Exklusivinterview mit Lucie Klassen

Frau Klassen, wann haben Sie das letzte Mal eine Schule von innen gesehen?

Zuerst einmal muss ich richtig stellen, dass ich seit kurzem erneut verheiratet bin und mein Nachname sich - was mir persönlich sehr wichtig ist! - in diesem Zusammenhang geändert hat: Ich heiße jetzt also Lucie Flebbe.
Eine Schule von innen gesehen habe ich zuletzt bei meinem Abitur 1997, vielleicht kann man die schulische Ausbildung zur Physiotherapeutin auch noch in diese Kategorie einordnen, trotzdem ist mein letzter Schulbesuch schon eine ganze Weile her.
Ich musste also einige Recherchen anstellen, um die Geschichte glaubhaft zu schreiben.

Wer hat Sie dabei unterstützt? Nette Teenager-Nachbarn? Das Patenkind? Die Söhne oder Töchter von Freunden? Oder haben Sie den Rektor des nächstgelegenen Gymnasiums angerufen und darum gebeten, mal hospitieren zu dürfen?

Meine beste Freundin war Oberstudienrätin an einem Gymnasium.

Ihre Protagonistin ist ungewöhnlich jung (anders hätten Sie sie natürlich auch schlecht auf diese Undercover-Mission schicken können). Wie kamen Sie beide zusammen?
Dank einer plötzlichen Eingebung?
Ergebnis geschickter Marktforschung (solche Heldinnen sucht man bisher vergebens im deutschen Krimi)?
Oder ist die "Lila" schon lange in und bei Ihnen und musste nun endlich raus?

Das erste Kapitel, Lilas Flucht vorm Studium, war die Ausgangsidee für die ganze Geschichte.
Das bedeutet, dass Lilas Person vor der ganzen Handlung entstanden ist und sich die "Undercover-Mission" erst später ergeben hat.
Eine junge Protagonistin ermöglicht den jugendlich-lockeren Erzählstil der Ich-Erzählerin, der die Geschichte - und natürlich auch das Schreiben der Geschichte - unterhaltsam gestaltet.

Wie war es mit den anderen Figuren? Sie versammeln ja eine ganz Reihe ausgesprochen unterschiedlicher Charaktere zwischen zwei Buchdeckeln - manche extrem sympathisch, andere pathetisch, wieder andere einfach nur widerlich ...
Sind alle Produkte Ihrer Phantasie oder gibt es reale bzw. fiktionale Vorbilder, an denen Sie sich orientierten?

Alle Figuren im Buch sind frei erfunden und gerade die Unterschiedlichkeit der Charaktere bietet einer Autorin ja eine Menge Möglichkeiten, mehr Spannung zwischen die Figuren und damit auch in die Geschichte zu bringen.

Betrachtet man "Der 13. Brief" so fällt auf, dass es im gesamten Buch keine wirklich "heile" Familie gibt - außer man betrachtet die "Wahlfamilie" aus Detektiv, Polizist und Kneipier als solche.
Zerrüttete Ehen, Gewalt - psychischer oder physischer Art, Vernachlässigung, Desinteresse an den Kindern und ihrem Alltag ...
Sind es dramaturgische Gründe, die Sie zu diesem Setting veranlassten oder haben Sie den Eindruck, dass das der heutigen Realität entspricht?

Ich denke, dass die Realität heutzutage noch um ein Vielfaches grausamer sein kann, als das Buch - oder eben auch nicht.
Die Realität in der eigenen Familien hat ja jeder selbst in der Hand, da gibt es keine Krimi-Autorin, der es Spaß macht, Familien in möglichst mörderische Konflikte zu bringen.
Und außerhalb meiner Geschichten hoffe ich natürlich wie jede andere Mutter, dass die meisten Eltern dann doch Interesse an ihren Kindern zeigen.
Ob die "heile Welt" in Lilas "Wahlfamilie" denn auch wirklich Bestand hat, wird sich allerdings erst zeigen, wenn es mit Lila, Danner und Molle weitergeht...

Lila kann Karate - was können Sie?

Ich hoffe, ich kann meine eigene Familie ein wenig "heiler" machen, als das zugegeben ein wenig düstere Setting in meinem Buch.

Das ist ein Vorsatz, den sicher die allermeisten Eltern haben und der - zumindest ist das zu hoffen - auch in den allermeisten Fällen gelingt!
Gibt es darüber hinaus "praktische" Fähigkeiten, die Sie im täglichen Leben zum Einsatz bringen können - um sich Respekt zu verschaffen oder einfach nur ihr eigenes Selbstbewusstsein zu stärken?

Ich denke, ich habe kein Problem damit, mir Respekt zu verschaffen.
Wenn man als Anfang-Zwanzig-Jährige Rückenschulen leitet, in denen man zwei Dutzend Bauarbeitern erklärt, wie sie rückengerecht ihre Schubkarren zu schieben haben, entwickelt man automatisch ein gewissen Maß an Durchsetzungsvermögen.

Von wem holten Sie sich Anregungen für die stylishen Outfits Ihrer Nachwuchs-Detektivin?

Alles frei erfunden - außer Lila läuft doch kein Mensch so rum, oder?

Vielleicht setzen Sie dadurch ja aber auch Trends ....? Wie fänden Sie das?

