Das Buch direkt bei Amazon bestellen Stieg Larsson Wibke Kuhn
Verdammnis - DVD

Originaltitel: Flickan som lekte med elden (Millennium 2)
Warner Home Video
EAN: 5051890015013

DVD: Single Disc
Inhalt: Hauptfilm, Trailer VERGEBUNG (Milennium Trilogie Teil 3, Kinostart Juni 2010), Interview mit Noomi Rapace
Länge: ca. 129 Min.
FSK: 16

Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist für sein Magazin "Millennium" eine Story an, die skandalöser nicht sein könnte: Amts- und Würdenträger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam ins Land geschafft und zur Prostitution gezwungen werden.
Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, stößt sie auf ein besonders pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den Mädchenhandel involviert zu sein.
Wenig später werden der Journalist und Nils Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe trägt Lisbeths Fingerabdrücke. Sie wird an den Pranger gestellt und flüchtet.
Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen in Lisbeths Vergangenheit.
Eine Vergangenheit, die ihn bald das Fürchten lehrt.

Rezension:
Hier nun der zweite Teil von Stieg Larssons ,Millennium-Trilogie' - ganz anders als der erste, aber ebenso beeindruckend.

In Form von Rückblenden wird Bezug genommen auf das, "was bisher geschah"... und was erklärt, warum die junge Frau mit dem waidwunden Blick von den Gespenstern der Vergangenheit nach wie vor verfolgt wird.

Zwar hatte sich Lisbeth Salander mit Hilfe ihrer Fähigkeiten als Hackerin ein mehr als komfortables Polster geschaffen und eine Reise um die Welt angetreten. (Wer das Buch kennt, wird an dieser Stelle vielleicht ein paar Szenen vermissen, doch schadet das dem Film keineswegs - die ausgelassenen Details sind allerdings Grund genug, sich auch NACH dem Kinobesuch die Lektüre des Romans zu gönnen).

Doch kann auch der Reichtum nichts daran ändern, dass ihr Verhalten zu den Mitmenschen (auch und gerade denen, die sie lieben) ein distanziertes ist und sie Nähe nur wohldosiert zulassen kann.

Parallel zu ihrem Luxusdasein geht das Leben für Mikael Blomkvist und den Rest seiner Redaktion weiter. Die unmittelbar existenzbedrohenden finanziellen Sorgen sind zum Glück überwunden - dennoch möchte das Magazin den eigenen hohen Ansprüchen treu bleiben und einen permanenten Stachel im Fleisch der Gesellschaft darstellen.

Das gelingt den "Millenium"-Leuten - fast zu gut, denn kaum haben sie vor, ganz groß über die Verflechtung zwischen Zwangsprostitution und prominenten Namen aus Justiz und Medien zu berichten, geschieht ein grauenvoller Doppelmord ... kurz darauf gibt es noch einen Toten ... und dann fangen die Probleme für Lisbeth und alle, die ihr wohl gesonnen sind, erst richtig an! Denn plötzlich gilt Lisbeth als Staatsfeind Nr. 1 und alle suchen nach ihr.

Für ihre langjährigen Freunde Mimmi Wu und Paolo Roberto (der auch im richtigen Leben so heißt und tatsächlich früher mal Boxer war, bevor der Italoschwede eine Karriere als Schauspieler und Moderator begann) bedeutet die Loyalität zu Lisbeth sogar einen Kampf auf Leben und Tod: Die Typen, die den Aufenthaltsort der jungen Hackerin herausfinden wollen, sind alles andere als zimperlich.

