Das Buch direkt bei Amazon bestellen Tony Fennelly
Leichen zum Fest

Original: Home dead for Christmas
(5. Band Margo Fortier)
rotbuch TB
ISBN 3-434-54013-x

New Orleans, die Perle des Südens, kennt keine weiße Weihnacht. Die zweite Weihnachtsfarbe Rot ist dafür in Tony Fennellys neuem Margo-Fortier-Krimi kräftig vertreten mit ein paar extra Spritzern Blut.
Die Ex-Stripperin und heutige Klatschkolumnistin wird von einer der vornehmsten Familien gebeten, ein Fest mit vielfarbiger Stadtprominenz zu arrangieren. Der Empfang wird zu Ehren des plötzlich aufgetauchten Enkels veranstaltet, der per DNA-Analyse den Beweis antritt, dass er aus einer Liaison des in Vietnam gefallenen Sohnes und einer von Margos früheren Kolleginnen aus dem Sex-Business entstammt.
Der neue Erbe ist geradezu eine Idealbesetzung: blond, gut aussehend, gebildet, bestes Auftreten. Der einzige Webfehler: die enge Beziehung zu dem jungen Schwarzen Chazz, dessen Manieren und Klamotten direkt aus den Gangsta-Rap-Videos kommen.

Rezension:
Mit Margo Fortier hat Tony Fennelly eine Krimiheldin geschaffen, die überhaupt nicht in die gängigen Klischees passt: der Beruf Journalistin ist zwar durchaus häufig vertreten, doch ein Vorleben als Stripperin dürfte die große Ausnahme sein.
Auch mit ihrem Alter (53 Jahre) fällt sie etwas aus dem Rahmen. Ältere Krimiheldinnen sind zwar keine Seltenheit, doch ähneln sie meist einer der ersten Vertreterinnen dieses Genres, Miss Marple, und zwar nicht nur in Bezug auf ihren Familienstand. Margo Fortier dagegen ist verheiratet, wenn auch ihr Ehemann Julian, der aus einer angesehenen New Orleaner Familie stammt, homosexuelle Neigungen hat.
Tony Fennelly springt gekonnt zwischen dem 1970er New Orleans und dem des Jahres 1998 hin und her und zeichnet dabei ein liebevolles und (durch eigene Erfahrungen geprägt) authentisches Bild der Verhangenheit, ohne dabei in Melancholie zu versinken.
So kann es also schon mal vorkommen, dass wir Margo direkt hintereinander bei ganz alltäglichen Szenen wie Tanken oder Einkaufen beobachten können, obwohl in Wirklichkeit fast 30 Jahre und viele Veränderungen dazwischen liegen.
Besonders für die jüngere Generation bedeutet dies einen interessanten Einblick in den amerikanischen Alltag, als McDonald's, riesige Shopping Malls und Disneyland noch nicht das Bild der USA bestimmten.
Doch eine toughe Heldin und eine interessante Kulisse mit viel Lokalkolorit reichen nicht aus, einen Krimi lesenswert zu machen.
Zum Glück hat Tony Fennelly aber auch sonst noch einiges zu bieten: einen köstlichen trockenen Humor, der auch ganz banale Szenen veredelt, eine Menge skurriler Nebenfiguren und einen spannenden Plot mit einer wahrlich überraschenden Auflösung.
Ein unterhaltsames Krimivergnügen der etwas anderen Art, dass nicht nur Freunden skurriler Krimis viel Freude bereiten dürfte.

Kathrin Hanik

 

Gastrezension(en):


Name: Michael Drewniok
Email: Drewniok-PB@gmx.de
Datum: 9.4.2002 (15:09)

