Exklusivinterview mit Malachy Hyde

Ephesos, 41 vor Christus, zur Zeit der römischen Herrschaft. Silvanus Rhodius, stellvertretender römischer Statthalter, hat es in seinem Bürokratenjob im wesentlichen mit Verwaltungskram zu tun. Nebenher hat er eine romantische Beziehung zu Laelia, die mit ihrer Freundin Illicia in einer Taverne untergekommen ist. Zusammen sind die drei als antikes Ermittlertrio schon in "Tod und Spiele" in Erscheinung getreten, jetzt heißt der Fall "Eines jeden Kreuz": Stecken hinter den Überfällen auf die Tavernen von Ephesos nur ganz normale Plünderer oder hat das alles einen politischen Hintergrund?
Köln, im Jahr 2003 nach Christus. Die Taverne, in der wir Ilka Stitz und Karola Hagemann treffen, ist ein uriges Brauhaus, es gibt Kölsch statt Wein - aber die römische Vergangenheit der Stadt ist auch heute noch gegenwärtig - nicht nur im Römisch-Germanischen Museum. Ilka Stitz (Köln) und Karola Hagemann (Hannover) sind "Malachy Hyde", die Frauen hinter Laelia, Illicia und Silvanus Rhodius, die Autorinnen von "Tod und Spiele" ,"Eines jeden Kreuz" und „Wisse, dass du sterblich bist“, das im Frühjahr erscheinen wird ...

Salve...

Karola Hagemann:
Salve, Reinhard.

Sollen wir das Gespräch auf Latein führen?

Ilka Stitz:
Lieber nicht. Unser (gemeinsamer) Lateinunterricht liegt schon so weit zurück, dass es leider vor Fehlern nur so strotzte. Außerdem hat Karola auch schon in der Schule immer meine Lateinarbeiten geschrieben …

Karola Hagemann:
Nichtsdestotrotz machen wir uns manchmal den Spaß, auf Latein miteinander zu korrespondieren - was bisweilen zum Rätselspiel wird, wenn man das Wörterbuch nicht dabei hat und sich ein Wort etwa aus dem Spanischen oder Französischen heraussucht, und dann versucht, es zu lateinisieren.

Autorenteams werden natürlich immer wieder gefragt, wie sie zusammen arbeiten. Die einen entwickeln den Plot gemeinsam und schreiben dann abwechselnd, die anderen arbeiten auch am Text gemeinsam? Wie halten Sie es - besonders über die Distanz Köln - Hannover?

Ilka Stitz:
Zuerst entwickeln wir den roten Faden der Geschichte gemeinsam, dann schreiben wir die jeweiligen Szenen nach Absprache parallel. Die Telefongesellschaften verdienen nicht schlecht an uns...

Was ist, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt? Duell oder Diplomatie?

Karola Hagemann:
Als alte Schulfreundinnen kennen wir uns gut genug, um Duelle nicht einmal in Erwägung ziehen zu müssen.

In TOD UND SPIELE und EINES JEDEN KREUZ stellen Sie die Freundinnen Illicia und Laelia in den Mittelpunkt. Laelia kommt, nach heutigem Verständnis - als Tochter eines Tavernenwirts aus dem Gaststättengewerbe. Andere Autoren scheinen Schauspielerinnen als Protagonistinnen zu lieben - wie Petra Oelker mit "Loretta" oder Gisbert Haefs mit "Korinna" in ROMA. Wie haben Sie sich ihren Protagonistinnen Illicia und Laelia genähert?

Karola Hagemann:
Unsere Protagonistinnen mussten selbständig und gebildet genug sein, um die ihnen zugedachte Rolle zu spielen, durften jedoch nicht aus zu guten Familien kommen - da hätte man sie schon längst verheiratet. So gaben wir ihnen nette, aber schwache Väter, und ließen sie in einem Milieu aufwachsen, das Selbstbewusstsein und Konversationsfähigkeit fördert. Es gab in der ausgehenden römischen Republik, aber natürlich auch früher und später, genug Frauen, die ihr Leben selbst bestimmten. In den alten Quellen findet man viele Anregungen.

Wie lange haben Sie eigentlich für die grundsätzliche Recherche für die Romane gebraucht? Und war zuerst das Interesse für die Antike da und dann der Plan, einen Roman zu schreiben - oder umgekehrt?

