Exklusivinterview mit Anne Chaplet

Von Schwester zu Schwester: SinC-Autorin Ina Coelen sprach mit Anne Chaplet über ihr neues Buch „Sauberer Abgang“ (März 2006)

Dein neuer Roman spielt in Frankfurt. Du beschreibst die Stadt einerseits sehr distanziert als Skyline, die Deine Protagonisten von ihrem Balkon aus betrachten – ganz so wie ich die Stadt kenne, die ich bisher nur zur Messe besucht habe.
Aber Du beschreibst auch ein bestimmtes Lokal, ein spezielles Geschäft oder einen Marktbesuch in der Art, dass ich als Leser am liebsten sofort hingefahren wäre, um zu sehen, ob es die so wirklich gibt.
War das Deine Absicht, und welche Beziehung hast Du zu Frankfurt?

Ich habe jahrelang in Frankfurt gewohnt und habe die Stadt nicht immer schön gefunden, aber sehr geschätzt: Frankfurt hat ein liberales, offenes Klima. Und es ist keine Stadt, die „klammert“ – durch Schönheit oder andere heimatliche Attribute. Frankfurt lässt einen auch wieder weg, und genau deshalb kann man bleiben.
Dieses Buch ist sicherlich eine Liebeserklärung an die Stadt, aber auch an eine Zeit, die von einer sehr lebhaften kulturellen und politischen Szene geprägt war. Deshalb tauchen Orte auf, die in dieser Szene oder in meinem Leben eine Rolle gespielt haben – von der griechischen Kneipe „Dionysos“ in Bockenheim, wo sich einstmals der sogenannte „Fischer-Habermas-Kreis“ traf (ja, der spätere Außenminister und der Professor) bis zum Allerheiligentor im Osten – dort, neben einem Billigpuff, liegt meine erste Wohnung.
Und der Bauernmarkt an der Konstablerwache ist einer meiner Lieblingsorte – ich habe meine Freunde dort schon in den ersten Krimis verherrlicht und verewigt... Deshalb wird in den ersten beiden Aprilwochen an meinem Lieblingskäsestand mein Buch verkauft – eine Aktion, auf die ich mich kindisch freue.
Und dann: ich habe die Entstehung der heute so berühmten Skyline hautnah miterlebt – ich wohnte direkt neben der Großbaustelle der Deutschen Bank, in einer ehemals ruhigen Wohnstraße hinter den Zwillingstürmen. Das spielt eine ganz wesentliche Rolle im neuen Buch.

Das Personal Deines Romans – z.B. die Putzfrau, der arbeitslose Journalist, sein alter Vater und die unglücklich verliebte Staatsanwältin – sind keine Helden. Trotzdem ist die Stimmung des Romans nicht depressiv oder melancholisch. Ich fühlte mich nie in meiner Stimmung runtergerissen, wie mir das bei anderen Romanen durchaus passiert.
Ist auch Deine Grundhaltung eher positiv?

Eigentlich ja. Deshalb wundert es mich ja, dass mir viele meiner Personen immer so melancholisch geraten. Aber das hat sicherlich etwas mit dem Genre zu tun – Mord und Totschlag sind ja nicht eigentlich heitere Themen. Freut mich jedenfalls, dass Dich Dalia und Will und Karen nicht runtergezogen haben – sie versuchen irgendwie tapfer, mit Lebenskrisen umzugehen.
Dalia Sonnenschein, die Putzfrau, schlägt sich nicht ganz ehrbar, aber durchaus clever durchs Leben.
Und Will wächst an der neuentdeckten Liebe zum einst so verachteten Vater. Das ist ja überhaupt das geheime Thema dieses Romans (wie fast all meiner anderen): die Liebe, die Sohnesliebe, die Freundesliebe, die furchtsame und die furchtbare Liebe...

Die eben genannten Figuren habe ich zuerst distanziert betrachtet, aber sie kommen dem Leser sehr nahe, werden ihm vertraut und durchaus sympathisch. Obwohl z.B. die Putzfrau eine Erpresserin ist, nimmt man ihr das nicht übel.
Ich habe das einfach verdrängt und gehofft, dass die Geschichte so ausgeht, wie sie ausgeht. Auch dadurch fand ich das Buch unglaublich spannend. Ich war im Bann der Figuren und musste immer weiterlesen.
Wie hast Du das so hingekriegt?

