Exklusivinterview mit Andrea Schacht

Buchmesse – Donnerstag – viertel vor drei … Noch ist die Hallentemperatur erträglich, die Frisur sitzt, das am Random-House-Stand zahlreich versammelte Publikum auch … nur für die Interviewerin und ihre Gesprächspartnerin Andrea Schacht wird es eng. Doch letztere weiß Rat: Zügig geht die Frau mit dem Zopf zu einem der großen Holzpodeste neben der „Audio-Abteilung“, setzt sich mehr oder weniger bequem hin und gibt das „Go“ für die erste Frage.

Frau Schacht, in welche Bredouille hat Sie Ihr „loses Mundwerk“ zuletzt gebracht – oder, anders gefragt: Ist der Charakterzug der Begine Almut, zuweilen ein wenig vorlaut zu sein, etwas, das Sie aus eigener Erfahrung kennen oder beruht alles auf einer ungemein lebendigen Vorstellungskraft?

Ein solch loses Mundwerk wie meine Almut besitze ich nicht – kann es mir aber sehr gut vorstellen ...
Genau deswegen gelingt es mir vielleicht, im „echten Leben“ sehr diszipliniert zu sein und sehr genau darauf zu achten, was ich wann zu wem sage.
Anders formuliert: Almut darf, was ich nicht darf! Wobei man hinzufügen muss, dass meine Begine für mich eine erfundene Figur ist und ich mich nicht mit ihr identifiziere. Allerdings ist sie mir sehr sympathisch.

Fach-Dispute oder auch hitzige Wortgefechte in einer Domäne, die überwiegend von Männern beherrscht wird … Für Ihre Heldin Almut bedeutet das eine aktive Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift, die im Mittelalter tendenziell den Priestern vorbehalten war. Sie hingegen haben lange als Wirtschaftsingenieurin gearbeitet – welche Parallelen gibt es da?

Almut ist eine Ketzerin, ganz klar. Sie geht gegen herrschende Normen vor – das habe ich in diesem Sinne nicht getan. Andererseits habe ich, das stimmt schon, immer versucht, mich mit Disziplin und Entschiedenheit dort durchzusetzen, wo ich gerade tätig war – auch wenn es sich dabei um eine Männer-Domäne handelte.
Die Reaktionen darauf waren bei mir – ähnlich wie bei meiner Heldin – sehr gemischt: Auf der einen Seite gab es die Fraktion der Bewunderer, die es gut fanden, dass Frauen sich selbständig machten; auf der anderen Seite fehlten auch die Kritiker nicht.
Es ist (und war schon zu allen Zeiten) alles ein großes Machtspiel zwischen Männern und Frauen.

Mittelalterlook

Wie kamen Sie gerade auf den Berufsstand einer „Begine“ für Ihre Heldin? Der Begriff ist sicherlich vielen Lesern zunächst nicht sehr geläufig.

Auch ich wusste, bevor ich mit dem ersten „Almut“-Buch anfing, nichts über Beginen.
Ich hatte mir seinerzeit einfach vorgenommen, einen historischen Roman mit einer Heldin zu schreiben, die möglichst selbständig sein sollte. Dann fing ich an zu recherchieren und stellte fest, dass es zu der damaligen Zeit in Köln eine erstaunliche Anzahl dieser Beginen gab.
Diese waren sehr gebildet, finanziell unabhängig, und arbeiteten sehr erfolgreich. Außerdem hatten sie, das ist verbrieft, durchaus den einen oder anderen Disput mit dem Klerus – in der Tat wurden sie mehrfach vom Erzbischof deswegen ermahnt.

Und gab es diese Beginen nur in Köln?

Nein, sie waren in vielen Handelsstädten vertreten – etwa Nürnberg oder Hamburg. Auch in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Frankreich konnte man sie finden.
Und heute gibt es sie noch immer – in Brügge.

Das ist ja interessant. Haben Sie das dortige Haus besucht?

Nein, das nicht. Aber ich habe ihnen eine Email geschickt, dass die Hauptfigur meiner Romane eine Begine ist.

Wie lange haben Sie gebraucht, um den kompletten „Cast“ Ihrer Romane zusammenzustellen, sprich: Die immer wiederkehrenden Figuren und Nebenfiguren auszuarbeiten? Wer – außer der Heldin selbst – stand von Anfang an fest, wer kam im Lauf der Zeit hinzu?

Es gab sowohl Figuren, die von Anfang an fest standen als auch solche, die sich nach und nach erst entwickelt haben.
Mit meinen Büchern habe ich mir meine eigene Welt geschaffen – in Bezug auf Zeit, Raum und Personen. Manche davon mussten einfach sein, um das Lebensfeld der Heldin zu ergänzen. Sprich: die Köchin, die Apothekerin, die Gelehrte, die Bücher übersetzt ... sie alle habe ich nach ihren Aufgaben festgelegt, wusste aber immer schon, dass ich sie drin haben wollte.
Und den Pater Ivo natürlich sowieso.
Dann wiederum gibt es tatsächlich Figuren, die sich „verselbständigt“ haben. Der „Pitter“ z.B., mein - im wahrsten Sinne des Wortes (lacht) - „running gag“. Ursprünglich hatte ich einfach nur einen Boten geplant, der eine Nachricht überbringen sollte. Doch nach und nach nahm dieser Junge immer mehr Konturen an und nun ist er mir sehr ans Herz gewachsen.

