Exklusivinterview mit Peter Robinson

Es ist der erste Deutschlandbesuch des sympathischen Mittfünfzigers, weswegen er gleich bei klirrender Kälte und strahlendem Sonnenschein zu einer dreistündigen Sightseeing-Tour quer durch München aufbrechen wird.
Vorher nimmt sich der Mann mit der hohen Stirn jedoch noch die Zeit für ein Interview – und vergisst dabei fast das Frühstücken.

Ganz schön spartanisch, womit Sie sich für den Tag stärken … Ein bisschen Joghurt, ein bisschen Müsli, ein bisschen Obst …

Ja, aber keine Grapefruit, die verträgt sich nicht mit meinen Tabletten.

Die Tabletten …???

… die ich seit meinem Herzinfarkt im vergangenen Jahr regelmäßig einnehmen muss.

Ganz schön beunruhigend so eine Sache! Hatte sich das angekündigt?

I wo! Es kam wie aus heiterem Himmel! Sehen Sie, ich habe nie besonders exzessiv gelebt; gut … ich habe geraucht, ja … aber das habe ich schon vor Jahren aufgegeben …

Ist Ihnen das genauso schwer gefallen wie Ihrem Helden Alan Banks, der in „Kein Rauch ohne Feuer“ immer wieder gegen die Versuchung kämpfen muss, doch wieder zur Zigarette zu greifen?

Das können Sie laut sagen! Was Banks denkt und fühlt, wenn er ganz kurz davor ist, sich doch wieder eine anzustecken, das kommt nicht von ungefähr, das habe ich (wie wohl jeder Ex-Raucher) selbst so erlebt!

Jetzt müssen Sie sich zumindest in dieser Hinsicht ja keine Sorgen mehr machen … Aber nochmal zurück zu der Geschichte mit dem Infarkt: Was hat sich seitdem verändert?

Zunächst einmal: Heute geht es mir gut! Aber der Infarkt war ein Schuss vor den Bug und den habe ich deutlich wahrgenommen. Jetzt treibe ich mehr Sport, ernähre mich gesünder (dabei weist er schmunzelnd auf das Müsli-Schälchen), nehme Pillen und treffe regelmäßig meinen Kardiologen. Erst letzte Woche wieder. Da habe ich ihm erzählt, dass ich nach Deutschland reise und er meinte, das könne ich ruhig tun, solange ich Stress vermeide …

Nun ja … eine Lesetour, bei der Sie fünf Städte in ebenso vielen Tagen bereisen, von München über Köln, Berlin und Hannover bis Hamburg … man könnte ja annehmen, dass das schon mit Stress verbunden ist.

Nein, das denke ich nicht. Denn ich freue mich ja darauf, meinen deutschen Fans den 14. Alan Banks Fall vorzustellen.

Reden wir also über Alan Banks, der seit fast zwanzig Jahren in Eastvale, Nord Yorkshire, ermittelt – und das, obwohl Sie selbst fast genauso lang NICHT mehr in Nordengland leben! Wie passt das zusammen?

Das passt ganz hervorragend! Sehen Sie, je weiter Sie von einem Ort weg sind, desto mehr kritische Distanz können Sie aufbauen, was wiederum dazu führt, dass Sie einen ganz anderen Blick auf die Gegend und ihre Bewohner haben. Sie sind objektiver, nehmen die Gegebenheiten ganz anders wahr, als wenn Sie mitten drin stecken. Und können dann eben auch besser darüber schreiben.
Viele Schriftsteller haben das getan – über die Orte ihrer Jugend geschrieben oder die Handlung ihrer Romane an Schauplätze verlegt, an denen sie schon lange nicht mehr zu Hause waren.
James Joyce beispielsweise hatte Dublin ziemlich lange nicht gesehen … (schmunzelt)

Gut, das mit der objektiven Betrachtungsweise klingt einleuchtend. Aber laufen Sie nicht Gefahr, zu sehr aus der Erinnerung zu schreiben? Man darf ja nicht vergessen: Orte entwickeln sich, Menschen ändern sich …

Das ist alles richtig, aber – ganz wichtig: Ich bin KEIN Journalist, ich bin Schriftsteller! Mir geht es nicht darum, die Schlagzeilen aufzugreifen und in meinen Romanen abzubilden. Die Geschichten, die ich erzähle, sind zeitlos, entsprechen nicht unbedingt dem, was ich tagtäglich auf den Strassen sehen kann.
Und dennoch bleibe ich natürlich dran an der Atmosphäre und den Leuten in Yorkshire. Ich reise regelmäßig in meine alte Heimat, um meine Verwandten zu besuchen. Dabei verfolge ich die Gespräche der Menschen um mich herum, halte meine Augen und Ohren offen, um zu hören, zu beobachten, zu erspüren, was ihnen wichtig ist, lese Zeitung, schaue fern …
Das heißt, dass ich schon darauf achte, dass die Details stimmen und der regionale Bezug vorhanden ist …

Okay, aber wo Sie schon den Großteil der Zeit in Toronto leben, würde es sich doch bestimmt anbieten, auch einmal über einen nicht-englischen Helden zu schreiben. Warum tun Sie das nicht?

