Exklusivinterview mit Nessa Altura

Abdruck mit freundlicher Genehmigung unses Redakteurs Robert Herbig, der das Interview im Juni 2002 für seine Seite www.sagmal.de führte, auf der auch ein Ausschnitt aus dem preisgekrönten Kurzkrimi der Autorin zu finden ist, sowie eine Reihe spannender Links zu einigen ihrer Aussagen:

Nessa, wer ist eigentlich Nessa Altura?
Nessa Altura ist natürlich ein Pseudonym, ein erfundener Name für eine neue Autorin, nämlich für mich. Das klingt und hat auch eine Bedeutung. Ist sogar programmatisch, wenn man so will. Aber um das herauszufinden, müßte man wissen, in welchem Lexikon die Vokabel nachzuschlagen wäre.

Auf der ersten Seite Deiner Homepage lese ich: Geschichten, Geständnisse und Lügen
. Geheimnisse, Gurken.
Gurken?

Geheimnisse, eben, siehe oben. Das ist mein Metier als Krimi-, respektive Thrillerautorin - Geheimnisse herzustellen und dann schlüssig aufzulösen. Und die Gurken?, fragst du. Sind auch nicht nur grün und gesund, sondern eine Chiffre. Vordergründig wachsen sie in Urspring, der Stadt, von der aus alles seinen Anfang nimmt. Ganz Urspring ist eine Erfindung von mir und lebt vom Einmachen derselben in Konserven und Gläser, Rezept erwünscht? Im weiteren plane ich noch einen Gurkenclub, aber davon vielleicht ein andermal. Nur soviel zur Zielsetzung: Meine homepage soll auch dazu dienen, Menschen mit einer ähnlichen Wellenlänge zusammenzuführen. Ich denke, wer die gleichen Texte schätzt, hat sich auch in anderen Angelegenheiten was zu sagen. Und das internet bietet ja die großartige Chance, diese Menschen herauszufischen und ihnen ein Angebot zu machen.

Wenn ich die eigentliche Seite betrete, dann springen mir gleich die Namen Marie, Pauline, Jenna, Leontin, Sys, Vera und Zett entgegen. Wer ist denn bitte wer und was machen diese Damen alle auf Deiner Seite?
Der Reihe nach: Nessa, also ich, hat die vier Damen Pauline (45), Jenna (33), Marie (50) und Leontin (36) schreibend erschaffen; sie sind alle Bewohnerinnen von Urspring. Man kann sie und ihre jeweilige Geschichte kennenlernen, wenn man unter ihrem Namen weitersurft. Sys ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, eine Freundin aus dem Netz, sie hilft mir bei der technischen Umsetzung meiner Ideen. Zett, auch geburtsurkundlich bestätigt, ist eine ehemalige Arbeitskollegin von mir; sie liest meine Texte vorab kritisch durch. Und Vera betreut, wenn sie Zeit hat, das Forum und den üblichen mail-Schriftverkehr - newsletter, Bildrechte, etc.

Deine Protagonistinnen wohnen alle in der kleinen, fiktiven Stadt Urspring. Sind Großstädte für Kriminalromane nicht eher geeignet? Oder braucht es die kleinbürgerliche Atmosphäre für deine Geschichten?
Meine "Fälle" sind weniger krimineller Natur als vielmehr unheimliche Vorfälle, in die sich meine Damen verstricken oder die durch sie aufgeklärt werden müssen. Und obwohl es dabei durchaus zu Rechtsbrüchen kommt, handelt es sich nicht im eigentlichen Sinne um Kriminalromane, sondern eher um Thriller.
Und die kommen auch auf dem flachen Land gut. Vielleicht gruselts sich da sogar leichter; müßte man mal drüber nachdenken.

Wann hast Du mit dem Schreiben begonnen?
Vor ein paar Jahren. Morgens - sobald die Kinder in der Schule waren. Da saß ich dann an meinem Schreibtisch und sollte Überweisungen, Einladungen, Steuererklärungen, Reklamationsbriefe, etc schreiben. Und weil mich das soviel Überwindung kostete, habe ich mir erst mal ein Stündchen Fabulieren gegönnt.

Und was fasziniert Dich am Genre Kriminalroman?
Warum keine Liebesgeschichten?

Liebesgeschichten finde ich wunderbar, doch, doch, ich schreibe gerade an lauter kurzen, kleinen Frivolini (Arbeitstitel) - das sind erotische Kurzgeschichten. Krimi - tja, war mal mein Lieblingsgenre, aber der Drift zum immer Grausigeren hat mirs eigentlich vergällt. Das zweite Problem ist, dass die Bösewichter meistens Menschen sind, die man eigentlich nicht näher kennenlernen will. Seit ich mein Leben (seiner letzthin erst wahrgenommenen Kürze wegen) etwas kritischer handhabe, mag ich für die keine Zeit mehr aufbringen. Deshalb Thriller - ich liebe einfach spannende, vorwärtsdrängende Texte. Kontemplativ bin ich selber. Und was andere vom Älterwerden halten, kannst du nachlesen, falls es dich interessiert. Da unterhalten sich BesucherInnen von Urspring miteinander über ihre Beobachtungen zum Thema.

