Exklusivinterview mit Milena Moser

OKTOBER 2001

Eine sympathische junge Frau mit fröhlichem Zwinkern in den Augen - man merkt, dass sie gerne und häufig lacht.
Das Interview - immer wieder unterbrochen durch herzliche Begrüßungen und erkennbar freudige Wiederbegegnungen mit vorbeilaufenden Messebesuchern.
Milena Moser lebt seit drei Jahren in San Francisco - von dort ist sie am Vortag angeflogen gekommen, um ihr neues Werk auf der Frankfurter Buchmesse vorzustellen.

Ursprünglich sollten Sie mit Swissair fliegen - ganz reibungslos ist das ja nun nicht abgelaufen...
Wie empfinden Sie als Schweizerin den Zusammenbruch dieses Unternehmens?

Ich bin zwar mit der Swissair gekommen, aber ich fliege nicht mit ihr zurück. Insgesamt war diese Geschichte ein großer Schock für mich.
Ursprünglich hatte ich meine Teilnahme an der Buchmesse ja fast schon abgesagt aufgrund der Ereignisse vom 11. September und dem, was danach passierte. Ich steckte voller irrationaler Ängste, Sie wissen schon - "Was mache ich, wenn ich in Deutschland, meine Kinder aber in Amerika sind, und ich komme nicht zurück?" - dabei habe ich aber eher an den Dritten Weltkrieg gedacht als an so was.
Ich meine, da fragt man sich doch als Schweizer: "Die Swissair ist kaputt, was soll jetzt noch kommen? Als nächstes machen sie vielleicht keine Schokolade mehr ..."

Lassen Sie uns über Ihren neuen Roman "Bananenfüße" sprechen.
Sie berichten darin aus der Perspektive von drei verschiedenen Personen (Stella, der verstorbenen Mutter von Leo, einem knapp Zehnjährigen und Lily, der zweiten Frau seines Vaters).
Ist Ihnen eine der drei Figuren besonders als Herz gewachsen?
Gibt es Strategien für einen Autor, so etwas zu vermeiden - alle gleich zu "behandeln"?

Ich weiß nicht.
Bei mir ist es ja so, dass ich ohne Plan arbeite.
Zu diesem Buch gibt es zu sagen, dass ich ursprünglich einen Krimi schreiben wollte, der mit den Morden im Yosemite-Nationalpark von vor drei Jahren zu tun hatte (A.d.R: der bis dato völlig unauffällige Cary Stayner ermordete im Februar 1999 dort zunächst eine Rucksacktouristin von Mitte Vierzig, ihre fünfzehnjährige Tochter und deren Freundin und ein paar Tage später eine Angestellte des Parks); aber was dabei rausgekommen ist, ist etwas völlig anderes.
So habe ich zum Beispiel damit angefangen, die Geschichte aus Leos Perspektive zu erzählen. Und dann kam das mit der toten Mutter dazu - es hat sich richtig aufgedrängt, dass sie auch noch mitmischt. Das hat mir erst gar nicht gepasst - ein Geist! In meinem Buch!
Das geht bei mir alles sehr ungeplant vor sich - es gewinnt eine gewisse Eigendynamik.
Unlängst habe ich "On Writing" von Stephen King gelesen - und bei ihm ist es genauso. Das hat mich sehr beruhigt, denn ich hatte lange Zeit das Gefühl als sei ich die einzige, die so planlos drauf los schreibt.
Aber für mich besteht eigentlich die Lust am Schreiben darin, dass ich selbst nicht genau weiß, wie es weitergehen wird. Wenn ich immer wüsste "jetzt kommt das und dann das und dann das...", dann wäre es für mich eher eine Pflichtübung als Freude - so wie Hausaufgaben machen. (lacht)

Ein ganz leichter Roman ist das Buch allerdings ja nicht, wenn man die Themenpalette bedenkt, die sie damit abdecken: es geht um Kindesmisshandlung, Mord, Selbstmord ...
Und trotzdem überwiegt in "Bananenfüße" Ihr ganz charakteristischer Stil, gespickt mit Witz und Ironie. Muss man das so handhaben, wenn man sich diesen schwierigen Sujets nähern möchte?