Puh – das ist ein großes Kompliment, das Du mir da machst.
Wie habe ich das hingekriegt? Vielleicht durch diesen milden Blick auf die Menschheit, den man angeblich kriegt, wenn man schon einige Lebensjahre hinter sich hat (*gg*).
Menschen haben nicht nur eine Seite, sind nicht nur auf einen ihrer Aspekte zu reduzieren. Das sieht man nicht nur am Mörder, sondern auch in den Biografien der Mordopfer, die in eine zweite Zeitebene, nämlich in das Jahr 1981 führen: was hat man sich vorgestellt, was erträumt, wovor gefürchtet, als man jung war... und was bleibt davon übrig, von den Träumen, von den Illusionen.
Sie verwandeln sich, ganz klar. Aber uns allen zum Trost gesagt: man wird dadurch keineswegs ärmer.

Nie hätte ich geglaubt, dass man eine Situation, wie zwei Männer einen Staubsaugerbeutel wechseln, so spannend und interessant schildern kann. Wie bist Du auf diese geniale Idee gekommen?

Schon wieder ein Kompliment... Du machst mich verlegen...
Ich glaube, mir haben die Erzählungen eines Freundes sehr geholfen – über seinen Vater nach dem Tod der Mutter. Der ältere Herr musste alles lernen, was zuvor sie im Haushalt getan hatte. Für die ältere Generation scheint das keineswegs ungewöhnlich zu sein, dass die Männer ohne ihre Frauen nicht wissen, wie man eine Kaffeemaschine bedient. Oder dass man manchmal den Staubsaugerbeutel wechseln muss. Dass Lebensmittel nicht ewig haltbar sind – seltsam, wie viele Menschen im Alter geizig werden ...
Aber ich gestehe, dass ich mich im Laufe des Schreibens mehr und mehr in den alten Herrn verliebt habe, der seinen Sohn bittet, ihm zu zeigen, wie man die Geschirrspülmaschine bedient. Dabei hat der alte Bastian sich im Internetcafé von Dolly Buster selbst beigebracht, mit einem Computer umzugehen ...
Wir werden in den nächsten Jahrzehnten einen ganz neuen Mix, ein ganz neues Verhältnis zwischen Alt und Jung erleben. Mir ist beim Schreiben immer wieder aufgefallen, wie falsch es ist, die Alten zu unterschätzen. Obwohl Karl Bastian die Spaghetti viel zu lange kocht und von Rotwein nichts versteht ...

Das Lebensmotto von Karl Bastian, der in der Baubranche tätig war und behauptet, er habe einen Teil von Frankfurt gebaut, ist: „Beton – kommt darauf an, was man daraus macht.“ Wer oder was hat Dich zu diesem Motto inspiriert?

Es gab tatsächlich einst einen genialen Werbespruch, der hieß: „Beton – kommt darauf an, was man daraus macht.“ Ich bin darauf nicht nur aus biografischen Gründen gekommen – tatsächlich hat meine Mutter Karriere ausgerechnet in der Baubranche gemacht, in einem Unternehmen für Transportbeton.
Es passte auch gut als geheimes Motto des Buchs. Denn gilt das nicht für vieles? Liebe – kommt darauf an, was man daraus macht?

Haben die Namen Deiner Figuren einen bestimmten Hintergrund, spielen sie für Dich eine wichtige Rolle oder wählst Du sie eher zufällig?

Hmm – ich versuche, keine sprechenden Namen zu wählen. Heute würde ich meine Ermittlerin, die Staatsanwältin, nicht mehr ausgerechnet „Stark“ nennen.
Aber in den Namen „Dalia Sonnenschein“ habe ich mich verliebt, wie ich mich in die ganze, körperlich sehr kleine Person verliebt habe. Mit Dalia übrigens hat die Geschichte begonnen – ich hatte mir keineswegs vorgenommen, einen Frankfurt-Krimi zu schreiben, wohl aber über eine Putzfrau. Zur Phänomenologie moderner Putzunternehmen gehört aber auch das Büro-, also das Angestelltenmilieu – und dafür ist Frankfurt die richtige Adresse. Man stelle sich mittags irgendwohin auf die Freßgass’ und gucke zu, wie sie wie schwarze Insekten aus den Hochhausbürobehältern quellen, die Angestellten ...