Gibt es noch andere Charaktere, die Sie besonders lieben?

Das taubstumme Mädchen, Trine, habe ich sehr gern. Sie, meine kleine „Schnüfflerin“, wird garantiert immer eine Rolle spielen.

War die Begine Almut von Anfang an als Serienheldin konzipiert oder haben Sie nach dem Ende des ersten Bandes festgestellt, dass es da noch eine Reihe Geschichten gibt, die Sie gern erzählen würden?
Und auf wie viele Bände würden Sie die Serie gern erweitern?

Ja. Ich wusste von Anfang an, dass ich eine Serie schreiben wollte und habe auch bereits eine ganz gute Vorstellung davon, wie viele Bände es werden sollen.
Auf eine genaue Zahl möchte ich mich jetzt nicht festlegen – auf jeden Fall gibt es noch eine ganze Reihe von Ereignissen, mit denen sich meine Heldin beschäftigen soll.
Wie Sie sicher wissen, liegt jedem meiner Bücher ein historisch verbrieftes Ereignis zugrunde; in „Das Werk der Teufelin“ ist das beispielsweise der Brand vom Turm von St. Kunibert, der sich im Jahre 1376 ereignete, also in jenem Jahr, in dem auch die Handlung spielt.
Und so gibt es noch zahlreiche weitere, größere und kleinere, dokumentierte spannende Ereignisse aus dem Köln jener Zeit.
Aus denen mache ich dann meine Geschichten.
Sehen Sie, wenn ich schreibe, dann bin ich es gewohnt, mir selbst Grenzen zu setzen und nicht wild drauf loszufabulieren. In diesem Fall sind diese Grenzen die historischen Begebenheiten.

Was hat Sie an der Stadt Köln so gereizt, dass Sie sie zum Schauplatz Ihrer Geschichten gemacht haben?

a) Köln hat eine ungeheuer gut dokumentierte Geschichte und ist daher eine wunderbare Fundgrube für einen Autor historischer Romane.
b) Köln war im Mittelalter sehr weltoffen und es gab dort auch in jener Zeit Frauen, die Rechte besaßen und im Geschäftsleben tätig waren.
c) Köln liegt direkt vor meiner Haustüre (lacht), da ich in der Nähe von Bonn lebe.
d) Köln hat einen wunderbaren Dom, der mich sehr gereizt hat.

Stichwort: Zeitreise. In Ihre Almut Romane haben Sie auch „echte“ historische Persönlichkeiten eingebaut. Wenn Sie es sich aussuchen könnten? Mit wem würden Sie wann welches Getränk zu sich nehmen wollen – und warum gerade mit dieser Person?

Mit dem Dombaumeister Michael säße ich gern bei einem Glas Wein. Wein deswegen, weil DAS Bier, das seinerzeit u.a. mit Bilsenkraut gebraut wurde, unseren Gaumen sicherlich nicht sehr zuträglich wäre.

Und zum Schluss die Frage: Was können Ihre Leserinnen aus dem Jahr 2004 von der Kölner Begine Almut Bossart (Jahrgang 1349) lernen und in ihrem heutigen modernen Leben zur Anwendung bringen?

Die Frauen von heute haben schon gelernt, selbständig zu sein. Damals brauchte man mehr Mut und einen gewissen Pragmatismus.
Andererseits könnte es sicherlich nicht schaden, wenn auch die weiblichen Wesen von heute diese Qualitäten ausbauen und pflegen würden. Und sich darüber hinaus das „Networking“ von damals – diese Zusammenarbeit unter Frauen – zu eigen machten. Unabhängig von Männern sein – finanziell und emotional, sozusagen eine innere Unabhängigkeit erlangen - ohne dabei das andere Geschlecht zu verteufeln, darum geht es.
Sehr interessant in diesem Zusammenhang übrigens die Tatsache, dass es auch heute wieder Beginenvereine gibt. So viel zum Thema „Netzwerk“ – einer Sache, derer sich Männer ganz selbstverständlich schon seit Jahrhunderten bedienen, ohne dass das irgendjemand befremdlich finden würde.

Und worauf dürfen sich Almut-Fans als nächstes freuen?

Band drei liegt dem Verlag schon vor. Und wenn Sie wissen wollen, worum es geht, dann kann ich Ihnen verraten, dass eine kopflose Frauenleiche im Männer-Kloster Groß St. Martin gefunden wird. Unbekleidet ...

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Mit Andrea Schacht sprach Chefredakteurin Michaela Pelz
(Oktober 2004)

 

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(Foto: Dr. Berit Böhm)