Das Buch direkt bei Amazon bestellen Thomas Glavinic
Der Kameramörder

dtv TB
ISBN 978-3423135467

Zwei junge Paare verbringen Ostern in einem kleinen Bauernhaus in der Steiermark. Es sind die ersten warmen Tage des Jahres, und eigentlich könnte es ein schönes Wochenende werden.
Doch dann wird in den Nachrichten von einem grausamen Verbrechen ganz in der Nähe berichtet. Ein Mann hat zwei Kinder ermordet und die Tat mit einer Videokamera gefilmt.
Reporter reisen an, Sondersendungen werden angesetzt, und auch die vier jungen Leute lassen den Fernseher eingeschaltet.

Der Roman wurde ausgezeichnet mit dem Friedrich-Glauser-Preis - Krimipreis der Autoren 2002 in der Sparte Roman.
Weitere Informationen zur Person und den Werken des Autors finden Sie auf seiner Website.

Rezension:
Stellen Sie sich einmal vor ...
Oder nein, tun Sie es besser nicht, es ist einfach zu grauenvoll. Lassen Sie sich einfach die Fakten berichten - diese sind schon schlimm genug.
Da geht also ein Mann am Karfreitag morgen in einen Wald, in dem friedlich drei Brüder von sieben, acht und neun Jahren spielen. Nicht unfreundlich kommt er mit ihnen ins Gespräch, in dessen Verlauf er den Kindern mitteilt, er hätte ihre Eltern und die Großmutter in seine Gewalt gebracht und sie könnten deren Leben nur dadurch retten, dass sie ihr eigenes opfern.
Mehrere Stunden lang quält er die drei durch detaillierte Beschreibungen dessen, was er alles mit den Angehörigen der Buben anstellen wird, wenn sie ihm nicht zu Willen sind, bis schließlich der jüngste auf einen hohen Baum steigt und sich von dort herunterstürzt - natürlich zu Tode.
Das widerwärtige "Spiel" wiederholt sich (Drohungen seitens des Mörders, verzweifeltes Flehen der Jungen), bis auch der zweite Bruder ebenfalls durch einen absichtlichen Sprung von einem hohen Baum stirbt - alles Minute für Minute akribisch durch eine Videoaufzeichnung dokumentiert.
Dem überlebenden Kind schließlich gelingt die Flucht, wodurch alles ruchbar wird.
Das ist der Punkt, an dem die Handlung des Romans einsetzt, der ob seiner ungewöhnlichen Erzählweise, die dem Leser permanent einen Schlag in die Magengrube versetzt, wo er wenige Sekunden zuvor nicht umhin konnte ein breites Grinsen mitten im Gesicht zu tragen, zu Recht den FRIEDRICH-GLAUSER-PREIS - KRIMIPREIS DER AUTOREN 2002 erhalten hat.
Beschrieben wird auf 157 Seiten - ohne jeden Absatz und nicht einer direkten Rede - wie sich die vier Protagonisten, zwei befreundete Paare, die ursprünglich nur die Osterfeiertage gemeinsam verbringen wollten, mehr und mehr in diesen Kriminalfall hineinziehen lassen, der sich unweit zugetragen hat.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Tatsache, dass das Videoband, auf dem der Täter das Geschehen festgehalten hat, gefunden und von einem Privatsender zur Ausstrahlung gebracht wird. Lakonisch und gerade dadurch bitterböse werden in diesem Zusammenhang - in loser Folge - sämtliche damit verbundenen Einzelheiten geschildert: Wie viele und welche Knabbereien und Süßspeisen sich die Zuschauer zurecht legen, bevor das Mordvideo seinen Anfang nimmt. Wie der Sender erklärt, nur der Wunsch, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, sei der Grund, die fürchterlichen Bilder zu zeigen. Dass man im Bewusstsein der eigenen Verantwortung Telefonnummern von psychologischen Beratungsstellen einblenden wird - ein kostenloser Dienst bis auf die Telefongebühren von max. 0.97 DM die Minute. Vor allem aber wie an entscheidenden Stellen Werbeeinblendungen das Geschehen unterbrechen - für "... mit Milchcreme gefüllte Schokolade ..." und "...einen blitzenden roten Sportwagen.. ."
Wie sich der Österreicher Glavinic erzähltechnisch der Tat selbst nähert, ist für den Leser ebenso verstörend wie faszinierend (und vielleicht die einzige Art und Weise so etwas "literarisch" aufzubereiten?). Ein Auszug (Seite 62):
"...erklärte der Kameramann, die Geschwister sollten sich .. unter allen Umständen an jede seiner Anweisungen halten. Beim geringsten Widerspruch ist er gezwungen, sofort einem der Kinder eine Nase oder einen Finger abzuschneiden und die Wunde zu salzen, was dem Betreffenden Unbill verursacht. Mittlerweile weinten alle 3 Kinder. Auch im Wohnzimmer hatten die Ausführungen des Kameramannes für Aufruhr gesorgt .."
Und während minutiös berichtet wird, was die"Helden" in diesen Tagen tun - was sie essen, trinken, sprechen, wie sie sich die Zeit vertreiben, bis von den Medien wieder eine neue Entwicklung in der ganzen Geschichte verkündet wird, wie ihre Lust erwacht, sich bei allem Abscheu an der Jagd nach dem Mörder zu beteiligen - wird der Leser immer tiefer hineingezogen in den Strudel der Ereignisse.
Was zunächst einfach nur banal schien, trägt nun dazu bei, die Distanz zu verringern zwischen dem, der vor den Buchseiten sitzt und jenen, die es zwischen die beiden Deckel verschlagen hat. Fast hat man das Gefühl, selbst dabei zu sein, wenn sich das Netz zuzieht und die Beamten kurz vor der Ergreifung des Täters stehen.
Fazit: Ein durch und durch spannendes Buch, aber auch - gerade durch die teilweise groteske Darstellungsweise, der sich der verhältnismäßig junge Autor (Jahrgang 1972) bedient - "Harter Tobak". In jedem Fall ein Roman, von dem man auch in einigen Jahren noch sprechen wird und der nicht zuletzt unter dem Aspekt der implizierten Medienkritik durchaus das Zeug zum Schulstoff für die Oberstufe hat.

