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Frau Martini, wann waren Sie das erste Mal in Australien?
Ich glaube 1996, es war eine Urlaubsreise, mehr oder weniger zufällig. Shane O’Connor würde sagen, es war kein Zufall.
Und wie viel später bzw. vor allem WARUM entschlossen Sie sich, das Land der Kängurus als Schauplatz für Ihre Krimi-Serie zu nehmen? Schließlich hatten Sie ja auch in Mainz, München, Paris und Rom gelebt … Orte, an denen so manche Autoren-Kollegen durchaus spannende Geschichten angesiedelt haben …
Oh, ich habe auch in Paris und Rom Geschichten angesiedelt, nur konnte ich sie damals noch nicht so schreiben, wie ich sie heute schreiben würde. Ich bin ja jahrelang unermüdlich mit Manuskripten in Plastiktüten zur Buchmesse gepilgert. Erfolglos. Allerdings: die Geschichten waren auch einfach noch nicht gut genug.
In Australien, als ich mit einem Produzenten und Kameramann dort einen Dokumentarfilm drehte, trafen dann wohl die richtigen Momente aufeinander:
Erst nach längerem Hin- und Her habe ich mich letztlich für einen Krimi und nicht für ein anderes Genre entschieden. Mir erschien meine eigene Begegnung mit dem fremden Kontinent zu einem Ermittler zu passen, der Spuren verfolgt, die ihn an immer neue Plätze, zu anderen Menschen, und zu verschiedenen sozialen und kulturellen Konflikten führen.
War es von Anfang an klar, dass dieser Shane O’Connor mehr als einen Fall lösen sollte?
Sagen wir es mal so: ICH wollte mehr als ein Buch schreiben, ICH wollte viel mehr über Australien wissen. Beim Recherchieren habe ich so viele verschiedene Menschen kennen gelernt, bin auf so viele interessante Themen gestoßen, dass mir recht schnell klar wurde, nicht nach einem Buch aufhören zu können. Glücklicherweise ist der Verlag dann auch sofort noch vor Erscheinen des ersten Buchs OUTBACK mitgezogen. Nur so konnte ich mir auch weitere Schreibzeit leisten.
Haben Sie denn mit Ihrem Helden auch schon Pläne für die Zukunft gemacht? Es gibt ja Autoren, die sich eine bestimmte Anzahl von Bänden vorgenommen haben, andere wiederum warten erst mal ab, wie es so läuft …
Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie mich jetzt für ein bisschen „bekloppt“ halten, aber: Shane O’Connor ist für mich ziemlich real geworden. Und in der Wirklichkeit weiß man ja auch nicht, was das Leben noch für einen bereit hält. Ich erlebe voller Spannung seinen weiteren Lebensweg.
Wie eng ist Ihre Verbindung zu den Einheimischen oder anders gefragt: Woher beziehen Sie Ihr Wissen um die Sitten und Gebräuche der Aborigine, um ihre Kunst, ihre Versammlungsplätze und Überlieferungen?
Gerade für OUTBACK, in dem es ja um die Problematik der „Stolen Children“ geht, also der Teil-Aborigines, die ihren Müttern weggenommen und in Heime gesteckt wurden, habe ich recht viel recherchiert. In australischen Bibliotheken zum Thema Geschichte, Diskriminierung, Sprachen, Kultur, Beschreibungen durch europäische Forscher. Persönlich habe ich unter anderem mit einer Aborigine gesprochen, die selbst zu den Stolen Children gehört und darunter sehr gelitten hat, eine ältere Frau hat mir meine Fragen zu Bestattungen beantwortet, durch sie habe ich wieder andere Menschen getroffen, ich habe Maler kennen gelernt, die mir Einblick in ihre Arbeit gegeben haben, im australischen Sender SBS gibt es einen Sendeplatz, den eine Aborigine-Produktion inne hat, auch werden im australischen Fernsehen immer wieder Dokumentarfilme über diese Themen gesendet. Ich verfolge auch von hier aus die Diskussionen in Australien über Landrechte, Rückgabe von menschlichen Gebeinen aus Museen, Auseinandersetzungen der weißen Bevölkerung mit ihrer Vergangenheit.