Ein Schweizer Journalist hat mich einmal gefragt, was es denn nun sei, was ich da geschrieben habe.
Ein Krimi? Ein Jugendbuch? Ein literarischer Roman?
Ich weiß es nicht - ich fürchte, es ist Aufgabe der armen Buchhändler, das passende Regal für "Bananenfüße" zu finden.
Es gibt eine Szene, da wird die Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass der Verdacht besteht, ihre Tochter könne im Kindergarten sexuell missbraucht worden sein, und die erste Reaktion dieser Frau ist: "Oh Gott, noch mehr Arbeit für mich!" - eine einfach grauenhafte Szene. Tja und in der nächsten geht es total komisch zu ...
Und ich denke, das ist charakteristisch für das ganze Buch - alles liegt immer so haarscharf nebeneinander. Die eigentlich traurigsten Momente sind oft durchzogen von absolut absurden Sachen; fast schon auf erniedrigende Art komischen Begebenheiten.

Könnte man sagen, dass das die einzige Herangehensweise an eine solche Thematik ist, die einzig mögliche Art und Weise mit der man die Leute dazu bringt, sich damit auseinander zu setzen und nicht riskiert, dass sie seufzend sagen "schon wieder!" - da ja leider gerade Kindesmissbrauch ein in den letzten Jahren immer wiederkehrendes Thema geworden ist?

Ich überlege mir nicht so genau, will ich das so machen oder so und was will ich erreichen, es entsteht einfach so beim Schreiben.
Andererseits drückt es natürlich MEINE persönliche Sicht auf die Dinge aus, spiegelt MEINE Denkweise wieder und die ist nun mal so: im "echten" Leben gehen sehr schlimme und sehr komische Momente oft Hand in Hand.

Ihre Geschichte spielt in San Francisco, wo Sie seit drei Jahren leben. Warum sind Sie überhaupt dorthin gezogen?

Ursprünglich wollte ich nur einmal für ein Jahr dorthin gehen.
Und zwar hatte ich seit 10-15 Jahren das Gefühl, da muss ich unbedingt einmal hin, das ist MEINE Stadt - eigentlich seit ich das erste Mal "Tales of the City" (A.d.R. von Armistead Maupin) gelesen habe, so eine Art Bibel.
Dann kam mal dies, mal das dazwischen und am Ende hatte ich den Gedanken schon fast aufgegeben, tja und dann hat sich einfach alles entwickelt ...
Wir waren auf einer Ferienreise, zumindest einen Blick werfen wollte ich auf die Stadt. Und dann habe ich innerhalb von vier Tagen eine Wohnung gefunden, einen Kindergartenplatz für meinen Jüngsten, eine Schule für den Großen - die Aufenthaltsbewilligung zu bekommen ist ebenfalls einfach, wenn man ein Journalistenvisum beantragen kann. Da hatte ich dann das Gefühl, das MUSS nun sein, wenn sich so einfach eines zum anderen fügt.
Drei Monate später war die ganze Familie da - alles total chaotisch, völlig ungeplant.
Und innerhalb von weiteren drei, vier Monaten war es klar, dass wir bleiben wollten.
Das geht übrigens vielen so - San Francisco ist voll von Leuten, die vor achtzehn Jahren mal für drei Monate gekommen sind ...

Wie war das für Ihre Kinder, Ihren Mann?

Mein Mann ist Fotograf, der arbeitet frei, da war es kein Problem.
Bei den Kindern war es ganz unterschiedlich.
Der Große, damals zehn Jahre alt, hat dem Projekt mehr Widerstand entgegengesetzt - er wollte nicht weg von seinen Freunden. Aber als wir dann in Amerika waren, ging es sehr gut. Das Schulsystem ist viel kinderfreundlicher als in der Schweiz - er ist richtig aufgeblüht.
Der Kleine war drei - und für ihn war es schwieriger. Er war in einem Kindergarten, der dem aus meinem Buch sehr ähnelt, und hat bestimmt ein halbes Jahr gar nicht gesprochen. Weder deutsch noch englisch.
Dann hat er einen besten Freund gefunden, der zu Hause viersprachig aufwächst - der hat auch kein Wort gesagt, und danach ging es plötzlich. Die beiden Jungen sind auch heute noch dick befreundet.
Heute sprechen meine Söhne fast nur noch englisch - selbst dann, wenn ich oder mein Mann (ebenfalls Schweizer) etwas auf Schweizerdeutsch fragen, antworten sie auf Englisch.

Nochmal zurück zu den "Bananenfüßen" - nicht nur Titel ihres Buches, sondern vor allem Ausdruck für eine bestimmte Form von Unbehagen, die dadurch entsteht, dass man geht, während man den rechten Schuh am linken Fuß hat.
Stammt diese Wortschöpfung von Ihnen?

Nein, es ist ein gängiger Ausdruck unter Schweizer Kindergärtnerinnen.

Gab es denn Situationen in Ihrem Leben, in denen sich Milena Moser selbst "bananenfüßig" gefühlt hat?

