Exklusivinterview mit Nicolas Remin

Ein sehr distinguierter Herr mit grau-meliertem Haupthaar erhebt sich ausgesprochen höflich beim Eintreten der Interviewerin. Der Schalk blitzt ihm aus den Augen – sollte er bereits ermüdet sein von den Strapazen der Buchmesse, so merkt man es ihm nicht an. Ganz im Gegenteil – sein lebhaftes Interesse am Thema, das Fragerin und Befragten verbindet, führt schnell dazu, dass die Grenzen fließend werden und auch der Autor von „Schnee in Venedig“ seinen Wissensdurst stillen kann.

Herr Remin, wie oft waren Sie schon beim Karneval von Venedig?

Noch nie!

Warum nicht?

Der Karneval, wie wir ihn heute kennen, wurde ja in den 70ern wiederbelebt. Und daher ist dieser Spektakel für alle wahren Venedig-Kenner nicht „come il faut“. Um nicht zu sagen: Kunsthistoriker zucken zusammen, wenn dieser Karneval erwähnt wird. Daher habe ich nie den Drang gefühlt, an so etwas teilzunehmen.

Und doch spielt Ihr Roman in Venedig?

Auch wenn ich den Karneval nicht mag – die Stadt selbst liebe ich sehr!
Viele Jahre lang bin ich mit meiner Familie an Weihnachten vier Wochen lang nach Rom gefahren und an Ostern drei Wochen nach Venedig. Und beide Städte finde ich ausgesprochen faszinierend. Jede auf ihre Art.
Im Prinzip hätte ich als Schauplatz meiner Geschichte auch genauso gut Rom nehmen können.

Was hat dann schließlich den Ausschlag für Venedig gegeben?

Nun, ein Besuch in Rom bedeutet eine Menge Stress – das fängt schon beim Überqueren einer Strasse an ...
In Venedig hingegen haben Sie dieses Problem nicht – der Geräuschpegel ist sehr kultiviert. Und auch der Geruch der Lagunenstadt ist sehr angenehm.
Andererseits rieche ich aber auch sehr gern dieses ganz spezielle Abgasgemisch der Motorini, das man in Rom findet ...
Keine Ahnung, warum ich mich am Ende für Venedig entschieden habe – wahrscheinlich hätte ich genausogut eine Münze werfen können.

Kennen Sie die Romane von Donna Leon?

Ich muss sagen, dass ich – bevor ich meinen Roman geschrieben habe – eigentlich gar kein Krimileser war.
Im Zusammenhang mit meiner Arbeit an „Schnee in Venedig“ habe ich dann aber natürlich auch angefangen, mich durch die Werke der „Kollegen“ zu lesen. Dazu gehörten natürlich auch die Bücher von Donna Leon. Und meines Erachtens kann diese Autorin – im Gegensatz zu manch anderem – wirklich ausgezeichnet schreiben.

Sie sagen, dass Sie in der Vergangenheit kein spezielles Faible für den Krimi hatten. Und doch haben Sie selbst einen geschrieben ... Wie kam es zu diesem Entschluss?

Nun, nach 40 Jahren intensivem Lesen, wollte ich probieren, ob ich das auch kann, das Schreiben. Und wenn man selbst kein Krimileser ist, dann hält man diese Gattung für in gewisser Weise „inferior“, und somit für relativ einfach zu produzieren. Denn schließlich stehen drei Figuren ja bereits fest: Der Täter, das Opfer und das Ermittler.
Man bildet sich ein, dass es nicht schwer sein kann und auch schnell gehen wird, dieses bereits bestehende und vorgegebene Beziehungsgeflecht einfach um die Nebenfiguren zu erweitern, das Ganze dann mit ein wenig Psychologie, Psychopathie und Topographie aufzufüllen und im Handumdrehen einen fertigen Krimi zu haben!
Leider stellt sich sehr schnell heraus, dass das so ganz und gar nicht funktioniert.

Dennoch haben Sie nicht aufgegeben?

Nein! Ich habe diese Neigung, Dinge zu Ende zu bringen, die ich angefangen habe. Wie sagt Thomas Mann so schön? „Romane sind Dokumente der Beharrlichkeit“ – so habe ich es empfunden und so war es dann auch für mich.

Und wie lange hat Ihre „Beharrlichkeit“ gedauert?

