|
Exklusivinterview mit
Andrea Schacht
Frau Schacht, sind die Jahre zwischen 1377 und 1402 in Köln aus dem Kalender gerutscht?
Nein, keine Sorge, nur weil das Kölner Stadtarchiv in ein Loch gefallen ist, sind die Jahre nicht verloren gegangen.
Aber ich habe den Verdacht, dass Sie aus einem ganz anderen Grund danach fragen.
Das stimmt!
Denn noch vor einem Jahr, im Juli 2008 durften sich die Fans in „Das brennende Gewand“ über ein überaus spannendes Almut-Abenteuer freuen und, zack, gerade einmal 12 Monate später sind in „Gebiete sanfte Herrin mir“ geschmeidige 25 Jahre vergangen ...
Wo ist die Zeit geblieben?
Und vor allem: Wo sind Almuts Erlebnisse geblieben, die Fälle, die sie mit so viel Geschick aufgeklärt hat? Gibt es da etwa einen, zwei, drei Romane, die wir übersehen haben?
Ach, da kommt der Verdacht des Zeitraffers her. Nein, das hat ganz andere Gründe als irgendwelche magischen Zeitsprünge.
Und niemand hat hier einen Roman übersehen, noch stecken unveröffentlichte Manuskripte in meiner Schublade, sondern nach fünf aufeinander aufbauenden Folgen aus Almuts und Ivos Leben hat sich ein sinnvoller Schluss für die beiden Helden ergeben.
Nun gibt es ja aber Autoren und Autorinnen (spontan denken wir da an Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti oder Patricia Cornwell mit Kay Scarpetta, Anne Perry mit ihrem Inspector Pitt ...), die legen jedes Jahr immer wieder einen weiteren Band ihrer Reihe mit den selben Protagonisten vor – die sich natürlich im Lauf der Zeit auch verändern.
Was war das deutlichste Zeichen für Sie, dass bei Almut und Konsorten nichts mehr geht, dass diese Figur auserzählt ist?
Jeder Autor hat so seine Art zu schreiben, und jede Geschichte hat so ihre Art, erzählt zu werden.
Als Almut und Ivo zu mir kamen (und bei sehr lebendigen und geliebten Figuren nehmen die Helden tatsächlich fast körperliche Dichte an), war mir von Anbeginn klar, dass ihre aktive Geschichte in der Auflösung ihrer inneren Probleme ein Ende finden würde.
Almuts traumatische Eheerfahrung und Ivos Verbitterung sind geheilt, sie haben einander gefunden und ihren Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Damit ist ein wichtiger Handlungsimpuls verschwunden.
Aber was hat Sie daran gehindert, die Erlebnisse in den Jahren, nachdem sich die beiden gekriegt haben (wie sich das für jedes große Familiendrama gehört) in einem Roman zu beschreiben?
Interessanterweise deuten ja all die biografischen Daten der Figuren im Verzeichnis, „Dramatis Personae“, durchaus spannende Entwicklungen an, die in der Zeitspanne der zwei Dutzend Jahre stattgefunden haben müssen ...
Wie gesagt, die wilde Zeit für beide war nun vorüber, der Alltag trat ein. Nicht jeden Tag werden die beiden mit Verbrechen konfrontiert, die sie zu lösen haben, nicht ständig mehr müssen sie mit ihren inneren Verletzungen ringen.
Natürlich verläuft ihr Leben nicht völlig ereignis- und konfliktlos, aber Stoff für wirklich spannende Geschichten lieferten die beiden mir nicht mehr.
Dennoch wird über ihr weiteres Leben ja berichtet, so nach und nach.
Almut wurde nicht nur Mutter, sondern gleich Großmutter und hat sich, scheint’s, mir nichts, dir nichts, (fast) vollständig aufs Altenteil zurückgezogen.
Was für ein Gefühl ist das für die Autorin, eine solche Figur, jemanden, der einen für so lange Zeit begleitet hat, in den Ruhestand zu schicken?
Almut hat es sich verdient.
Die fünf Jahre, die ich mit ihr verbracht habe, waren aufregend, ich habe sie und Ivo wirklich gut kennen gelernt – so gut, dass ich die wesentlichen Charakterzüge der beiden ihren Kindern vererben konnte, die die Eltern natürlich auch nach ihren ganz eigenen Vorstellungen erzogen haben.
So hat Alyss nicht nur Ivos schwarze Haare geerbt, sondern auch seine knurrige, nüchterne Art, hinter der sie ihr einfühlsames Herz versteckt.
