Das Buch direkt bei Amazon bestellen Danuta Reah
Letzter Halt

Original: Only Darkness
Blanvalet, gebunden
ISBN 3-7645-0090-5

Deborah Sykes ist jung, alleinstehend und sehr zurückhaltend. Ihr Leben als Lehrerin am College einer Kleinstadt in Yorkshire ist geregelt und eher eintönig - bis zu jener stürmischen Na Wie jeden Donnerstag wartet sie am Bahnsteig auf den letzten Zug nach Hause. Da fällt ihr auf, daß eine Unbekannte nicht da ist, die sonst ebenfalls immer dort steht. Nur beiläufig registriert Deborah eine schattenhafte Gestalt, die rasch in der Dunkelheit verschwindet.
Am folgenden Tag wird eine weibliche Leiche am Bahngleis aufgefunden. Und Deborah ist sofort klar, daß es sich um die von ihr Vermisste handeln muß - das letzte Opfer in einer Mordserie an allein reisenden Frauen, die die Gegend seit längerem in Unruhe versetzt.
Deborah ist so schockiert, daß sie ihre gewohnte Zurückhaltung aufgibt und im Bekanntenkreis über den Vorfall spricht.
Dies erweist sich jedoch als verhängnisvoller Fehler, denn ein Kollege mit journalistischen Ambitionen verkauft die Geschichte an die Presse.
Tags darauf entdeckt Deborah zu ihrem Entsetzen ihr Foto in der Zeitung - unter der Schlagzeile: "Ich sah das Gesicht des Würgers."
Eine grausame Falle, denn der Täter befindet sich in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Und er bekommt sein nächstes Opfer auf dem Silbertablett präsentiert...

Rezension:
Erneut ein Serienmörder, der serienmordet ...

Und dazu gibt's ein paar recht grausliche Einzelheiten und eine - zumindest im ersten Teil - recht voraussehbare Story.
Aber dann wird's doch spannend - und beim Showdown kann es leicht passieren, dass man das Aussteigen aus der S-Bahn vergißt ...
Die Hinführung zu diesem Showdown ist aber nicht durchweg überzeugend, was auch daran liegt, dass die vom Plot her wichtige Nebenfigur des verhinderten Journalisten Tim Godbers etwas konstruiert wirkt. Die Mühelosigkeit, mit der er sich Einblick in die Polizeiarbeit verschafft, erscheint ein wenig unglaubwürdig (und ist es hoffentlich auch!).
Die Hauptfigur Debbie dagegen ist recht sympathisch. Ihr Leben, ihre Arbeit am College als Lehrerin und auch ihre sich steigernde Angst erwecken durchaus das Interesse und das Mitgefühl des Lesers.
Der Liebhaber (was wäre ein Thriller ohne Liebesgeschichte ...) ist eher klischeehaft als ein doch sehr von Schicksalschlägen Heimgesuchter gezeichnet. (Aber Gott sei Dank gibt's ja Debbie!).
Die Anlage des Romans ist von der Grundtendenz her recht interessant, da der häufige Perspektivenwechsel Einblick in das Innenleben der Handelnden erlaubt (auch der Täter wird hier nicht ausgeklammert), wobei, siehe oben, nicht jede Figur gleichermaßen überzeugt. Außerdem verschafft diese Technik dem Leser einen steten Wissensvorsprung und steigert so die Spannung.
Sprachlich wirken die ab und zu anfallartig auftretenden Versuche der Autorin "poetisch" zu schreiben, doch recht störend. So bleibt die im Roman immer wieder kehrende Albatrossymbolik rätselhaft (was natürlich auch mit dem mangelnden Wissen der Rezensentin über diese Spezies zusammenhängen mag). Andere Bilder wirken sehr bemüht (wie "die Ranken der Abhängigkeit", die sich durch den armen Helden "wanden") oder zu gewollt salopp (etwa die Bemerkung, dass der Leiter von Debbies Fachbereich nach einem Gespräch mit der Leiterin der englischen Abteilung "regelmäßig seine Hoden nachzählte").
Egal, genug der Mäkelei.
Im Großem und Ganzen ist das Buch ein spannender, lesbarer Roman.
Und wer sich für den Norden Englands begeistern kann, in dem wieder mal ein Serienmörder umgeht, für das Leben an einem College und die alltäglichen Nöte dort Interesse aufbringt und sich für eine romantische Liebesgeschichte erwärmen kann, wo einem Manne das gebrochene Herz geheilt wird, - der ist mit diesem Buch gut bedient.
Allerdings sollte er während der Lektüre nicht gerade S-Bahn fahren ...

Xanthippe