Gute ein bis anderthalb Jahre.

Hat Sie in dieser Zeit jemand „gecoacht“, was das Krimi schreiben anbetrifft?

Nein, das kann man so nicht sagen.
Ich habe mir die Tatsache zunutzen gemacht, dass es gewisse stereotype Szenen in einem Kriminalroman gibt, die es zu schildern gilt: Etwa die Entdeckung des Opfers, dann der Auftritt des Polizisten, dem sich wenig später ein Mediziner hinzugestellt (der nicht selten einen gewissen humoristischen Einschlag hat), schließlich wird der Verdächtige befragt … usw. usf.
Aus dieser Fülle von typischen Situationen habe ich mein Grundgerüst erstellt.
Und wenn ich dann einmal wirklich nicht weiterkam, dann habe ich bei bekannten Autoren „nachgeguckt“ wie die dieses oder jenes Problem gelöst haben.

Die italienischen Wege der Informationsübermittlung sind zuweilen recht verschlungen; in Ihrem „Schnee in Venedig“ sind es auch die eher „informellen“ Kanäle, die für einen Fortgang der Ermittlungsarbeiten sorgen – es wird ein wenig geklatscht, ein paar illegale Geschäfte getätigt, ein Mäntelchen des Schweigens über dies oder jenes gebreitet … und so ganz nebenbei werden wichtige Details für den Mordfall enthüllt.
Woher stammt Ihre genaue Kenntnis dieser Verhältnisse?

Ich würde nicht sagen, dass man bei diesen Dingen von „typisch italienischen“ Verhältnissen sprechen kann – zumindest habe ich persönlich keine diesbezüglichen Erfahrungen während meiner Italienaufenthalte gemacht.
Viel mehr würde ich es die ganz normalen „Dienstbotenbeziehungen“ nennen, die sich so oder ähnlich überall auf der Welt und auch überall in der Literatur finden. Wenn ich das korrekt beschrieben habe, dann hat es sicherlich mit meiner Proust-Lektüre zu tun.

Keine geringere als Elisabeth – Millionen von Deutschen Weihnachtsfilm-Guckern besser bekannt als „Sissi“ ;-) – von Österreich wird in Ihrem Erstling zur Amateurdetektivin, die sich in den Fall einschaltet.
Woher kam die Idee, diese historische Figur in Ihre fiktive Geschichte einzubauen und was beeindruckt/reizt Sie persönlich am meisten an dieser Frau?

Die Sache mit Sissi kam so:
- Ich hatte mir vorgenommen einen Krimi zu schreiben, der in Venedig spielt.
- Bei meiner Recherche stellte ich dann fest, dass es keinen Krimi gibt, der im Venedig des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist – und genau DIESE Zeit wollte ich beleuchten, wollte nicht einmal mehr über die Stadt Casanovas im 18. Jahrhundert und auch nicht über die heutige Lagunenstadt schreiben.
Dieses Bild von Venedig, mit den Gegenpolen „Tod“ und „Schönheit“, wie es etwa Thomas Mann und Henry James geprägt haben, ist ein so wunderbarer Hintergrund für eine Kriminalgeschichte, das wollte ich haben.
- Während ich an „Schnee in Venedig“ arbeitete, las ich William Dean Howells „Leben in Venedig“, ab 1862 dort als US Generalkonsul tätig. Aufgrund dieses großartigen Hintergrundmaterials wusste ich, dass „Sisi“ sich in dem von mir anvisierten Zeitraum für meine Handlung, nämlich 1861/62, in Venedig aufhielt, was bedeutete, dass man sie einfach zur Kenntnis nehmen musste.
Allerdings war die Kaiserin ursprünglich als Nebenfigur gedacht – und nicht einmal als besonders schlau. Was sicherlich auch damit zusammenhängt, wie Conte Corti sie in seinem Buch beschreibt, fast ein wenig trantutig.
Dann jedoch las ich „Elisabeth“ von Brigitte Hamann und alles veränderte sich. In dieser Biografie wird ein völlig anderes, fast feministisches Bild von Sissi gezeichnet, was mich dazu bewogen hat, die Figur nicht nur zu ändern, sondern ihr auch mehr Raum zu geben.
Wissen Sie im Grunde halte ich es für Quatsch, wenn Autoren davon sprechen, dass sich ihre Figuren verselbständigen. Es ist der Schriftsteller, der sie entwirft und ihnen ihre Rollen zuweist.
In diesem Fall allerdings …

Wie der Verlag uns wissen lässt, sollen die Geschichten um Commissario Tron in Serie gehen. Auf wie viele Bände haben Sie die Serie angelegt?