Und Marian, der seine Mutter nicht nur äußerlich ähnelt, versucht als Mann ständig, aus dem Schatten seines charismatischen Vaters zu treten. Auf welche Art ihm das gelingen könnte, das ist ihm bisher aber noch nicht klar geworden.
Für die Leser ist es im Grunde ja extrem spannend - und ziemlich singulär (zumindest fällt mir auf Anhieb keine Buch-Serie mit einem solchen "spin off" ein) - die "next generation" bei der Arbeit beobachten zu können.
Aber wäre es für Sie als Autorin, die sich ganz bewusst von dieser einen Heldin trennt, nicht reizvoller gewesen, auch das Umfeld komplett auszutauschen und eine ganz andere Serie zu beginnen - mit lauter neuen Figuren?
Ich hatte es erwogen, aber dann anders entschieden.
Für mich ist es ein ausgesprochen aufregendes Experiment zu sehen, zu welcher Art Menschen sich Alyss und Marian unter diesen Umständen entwickeln, welche Stärken und Fähigkeiten sie aus ihrem Erbe entfalten, aber auch welche Schwächen und Ängste bei derartigen „Übereltern“ entstehen.
Beide, Alyss und Marian, müssen sich von ihnen emanzipieren, ohne mit ihnen zu brechen.
Darin sehe ich ein großes Spannungspotential, das über eine Serie tragen wird.
Heißt das, dass Alyss (was wir ja bei dieser sympathischen Frau sehr hoffen!) tatsächlich auch in Serie gehen wird? Und werden die Fans die Chance haben, Almut und Konsorten noch mal in Aktion zu erleben? Als Assistentin der eigenen Tochter vielleicht ...?
Ja, es ist eine Serie geplant und selbstverständlich werden Almut und Ivo im Hintergrund immer dabei sein, genau wie auch andere Figuren, die meine Leser ins Herz geschlossen haben.
Diesmal sind ja schon Pitter und Lodewig aufgetaucht, und Trine wird im zweiten Teil wieder herumschnüffeln.
Aber auch wenn Almut dann und wann ihre spitzzüngigen und Ivo seine knurrigen Kommentare äußern werden, die Hauptrollen übernehmen eben – wie im realen Leben auch – irgendwann die Kinder von ihren Eltern.
Ich hoffe, meine Leser verstehen das und geben Alyss, Marian und natürlich auch John of Lynne eine Chance, ihre Eigenheiten zu entfalten und zu ähnlich guten Freunden zu werden wie Almut und Ivo.
WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.
Das Interview mit Andrea Schacht wurde durchgeführt von Chefredakteurin Michaela Pelz
(Juli 2009)
***
Frau Schacht, beschreiben Sie doch bitte für uns Ihr schönstes Seidenkleid. (gerne könnte ich dazu ein Foto einstellen ... *mitdemzaunpfahlwink*)
Wie peinlich - ich trage keine Kleider ... Hosen sind mir viel lieber.
Aber ich trage gerne Seide. Doch ein Foto von mir im Nachthemd bekommen Sie nicht!
Dafür kann ich Ihnen gern ein Konterfei von mir mit meiner literarischen Beraterin anbieten. Und dass mich keiner fragt, wer die "dicke" Katze da sei. MouMou hat nur ein dickes Fell!

Wie lange hat es gedauert, sich in das Spezialthema "Seidenspinnerei" einzuarbeiten?
Und wann und bei wem fand die entsprechende Unterweisung statt?
So etwa ein halbes Jahr habe ich mich mit Maulbeerbäumen, Seidenspinnern, Webstühlen und Musterkarten befasst.
Vor allem die Textilmuseen haben mir viel Einblick in die Maschinentechnik des 19. Jahrhunderts gewährt, aber dort konnte ich auch die Materialien in die Hand nehmen, Kleiderexponate begutachten - und einmal sogar einen Reifrock anlegen.
Aus dieser Erfahrung heraus hat meine Heldin Ariane eine gewisse Abneigung gegen diesen "Bienenkorb".
Gab es auch eine praktische Einführung in die Kunst der Meditation und der asiatischen Kampfkunst?
Ich habe mich zehn Jahre meines Lebens mit Karate und Taekwondo vergnügt. Da ist doch so manches hängen geblieben.
In "Goldbrokat" sind einige "echte" historische Ereignisse und Tatsachen (der Tornado, die Verbreitung des CanCan, die Künstlerkolonie Barbizon) eingearbeitet - wie Sie ja eigentlich immer in Ihren Romanen reale Elemente eingebettet haben.