Wie lange hast Du für Deinen Roman recherchiert und wie lange hast Du daran geschrieben?

Man soll Recherche nicht überbewerten. Klar habe ich recherchiert – beispielsweise im modernen Putzgewerbe. Auch hatte ich, was Staatsanwaltschaft und Polizeiarbeit betraf, einen wunderbaren Berater in Gestalt von Udo Scheu, dem ehemaligen Polizeipräsidenten Hessens.
Aber weit mehr Arbeit steckt doch darin, eine Form zu finden für den Plot, die Personen, die Informationen. An diesem Roman habe ich ein gutes Jahr lang gestrickt, was nicht immer ganz einfach war. Verführung (des Lesers) ist eine ganz schön aufreibende Kunst.

Ein Kollege hat mir mal erzählt, dass seine Lektorin fast ein Viertel seines Romans gestrichen hätte. Er trennte sich schweren Herzens von seinen Textpassagen, musste sich aber eingestehen, daß sein Roman dadurch gewonnen hatte.
Ist Dir es Dir schon mal ähnlich gegangen?

Oh ja! „Kill your darlings“, lautet die entsprechende Parole, also trenn’ dich von allem, was du liebgewonnen hast. Meine Lektorin ist zugleich meine Verlegerin – und Antje Kunstmann kann ziemlich gnadenlos sein.
Meinen ersten Roman, „Caruso singt nicht mehr“, habe ich mindestens dreimal umschreiben müssen, bevor er ihren Ansprüchen wenigstens halbwegs genügte.
Gottlob ist das mittlerweile selten geworden, sie scheint heute mit meiner Weise, zu schreiben, ganz zufrieden zu sein.

Sicherlich hast Du schon ein neues Projekt im Kopf, verrätst Du schon, woran Du arbeitest?

Ich sitze an der Fortsetzung von „Russisch Blut“, meiner zweiten Serie, die beim Piper-Verlag erscheint. Im neuen Buch geht es um den Kalten Krieg, um eine Doppelspionin zwischen Ost und West und um die Milliarden, die die Stasi vor und nach der Wende 1989 beiseite gebracht hat.

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Die kleine Weinhandlung in Gießen ist gesteckt voll bei der Premierenlesung im privaten Kreis am 10. September, auf der Anne Chaplet ihren aktuellen Roman vorstellt: "Sie sind an diesem Abend nicht nur Zuhörer, liebe Gäste, sondern auch meine Versuchskaninchen!" Denn bis so ein Lesungsprogramm steht, wird probiert und umgestellt, damit die Zuhörer den richtigen Eindruck des Buches bekommen. Anne Chaplet interessiert sich für ihre Leser - nicht aus Berechnung sondern aus Begeisterung und mit viel charmanter Neugier. "Man muss das Publikum verführen!", sagt sie später. Und genau das passiert dann auch, in Gießen....

"Schneesterben" ist das inzwischen fünfte Buch um die Lebens- und Liebeswege des Stadtflüchtlings Paul Bremer und der Frankfurter Staatsanwältin Karen Stark. Chaplet knüpft damit an ihren ersten Roman an, „Caruso singt nicht mehr“, denn deutlicher als die anderen Romane ist "Schneesterben" ein Krimi aus dem deutschen Landleben. Was nicht zu verwechseln ist mit "Landhauskrimi". Anne Chaplets fiktives Klein-Roda irgendwo in Hessen ist nicht St. Mary’s Mead von Agatha Christie, obwohl es auch hier um Schuld und Verdrängung geht, um die heimelige Nähe, die das Leben auf dem Dorf bedeutet und um den Preis, den man manchmal dafür zahlen muss.

Sie haben in Ihren Romanen die Wege vieler Charaktere verfolgt: Anne Burau, einst Politikerin, dann Bäuerin und jetzt zurückgekehrt in die Politszenerie, Paul Bremer, einst Großstadtsingle, heute Landmann, die Frankfurter Staatsanwältin Karen Stark und last but not least Kommissar Gregor Kosinski und seine jeweiligen Assistenten. Warum haben Sie sich für ein Ensemble entschieden und nicht für eine oder zwei Hauptfiguren?