Ilka Stitz:
Nun, nimmt man alles zusammen, dauerte die Recherche Jahrzehnte. Zu Anfang war es nur reines Interesse an der Antike - keine von uns hätte gedacht, dass unsere Reisen in die Türkei oder die Fachliteratur, die wir gelesen haben, am Ende dazu führen würden, dass wir Romane schreiben. Und natürlich sind wir durch das Studium vorbelastet. Karola studierte unter anderem Geschichte, ich Kunstgeschichte und klassische Archäologie.

Karola Hagemann:
Und als - oder gerade weil - wir in diesen Tätigkeitsfeldern keinen Job fanden, ich arbeite zum Beispiel im Landeskriminalamt Niedersachsen, konnten wir uns in unserer Freizeit auf das konzentrieren, was uns wirklich interessierte: die ausgehende Republik und frühe Kaiserzeit, auf die Person des Marcus Antonius, auf die römische Provinz Asia, die heutige Türkei. Bei einer unserer Reisen dorthin kam uns dann die Idee zu einem Roman, der eben diese Themen aufgreift.

Illicia und Laelia kommen als sehr selbst bestimmte Frauenfiguren daher - Lealia hat ein Verhältnis mit Silvanus Rhodius, und Illicia teilt auch mitunter das Lager mit dem Triumvirn Marcus Antonius, der wie eine Art Bill Clinton der Antike wirkt ....

Karola Hagemann:
Na ja, wenigstens vergleichen Sie ihn nicht mit G.W. Bush…
Nein, im Ernst, Marcus Antonius, so sagen die Quellen, war in der Tat ein hochattraktiver Mann, der das Leben in vollen Zügen genoss. Den meisten Römern war das egal, entweder sie lebten selbst ähnlich oder hätten es gern getan, nur manchmal wurden seine Eskapaden von politischen Gegnern zur Verleumdung missbraucht. Cicero war ein solcher, der mehrere hasserfüllte Reden gegen Antonius schrieb. Allerdings verdanken wir Cicero dadurch einen Blick auf diesen lebenslustigen Mann, der beispielsweise eines Morgens nach einer Geburtstagsfeier in Haussandalen im Senat erschien, und dem dann ziemlich übel wurde.

Ilka Stitz:
Cicero drückte es drastischer aus.

Karola Hagemann:
Trotz Ciceros Verunglimpfung: Antonius war charmant und bei den Damen sehr beliebt, das attestieren ihm viele antike Autoren. Die moderne Forschung - wie auch einige Quellen - würdigt ihn zudem als genialen Feldherrn und Politiker.
Zu seinem Charakter gehörte allerdings auch, dass er, so sagt die Überlieferung, zu leichtgläubig war, zu wenig misstrauisch, nicht besonders viel Menschenkenntnis besaß, und dass er sich an Verträge hielt, im Unterschied zu seinem Kontrahenten Octavian. Sicherlich ein Grund, warum er scheiterte.

Und natürlich, weil er sich mit Kleopatra eingelassen hat. Oder wollte uns das nur Hollywood weismachen?

Ilka Stitz:
Die Liebe zu Kleopatra, die in diesem Zusammenhang oft genannt wird, spielte wohl eher eine untergeordnete Rolle. Das verzerrte Bild des Marcus Antonius, des von Liebe verblendeten Römers, das wir aus Filmen und Büchern kennen, ‚verdanken’ wir der Tatsache, dass die Geschichte vom Sieger geschrieben wird, und das war – leider – Octavian.

Karola Hagemann:
Für uns war klar, dass wir Marcus Antonius einer unserer Protagonistinnen ins Bett legen mussten...

Flusia die Haussklavin und Fellator der Bordellbesitzer - Sie pflegen offenbar mitunter einen exquisiten Humor.

Karola Hagemann:
Ach ja?

Fachleute und Fans haben besonders bei historischen Romanen oft kleine Details und angebliche falsche Fakten zu kritisieren. Lassen Sie sich darauf überhaupt ein?

Ilka Stitz:
Wir nehmen so etwas schon ernst, schließlich bemühen wir uns um genaue Recherche. Nur wenn es heißt: "Bis auf wenige Details gut recherchiert" … dann frage ich mich, welche Details? Oder es wird kritisiert, dass Marcus Antonius beim Fund einer Leiche ‚Mist’ sagt. Was soll er sonst sagen - "Potzblitz"? Tatsächlich hätte er wahrscheinlich so etwas wie "Scheiße" gesagt.