Wie kommen Sie auf diese Daten und Fakten - werden die gezielt gesucht oder stoßen Sie zufällig darauf?
Und was ist der Auslöser, dass genau dies oder doch jenes am Ende Eingang in ein Buch findet?
Wenn ich für ein Thema recherchiere, dann so breit wie möglich. Ich lese die Literatur dieser Zeit, schau mir die Gemälde der zeitgenössischen Künstler an und höre die Musik der damals bekannten und beliebten Komponisten.
Daher kam ich um den von mir sehr geschätzten Jacques Offenbach wirklich nicht herum - gerade in jener prüden Zeit hat er diesen herrlich frechen CanCan auf die Bühne gebracht.
Der Tornado allerdings war ein echter Glücksfall. Ich hatte in Wetterstatistiken geblättert, weil ich einer Bekannten eine Frage über Unwetter im Rheinland beantworten wollte - und da fiel mir der Tornado von Mehlem geradezu in den Schoß. Als ich die Beschreibung von damals gelesen hatte, konnte ich einfach nicht widerstehen, den in eine Szene einzubauen.
In "Goldbrokat" gibt es mehr als FÜNF DUTZEND!!! literarische Zitate.
Wie viel Zeit kostet Sie die Auswahl und wie gehen Sie dabei vor?
Suchen Sie passende Textstellen zu den Kapiteln oder nehmen Sie die gefundenen Zitate als Grundlage für die Ausrichtung der Kapitel?
Passende Zitate zu suchen braucht seine Zeit, aber es ist lustvoll verbrachte Zeit, denn ich bekenne, ich lese gerne Gedichte (manchmal, wie man merkt, dichte ich auch welche *hüstel*)
Besonders stolz bin ich auf meinen Fund des Büchleins: "Gedichte vom Kalten Berg" von Hanshan.
Ich suche die Zitate immer in Bezug auf den Text aus, nicht umgekehrt. Aber die Verse aus dem I Ging fand ich für die "chinaschen" Szenen oft sogar überaus passend, und auch das Libretto des "Orpheus in der Unterwelt" hat mir großen Spaß bereitet.
Was die Leser natürlich sehr begeistert, ist das Wiedersehen mit den Figuren der anderen Bücher (hier speziell "Kreuzblume" und "Göttertrank").
Planen Sie bereits beim Schreiben, den einen oder die andere in späteren Werken wieder auftauchen zu lassen und binden diese Querverbindung dann von Anfang an gezielt in die Handlung eines neuen Romans ein?
Ich plane es nicht, aber es ergibt sich einfach, dass man sich begegnet. Die Geschichten spielen ja in den selben Kreisen, zur selben Zeit. Warum sollte also da die Gouvernante nicht plötzlich als Schulleiterin wieder auftauchen und der Verleger und der Fabrikant nicht ihre gesellschaftliche Rolle spielen.
Für mich sind diese Herrschaften keine Fremden, und sie schlüpfen mir mühelos durch die Tasten. Ich freue mich auch immer wieder, wenn sie auftauchen.
In wenigen Monaten - im Sommer 2009 - dürfen sich die Begine-Almut-Fans auf ein besonderes Leseerlebnis freuen: Die nächste Generation, nämlich Almuts Tochter, hat ihren Auftritt.
Wie fühlt man sich, wenn man eine Heldin "aufs Altenteil" schickt, die immerhin fünf Bände lang sicher auch für ihre "Schöpferin" ausgesprochen präsent war?
Und was ist so reizvoll daran, ihre Nachfolgerin im vertrauten Ambiente zu platzieren anstatt sich ein komplett neues Setting zu wählen?
Eigentlich - ja, eigentlich wollte ich eine völlig neue Figur aufbauen.
Aber da gab es plötzlich soviel Gejammer und wimmernde Bitten, dass ich mich nicht wehren konnte. Nun sind da Alyss und Marian, die sich gegen ihre dominanten Eltern durchsetzen müssen - was nicht immer ganz einfach ist, wie man sich leicht bei dem autoritären Vater Ivo vorstellen kann. So richtig auf dem Altenteil sind die beiden noch nicht! Nein, nein.
Und warum sollte ich nicht das gleiche Setting wählen - es hat sich gerade in den 24 Jahren in Köln Gewaltiges getan - der Verbundbrief war unterschrieben worden, die Macht der Bürger deutlich gewachsen, der Handel blühte.