Du hast für "Der Burschl aus Tirol" den Glauser-Kurzkrimi-Preis der Criminale gewonnen.
Welchen Wert hat der Preis für Dich persönlich, wenn wir mal von den 1000 Euro, mit denen er dotiert war, absehen?

Wenn ich das wüßte ... Zuerst einmal ist er natürlich eine Riesenfreude! Triumpf! Selbstbestätigung! Motivation (braucht man ja beim einsamen Geschäft des Schreibens)! Von Profis! Und zum andern, so hoffe ich, bringt er die Verleger und deren Lektoren dazu, meine Manuskripte zumindest zu lesen und nicht gleich durch den Shredder zu jagen.

Der Preis wird ja von Autoren vergeben, nicht von den Lesern.
Hat er dadurch einen anderen, einen höheren Stellenwert für dich?

Unentschieden: Anerkennung von Kollegen streichelt das Ego, Anerkennung von LeserInnen wärmt das Herz.

In der Geschichte geht es um eine Frau, die ihren Mann umbringen will.
Sind Frauen in Deinen Augen die besseren Mörder?

Sicher nicht, vielleicht die raffinierteren. Die besten Morde sind doch die, die in der Fantasie stattfinden und davon, glaube ich, haben die Frauen mehr. Jahrtausendelange Sklavenerfahrung - "die Gedanken sind frei!".

Wann kann man Deine Geschichten in den Buchhandlungen finden?
Derzeit in zwei Anthologien: Tatort Berg (Vertigo 2001) und Die Stunde des Vaters (Ulmer Manuskripte 2002). Und Ende dieses/Anfang des nächsten Jahres gibt's noch mehr: Zwei Bände mit Geschichten nur von mir. Die Frivolini (erotische Geschichten) und Sagen aus dem Raum Mittelfranken (pro-libris, 2002).

Wäre Nessa Altura ohne das Internet denkbar?
Ja, sicher.

Was bedeutet das Internet für Dich als Frau und als Autorin?
Sehr viel. Einerseits, weil die Kommunikation mit anderen Gleichgesinnten (Frauen wie AutorInnen) so einfach geworden ist - sie aufzufinden, sie anzusprechen, gemeinsam zu diskutieren, Texte quasi simultan zu überarbeiten ... Und andrerseits, weil man sich kreativ austoben kann und sich - ohne große Kosten - eine (gewisse, zugegeben relative) Öffentlichkeit herziehen kann. Das ist für uns AutorInnen, die ja ohne ihr Publikum nichts sind, großartig.

Ist das Internet deiner Meinung nach eher männlich, eher weiblich?
Neutral?

Neutral, hätte ich am liebsten geantwortet. Tja, als ich letzte Woche für meine Zehnjährige Geburtstagsüberraschungen suchte und auch in den PC-Abteilungen herumgeforscht habe, fand ich so gut wie keine PC Spiele (außer Barbie und Schulprogramme) für Mädchen; für Jungs (ich habe auch einen Sohn) jedoch die Masse. In diesem Sinne fürchte ich, dass wieder das gleiche Problem entsteht: technologische Innovation - Mädchenbedürfnisse werden von der Industrie ignoriert - interessieren sich dann auch ihrerseits nicht - die guten Zukunftsjobs kriegen die Jungs - Frust; Ausnahmen immer möglich. Es stimmt mich schon melancholisch, dass die Jungs über raffinierte Strategiespielen Welten erobern, während die Mädels Barbie neue Frisuren machen dürfen. Und das internet ist dann davon die Fortsetzung. Um Himmels willen, widersprecht mir doch!

Gibt es eine neue Kultur des Schreibens durch das Internet?
Oder nur eine andere? Oder gar keine?

Doch, schon. Das betrifft vielleicht nicht das, was schließlich zwischen Buchdeckeln veröffentlicht wird. Aber das, was im internet zu lesen ist, gehorcht eigenen Gesetzen: kurz, clickig, plakativ. Und wenns gut ist: dicht und informativ. Versuch mal, deinem LeserIn einen Schauder über den Rücken zu ziehen - ohne das englische Landhaus, die richtige Uhrzeit und wortreiche Beschreibungen von Mond und Wind und klappernden Fensterläden ... ist schwer. Machmal gelingts. Du verstehst, was ich meine?

Und dann die diskursiven Entstehungsprozesse von Texten: Man fragt in seiner Schreibwerkstatt (das Netz ist ja voll davon) nach und bekommt doch tatsächlich Antworten. Das schafft mit Sicherheit ganz andere Texte. Vielleicht nicht unbedingt bessere, möglicherweise auch eher standardisierte, aber eben doch professionellere.

Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
Ja. Die nämlich: Was hältst du von sag.mal.de? Und um gleich zu antworten: Ich finde die Idee (hätte von mir sein können! smile) ausgezeichnet und schaue immer mal wieder rein; was andere denken und formulieren, ist hochinteressant, und, wenns gut geht, unschätzbarer Gewinn. Ich liebe Interviews, wenn ertragreich gefragt wird ... Und noch: Herzlichen Glückwunsch zum alternativen Medien-Preis! Ist verdient. Weiter so! Dankeschön, Robert Herbig!

(Foto: Nessa Altura)