Die Hauptpersonen sind sicherlich Paul Bremer und Karen Stark. Aber der Vorteil der Serie für die Leser – man hat Teil an der Entwicklung, am Schicksal von Personen, mit denen man sich identifizieren kann – ist zugleich ihr Nachteil für die Autorin: man ist die selbstgeschaffenen Personen und ihre Eigenarten manchmal durchaus leid.
Deshalb habe ich darauf geachtet, mir ein paar Wege abseits der großen Linie offenzuhalten. In „Nichts als die Wahrheit“ spielt Anne Burau die Hauptrolle, der Kriminalhauptkommissar Gregor Kosinski ist mal mehr, mal weniger wichtig fürs Geschehen.

Und immer wieder führen ihre Wege und die Geschichten durch die eine oder andere Fügung ins tiefe Hessen, ins Örtchen Klein-Roda - liegt die Zukunft des deutschen Krimis in der Provinz?

Ich dachte, dem Regionalkrimi sei schon längst das Totenglöckchen geläutet???

Er zuckt noch. Und gerade deswegen die Frage: brauchen große Verbrechen nicht auch große Städte?

Ich glaube, dass es für meine Art von Kriminalromanen in der Provinz – besser gesagt: auf dem Land – mehr Stoff gibt als in der Stadt. Das liegt vielleicht daran, dass die „großen“ Verbrechen, an denen man mit Moralisten wie Henning Mankell „die“ Gesellschaft abhandeln kann – zur Prostitution gepresste Frauen, Drogen, Wirtschaftskriminalität, Organhandel – mich nicht richtig interessieren. Oder sagen wir: das überlasse ich den Kollegen...
Mich bewegen Beziehungsdramen, womit ich statistisch übrigens gar nicht falsch liege: die Mehrzahl von Gewaltverbrechen geschehen im privaten Umfeld und besonders auf dem Land ist das so.

Also geben Sie im Regionalkrimi die Verbrechen den Menschen zurück, die sie wirklich begehen?

Schön gesagt! Das ist auch eine Form von Gerechtigkeit, oder?
Aber im Ernst: ich schreibe keine Regionalkrimis, schließlich spielt ein Buch auch in Berlin, ein anderes in Südfrankreich.
Ich schreibe Romane, in denen die Tatsache eine Rolle spielt, dass Menschen nicht nur in Städten leben, sondern auch in der Provinz.
Ich bin als ehemals fanatische Städterin hoch interessiert am Gewebe kleiner Gemeinschaften, denen ich fernstehe, weshalb ich sie womöglich umso faszinierter beobachte.
Ich fühle mich mittlerweile auch persönlich sehr aufgehoben im Dorf, in dem jeder alles weiß (nur ich nicht) und alles unter Beobachtung steht. Da ich fremd bin und bleibe, fühle ich mich von dieser Nähe weder bedroht noch vereinnahmt.

Das ist das Unverwechselbare an Ihren Büchern: das dichte Gewebe aus jüngster Zeitgeschichte und Kommentaren zum aktuellen Zustand der Republik mit den Kriminalfällen.

Um Himmelswillen: haben Sie mich bei einem Kommentar erwischt? In einem Roman????

Ich sag es anders: bei Ihnen ist der Kriminalroman historischer Gesellschaftsroman. Sie verfolgen in "Die Fotografin" die Spuren, die der "Deutsche Herbst" in den Menschen und dem Land hinterlassen hat. In "Nichts als die Wahrheit" beschreiben Sie, wie die Berliner Republik auf den Überresten alter Nazi-Bunker gebaut wird. „Caruso singt nicht mehr“ beschäftigt sich mit den Langzeitfolgen der Stasi...

Natürlich kommt in meinen Büchern Gesellschaft vor – und Geschichte. Aber es sind Romane, keine politischen Lehrstücke. Fürs Kommentieren gibt es andere Mittel und Wege – ein politisches Buch oder eine Polemik. Und derer habe ich mich unter dem Namen, der in meinem Pass steht, Cora Stephan, ja auch lange Jahre bedient.

Cora Stephan, die politische Publizistin und Essayistin und Anne Chaplet, die Schriftstellerin - mussten oder wollten Sie das trennen?

