Exklusivinterview mit Darja Donzowa

Wie kamen Sie auf die Idee Kriminalromane zu schreiben?

Ich war im Krankenhaus und hatte ganz viel Zeit, weil ich eine langwierige Therapie machte. Und im Liegen kann man nicht gut lesen, deshalb begann ich zu schreiben. Ich habe seit 1998 50 Bücher geschrieben, von denen 45 schon erschienen sind.

Ihre Heldin heißt eigentlich auch Darja. Teilen Sie außer dem gleichen Vornamen noch andere Eigenschaften?

Ja, ich habe so eine Familie wie Dascha. Ich habe drei Söhne, eine Tochter, fünf Hunde, drei Katzen, fünf Hamster, drei Schwiegermütter, zwei Schwiegertöchter. Wir wohnen alle zusammen in einem großen Haus. Aber ich bin gar nicht so reich wie Dascha und das ist schade. (lacht) Ich mag die Hausarbeit nicht und mache sie auch schlecht. Ich kann nicht Autofahren, so wie Dascha. Aber ich bin verheiratet und Dascha nicht. Und ich habe wie sie viele Freunde, die bei der Polizei arbeiten. Das stimmt. Ich habe nur einen Enkel, der Nikita heißt. Nicht Wanja und auch nicht Anja. (lacht) Und ich habe eine Schildkröte.

Durch die Heirat ihrer besten Freundin Natascha ist Dascha zu großem Wohlstand gekommen. Damit dürfte Sie in einer wesentlich besseren materiellen Situation sein als viele Ihrer Leser. Was hat Sie dazu bewogen, Dascha dadurch so vom „Normalbürger“ abzuheben?

Oh, das ist so gekommen. Das habe ich nicht speziell gemacht. Und wenn die russischen Frauen diese Bücher lesen, dann sage ich ihnen immer dasselbe. Diese Dascha ist ein bisschen dumm. Ein ganz kleines bisschen. Sie hatte Glück und sie (Anm. d. Interviewerin: die Frauen) werden auch Glück haben.

Glauben Sie, dass dieses „märchenhafte Element“ ein Grund Ihres Erfolgs ist?

Wissen Sie, bei uns in Russland gibt es so viele Politiker und Journalisten, die den Menschen im Fernsehen und in den Zeitungen sagen, alles wird schlecht und wir alle werden sterben. Unsere Eltern sterben, unsere Kinder sterben, unsere Rentner sterben. Wir haben kein Geld, kein Essen, keine Lebensmittel und alles ist total schlecht. Da muss es ja jemand geben, der diesen armen Frauen sagt: Alles wird gut. Wir werden immer leben und Männer werden uns immer lieben und gehen nie zu anderen Frauen, unsere Mütter werden immer bei uns bleiben, unsere Kinder werden alle gesund. Und das bin ich. Ich verspreche ihnen das. Und das sind Märchen für Erwachsene. Das ist keine Wahrheit.
Wenn sie im Krankenhaus liegen, da können sie kein geniales Buch lesen, kein ehrliches Buch lesen, da möchten sie nicht die Wahrheit hören, dass sie sterben werden. Wenn eine Frau zu mir kommt, die Krebs hat und mich fragt: „Sag, werde ich wieder gesund“, da sage ich ihr immer „Du wirst wieder gesund und fröhlich sein, dein Krebs geht wieder weg“. Das ist nicht die Wahrheit, aber man kann den Menschen nicht immer die Wahrheit sagen.

In Ihren Krimis fällt auf, dass man in Russland ohne Bestechung scheinbar überhaupt nichts erreichen kann. Ist Korruption tatsächlich in so extremer Hinsicht Teil des Alltaglebens?

Aber nein, man darf das nicht glauben, was man in den Zeitungen liest. Die Bären gehen in Moskau nicht spazieren, ich habe noch nie in meinem Leben einen Mafioso gesehen, ich habe nie Freundschaft mit einem geschlossen. Es gibt Diebe, die einem das Geld aus der Tasche stehlen. Aber Kriminalität gibt es auch in Deutschland. Es gibt da keinen Unterschied bei uns. Wir leben jetzt ganz gut.

In Russland sind schon zahlreiche Krimis mit Ihrer Heldin Dascha erschienen, so dass wir uns in Deutschland noch auf viele weitere Bände freuen können. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Weitere Krimis mit Dascha oder planen Sie vielleicht einen neuen Serienhelden oder eine neue Serienheldin einzuführen?

