreibt vor allem Romane, in denen Polizisten die Hauptrolle spielen und bedient sich dabei einer Methode, die ich ebenfalls benutze: Es gibt eine Menge paralleler Handlungsstränge, die sich alle erst am Ende auflösen. Das hat dann viel mit traditionellen Werten und guten Menschen zu tun - so etwas ist mir sehr wichtig.
F: Mögen Sie auch Psychothriller wie z.B. "Das Schweigen der Lämmer?"
A: "Das Schweigen der Lämmer" hat mir deshalb so gefallen, weil ich so beeindruckt war von der Art und Weise, wie Thomas Harris mein Gehirn manipuliert hat. Denn am Ende ist der Leser doch eindeutig auf der Seite von Hannibal Lecter. Desselben Hannibal, der grade aus dem Kittchen ausgebrochen ist, nachdem er zwei Polizisten brutal gefoltert und getötet hat und zwar allein deshalb, weil sie netter zu ihm waren, als er eigentlich verdient hätte. Und ich, was mache ich? Ich rufe: Ja, Hannibal, gib's ihnen! Und erst dann fällt mir ein: Halt! Dieser Typ ist KEIN netter Kerl!
Das ist allein die Schuld (oder doch eher der Verdienst?) des Autors - er allein hat dafür gesorgt, daß meine Denkweise plötzlich eine ganz andere geworden ist, denn nun stehe ich auf der Seite der Bösen Jungs. Und Hannibal Lecter hat mich genauso reingelegt wie den Rest der Welt.
Abgesehen davon gefiel mir "Der rote Drache" vom selben Autor aber besser. Das Buch handelt von einem Polizisten, der einen Serienkiller jagt - so eine Art Hannibal Lecter. Er versucht also, diesen Psychopathen aufzuspüren und stellt dabei fest, daß einige von dessen Wesenszügen auch tief in ihm selbst schlummern, sprich: er, der Polizist, der auf der "richtigen" Seite des Gesetzes steht, kann sich gedanklich ganz genau in den Mörder hineinversetzen und dessen Gedankengänge nachvollziehen. Und das war zweifellos ein sehr viel interessanteres Buch.
F: Zurück zu Ihren eigenen Büchern und der "Scheibenwelt". Wird es dort einmal das Internet geben?
A: Im Buch "Der fünfte Elefant" gibt es bereits so etwas wie das Internet. Captain Mumm, der als Diplomat der Stadt Ankh-Morpork nach Überwald geschickt wird, bleibt über das semaphore system mit der Stadt verbunden. Nachrichten werden über Land mit Hilfe von Nachrichtentürmen verschickt und eine Nachricht zu versenden, kostet 20 Ankh-Morpork-Dollar. Das semaphore system ist ähnlich schnell wie das Internet, erinnert aber mehr an das frühe Telegrafiersystem. Im nächsten Buch wird das sempahore system noch häufiger vorkommen.
F: Kennen Sie Ihre Leser? Sind es mehr Männer oder mehr Frauen? Mehr junge Leute oder mehr alte?
A: Meine Erfahrung durch Briefe und E-mails in den letzten zehn Jahren hat für Großbritannien gezeigt, dass es mehr weibliche Leser sind. Die Leserschaft wächst sozusagen mit: Jemand, der 1983 als 14jähriger Teenager mein erstes Buch "The colour of magic" gelesen hat, ist vielleicht heute ein Schuldirektor.
F: Schreiben Sie Ihre Scheibenwelt-Geschichten für eine bestimmte Person - Ihre Frau, Ihren besten Freund, Ihren Nachbarn?
A: Vor allen Dingen schreibe ich die Geschichten für mich selbst. Wenn ich sie selbst nicht gut finde, wer soll sie dann gut finden? Aber ich denke ständig an meine Leser.
F: Welcher ist ihre Lieblingsfigur aus der Scheibenwelt?
A: Ich mag am liebsten Captain Mumm und Oma Wetterwachs. Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst und stellen sich auch immer wieder in Frage. Außerdem haben sie beide eine dunkle Seite. Z.B. muß Mumm sich immer versichern, daß das, was er tut, legal ist. In meinem nächsten Buch wird sich zeigen, dass Mumm nicht der nette Mann ist, der er vorgibt zu sein.
F: Haben Sie selbst Angst vor Vampiren oder Werwölfen? Die Vampire und Werwölfe aus ihren Büchern sind irgendwie anders als die, die wir sonst aus Film, Funk und Fernsehen kennen...
A: Die Vampire, die man in Filmen sieht, sind eigentlich nur Monster. In meinen Büchern ist es anders, da sie Teil der Gesellschaft sind. Sie wissen, dass sie nur überleben können, wenn sie sich verändern. Ich habe aber vor allem deshalb keine Angst vor ihnen, weil ich nicht an ihre Existenz glaube.
F: Wird es eine Geschichte geben, in der mehrere Arten von Charakteren zusammenkommen? Wie z.B. die Stadtwache und die Hexen?
A: Das ist einfach nicht möglich! Es ist, als würde man gefragt, ob man Schlagsahne mag. "Ja, mag ich." "Und Curry magst du auch?" "Ja.". Aber wenn es daran geht, Schlagsahne zusammen mit Curry zu essen .. iiih!
F: Da ich eine Internet-Seite vertrete ist es natürlich für uns besonders interessant, wo die Fans Ihnen im Netz begegnen können.
A: Versuchen Sie es doch am besten unter www.scheibenwelt.de, gerne dürfen Sie aber auch unter www.discworld.com, www.discworld.co.uk und www.turtlesalltheway.com besuchen (mit Sicherheit sind demnächst auch diese Webseiten fertig).
Mr. Pratchett, vielen Dank für dieses Gespräch!
Mit Herrn Pratchett sprach Redakteurin Andrea Steubesand.
(September 2000)
(Foto: Michael Weber)
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