Wie viele es endgültig werden, das muss man noch sehen.
Der nächste Roman ist auf jeden Fall schon in Arbeit. Und auch hier wird eine historische Persönlichkeit eine Rolle spielen, nämlich Maximilian Kaiser von Mexiko, und Bruder von Kaiser Franz Joseph I.

Herr Remin, was haben Sie eigentlich in Ihrem „früheren“ Leben gemacht, also bevor Sie dem Commissario Tron Leben einhauchten?

Von Hause aus bin ich Komparatist, Schwerpunkt Barockliteratur, hatte mich die letzte Dekade durch Synchronbücher und Synchronregie ernährt (Filme, Serien).
Ob und in welchem Umfang ich das weitermachen werde, hängt sicherlich auch von dem zweiten Tron-Krimi ab, - Synchron ist übrigens einfacher als halbwegs passable Krimis zu schreiben.

Wenn die gute Fee käme und Ihnen morgen ein unbegrenztes Budget zur Verfügung stellen würde – wo müsste Ihr „Palazzo“ stehen und wie sollte er aussehen?

(Zögert ein wenig) Ich würde mir einen Palazzo kaufen, den es schon gibt. Vielleicht einen in Florenz … mit einem bestimmten Gebäude verbinde ich sehr intensive Jugenderinnerungen … Oder vielleicht doch lieber etwas in Venedig, direkt am Canale Grande …? (überlegt) Ja! Im „Palazzo Venier dei Leoni“ würde ich gern wohnen; das ist der Palazzo, in dem sich die Guggenheim Sammlung befindet.
Der Garten dort ist wunderschön.
(lacht) Allerdings fürchte ich, dass der Preis aufgrund der Gemälde wohl etwas höher ausfallen könnte …

Da es sich bei www.krimi-forum.de um eine Internet-Plattform handelt, zum Schluss die obligatorische Frage: Welche Website sollte man Ihrer Ansicht nach unbedingt mal aufsuchen?

Meine Lieblingsseite im Internet wollen Sie wissen? Darf ich Ihnen auch mein Lieblingsbuch nennen?

Klar, auch das – gerne notieren wir beides.

Gut, denn wissen Sie, ich lese mehr als dass ich surfe.
Morgens checke ich meine Emails, dann habe ich auch als Startseite „Google“ eingestellt (für meine Recherchen) und seit neuestem sehe ich regelmäßig in der Amazon-Verkaufsstatistik nach, welchen Rang mein Buch jetzt einnimmt (lacht), aber das war es dann auch schon.
Am allerliebsten schlage ich doch die Dinge, die ich suche, in Büchern nach – oder ich fahre direkt irgendwohin, um etwas herauszufinden. Das kann allerdings manchmal auch weniger ergiebig sein, als erhofft.
So war ich beispielsweise extra im Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven, um dort den Katalog einer Ausstellung über den Österreichischer Lloyd (so hieß die Gesellschaft, die damals auf der Adria die Dampfschiffe betrieb) einzusehen. Ich wollte wissen, wie die Raddampfer, die ich ja als Schauplatz in meinem Buch verwende, denn nun aussahen. Leider Fehlanzeige – ich konnte kein einziges Bild der Raddampfer finden, die damals zwischen Venedig und Triest verkehrten. So habe ich mir die Details eben ausgedacht.

So viel zum Thema Recherche und Internet.
Aber welches ist nun Ihr Lieblingsbuch?

Ganz klar: Lotte in Weimar.
Ich habe viel für die Klassiker übrig – was Sie unter anderem auch daran erkennen können, dass ich so kleine versteckte „Insider“-Geschichten in meinen Roman eingebaut habe. Denn die „Via Brabante N° 4“, die ja auch vorkommt, ist nichts anderes als die Triester Adresse von James Joyce.
Und das ist nicht die einzige literarische Referenz …

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Nicolas Remin sprach Chefredakteurin Michaela Pelz
(Oktober 2004)

(Foto: privat / Gisela Straube)