Ganz einfach deswegen, weil es mir immer noch nicht gelungen ist, die Nordamerikaner zu verstehen! (lacht)
Im Übrigen habe ich schon einmal eine Kurzgeschichte geschrieben, die komplett in Los Angeles spielt. Sie heißt „No Cure for Love“, ist aber in Europa (noch) nicht veröffentlicht worden.
Alles in allem kann man aber sagen, dass mir die Menschen – so gern ich in Kanada lebe – irgendwie fremd geblieben sind.
Oder anders: Eine so tiefe, innere Verbundenheit wie mit dem Ort, an dem ich die ersten fast dreißig Jahre meines Lebens zugebracht habe, wird sich wohl nie wieder einstellen. Die Menschen und die Gegend, wo man aufgewachsen ist, Kindheit und Jugend verbracht hat, den ersten Job bekam … das alles ist so prägend, diese Erfahrungen vergisst man nicht!

Warum sind Sie dann damals weggegangen?

Ich wollte reisen, Amerika besuchen. Und am liebsten nebenher noch etwas lernen.
Darum war ich überglücklich, als ich die Chance bekam, einen Master in Englisch und Kreativem Schreiben an der University of Windsor zu machen, wo ich von Joyce Carol Oates unterrichtet wurde.
Eigentlich hatte ich aber vor, im Anschluss daran wieder nach Hause zurückzukehren und dort als Dozent zu arbeiten, während ich meine Ausbildung beenden würde.
Tja, leider kam mir Maggie Thatcher dazwischen … In England bekam ich keine Stelle – in Toronto schon …UND konnte außerdem weiterstudieren.
Dann ging es, wie es so geht … ich lernte meine Frau kennen, heiratete …

Und heute sind Sie immer noch dort!

Und heute bin ich immer noch dort! Und wache manchmal morgens auf und wundere mich darüber! (lacht)

Kein Heimweh?

Oh doch! Zuweilen schon!

Heißt das, dass es eines Tages einen Weg zurück geben wird nach England?

Komplett sicher nicht. Die gesamte Familie meiner Frau lebt in Toronto – die Kinder sind da, die Enkelkinder … Was ich mir aber gut vorstellen könnte, wäre eine kleine Zweitwohnung irgendwo in Yorkshire, so dass wir eine Zeitlang hier und eine dort leben würden.
Auch meiner Frau gefällt diese Idee recht gut, wenngleich sie sich manchmal doch sehr schwer tut, die Menschen in Yorkshire zu verstehen.

Aufgrund der Dialektfärbung?

Das auch! Aber fast mehr noch, weil die Leute in meiner alten Heimat doch sehr eigen sind. Sie lieben es, andere auf die Schippe zu nehmen – oftmals weiß man nicht wirklich, woran man mit ihnen ist, ob dies oder jenes nun ernst gemeint oder nur ein Spaß war.
Abgesehen davon, dass die ganz Heimatverbundenen sowieso jeden, der nicht in Yorkshire geboren ist, als Ausländer betrachten und ihm dann schon mal per se mit Skepsis begegnen.
Zuweilen sind sie auch recht intolerant, meine Landsleute. Eben das, was man als „rough ‚n’ ready“ bezeichnet.

Wenn man jetzt Ihre Romane betrachtet, dann entspricht diese Beschreibung aber eher Dirty Dick Burgess, Banks Kollegen und früherem Widersacher, der ihm mittlerweile zum Freund geworden ist …

Das stimmt! Allerdings muss man auch sehen, dass Alan Banks sich im Lauf der mittlerweile fast zwei Jahrzehnte, die es ihn (auf dem Papier) schon gibt, durchaus verändert hat.

Inwiefern?

Nun, anfänglich war ich seiner Persönlichkeit noch nicht komplett auf den Grund gegangen. Ich wusste nur, dass ich einen anderen Polizisten schaffen wollte, als den üblichen 08/15-Ermittler. Jünger sollte er sein, sensibler und offener für das, was um ihn herum vorging.
Das alles setzte ich dann auch um – allerdings kam es im Lauf der Zeit zu einer Weiterentwicklung: Seine Kinder wurden älter, er ließ sich scheiden, auch beruflich kamen Änderungen hinzu …
Heute ist Banks sicherlich melancholischer als zu Anfang der Serie und introvertierter.