Ich trenne beides scharf, ich halte nichts von Gesinnungs- oder Politliteratur. Ein Roman soll ein Roman sein und kein Traktat oder das trojanische Pferd für moralische oder politische Belehrung.
Andererseits gibt es natürlich einen Zusammenhang zwischen Anne Chaplet und Cora Stephan, einen produktiven, wie ich finde: während letztere in ihrer Funktion als Sachbuchautorin und Kommentatorin Geschichte und Politik von oben, in den großen Zügen beschrieben hat, also sozusagen die materielle Basis liefert, beschäftigt sich die Romanautorin damit, wie diese großen Ereignisse „unten“, bei den Individuen, aufschlagen. Und das tun sie oft wie ein Sprengkörper enormen Ausmaßes – man denke an die DDR-Dissidentin, die nach der Wende erfährt, dass der Stasispitzel, der sie ausspioniert hat, ihr Mann war.
Oder an die Kinder der unbekannten und oft ignorierten Opfer des RAF-Terrors: z. B. der Chauffeure der „eigentlichen“ Zielobjekte. Wenn Sie so wollen: ich hole diese subjektive Seite mit meinen Romanen jetzt nach.

Vier Jahre lang wusste niemand, wer hinter der Krimiautorin Anne Chaplet steckt. Fürchteten Sie um Ihren guten Ruf als Essayistin?

Im Gegenteil! Ich wollte die Romane vor dem Verdacht schützen, da habe eine Journalistin mit einem „Schundroman“ mal eben auf Auflage geschielt.
Ich frage mich vielmehr, umgekehrt, warum ich so lange gebraucht habe, um die Ebene der politischen Abstraktionen zu verlassen und mich auf das unendlich attraktivere Spiel mit der Imagination einzulassen. Vielleicht, weil das in meiner Generation, die stark von 1968ff geprägt war, als irgendwie verdächtig galt? Krimis und „sowas“ las man nur heimlich, Unterhaltungsliteratur wurde als „eskapistisch“ verachtet (also als eine Ausflucht aus der Realität).
Und wenn es schon Literatur sein musste, dann hatte man sich an ihr die Zähne auszubeißen. Noch heute zucke ich zusammen, wenn Dichter und Denker das Publikum beschimpfen, das angeblich keine „sperrigen“ Bücher mehr lese.
Unsinn! Wir sind ein Volk von Alphabeten, da darf es auch reichlich Lektüre für den Massengeschmack geben. Und wenn der unverstandene Dichter glaubt, Hera Lind sei daran schuld, dass er keine Leser findet, dann verwechselt er ja womöglich etwas.

Sie erzählen sehr genau, sehr stilbewußt und sehr präzise, so dass man verstehen kann, daß der SPIEGEL Sie einmal "einen Glücksfall für den deutschen Krimi" genannt hat.

Gerne bin ich ein Glücksfall, wer wäre das nicht?
Und: danke fürs Kompliment... Unterhaltungsliteratur zu schreiben finde ich weit anstrengender als ein politisches Pamphlet zu verfassen. Vielleicht, weil ich die Leser nicht belehren darf, sondern verführen muss, mir weiter zu folgen, sich auf meine Worte einzulassen, in der Geschichte zu bleiben. Ich muss um sie buhlen, statt sie mit Überzeugungen zu überrumpeln. Und das ist eine ungemein spannende Herausforderung.

Welche "fatal attraction" hat das Genre auf Sie ausgeübt, so dass Sie sich entschieden haben, Kriminalromane zu schreiben? Haben Sie vorher gern (und viele?) Kriminalromane gelesen?

Ungelogen: ich brauchte die Aufforderung meiner Freundin Antje Kunstmann, es doch mal schreibend mit dem zu versuchen, was ich eh dauernd las... Ja, ich bin ein alter Krimifan, habe angefangen mit Margery Allingham und Michael Innes und Ngaio Marsh und Dorothy Sayers und Martha Grimes, also mit eindeutiger Neigung zum Angelsächsischen.
Und ich habe immer einen ungeheuren Respekt vor dem Genre gehabt – übrigens: vorbildlich respektvoll war die große Dorothy Sayers, die mit „Five Red Herrings“ sich vornahm, einen wirklich genretypischen Krimi zu schreiben, obwohl doch ihre schönsten Romane den ganz engen Rahmen durchaus sprengten...