Weihnachten in New Orleans, der Metropole des US-amerikanischen Sdens, und dieses Jahr kommt das Christkind endlich auch einmal zum alten, kranken und verbitterten, aber immerhin schwerreichen Cyril Jessup. Seit vor mehr als einem Vierteljahrhundert sein einziger Sohn Gerald in Vietnam umkam, lebt Mr. Jessup zurckgezogen und sucht Trost in der Arbeit, whrend seine Gattin in einen milden Wahnsinn geflohen ist. Aber jetzt steht pltzlich ein junger, hchst ansehnlicher Mann mit Namen Glen Watley vor ihm, der behauptet, sein Enkel zu sein. Weil dies verstndlicherweise auf einigen Unglauben stt (besonders bei Jessups Groneffen Andrew, der sich eingedenk des attraktiven Erbes seit Jahren als Faktotum vom wenig umgnglichen Onkel herum stoen lsst und Konkurrenz schwerlich zu schtzen wei), hat Glen nicht nur ein Foto seiner "Eltern" sondern gleich das Ergebnis einer Labor-Analyse bei sich, die ihn als Trger der Jessupschen DNA ausweist. Jungkrieger Gerald hat seine letzten Tage vor der fr ihn so ungnstig verlaufenden Dienstreise nach Vietnam offenbar in der anregenden Gesellschaft einer Striptease-Tnzerin verbracht und ihr ein ganz besonderes Andenken hinterlassen ... Glens Geschichte ist abenteuerlich, aber der alte Jessup glaubt ihm - will ihm einfach glauben. Mit offenen Armen begrt den verlorenen Sohn (bzw. Enkel). Nun will er Glen sogleich offiziell in die High Society von New Orleans einfhren. Dieses Debt soll die bekannte Gesellschaftsjournalistin Margo Fortier organisieren. Zufllig ist auch sie auf Glens Erinnerungsfoto zu sehen - wie dessen Mutter arbeitete Margo nmlich in jungen Jahren in denselben miesen Striptease-Schuppen. Sie kann sich sogar dunkel an Gerald erinnern. Einen gewissen Schatten wirft indes der Mann in Glens Begleitung auf die Wiedersehensfeier: Der junge Chazz ist eindeutig kein Vertrauen erweckender Charakter. Auerdem ist er schwarz, was beim alten Jessup, dessen krperliche Gegenwart seinem Weltbild etwa fnfzig Jahre voraus ist, hssliche Seiten zum Vorschein bringt. Hinter der rauen Schale verbirgt sich allerdings ein geschliffener Kern: Chazz spielt den Galgenvogel aus dem Ghetto ganz offensichtlich, nur: Was knnte sein Motiv sein? Diese Frage wird allerdings nebenschlich. Whrend der glanzvollen Feier, in deren Mittelpunkt Glen steht, wird ein raffinierter Mordanschlag auf den alten Jessup verbt, der nur zufllig fehl schlgt Da Margo vom Mrder als Instrument seiner Tat missbraucht wurde, besinnt sie sich auf ihre schon mehrfach unter Beweis gestellten detektivischen Fhigkeiten. Diese werden rasch gefordert, denn schon bald schlgt der Mrder wieder zu, und dieses Mal hat er mehr Glck ... Tony Fennelly (das ist Antonia M. Fennelly Catoire, geb. 1945) gehrt zu jenen Schriftstellern, denen bisher der echte Durchbruch versagt blieb. Dass mit "Leichen zum Fest" nun bereits ihr achter Roman in Deutschland erscheint, steht dazu durchaus nicht im Widerspruch. Hier haben wir es mit dem seltenen Fall zu tun, dass ein deutscher Verlag einen Narren an einer US-amerikanischen Autorin gefressen und sogar diejenigen Titel verffentlicht hat, fr die sich in ihrer Heimat kein Verleger fand. Auch "Leichen zum Fest" - Nummer 5 der Margo Fortier-Serie - ist daher eine Welt-Erstausgabe! Schn fr Tony Fennelly, aber weniger erfreulich fr den Leser, wie sich bald herausstellt, denn der angebliche Kriminalroman entpuppt sich als plan- und witzlose Zumutung. Der dnne Plot vom bsen Kuckuck, der den alten Onkel beerben will, ist fr die Autorin nur Mittel zum Zweck. Ihr eigentliches Anliegen ist offenbar (wirklich deutlich wird es nie) eine in New Orleans spielende Neuauflage der Weihnachtsgeschichte la Charles Dickens, die Spannung mit "Herz" verbinden soll. Das liefert die Entschuldigung fr endloses Geschwtz ber das Fernsehen, bargeldlosen Zahlungsverkehr, das Phnomen Lady Di, die Clinton-Levinsky-Affre und hnliche Nichtigkeiten, die rein gar nichts mit der Geschichte zu tun haben und sie auch nicht weiter bringen. Weil Fennelly offenkundig keine Ahnung hat, was sie in ihrem neuen Buch eigentlich erzhlen will, greift sie auf ihre bliche "Reserve" zurck und erzhlt