Man sagt ja, dass in jeder Figur Anteile des Autors stecken. Wo sind da die Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Banks?

Wahrscheinlich am ehesten beim Stellenwert, den wir der Musik zumessen.
Banks mag sehr unterschiedliche Stilrichtungen – genau wie ich auch – und darum macht es mir immer besonderen Spaß, in die Handlung Hinweise auf ganz verschiedene Musikrichtungen und Künstler einzubauen.
Was im Übrigen von den Lesern sehr intensiv wahrgenommen wird! Ich bekomme eine Menge Feedback zu diesem Thema; die Leute regen sich auf, weil sie diese oder jene Band total blöd finden – oder sie freuen sich und teilen mir mit, dass sie ohne mich gar nie auf die Idee gekommen wären, dieses oder jenes Stück zu hören.

Stichwort „Musik“ – da fällt mir doch gleich Ian Rankin ein, der seinen Rebus auch ganz besonders gern die unterschiedlichsten Songs hören und gut finden lässt … Kennen Sie Rankin?

Und ob ich den Kerl kenne! Wir haben fast zeitgleich mit unseren Serien begonnen – allerdings ohne voneinander zu wissen. Das erste Mal getroffen haben wir uns dann … warten Sie … ja, 1991! Das war, bevor er berühmt wurde. Damals war er bloß Ian Rankin!
Seitdem sehen wir uns regelmäßig, besuchen uns gegenseitig zu Hause, haben auch letztes Jahr zusammen eine Lesereise in Amerika gemacht. Und dabei den Großteil der Zeit entweder in Plattenläden oder in Kneipen verbracht … Das war schon ziemlich Klasse – Ian ist ein toller Typ und wir hatten eine Menge Spaß!
Wobei das alles ganz witzig ist: Uns trennen ja altersmäßig fast zehn Jahre und auch die Musik unserer Jugend ist eine ganz andere. Ich bin eher ein Kind der Sixties, während Ian seine Wurzeln im Punk hat.
Trotzdem verstehen wir uns blendend. Er mag die Sachen, die ich gut finde und ich kann den Bands, die er hört, einiges abgewinnen.

Ian Rankin hat mal erzählt, dass er über die Schiene „im Roman erwähnte Musik“ schon ganz aberwitzige Kontakte zu Musikern knüpfen konnte, die ihn dann auch zu ihren Konzerten eingeladen haben.
Haben Sie Ähnliches zu berichten?

Ich habe mal eine Email der Folk-Sängerin Judy Collins bekommen. Sie hatte ihre größten Erfolge in den späten Sechzigern, macht aber immer noch Musik und ihre Stimme ist einfach göttlich. Judy kam bisher noch nicht in meinen Büchern vor – sie schrieb mir (über meine Webseite), weil sie ein Alan-Banks-Fan ist!
Tja und nun wird sie – oder besser ihre Musik – in meinem nächsten Buch vorkommen ;-))

Wäre es nicht nett, eine solche Erwähnung als Mittel zum Zweck zu benutzen, um tatsächlich Kontakte zu bestimmten Musikern zu knüpfen oder Freikarten für ihre Auftritte zu bekommen?

(lacht) Sicher hätte das viel Schönes … aber bei den Bands, die ich typischerweise in meinen Büchern vorkommen lasse – Pink Floyd, Led Zeppelin – ist das doch eher unwahrscheinlich … ;-) Obwohl … ich erwähne ja auch aktuelle Musiker wie etwa White Stripes … das wäre schon nett, die mal live zu treffen … (grinst)

Stichwort „treffen“: Es gibt ja Projekte, bei denen Schriftsteller und Musiker zusammen auf der Bühne stehen – ist das etwas, was Sie sich ebenfalls vorstellen könnten?

Das kann ich mir nicht nur vorstellen, das werde ich demnächst auch machen! Bei einem Folk Festival werde ich kurze Texte lesen, die sich mit den Songs abwechseln.

Darüber hinaus könnte es sein, dass es zu einer Zusammenarbeit zwischen mir und Eliza Carthy kommt. Das ist die Tochter des legendären englischen Folksängers und Gitarristen Martin Carthy und der Sängerin Norma Waterson. Ich bin sehr gespannt, was daraus werden wird.

Warum diese Affinität zu Folk – „Volks“ - Musik?

Ganz einfach: Die Verbindung zwischen diesen Songs „aus dem Volk“ und dem Krimi war immer schon besonders stark. Denn die Folkmusik erzählt ja mit Vorliebe richtige Geschichten, bei denen es oft genug um Mord und Totschlag geht.