Kennen Sie eigentlich bei soviel angelsächsischer Orientierung überhaupt deutsche Krimi-Kollegen? Und wenn ja - was halten Sie von ihnen?

Die deutschen Kollegen, die ich kenne, möchten alle das, was ich auch will: den Lesern nahe bringen, dass das Gute, Schöne und Wahre oft schon auf der Bank vor dem Haus sitzt, weshalb man nicht gar so weit schweifen muss. Zu den Schweden oder Norwegern oder Engländern oder Amerikanern in Venedig...
Wir haben eine historisch einmalige Chance derzeit – um das mal ganz kühl auch ökonomisch auszudrücken: deutsche Verlage können oder wollen die hohen ausländischen Lizenzgebühren nicht mehr zahlen. Sie suchen nach deutschen Autoren, die eine gute Geschichte erzählen können. Also ran, Brothers and Sisters.

Am Ende von „Schneesterben“ finden sich - endlich, möchte man fast sagen - nach fünf Romanen, die einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren abdecken, zwei Pärchen zusammen. Ist das das Ende eines Zyklus - oder die Neugruppierung der Figuren für einen neuen Anfang?

Ich glaube, ich suche nach einem neuen Anfang. Dem schriftstellernden, ewig melancholischen Paul Bremer möchte ich schon lange zurufen: „Get a life!“ Vielleicht zieht er sich mit Anne Burau gänzlich zurück und wird für die nächsten Romane verzichtbar. Oder die wunderbare Anne reißt ihn heraus aus seiner vita contemplativa und etwas gänzlich Neues beginnt. Wer weiß.

Schon eine Idee?

Einen Roman, in dem nicht die Staatsanwältin Karen Stark, sondern die lesbische Anwältin und alleinerziehende Mutter Edith Manning die Hauptperson ist, kann ich mir gut vorstellen. Nicht, übrigens, weil sie so schön politisch korrekt eine soziale Minderheit repräsentierte, sondern weil sie eine schlaue, schlagfertige und verdammt gut aussehende Frau ist.

Apropos: Man weiß kaum etwas über Anne Chaplet. Auf Ihrer Homepage erzählen Sie nur, dass Sie mit Ihren beiden Katzen in Frankreich oder Frankfurt leben. Und wohl auch irgendwo ein Vorbild für „Klein-Roda“ existiert. Wir vermissen eine Homestory, Informationen über Ihre Lieblingsrezepte, Ihren Lieblingswein und alles andere, was uns Leser an einer Autorin interessiert.

Ach was. Über meine Lieblingsweine habe ich ziemlich beredt Auskunft gegeben in „Wasser zu Wein“. Und dass Paul Bremer gerne nach den Rezepten von Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer kocht, ist auch gerichtsnotorisch. Und, naja: ich habe einen fatalen Hang zu alten, heruntergekommenen Häusern, die alle irgendwie „Rette mich!“ rufen. Und Katzen sind wunderbare Lebensgefährten. Aber ich habe auch nichts gegen Hunde und Pferde. Und...
Ach, Schluss damit! Ich glaube einfach nicht, dass MEINE Leser (ja, an dieser Stelle werde ich possessiv) sich wirklich für den ganzen Kleinkram interessieren, der so ein Leben ausmacht.

Und wenn doch?

Dann bitte eine Email schicken (anne@anne-chaplet.de) oder zur nächsten Lesung kommen und mich ausfragen! Ich antworte meistens und auch ohne meinen Anwalt.

Zum Schluss: Als Internet-Portal interessiert uns natürlich, wie sehr Sie dieses Medium nutzen und ob Sie eine Lieblingsseite haben.

Oje. Erwischt. Meine Lieblingsseite ist www.google.de. Wenn ich jeden Tag alle einschlägigen Websites auf Neues abklopfte, würde ich als Glücksfall für den deutschen Krimi ausfallen... Aber es gibt ja Newsletter – z. B. den von krimi-forum.de. Das ist ein Service, den ich sehr schätze.

Vielen Dank für das Gespräch. Darf ich Ihnen meine Telefonnummer geben?

Wenn es der Wahrheitsfindung dient...

Danke für das Gespräch.

Mit Anne Chaplet sprach krimi-forum.de Mitarbeiter Reinhard Jahn (September 2003)

(Foto: privat)