Miss Sophie

***

Man hat ihn gebeten, alles aufzuschreiben, und das tut er.
Ein Namenloser, ein Mann, der mit seiner Lebensgefährtin über Ostern zu Freunden in die Steiermark gefahren ist.
Normalität, sperrig berichtet: Tischtennis, Picknick, Küchengequatsche. Und Fernsehen, immer wieder Fernsehen. Mit dem Fernsehen tropft der Horror ins Osteridyll, sensationeller Horror: in der Gegend hat ein Unbekannter zwei Kinder gezwungen, sich zu töten und das alles auf Video aufgenommen. Das Band liegt bei einem Sender, und der sendet es. Natürlich nur unter dem Zwang seiner Informationspflicht und allen anderen Pflichtübungen in Verlogenheit, die bei solchen Gelegenheiten absolviert werden.
Das Video des "Kameramörders" spaltet mit seiner morbiden Faszination die Feriengesellschaft, zieht aber dann doch jeden in seinen Bann. Den Leser auch, obwohl - oder gerade weil - es ihn erst in mehrfacher Brechung erreicht: durch den Bericht der Bilder, den uns der Berichterstatter erstattet und durch die berichteten Reaktion der Feriengesellschaft auf die Bilder.
Eine suggestive literarische Konstruktion, mit der Thomas Glavinic das Grauen in uns seziert: wenn wir weiterlesen, obwohl wir uns vor unserer Gier auf das ekeln, was wir zu lesen bekommen, ekeln vor den Bildern, die nicht beschrieben werden, sondern die erst in uns entstehen.
Denn wo - sagen wir einmal "gewöhnliche" - Slasher-Krimis ihre Details in morbider Präzision ausbreiten und damit konsumierbar machen, reduziert der "Kameramörder" erzählerisch radikal: Literatur ist eben nicht die Beschreibung von Bildern, sondern der Dialog zwischen einem Autor und seinem Leser.
Das ist die große Stärke dieser Geschichte: die elegante (oder sollen wir sagen: kunstfertige?) Manipulation des Lesers, verbunden mit der kühlen Beschreibung der Spirale der Sensationsmacherei in den Medien, die auch den schlimmsten Tragödien noch einen Fetzen ihrer "journalistischen Pflicht" umhängen, um die Bilder zu senden.
Dabei ist der "Kameramörder" nicht einmal ein medienkritischer Roman, sondern eine kammerspielartige Studie über das seltsam unterkühlte Beziehungsleben seiner beiden Pärchen - ein Stenogramm des Leerlaufs, in das erst die Beschäftigung mit den Fernsehbildern des Kameramörders Bewegung bringt.
Die Methode, mit der Glavinic dies alles beschreibt (oder sollen wir sagen: berichtet?), kann virtuos, bestechend präzise, kunstfertig oder auch ganz einfach nur angemessen genannt werden: eine Verweigerung fast aller Rezepte aus den Handbüchern für gutes Krimischreiben. Und das ist gut so - denn wäre er diesen "Wie schreibe ich einen verdammt guten Roman"-Gurus auf den Leim gegangen, wäre nur ein verdammt schlechter Krimi dabei herausgekommen und nicht dieses beeindruckend starke Stück Literatur.

Reinhard Jahn

P.S.: Den Gestalter des Buchumschlages möchten wir am liebsten zu zwei Jahren auf der Designschule verurteilen.
Und zwar ohne Bewährung.

 

Gastrezension(en):


Name: StevyB
Email: stevey.by@gmail.com
Datum: 2.1.2011 (15:56)

Dem wrde ich restlos zustimmen! Aber wiso nur 2 Jahre??