Margo Fortier-Striptease-Geschichten aus den Wilden Siebzigern. Im Land der unbegrenzten Komplexe scheint es der Hit in (Milch-)Tten zu sein, in schummrigen Bars barbusige Schnheiten beim ungelenken Tanz auf kargen Miniaturbhnen zu beobachten. Besonders wichtig ist es den Amerikanern dabei, eventuell aufkommende erotische Regungen schon im Keim zu ersticken. Tony Fennelly mchte nun zustzlich eine Lanze fr besagte Tnzerinnen brechen; sie schildert sie als ganz normale, bodenstndige, hart arbeitende, "anstndige" amerikanische Mdchen, die einander schwesterlich im alltglichen Kampf gegen die groben, unsensiblen Kerle, der Sittenpolizei und die knickrigen Barbesitzer beistehen, und setzt doch unverhohlen auf den schwiemeligen "Oh la la! "-Effekt der ach so verworfenen Rotlichtszene von New Orleans. Mehr als einhundert Seiten des Mittelteils pltschern bei dem Versuch dahin, die junge Margo Fortier von 1970 der etablierten Mittfnfzigerin von 1998 gegenber zu stellen. Fennelly konterkariert Margos Handlungen und Gedanken einst und jetzt und mchte dem Kontrast Unterhaltungswert abringen - vergeblich, denn die hlzerne Penetranz, mit der sie die Vergangenheit heraufbeschwrt, indem sie beispielsweise ihre Figuren zu jedem Lebensmittel, das durch ihre Hnde geht, den Kaufpreis Anno 1970 nennen lsst, oder ihnen didaktische Plattheiten ber den Vietnamkrieg, die Rassendiskriminierung oder die aufkommende Frauenbewegung in den Mund legt, ttet jede Illusion: Tony Fennelly dreht keineswegs das Rad der Geschichte zurck, sondern reitet auf der Flower-Power-Nostalgie-Welle, und das denkbar ungeschickt. Das ganze Elend fliet in der Figur des Gumbo-Kowalskis Sostenne zusammen. Der animalisch-dampfende Cajun-Macho aus den Smpfen wurde von der Autorin anscheinend sogar bewusst als Parodie angelegt, doch nichts ist furchtbarer als ein Scherz, ber den der Erzhler selbst am lautesten lacht! Dem endlosen Trauerspiel aufgepfropft werden - wieder ganz im Geist der Weihnacht - zahlreiche schmalzige Gutmenschen-Geschichtchen, die Fennellys unseligen Drang dokumentieren, sich fr die geknechteten Minderheiten dieser Welt einzusetzen, wobei es sichtlich Nebensache ist, was diese davon halten mgen. Seid also gut zu Schwarzen, Schwulen, Frauen, denn sie sind Menschen wie du und ich; eigentlich sogar die besseren - schn und gut, wenn bei Fennelly solche Appelle nicht stets in unbedarften Holzhammer- Humanismus ausarten wrden. Die Liste der Kritikpunkte liee sich ohne Schwierigkeiten verlngern, aber es soll genug sein. Bleibt abschlieend die Frage, wieso "Leichen zum Fest" trotz der nur zu offensichtlichen formalen wie inhaltlichen Mngel vom sonst so zuverlssig fr soliden bis unkonventionellen Krimispa sorgenden Rotbuch Verlag auf den Markt gebracht wurde. Dafr muss man wohl eine eigentmliche Mischung aus Geschftstchtigkeit, dem Wissen um den deutschen Krimileser als Gewohnheitstier und dem Hang zu naiven Weltverbesserungs-Propheten verantwortlich machen. Heit: Wo vier Margo Fortier-Bnde ihr Publikum fanden, wird gewiss auch Nummer fnf unabhngig vom Unterhaltungswert ansehnliche Verkaufszahlen schreiben. Auerdem sind Fennellys Romane irgendwie alternativ und politisch korrekt (der Minderheiten-Bonus! - siehe oben). Den Ritterschlag als mutige Stimme der Geknechteten hat sie sptestens dann erhalten, als ihr die bsen kapitalistischen Verleger Ende der 80er Jahre angeblich den Ankauf weiterer Matt Sinclair-Thriller (das war Fennellys erster Serienheld) verweigerten, weil die vom Aids-Schreckgespenst vergrtzten Amerikaner keine Krimis mit einem schwulen Detektiv mehr lesen mochten. Schande ber diese Heuchler! - und Verpflichtung wie Ehrensache fr einen einst dem Linksintellektuellen Kampf gegen das Establishment geweihten deutschen Kleinverlag (heute zur Europischen Verlagsanstalt gehrend ...), hier in die Bresche zu springen! Da ist es natrlich ketzerisch, die Frage zu stellen, ob besagte Verleger in den USA nicht primr deshalb die Finger von neuen Fennelly-Werken lassen, weil sie nchtern erkennen, was der Rotbuch-Verlag hartnckig negiert: Fennelly-Krimis sind einfach - mit Verlaub gesagt - beschissen!