Fast alle Ihrer Heldinnen verfügen über ein ausgeprägtes Temperament und eine oft ausgesprochen lose Zunge. Bei unserem Gespräch vor viereinhalb Jahren gaben Sie an, selbst ein eher disziplinierter Typ ohne verbale Entgleisungen zu sein.
Ist das nach wie vor der Fall?
Und können Sie vielleicht deswegen im echten Leben so beherrscht sein, weil Sie entsprechende Anflüge literarisch ausleben, sprich: Ziehen Ihre Protagonistinnen gern mal so richtig vom Leder, wenn Andrea Schacht im Lauf eines einzigen Vormittags den dritten unverlangten Anruf eines Telefonverkäufers erhalten hat?
Der Telefon-Lästling wird wortlos aufgelegt und beeinflusst den Wortschatz meiner Protagonisten nicht. Deren Schlagfertigkeiten sind Kunstwerke und wollen mit Überlegung formuliert werden.
Aber so dann und wann, ich kann es nicht leugnen, bekommt jemand, der mich mit äußerst dummen Fragen oder Forderungen nervt, auch schon mal eine Antwort, die besser nicht der Nachwelt übermittelt werden sollte.
Mit "Kreuzblume", "Göttertrank" und nun "Goldbrokat" haben Sie sich, zeitlich gesehen, kontinuierlich in Richtung Gegenwart "vorangearbeitet".
Peilen Sie an, in fünf bis sechs Büchern das 21. Jahrhundert zu erreichen?
Sofern mein Verlag mitmacht. Ich würde es schon gerne machen.
Wie man in den letzten Jahren eindrucksvoll verfolgen konnte, gibt es so ziemlich keine Epoche, über die Sie nicht schreiben können.
Haben Sie persönlich Präferenzen oder wären Sie bereit, über Anregungen von Leserseite nachzudenken?
Warum nicht ... Ich bin inzwischen recht gut in der römische Kaiserzeit, im Spätmittelalter und im 19. Jh. zu Hause, aber ich könnte sicher auch andere Zeiten erkunden. Spannende Geschichten hat es schon immer gegeben.
Okay, was halten Sie davon:
Unter allen Krimiforum-Lesern, die sich bis zum 3. Mai 2009 an der folgenden Umfrage beteiligen, verlosen wir drei druckfrische Exemplare Ihres neuen Buches. Mit Autogramm!
Und wer weiß, vielleicht lassen Sie sich ja von den Wünschen der Fans inspirieren ...
Ich bin dabei!
| Umfrage: In welcher Zeit soll einer der nächsten Romane von Andrea Schacht spielen?
- Römerzeit/Antike
- Mittelalter
- 17. Jahrhundert
- 18. Jahrhundert
- 19. Jahrhundert
Nun noch ganz schnell eine Mail an "redaktion@krimi-forum.de" mit dem Betreff "Schacht-Umfrage" schicken und schon ist auch Ihr Name in der Lostrommel.
|
WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.
Mit Andrea Schacht mailte - und das wie immer sehr gerne ;-) - Chefredakteurin Michaela Pelz
(März 2009)
***
Interview Oktober 2004:
Buchmesse - Donnerstag - viertel vor drei ... Noch ist die Hallentemperatur erträglich, die Frisur sitzt, das am Random-House-Stand zahlreich versammelte Publikum auch ... nur für die Interviewerin und ihre Gesprächspartnerin Andrea Schacht wird es eng. Doch letztere weiß Rat: Zügig geht die Frau mit dem Zopf zu einem der großen Holzpodeste neben der "Audio-Abteilung", setzt sich mehr oder weniger bequem hin und gibt das "Go" für die erste Frage.
Frau Schacht, in welche Bredouille hat Sie Ihr "loses Mundwerk" zuletzt gebracht - oder, anders gefragt: Ist der Charakterzug der Begine Almut, zuweilen ein wenig vorlaut zu sein, etwas, das Sie aus eigener Erfahrung kennen oder beruht alles auf einer ungemein lebendigen Vorstellungskraft?
Ein solch loses Mundwerk wie meine Almut besitze ich nicht - kann es mir aber sehr gut vorstellen ...
Genau deswegen gelingt es mir vielleicht, im "echten Leben" sehr diszipliniert zu sein und sehr genau darauf zu achten, was ich wann zu wem sage.