Wie steht es ansonsten mit der „Nähe“ zu Ihren Figuren – liegen deren Fähigkeiten eigene Erfahrungen zugrunde? Können Sie also tauchen, reiten, Polocrosse spielen, Helikopter fliegen?
Ich tue das eine oder andere, um zu spüren, wie es sich anfühlt. Polocrosse spielen zu wollen ist jedoch geradezu vermessen für jemanden, der froh ist, wenn er auf einem braven Pferd im Schritt ein paar Meter durchhält...
Und von dem, was Sie nicht können, was würde Sie reizen?
Fliegen. Aber sicher nur so lange, bis ich selbst die Instrumente betätigen muss. Da erfinde ich mir lieber einen, sagen wir mal, langhaarigen Trunkenbold mit verfaulten Zähnen, die er zeigt, wenn er dröhnend lacht, und dem sich Shane O’Connor anvertraut, weil er dringend auf eine abgelegene Insel in der Tasman Sea muss, um dort einen gefährlichen...
Wir haben ja nun den Helden Shane bereits in ganz verschiedenen Umfeldern erlebt – in die Wildnis verbannt, im Urlaub an der Küste, in der Großstadt und dann wieder in der Provinz … Welche anderen Schauplätze werden Sie uns in den kommenden Romanen nahe bringen?
Im nächsten Fall ermittelt Shane O’Connor – bei einer Schießerei nur knapp dem Tod entkommen - an der Sunshine-Coast, das ist eine Küstenregion, die etwa 100 Kilometer nördlich von Brisbane beginnt. Ja, der Name ist Omen. Dort heißen die Orte: Marcus Beach, Marcoola Beach, Sunshine Beach... Schier endlose weiße Sandstrände, keine hässliche Industrie, Zuckerrohranbau und grüne Hügel im Hinterland – Immobilienbüros nennen es das Paradies. Um ein paar Highlights dieser Region zu nennen: Der australische Zoo, in dem der bekannte Steve seine Krokodile füttert, ein großes Filmstudio, Twin Heads, in dem Prinz Harry weilte, Patrick Rafter hat in den Bergen dort einen Landsitz. Ach ja, und hin und wieder entdeckt die Polizei in unscheinbaren, etwas abgelegenen Häusern und harmlosen Motels Drogenlabors...
Wie lange brauchen Sie für einen Roman und wie gehen Sie dabei vor? Will sagen: Auf welche Orte und Zeiträume verteilen sich Recherche und tatsächliche „Schreibarbeit“?
Insgesamt brauche ich ein gutes Jahr. Zuerst ist da die Idee, dann folgen in den nächsten ein bis zwei Monaten Recherche und Exposé. Ich beginne die Recherche hier in Deutschland mit Büchern, Zeitungsartikeln, Ideen zu den Figuren. Dann folgt das Exposé, das ich mit meiner Lektorin bespreche. Anschließend bin ich meist zwei Monate in Australien, recherchiere dort vor Ort, lerne Menschen und Orte kennen, schreibe einzelne Szenen, differenziere die Story.
Gibt es Ihre Romane bereits auf Englisch und wenn nicht: Haben Sie Pläne, die Shane-Geschichten in Australien auf den Markt zu bringen?
Nein, noch nicht. Aber ich hoffe, dass es sich irgendwann ergibt.
Letzte Frage: Gibt es noch etwas, das Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben wollen? Eine Webseite, die Sie empfehlen können, einen Urlaubstipp oder ein Lebensmotto?
Warten Sie nicht mit dem, was Ihnen wichtig ist. Wagen Sie sich, es zu tun.
Wir danken für dieses Gespräch!
(Foto: Erol Gurian)
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