Ich schätze, wenn die Allgemeinheit sich so kleiden würde, müsste Lila ihr Outfit ändern.

Die Figuren sind so stimmig, so sympathisch und besitzen so großes Potential, dass die Reihe eigentlich weitergehen muss!
Was haben Sie diesbezüglich geplant?

Natürlich geht Lilas Geschichte weiter, denn das Schreiben macht mit ihr genauso viel Spaß, wie das Lesen.
Außerdem lässt "Der 13. Brief" ja auch noch die eine oder andere Frage offen.
Ich werde zum Beispiel häufig darauf angesprochen, warum Lilas Eltern nicht nach ihr suchen. Dabei weiß ja niemand genau, was Lilas Eltern in der Zwischenzeit so treiben...
So viel kann ich verraten: Der zweite Teil ist fertig und bedarf nur noch ein wenig Korrektur.
Und ich hoffe, dass meinen Lektoren beim Grafit-Verlag das Endergebnis so gut gefällt, dass auch der zweite Teil in den Druck gehen kann.

Wie sieht es mit einer Verfilmung aus? Würde Ihnen das gefallen? Und welches wäre Ihr ganz persönlicher "Wunsch"-Cast, wenn Sie die freie Auswahl hätten? Lassen Sie ruhig Ihrer Phantasie freien Lauf ... international, national ...

Eine Verfilmung klingt natürlich großartig.
Allerdings sind meine Kenntnisse der aktuellen TV-Prominenz ähnlich beschränkt, wie die des Internet.
Da ich meine Figuren selbst erfunden habe, ohne dafür reale Vorbilder im Kopf zu haben, ist die Frage nach meinem "Wunsch-Cast" schwierig zu beantworten.
Ich bin in dieser Hinsicht für Vorschläge offen, würde mir aber wünschen, das für die Geschichte wichtige Details Berücksichtigung finden.
Zum Würgen wäre zum Beispiel, wenn der Alterunterschied zwischen Lila und Danner nicht korrekt dargestellt werden würde, weil irgendjemand zu wissen glaubt, dass eine ausgeglichenere Liebesbeziehung beim Publikum besser ankommen würde.

Ihrer Biografie ist zu entnehmen, dass Sie mit 14 Ihr erstes Buch verfassten.
Wurde es dann auch direkt veröffentlicht oder dauerte das ein paar Jahre?
Und wie kam es, dass ein spanischer Verlag das Manuskript erwarb?

Richtig, die "Geschichte eines Rennpferdes" habe ich mit vierzehn geschrieben und dann fein säuberlich abgeheftet und in mein Regal gestellt, wo der Ordner heute noch zwischen zwei Dutzend anderen steht.
Mehr wäre auch nicht passiert, wenn ich die Geschichte nicht ein paar Jahre später meiner Freundin zum Lesen gegeben hätte. Diese Freundin wiederum hatte eine Schwester, die Schwester hatte ein Ferienhaus in Spanien und neben diesem Ferienhaus lag ein Verlag, der unter anderem auch Bücher in Deutscher Sprache für Touristen im Angebot hatte.
Als das Buch auf den Markt kam war ich achtzehn.

Wie waren die Verkaufszahlen?

Es wurde eine Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt, die meines Wissens aber nicht komplett verkauft wurde.

Und kann man das Buch heute noch erwerben?

Glücklicherweise nicht. Ehrlich gesagt, lege ich keinen besonderen Wert darauf, dass mehr Leute als nötig erfahren, was ich mir mit vierzehn so ausgedacht habe.
Der Verlag existiert nicht mehr.

Aber wenn da noch mehr als 20 fertige Bücher auf Ihrem Regal darauf warten, veröffentlicht zu werden, wäre es dann nicht eine Maßnahme, die tatsächlich auch Ihrem aktuellen Verlag anzubieten und fürderhin die Schriftstellerei zum Hauptberuf zu machen?

Nein, denn wenn ich der Meinung gewesen wäre, dass was Brauchbares darunter ist, hätte ich das eine oder andere schon eingesandt.
Ich habe festgestellt, dass sich die Qualität der Texte durch ein wenig Übung verbessert und möchte deshalb lieber neue, aktuelle - und wenn möglich noch spannendere - Geschichten schreiben, statt irgendwelche alte Leichen aus dem Schrank zu zerren.

Was ist mit Lilas Abenteuern? Wird man auch diese im Ausland lesen können?

Das müssen Sie den Grafit-Verlag fragen.

Letzte Frage: Das Krimi-Forum ist ja ein Internetportal. Welche Seiten legen Sie unseren Lesern besonders ans Herz und warum?

Ehrlich gesagt, nutze ich das Internet ausschließlich zu Recherchezwecken.
Ich glaube aber nicht, dass außer mir irgendjemanden z.B. zeitlich genaue Bus-, Bahn- und Fußwege in fremden Städten interessieren, oder wie man möglichst viele verschiedene Worte mit ein und derselben Bedeutung findet.
Zum stundenlangen Surfen fehlt mir die Zeit. Als berufstätige Mutter muss man Prioritäten setzen, wenn ich also Zeit für meinen PC finde, schreibe ich.
In alle anderen Bereichen des worldwideweb werde ich glücklicherweise von einem fähigen Computergenie unterstützt.

Wir danken für dieses Gespräch!
Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz
(Februar 2009)

(Foto: Grafit Verlag)