Ja, ganz sicher.
Vor allem natürlich als Kind. Seitdem ich acht bin, schreibe ich ständig irgendetwas. Das hilft mir, eine gewisse Ordnung in die Dinge zu bringen.
Und sehr, sehr stark hatte ich das Gefühl auch in der Pubertät. Ich schätze, das ist etwas, was jeder empfindet, dieser Eindruck, anders zu sein als die anderen.
Für mich war Folgendes sehr interessant: mein erstes Buch "Gebrochene Herzen" hat ziemlich stark auch dieses Lebensgefühl ausgedrückt, dieses pubertäre "alle schauen mich an, ich bin immer daneben, ich stehe neben meinen Schuhen".
Als der Roman erschien, hatte er einen großen Erfolg und ich habe jede Menge Leserbriefe bekommen von Leuten, die sich bei mir bedankt haben. Ihnen war es nämlich ebenso ergangen und sie hatten bis dato ebenfalls nicht gewusst, dass sie damit nicht die einzigen auf der Welt waren.

Liest man auf Ihrer Webseite die köstlichen Kolumnen, die Sie während des ersten Jahres Ihres Amerika-Aufenthalts verfasst haben (eine Lektüre, die man übrigens jedem Ihrer Fans wärmstens empfehlen kann), so kann man sich des Gefühls nichts erwehren, dass im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" doch einiges "anders" ist.
Ich denke da etwa an die Karrierefrau, die ihre wahre Erfüllung darin findet, die eigene Auffahrt mit farblich sortierten Kieselsteinen auszulegen, wie sie es von einer renommierten TV-Ratgeberin gelernt hat ...

Ja, mit manchen Verhaltensweisen der Amerikaner ist das schon so eine Sache.
Sehen Sie, Sie kommen an in diesem Land und alles ist irgendwie bekannt, vertraut aus Film, Funk und Fernsehen.
Nach einiger Zeit stellen Sie fest, dass die Mentalität der Menschen doch ganz anders ist und Sie keine Ahnung haben, wie die eigentlich ticken.
Dann kommt der Punkt, an dem Sie denken, dass Sie jetzt begriffen haben, wie die Leute funktionieren - und plötzlich ist Ihnen doch wieder alles ganz fremd.
Um auf das "bananenfüßige" Gefühl zurückzukommen - es ist sehr viel leichter zu ertragen wenn man sich fremd fühlt in einem Land, in dem man wirklich fremd ist. Man kann dann nämlich sagen "ach, es liegt halt daran, dass ich Europäerin bin". Während man zuhause, in dem Land, in dem man immer gelebt hat, ja die "Grundregeln" kennen sollte.
Bei vielen Dingen, die mich in den USA irritieren, wird mir erst bewusst, wie sie im Gegensatz zu Hause funktionieren.

Was vermissen Sie am meisten?

Schokolade. (lacht)
Und meine Freunde, meine Familie.
Aber ich habe nicht das Bedürfnis zurückzukommen - auch nicht nach all dem, was da Schreckliches passiert ist.

In einer der oben genannten Kolumnen erwähnen Sie, dass es eine Zeit gab, in der Sie Ihre Umgebung durch das öffentliche Lesen von "Chefarzt Dr. Holl" schockierten. Nehmen Sie diese Romanhefte noch immer zur Hand?

(lacht) Nein. Schon lange nicht mehr.
Aber ich muss zugeben, dass ich eine Zeitlang süchtig war nach "Chicago Hope". Ich habe eine Schwäche für Hector Elizondo, der dort den Chefarzt spielt.
"E.R." schaue ich nicht, das kommt mir zu spät am Abend.

Da www.Krimi-Forum.de ja eine Internet-Plattform ist, die "obligatorische" letzte Frage: Nutzen Sie das Netz und welches sind Ihre Lieblingsseiten?

Ich mache relativ viele Recherchen online.
Dann gibt es eine Seite, die ich sehr mag, sie heißt Craigslist - und egal ob es um Jobsuche, Wohnungssuche oder Kontaktanzeigen geht, dort findet man alles, und zwar auf lokaler Ebene. Dort schaue ich mich gern um, weil es so typisch ist.
Außerdem habe ich ja meine eigene Domain: http://www.milenamoser.com - die hat mein Bruder gemacht. Selbst habe ich überhaupt keine Ahnung, wie so etwas funktioniert, was man alles noch damit machen könnte. Für mich ist der Laptop so etwas wie eine tragbare Schreibmaschine.

Wir danken für dieses Gespräch!
Mit Frau Moser sprach Chefredakteurin Michaela Pelz.
(Frankfurt, 11. Oktober 2001)

(Foto: Krimi-Forum)