Allerdings sehen Sie da schon mal einen Unterschied zwischen mir und meiner Figur: Ich persönlich mag Folk sehr gerne – Banks findet diese Musik zum davonlaufen! Auch mit Sushi kann er nichts anfangen – wogegen ich mich in diese Speise „hineinlegen“ könnte …
Sie sehen also: ER IST NICHT ICH – und ICH BIN NICHT ER!

Okay, gut, dass wir das geklärt haben … ;-)
Dann ist ja auch schon eindeutig, dass Sie im Fall einer Verfilmung NICHT den Helden spielen werden! *gg*
Gibt es denn konkrete Pläne für eine solche Verfilmung?

Jau! Grenada hat eine Option für die Verfilmung.
Der preisgekrönte Drehbuchautor Michael Chaplin hat sich „Aftermath“ (Wenn die Dunkelheit fällt) vorgenommen und wird daraus das Manuskript für einen Pilotfilm machen. Danach muss man sehen … Einen genauen zeitlichen Rahmen gibt es dafür noch nicht.

Und wen würden Sie am liebsten in der Rolle des Alan Banks sehen?

Neil Pearson, der meine Banks-Hörbücher liest, würde mir gut gefallen.
In Deutschland kennt man ihn noch nicht so gut – in England ist er recht bekannt (er macht viel Fernsehen, steht aber auch auf der Theaterbühne …)

Ich denke auch, dass er im richtigen Alter wäre – wobei das die Produktion durchaus anders sehen könnte … beim Fernsehen wollen sie meist jüngere Leute. (schmunzelt).

Hätten Sie nicht Lust, selbst das Drehbuch zu schreiben?

Was ich mir gut vorstellen könnte, wäre, Drehbücher für die Folgen zu schreiben, die nach dem Piloten kommen; also ab dem Punkt, an dem die Sendung etabliert ist.

Aber für den Pilotfilm selbst möchte ich nicht verantwortlich sein.

Ich denke einfach, es gibt eine Menge Dinge, die ich viel besser kann – also sollte ich mich wohl darauf beschränken.

Ihren Fans ist es egal, WAS Sie können, sie lieben Sie. Oder wie sollte man sonst die zahlreichen und herzlichen Einträge auf Ihrer Internetpräsenz interpretieren?

Sagen wir so:
Es ist wahr, dass sich eine Menge Menschen, die meine Bücher gelesen haben, mit mir über die Kontaktmöglichkeit auf meiner Webseite in Verbindung setzen.
Diese Mails lese ich alle und beantworte die meisten auch noch selbst – obwohl ich natürlich weiß, wie viel sinnvoller es wäre, jemand anders könnte dies für mich übernehmen …

Geht man nach diesen Zuschriften – wo würden Sie sagen, dass Ihre größten Fans wohnen?

Mit den Mails ist das so eine Sache: Manchmal bekomme ich einen ganzen Schwung aus einem bestimmten Land, dann weiß ich, dass dort gerade wieder eins meiner Bücher erschienen ist und gut besprochen oder intensiv beworben wurde.
Allgemein kann man aber sagen, dass mir sehr viele Leute aus Australien und Neuseeland schreiben – und aus Schweden!

Und was steht dann so in den Mails drin? Kommentare zum Plot und den Charakteren oder eher persönliche Fragen an Peter Robinson?

(lacht) Nun, sagen wir mal so: Die Fans sind weit mehr an Banks Liebesleben interessiert als an seinem jeweils aktuellen Fall.
Es kommen dann ständig Fragen wie „Wird er noch mal mit Annie zusammenkommen?“ Oder „Warum sind Banks Frauengeschichten immer so kompliziert?“

Warum SIND Banks Frauengeschichten immer so kompliziert?

(lacht)Nun es liegt natürlich an der Art Frau, den er kennen lernt. Und das ist in seinem Beruf typischerweise eine Kollegin. Das wiederum bringt aber eine Menge Schwierigkeiten mit sich. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten, der Druck, der mit diesem Job verbunden ist … das alles führt nicht wirklich dazu, dass eine solche Beziehung einfacher wird.

Wir sind am Ende des Interviews angekommen – gibt es noch etwas, das Sie Ihren deutschen Lesern gern sagen würden?

„Banks hat noch eine Menge vor, im beruflichen wie privaten Leben! Bleiben Sie also dran, es warten in den nächsten Jahren noch einige Abenteuer auf meinen Helden – und natürlich auf Sie!“

Vielen Dank für das Gespräch!

(Mit Peter Robinson sprach Chefredakteurin Michaela Pelz, Januar 2006)

(Foto: Clifford Robinson)