Das Buch direkt bei Amazon bestellen Tomke Schriever
Der Totenschiffer

Ein Ostfriesland-Krimi
(2. Band Hannah Tergarten)
rororo TB
ISBN 9-783-499-25379-9

An einem nebligen Novembermorgen wird auf einer ostfriesischen Fähre die Leiche eines Mannes gefunden. Der Mörder hat einen Hammer und einen toten Hund bei dem Opfer zurückgelassen.
Hinweise auf die griechische Sage von Charon, dem Totenschiffer? Ein brutaler Mord im mythologischen Gewand?
Die Leeraner Kripo steht vor einem Rätsel. Sie bittet die Psychotherapeutin Hannah Tergarten um Hilfe.
Als eine tote Frau mit einer Münze im Mund - dem Fährlohn für Charon - gefunden wird, steigt der Druck auf die Ermittler.
Langsam füllt der ostfriesische Totenschiffer seinen Kahn ...

Rezension:
Spannung made in Ostfriesland - ein Widerspruch in sich?
Mitnichten!
Denn schon seit geraumer Zeit gibt es diverse hervorragende Autoren, die uns kundig beweisen, dass die wundervolle Landschaft "da oben, im Nordwesten" und ihre Bewohner auch dunkle Seiten ihr eigen nennen.
Zu diesen gehört nun mit Fug und Recht Tomke Schriever.
Wobei die Schriftstellerin alles andere als neu in dem Geschäft ist: Unter ihrem echten Namen, Helga Glaesener, gilt sie schon lange als Garant für gut geschriebene Unterhaltung - allerdings von historischen Romanen.

Die Ich-Erzählerin, die in diesen Ostfriesland-Krimis im Vordergrund steht, ist hingegen mit beiden Beinen fest in der Gegenwart verwurzelt.
Als Psychotherapeutin hat diese Hannah Tergarten zunächst nichts mit irgendwelchen kriminellen Machenschaften zu tun - was sich jedoch aufgrund ihres ganz persönlichen Umfelds bald ändert: Ihr Freund, ein ehemaliger SEK-Beamter, gehört nun der Leeraner Polizei an und sein Kollege ist außerdem der Mann einer guten Freundin Hannahs.
Kein Wunder also, dass man sie eines Nachts, als keiner der zuständigen Psychologen erreichbar ist, zu einem bizarren Leichenfund holt - und schon steckt die Wahl-Ostfriesin bis über beide Ohren in einer spannenden, aber auch extrem gefährlichen Geschichte, deren Hintergründe lange verborgen bleiben.

Denn dem Mord an dem Mann auf der Fähre - der zudem ein Berufskollege und flüchtiger Bekannter Hannahs war - folgt ein zweiter, da schnell klar wird, dass der unerklärliche Tod einer Lehrerin durch Fremdeinwirkung herbeigeführt wurde.

Potentielle Täter gibt es einige:
Neben den Klienten, die der verstorbene Psychotherapeut betreut hatte, verhalten sich nämlich einige Schüler sehr auffällig. Ganz abgesehen davon, dass die Schwester der ermordeten Lehrerin spurlos verschwunden ist. Diese rangiert bei den Ermittlern durch ihre Vergangenheit als alkoholkranke immer-mal-wieder-Obdachlose trotz ihres abgeschlossenen Studiums der Sprachwissenschaften ganz oben auf der Liste der Verdächtigen.

Doch trotzdem im Zentrum der Handlung nun zunächst vor allem psychisch Kranke, Menschen mit Migrationshintergrund und Penner stehen, wird der Leser nie von den Klischees erschlagen, bemerkt diese Häufung während seiner Lektüre nicht einmal.

Dann wird es eng, es wird actiongeladen, es geht um Leben und Tod - und ist vor allem ganz anders als vermutet.

Geschickt legt Schriever diverse falsche Fährten, spart auch die fast schon typischen Dienststellen-internen Konflikte nicht aus: Der Staatsanwalt ist ein Profilneurotiker, der fähige Beamte mit eigenem Kopf so gar nicht schätzt und dem jede Möglichkeit gelegen kommt, diese auszubremsen.
Was ihm (fast) gelingt, indem er dem heißblütigen und sehr eigenwilligen Enno, Hannahs Freund, der durch seine Aktivitäten beim SEK nicht nur körperliche Beeinträchtigungen davongetragen hat, ein Chauvinistenekel erster Güte zur Seite stellt, als Kollege die Pest, und das nicht nur weil seine tief verwurzelten Vorurteile sein Urteilsvermögen im Umgang mit Opfern und Tätern gewaltig beeinträchtigen.
Den Gegenpol bildet die enge Freundschaft zwischen Kommissar Tommi Kern und Enno, die sich zwar häufig und durchaus intensiv streiten, aber nur, weil sie sich im Grunde sehr schätzen und daher Dinge ins Gesicht sagen, die andere höchstens denken würden.

Diesen sehr sympathischen, authentischen Figuren legt die Autorin ebensolche Dialoge in den Mund - wie im "echten Leben" ist das, was gesagt wird, mal witzig, mal banal, klingt dabei aber nie gewollt oder aufgesetzt.

Über weite Strecken geht es um familiäre Beziehungen - die bei fast allen Beteiligten kompliziert und auch schmerzhaft sind: Lehrerin Sonia, die den Lebenswandel ihrer Schwester Mareike grauenvoll findet, sie aber dennoch aus dem Sumpf ziehen will. Enno, der meint, seinen Bruder gegen den Willen des Vaters zu einem künftigen Glück als Musiker verhelfen zu müssen. Hannah, deren renommierter Mediziner-Vater sich regelmäßig Freundinnen im Alter seiner Tochter sucht, letztere aber häufig zu gängeln versucht...

Und es geht um Menschen, die gegen ihre Ängste ankämpfen, mit der Vergangenheit hadern, sich aber dennoch immer irgendwie aufraffen, und dem Schicksal die Stirn bieten.

Schrievers/Glaeseners Stil ist ansprechend mit Protagonisten, die sich aneinander reiben und eine Wandlung durchmachen, die Handlung geschickt konstruiert, das Finale ein Riesen-Knaller... - davon möchten wir sehr gern mehr lesen!

Miss Sophie