Anders formuliert: Almut darf, was ich nicht darf! Wobei man hinzufügen muss, dass meine Begine für mich eine erfundene Figur ist und ich mich nicht mit ihr identifiziere. Allerdings ist sie mir sehr sympathisch.
Fach-Dispute oder auch hitzige Wortgefechte in einer Domäne, die überwiegend von Männern beherrscht wird ... Für Ihre Heldin Almut bedeutet das eine aktive Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift, die im Mittelalter tendenziell den Priestern vorbehalten war. Sie hingegen haben lange als Wirtschaftsingenieurin gearbeitet - welche Parallelen gibt es da?
Almut ist eine Ketzerin, ganz klar. Sie geht gegen herrschende Normen vor - das habe ich in diesem Sinne nicht getan. Andererseits habe ich, das stimmt schon, immer versucht, mich mit Disziplin und Entschiedenheit dort durchzusetzen, wo ich gerade tätig war - auch wenn es sich dabei um eine Männer-Domäne handelte.
Die Reaktionen darauf waren bei mir - ähnlich wie bei meiner Heldin - sehr gemischt: Auf der einen Seite gab es die Fraktion der Bewunderer, die es gut fanden, dass Frauen sich selbständig machten; auf der anderen Seite fehlten auch die Kritiker nicht.
Es ist (und war schon zu allen Zeiten) alles ein großes Machtspiel zwischen Männern und Frauen.
Wie kamen Sie gerade auf den Berufsstand einer "Begine" für Ihre Heldin? Der Begriff ist sicherlich vielen Lesern zunächst nicht sehr geläufig.
Auch ich wusste, bevor ich mit dem ersten "Almut"-Buch anfing, nichts über Beginen.
Ich hatte mir seinerzeit einfach vorgenommen, einen historischen Roman mit einer Heldin zu schreiben, die möglichst selbständig sein sollte. Dann fing ich an zu recherchieren und stellte fest, dass es zu der damaligen Zeit in Köln eine erstaunliche Anzahl dieser Beginen gab.
Diese waren sehr gebildet, finanziell unabhängig, und arbeiteten sehr erfolgreich. Außerdem hatten sie, das ist verbrieft, durchaus den einen oder anderen Disput mit dem Klerus - in der Tat wurden sie mehrfach vom Erzbischof deswegen ermahnt.
Und gab es diese Beginen nur in Köln?
Nein, sie waren in vielen Handelsstädten vertreten - etwa Nürnberg oder Hamburg. Auch in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Frankreich konnte man sie finden.
Und heute gibt es sie noch immer - in Brügge.
Das ist ja interessant. Haben Sie das dortige Haus besucht?
Nein, das nicht. Aber ich habe ihnen eine Email geschickt, dass die Hauptfigur meiner Romane eine Begine ist.
Wie lange haben Sie gebraucht, um den kompletten "Cast" Ihrer Romane zusammenzustellen, sprich: Die immer wiederkehrenden Figuren und Nebenfiguren auszuarbeiten? Wer - außer der Heldin selbst - stand von Anfang an fest, wer kam im Lauf der Zeit hinzu?
Es gab sowohl Figuren, die von Anfang an fest standen als auch solche, die sich nach und nach erst entwickelt haben.
Mit meinen Büchern habe ich mir meine eigene Welt geschaffen - in Bezug auf Zeit, Raum und Personen. Manche davon mussten einfach sein, um das Lebensfeld der Heldin zu ergänzen. Sprich: die Köchin, die Apothekerin, die Gelehrte, die Bücher übersetzt ... sie alle habe ich nach ihren Aufgaben festgelegt, wusste aber immer schon, dass ich sie drin haben wollte.
Und den Pater Ivo natürlich sowieso.
Dann wiederum gibt es tatsächlich Figuren, die sich "verselbständigt" haben. Der "Pitter" z.B., mein - im wahrsten Sinne des Wortes (lacht) - "running gag". Ursprünglich hatte ich einfach nur einen Boten geplant, der eine Nachricht überbringen sollte. Doch nach und nach nahm dieser Junge immer mehr Konturen an und nun ist er mir sehr ans Herz gewachsen.
Gibt es noch andere Charaktere, die Sie besonders lieben?
Das taubstumme Mädchen, Trine, habe ich sehr gern. Sie, meine kleine "Schnüfflerin", wird garantiert immer eine Rolle spielen.
War die Begine Almut von Anfang an als Serienheldin konzipiert oder haben Sie nach dem Ende des ersten Bandes festgestellt, dass es da noch eine Reihe Geschichten gibt, die Sie gern erzählen würden?
