Ein einsamer Mann in der Nacht

von Frank Wobst

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Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Langsam zog er an der Zigarette und inhalierte tief den Rauch. Schließlich warf er die Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Er nahm seine Tasche auf und ging gebückt die Stufen zum Ausgang hinauf. Schlürfend ging er durch den Ausgang nach draußen. Es fing an nieseln, aber das störte ihn nicht. Mechanisch wie ein Roboter ging er durch den hohen Bogen des Hauptausganges aus dem Bahnhof. Dann blieb er stehen, blickte sich um, als wüsste er nicht so recht, wo er hin wollte. Auf der Straßenseite gegenüber dämmerte durch den Nieselregen das schummrige Licht einer Kneipe. Er steuerte auf sie zu. Vor der Tür blieb er stehen und schaute sich von oben bis unten im Glasrahmen der Tür an. Seine Kleidung wirkte altmodisch und schlotterte mehr um seinen Körper, als dass sie richtig saß. Vorsichtig öffnete er die Tür, als habe er Angst hineinzugehen.

An der Theke saß eine ziemlich aufgedonnerte Frau mittleren Alters mit einem sichtlich betrunkenen Mann. Ansonsten war das Lokal leer. Er setze sich an einen der einfachen Holztische in der Ecke. Der Wirt kam hinter der Theke hervor und fragte: "Was kann ich Ihnen bringen?"
"Ein Bier und einen Doppelkorn, bitte", antwortete der Mann, ohne den Wirt dabei anzuschauen. Als der Wirt das Bier und den Schnaps brachte, sah er sich seinen späten Gast genauer an und da fiel es ihm ein.

"Du bist doch der Alfons, oder? Natürlich Alfons Becker. Das gibt's doch gar nicht. Seit wann bist du draußen?" Der Mann hob seinen Kopf, müde Augen schauten den Wirt an.
"Ja, ich bin's. Nimm's mir nicht übel, aber nach reden ist mir wirklich nicht. Vielleicht später, okay?", antwortete er mit leiser und etwas zittriger Stimme.
"Ist ja gut, das geht aufs Haus", murmelte der Wirt und ging wieder hinter seine Theke.
"Was ist denn das für einer? Der sieht aus, als ob er sich vor zehn Jahren das letzte Mal neue Klamotten gekauft hat. Kennst du den etwa?", fragte die Frau den Wirt.
"Das ist Alfons, Alfons Becker. Weißt du nicht wer das ist? Na, das war wohl vor deiner Zeit."
"Wer ist Alfons?", lallte der Begleiter der Frau.
"Halt die Klappe!", sagte die Frau und wandte sich wieder dem Wirt zu.
"Was ist denn das nun für einer?" Der Wirt zapfte sich ein Bier, lehnte sich an die Theke und begann leise: "Der Alfons war im Knast. Ich weiß nicht so genau, aber es muss gut zwanzig Jahre her sein. Da hat er seine Frau und einen Mann erschossen." Die Frau drehte sich um und blickte mit einem neugierigen Blick auf den einsamen Mann am Tisch. "Der hat jemanden erschossen? Irgendwie sieht er überhaupt nicht wie ein Mörder aus, eher wie ein verlorenes Schaf."
"Das ist er auch. Das war eine scheußliche Sache damals. Seine Frau war ein Luder, aber ein bildhübsches. Sie hat ihn von Anfang an betrogen, immer und immer wieder. Seine Nachbarn, seine Freunde, alle haben es gewusst. Nur der Alfons, der wusste es nicht... oder er wollte es auch nicht wissen. Er war ihr hörig, verfallen. Aber wer weiß schon, was in einem anderen Menschen wirklich vorgeht", sinnierte der Wirt, als wenn er zu sich selbst sprechen würde.
"Ja und dann, was ist dann passiert?" flüsterte die Frau mit ungeduldiger Stimme, während ihrem betrunkenen Begleiter langsam die Augen zufielen und der Kopf auf seine verschränkten Arme auf dem Tresen fiel.
"Na wie das Leben so spielt. Eines Tages kam er schon Mittags nach Hause, weil es ihm nicht gut ging. Tja, seine Frau lag mit einem anderen auf der Couch, und da ist er durchgedreht. So genau ist nie geklärt worden, was passiert ist. Die beiden wurden erschossen. Der Alfons hat dann die Polizei angerufen und denen am Telefon erzählt, dass er seine Frau und einen Mann erschossen hat. Er hat ihnen die Adresse gegeben. Die sind gleich da hin. Er hat die Tür aufgemacht, sich ohne Widerstand festnehmen lassen, alles zugegeben, und das war's auch schon."
"Wo hatte der denn so plötzlich eine Pistole her?"
"Das ist ja das Merkwürdige an der Sache gewesen. Er galt als ein normaler und friedlicher Mensch. Er hat damals nur die Tat zugegeben, aber keine weiteren Angaben über die Waffe und den Tathergang gemacht. Er wollte einfach nicht darüber reden. Er wurde zu lebenslänglich verurteilt, weil nie herauskam, woher und warum er überhaupt eine Waffe hatte. So wurde ihm die Sache als vorsätzlicher Mord ausgelegt. ...Tja, nun haben sie ihn nach zwanzig Jahren also rausgelassen. Aber was soll er jetzt machen? Er hat niemanden mehr, und die besten Jahre seines Lebens hat er im Knast gesessen. Für mich ist er ein armer Teufel. Als das damals passierte, habe ich mich manchmal gefragt, ob ich nicht vielleicht genauso durchgedreht wäre wie er."
Die Tür klapperte, der Wirt und die Frau blickten auf. Alfons Becker war gegangen. Der betrunkene Mann schlief noch immer mit dem Kopf auf der Theke.

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Und hier was uns der Autor über sich verraten hat:
Ganz kurz zu meiner Person: Ich arbeite u.a. als freier Texter und lebe die meiste Zeit des Jahres im Ausland. Ein paar andere Stories und Reportagen von mir finden Sie auf meiner Webseite.

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