Das Buch direkt bei Amazon bestellen Antonia Michaelis
Friedhofskind

Emons Broschur
ISBN 978-3-95451-286-7

Siri soll neue Fenster für die Kirche eines kleinen Küstendorfes fertigen.
Als sie die Bewohner nach den ursprünglichen Fenstern fragt, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Denn die Leute hier reden nicht gerne.
Vor allem nicht über das Kind, das vor dreißig Jahren hier ertrunken ist.
Oder über den Totengräber, der angeblich mit den Seelen der Verstorbenen spricht.
Und darüber, dass man sich mit ihm gut stellen sollte, wenn man die Toten nicht gegen sich aufhetzen will ...

Rezension:
Siri Pechton ist die "Fensterfrau".
Sie begreift sich als Künstlerin und zugleich Handwerkerin; nach ungefähren Angaben zu den gewünschten Inhalten, rekonstruiert sie mit Skizzen und Schablonen Glasfenster, schneidet sie zu, baut sie zusammen und setzt sie ein.
Man nennt ihre Produkte auch "Seelenspiegelfenster"...
Diesmal ist die Herausforderung besonders groß, da es keine Fotos oder Abbilder der ursprünglichen, bereits seit mehr als 30 Jahren kaputten, Original-Kirchenfenster gibt.
Aus diesem Grund zieht sie auf Zeit in das kleine Dorf, irgendwo um Berlin herum. Ohne Mobiltelefon, ohne Computer. Nur mit 27 Tafeln Notschokolade im Auto.

Gleich nach ihrer Ankunft geschehen mehrere merkwürdige Dinge:
Die Dreißigjährige glaubt, ein Kind zu sehen, das es aber nicht gibt.
Dafür trifft sie einen Mann, gut zehn Jahre älter als sie, von eindrucksvoller Gestalt, aber gleichzeitig unheimlicher Ausstrahlung, der sich eigenartig benimmt, in dem er oft laut mit sich selbst spricht oder durch die Felder tollt, wie es sonst nur Kinder tun.

Die Dorfbewohner verspotten und fürchten den Mann - Lenz Fuhrmann, von Beruf Totengräber und Gärtner. Er hat den Ruf, all denen, die er verflucht, Unglück und Leid schicken zu können.
Sie nennen ihn das "Friedhofskind", weil er bei dem Onkel, seinem beruflichen Vorgänger, eben dort aufwuchs.

Der 41jährige selbst weiß, dass er anders als die anderen ist. Er spricht nicht, wie die Leute sagen, mit DEN Toten, sondern nur mit einer. Iris, der Freundin aus Kindertagen, die tödlich verunglückte. Um ihren Tod rankt sich ein großes Mysterium und das Schlimmste: Lenz hat die Details vergessen, kann sich nicht an die Geschehnisse jener verhängnisvollen Nacht erinnern, so verzweifelt er es auch versucht.

Siri macht ihre Arbeit - und kann sich doch der Faszination, die der sonderbare Mann auf sie ausübt, nicht entziehen.

Dann erhält sie anonyme Botschaften und es ereignen sich mehrere Unglücksfälle. Schließlich gibt es Tote.

Kann die junge Frau es riskieren, weiterhin in der Vergangenheit herumzustochern und die Geheimnisse des Dorfes zu enthüllen?
Oder wird sie die Antwort auf ihre Fragen mehr als nur den eigenen Seelenfrieden kosten?

Dieser Roman ist wuchtig und unglaublich.
Es ist ein Verwirrspiel um Schuld und Unschuld, um alltägliche Grausamkeiten und irregeleitete Zuneigung, um Eltern voller enttäuschter Erwartungen und Kinder, die den in sie gesetzten Hoffnungen nie gerecht werden können.
Eine unsagbar zarte und schwierige Liebesgeschichte bricht sich vorsichtig Bahn, immer wieder überlagert und gefährdet durch die Spannung, die sich auf hohem Niveau nicht nur bis zum Ende hält, sondern sich tatsächlich noch steigert, obwohl erfahrene Krimi-Fans schon bei der Hälfte fest davon überzeugt sind, alle Geheimnisse enthüllt zu haben. Weit gefehlt!
Die Figuren sind so liebevoll gezeichnet, dass man sie einhüllen und beschützen möchte, gegen die böse Welt dort draußen.
Die Sprache ist voller Poesie: "Es war alles vorüber und nichts vorbei." und selbst das Ungesagte zwischen den Zeilen wirkt noch lange nach.

Gut, es kommt ein Geist vor - das muss man mögen.
Andererseits: Eine solch kindlich-unschuldige und doch weise Stimme aus der Vergangenheit würde so manches Leben definitiv bereichern (nicht nur in der Fiktion).
Dem Roman tut genau dieses Setting auf jeden Fall wirklich gut.

Antonia Michaelis hat sich nicht nur mit Romanen für Kinder, sondern auch Jugendliche schon lang in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben.
Es bleibt zu hoffen, dass sie sich ihr Händchen für die Verknüpfung von mystischen Elementen und packender Krimihandlung auch in weiteren Erwachsenenbüchern bewahrt.
Großartig gemacht, absolut empfehlenswert!

Miss Sophie