Und auf wie viele Bände würden Sie die Serie gern erweitern?
Ja. Ich wusste von Anfang an, dass ich eine Serie schreiben wollte und habe auch bereits eine ganz gute Vorstellung davon, wie viele Bände es werden sollen.
Auf eine genaue Zahl möchte ich mich jetzt nicht festlegen - auf jeden Fall gibt es noch eine ganze Reihe von Ereignissen, mit denen sich meine Heldin beschäftigen soll.
Wie Sie sicher wissen, liegt jedem meiner Bücher ein historisch verbrieftes Ereignis zugrunde; in "Das Werk der Teufelin" ist das beispielsweise der Brand vom Turm von St. Kunibert, der sich im Jahre 1376 ereignete, also in jenem Jahr, in dem auch die Handlung spielt.
Und so gibt es noch zahlreiche weitere, größere und kleinere, dokumentierte spannende Ereignisse aus dem Köln jener Zeit.
Aus denen mache ich dann meine Geschichten.
Sehen Sie, wenn ich schreibe, dann bin ich es gewohnt, mir selbst Grenzen zu setzen und nicht wild drauf loszufabulieren. In diesem Fall sind diese Grenzen die historischen Begebenheiten.
Was hat Sie an der Stadt Köln so gereizt, dass Sie sie zum Schauplatz Ihrer Geschichten gemacht haben?
a) Köln hat eine ungeheuer gut dokumentierte Geschichte und ist daher eine wunderbare Fundgrube für einen Autor historischer Romane.
b) Köln war im Mittelalter sehr weltoffen und es gab dort auch in jener Zeit Frauen, die Rechte besaßen und im Geschäftsleben tätig waren.
c) Köln liegt direkt vor meiner Haustüre (lacht), da ich in der Nähe von Bonn lebe.
d) Köln hat einen wunderbaren Dom, der mich sehr gereizt hat.
Stichwort: Zeitreise. In Ihre Almut Romane haben Sie auch "echte" historische Persönlichkeiten eingebaut. Wenn Sie es sich aussuchen könnten? Mit wem würden Sie wann welches Getränk zu sich nehmen wollen - und warum gerade mit dieser Person?
Mit dem Dombaumeister Michael säße ich gern bei einem Glas Wein. Wein deswegen, weil DAS Bier, das seinerzeit u.a. mit Bilsenkraut gebraut wurde, unseren Gaumen sicherlich nicht sehr zuträglich wäre.
Und zum Schluss die Frage: Was können Ihre Leserinnen aus dem Jahr 2004 von der Kölner Begine Almut Bossart (Jahrgang 1349) lernen und in ihrem heutigen modernen Leben zur Anwendung bringen?
Die Frauen von heute haben schon gelernt, selbständig zu sein. Damals brauchte man mehr Mut und einen gewissen Pragmatismus.
Andererseits könnte es sicherlich nicht schaden, wenn auch die weiblichen Wesen von heute diese Qualitäten ausbauen und pflegen würden. Und sich darüber hinaus das "Networking" von damals - diese Zusammenarbeit unter Frauen - zu eigen machten. Unabhängig von Männern sein - finanziell und emotional, sozusagen eine innere Unabhängigkeit erlangen - ohne dabei das andere Geschlecht zu verteufeln, darum geht es.
Sehr interessant in diesem Zusammenhang übrigens die Tatsache, dass es auch heute wieder Beginenvereine gibt. So viel zum Thema "Netzwerk" - einer Sache, derer sich Männer ganz selbstverständlich schon seit Jahrhunderten bedienen, ohne dass das irgendjemand befremdlich finden würde.
Und worauf dürfen sich Almut-Fans als nächstes freuen?
Band drei liegt dem Verlag schon vor. Und wenn Sie wissen wollen, worum es geht, dann kann ich Ihnen verraten, dass eine kopflose Frauenleiche im Männer-Kloster Groß St. Martin gefunden wird. Unbekleidet ...
WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.
Mit Andrea Schacht sprach Chefredakteurin Michaela Pelz
(Oktober 2004)
| Und hier noch ein besonderer Service für alle Besucher von krimi-forum.de:
Da sich Frau Schacht immer über Lob, Tadel, Anregungen oder einfach nur Anmerkungen zu ihren Romanen freut, dürfen Sie uns Ihre Mails an die Autorin gerne zusenden. Wir leiten alles weiter. |
(Foto: Dr. Berit Böhm)
|