Aber natürlich auf Latein.

Ilka Stitz:
Natürlich.

Karola Hagemann:
In diesem Zusammenhang möchte ich einmal auf die jeweiligen Sprachstile und Gewohnheiten der verschiedenen Übersetzer hinweisen. Sie sind es, die unsere heutige Vorstellung der Sprache von Griechen und Römern geprägt haben. Liest man eine Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert, so spricht der Römer durchaus anders als in einer aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Was die Folge daraus ist, kann sich jeder selbst ausmalen.

Neben dem opulenten historischen Hintergrund liefern Sie in ihren Romanen auch eine Kriminalgeschichte. Nun geht die klassische Detektivgeschichte ja davon aus, dass der Mensch die Welt analytisch begreifen kann - und das kann ich mit meinem bescheidenen Halbwissen in der Antike nicht sehen. Egal, wie hoch entwickelt die Kultur war - der Römer um Christi Geburt hat doch geglaubt, dass die Erde eine Scheibe ist und sein Leben von der Laune eines guten Dutzend Götter abhängig ist.

Karola Hagemann:
Entschuldigung, aber das muss ich korrigieren: Dass die Erde eine Scheibe ist, glaubten die Christen. Griechen und Römer wussten sehr genau um ihre Form, hatten schon den Erdumfang berechnet.

Ilka Stitz:
Und ich möchte hinzufügen: Die Antike ist doch quasi die Wiege der Logik und des analytischen Denkens. Viele philosophische Theorien, Religionen, Weltbilder entstanden und bestanden nebeneinander. Menschen, durchaus intellektuell und gebildet, schworen auf die Existenz der Götter, andere, genauso gebildet, folgten der Lehre des Pythagoras und glaubten an die Wiedergeburt, wieder andere nur an sich selbst. Auch heute gibt es ja noch Voodoo und Christentum gleichzeitig, und die Wirksamkeit von Wachspüppchen - die übrigens schon in der Antike verwendet wurden - wird von den einen genauso wenig angezweifelt wie die eines Heiligenbildchens vom heiligen Christopherus von den anderen. In Island gibt es sogar eine offizielle Feenbeauftragte …

Karola Hagemann:
Ja, wenn der Glaube an Götter, Mythen und Magie analytisches Denken verhinderte, so gäbe es das heutzutage genauso wenig wie damals, da das Christentum an sich jedes Begreifen-Wollen, jedes Forschen eigentlich ausschließt – und ja auch tatsächlich lange ausschloss. Somit war in der Antike der Mensch fast noch freier in dem, was er glauben konnte oder wollte, was er zu wissen begehrte, wie er die Welt sah.

Als Internet-Plattform interessiert uns zum Schluss natürlich noch, wie Sie das Netz für Ihre Arbeit nutzen. Und was Ihre Lieblings-Homepage ist.

Karola Hagemann:
Zur Recherche über Literatur, zum Finden und Erwerben vergriffener Bücher, dafür ist das Internet ein wunderbares Medium. Auch der schnelle Austausch über e-mail, Anregungen, Diskussionen, mit Menschen, die man eigentlich nicht kennt, ist eine herrliche Errungenschaft.
Lieblings-Homepage? Hm. Im Moment faszinieren mich die der Niedersächsischen Staatsarchive, www.staatsarchive.niedersachsen.de und die des British Museum www.britishmuseum.ac.uk.

Ilka Stitz:
Und bei unseren Recherchen fanden wir zum Beispiel auch www.parthia.com, eine schöne website mit vielen Fakten rund um Roms Erbfeind die Parther, ein hochinteressantes Feld.
Gut finde ich auch die Internetseiten der Wissenschaftssendungen im Fernsehen - Sphinx oder TerraX. Die bieten je nach Thema eine ganze Reihe von Links, beispielsweise zu wunderbaren 3D-Animationen antiker Stätten. Und dann natürlich die Seiten des Syndikats, www.das-syndikat.com.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Malachy Hyde alias Ilka Stitz und Karola Hagemann sprach krimi-forum-Mitarbeiter Reinhard Jahn (Januar 2004)

(Foto: privat)