Die temporeichen Actionszenen, bei denen mit Spannung und Blut nicht gespart wurde, könnten jedem US-Thriller zur Ehre gereichen und passen an dieser Stelle perfekt in die Handlung.
Für den einen mag dies ein Zugeständnis an konventionelle Krimi-Produktionen sein - für den anderen stellt es eindeutig einen Gegenpol dar zu all den der Phantasie des Zuschauers überlassenen Gräueln, sowie zum unaufgeregten und dadurch umso kraftvolleren Spiel von Michael Nyqvist alias Mikael Blomkvist.
Dessen Schmerz und seine Trauer um die jungen Leute, die ermordet wurden, weil sie das Richtige tun wollten, der Schock, den er erleidet, als er nach und nach entdeckt, was die Person Lisbeth Salander in ihrer Vergangenheit prägte, sind so greifbar, dass sie den Zuschauer nicht kalt lassen.
Gleichzeitig spielt er auch die schwierigen, ironischen Szenen ausgesprochen überzeugend. So ist es gut nachvollziehbar, warum der narbenzerfurchte Mann mit dem leichten Bauchansatz - optisch alles anderes als ein Womanizer - praktisch jede Frau haben kann.
Denn zu jedem Zeitpunkt wird deutlich, dass Mikael im Grunde seiner Herzens ein ausgesprochen friedfertiger Mensch ist - der jedoch nicht davor zurückschreckt, Grenzen zu überschreiten, wenn denn außerordentliche Situationen außerordentliche Maßnahmen erfordern ... aber eben erst dann.

Solche Skrupel sind Lisbeth fremd. Ihre Methoden sind wenig zimperlich, zuweilen fast unerbittlich und die Botschaft, die sie aussendet ist klar: MIT MIR NICHT.
Selbst wenn sie sich der Gewalt beugen muss oder in Tränen aufgelöst hilf- und fassungslos vor einer Situation steht, die sie so nie erwartet hätte, signalisiert die Endzwanzigerin eine unglaubliche Härte. Denn sie kämpft darum, ihr Leben wiederzubekommen - mit allen Mitteln ...
Dabei geht Lisbeth bis zum Äußersten: Sie nutzt jede nur denkbare Waffe, nimmt keine Rücksicht - weder auf die anderen noch auf sich selbst.

Das Finale ist ebenso unglaublich wie atemberaubend.
Jedes Mal, wenn der Zuschauer glaubt, nun wirklich alles gesehen zu haben, erfolgt eine weitere Steigerung, bei der sich zart besaitete Seelen dank eines brillanten Maskenbildners nur noch in den Kinosessel krallen können (oder wahlweise in den Arm ihres Nebenmannes bzw. der Nebenfrau).
Dann ist der Film aus ... und der Zuschauer fühlt sich gleichzeitig bis zum Bersten gefüllt und grenzenlos leer.

Es ist keines der üblichen Ermittler-Duos, das sich hier auf die Suche nach der Wahrheit macht.
Mikael und Lisbeth sind die meisten Zeit jeder für sich allein unterwegs - kommunizieren nicht einmal direkt miteinander.
Und doch ist da eine unglaubliche Verbundenheit zu spüren.

Lisbeths Haare sind länger geworden und aus Gründen der Tarnung entfernt die Kettenraucherin streckenweise einen Grossteil ihrer Piercings. Das ungeschminkte Gesicht, die schmalen Schultern lassen das Mädchen ausgesprochen zerbrechlich wirken - und die zahlreichen Nacktszenen unterstreichen diesen Eindruck noch, mehr sogar als dass sie erotisch-anregend wirken.

Es gibt überhaupt viel nackte Haut - Michael hat Sex, Lisbeth hat Sex, auch die jugendlichen Prostituierten sind "bei der Arbeit" zu sehen.
Doch all diese Szenen sind nicht in erster Linie ein Synonym für Erotik, sondern erzählen vielmehr von einem großen Hunger nach Zärtlichkeit, Nähe, Vertrauen, Liebe ... - aber auch von Macht durch Missbrauch und Erniedrigung.
Sie ergänzen die Bilder von freundlichen, älteren Herren in hübschen roten Holzhäusern, die ihre Wohnung nett dekorieren, die Fotos ihrer Kinder immer gut abstauben - und der Ansicht sind, sich mit Geld alles erlauben zu können.

Das ist harte Kost - gut, dass es zwischendrin auch immer wieder etwas zu lachen gibt. Etwa dann, wenn man die trotteligen Biker bei der Arbeit als Auftragskiller betrachtet, bei der sie sich - soviel sei gerne verraten - nicht wirklich besonders geschickt anstellen.

Das Ende ist wie ein Paukenschlag - und sorgt gleichzeitig dafür, dass man - wenn möglich ohne große Zeitverzögerung - ins nächste Kino rennen und sich dort den dritten Teil ansehen möchte, bevor man ihn sich als DVD gleich vorbestellt, um ihn dann in Ruhe noch mal und noch mal und nach mal ansehen zu können ...

Miss Sophie