Ich habe drei Heldinnen und einen Helden. Eine Serie ist über Dascha, eine über eine Frau namens Romana und eine über eine Frau, die Viola heißt. Dann gibt es sieben Bücher, die ich aus der Sicht eines Mannes geschrieben habe. Ich schreibe weiter an allen Serien.

Das ist ja sehr erfreulich.

Danke schön, danke schön. Ich weiß nicht, warum der Verlag gerade die Serie mit Dascha ausgewählt hat. Das war wohl Verlagspolitik.

Ähneln Ihre anderen beiden Heldinnen Dascha eigentlich?

Nein, sie sind sehr verschieden. Eine ist verheiratet und hat kleine Kinder. Ihr Mann ist ein Kommissar und sie selbst schreibt Bücher. Kriminalromane. Die andere ist eine Musikerin. Sie spielt Geige, sie ist unverheiratet, hat aber Kinder. Und der Mann (Anmerkung der Interviewerin: ihr einziger Serienheld) arbeitet für eine Frau, die in einem Rollstuhl sitzt. Diese Frau ist ein echter „Mann“, sie ist Detektivin. Der Mann dagegen ist ein bisschen weiblich. Sie sagt immer zu ihm „Ich bin der Kopf und du bist meine Beine“. Das sind meine Helden.

Die klingen ja auch interessant. Schade, dass diese Bücher bei uns noch nicht veröffentlicht wurden. Vielleicht ändert sich das ja noch?

Danke, das hoffe ich auch. In „Der unschuldige Mörder“ sorgt der Pitbull Bandy für viele lustige Szenen. Sie haben mir ja vorhin gesagt, dass Sie selbst Hunde haben. Sind diese Episoden aus eigenen Erfahrungen entstanden?

Aber ja. (lacht) Gerade vor 10 Minuten hat mich meine Tochter angerufen und gesagt „Mami, der Hund steht auf dem Tisch und frisst den Käse. Was soll ich jetzt machen? Soll ich ihm jetzt Frühstück geben oder nicht?“ Und ich habe gesagt, „Nein, gib ihm kein Frühstück“. (lacht)

Sie zählen auch zu den produktiveren den russischen Autoren. Was ist ihr Geheimnis in so kurzer Zeit so viele gute Ideen zu entwickeln und auch zu veröffentlichen?

Es ist nicht so schwer. Es war ein Schriftsteller, der zu mir gesagt hat „Ein Schriftsteller muss ja einen Kopf haben, aber er muss auch einen eisernen Hintern haben“ Und das ist es. Man muss arbeiten.

Und wie viele Stunden arbeiten Sie pro Tag?

Ich stehe um 5 Uhr morgens auf und arbeite bis 4 oder 5 Uhr nachmittags. Und dann habe ich drei Mal die Woche eine Radiosendung in Moskau, eine Literatursendung und danach bin ich Hausfrau. Suppe kochen, Wäsche waschen... Meine Freizeit ist erst spät am Abend, wenn ich mich ins Bett lege und ein Buch lese, vielleicht von Marinina und esse Schokolade. Da geht es mir dann richtig gut. (lacht) Aber es ist eine kurze Zeit. Und meine Hunde und meine Katzen schlafen dann bei mir, das ist schlecht (lacht).

Lesen Sie eigentlich selbst gerne Kriminalromane? Möchten Sie uns Ihre Lieblingsautoren verraten?

Aber sicher. Ich lese Marinina und Akunin gerne. Und Ustinowa und Poljkowa. Ustinowa erscheint nächstes Jahr auch in Deutschland. Und ich lese auch gerne deutsche Autoren, ernste, wie Anna Seghers oder Heinrich und Thomas Mann. Sie sind sehr beliebt in Russland. Es gibt nicht nur russische, sondern auch deutsche Ausgaben von ihnen zu kaufen.

Sie sprechen ja wirklich sehr gut deutsch. Wie haben Sie das gelernt?

Als ich klein war, wohnte bei uns eine alte Frau, eine Freundin meiner Oma. Die brachte es mir bei. Sie konnte gar kein Russisch. Sie hieß Rosa Müller und starb 1975. Sie hat mir auch viele deutsche Lieder beigebracht.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Darja Donzowa sprach krimi-forum.de Mitarbeiterin Kathrin Hanik (Oktober 2003)