Das Buch direkt bei Amazon bestellen Wulf Dorn
Mein böses Herz

cbt TB
ISBN: 978-3-570-30891-2
(ab 13 Jahren)

Was tust du, wenn du nicht mehr weißt, was Realität ist und was Fantasie?
Seit dem Tod ihres Bruders wurde Doro von Halluzinationen verfolgt, aber eigentlich dachte sie, das in den Griff gekriegt zu haben.
Doch als sie mit ihrer Mutter aufs Land zieht, scheint die neue Umgebung erneut etwas in ihr auszulösen. Stimmen verfolgen sie. Und eines Nachts sieht Doro in ihrem Garten einen Jungen: verstört, abgemagert, verzweifelt. Der Junge bittet sie um Hilfe – und ist dann verschwunden.
Wenig später erfährt Doro, dass er schon vor ihrer Begegnung Selbstmord begangen hat. Doro kann nicht glauben, dass sie sich den Jungen nur eingebildet hat.
Doch die Suche nach der Wahrheit wird schnell zum Albtraum.
Und tief in Doros Seele lauert ein dunkles Geheimnis ...

Rezension:
Der kleine Bruder mit anderthalb Jahren gestorben, die Familie zerbrochen, ein Umzug ans Ende der Welt … - was Ich-Erzählerin Doro da alles tragen muss, ist wahrlich ein gewaltiges Päckchen!
Dabei hat sie doch Pläne, will nach Berlin auf die Kunsthochschule.
Allerdings heißt es vorher, Abitur zu machen. In dem Kaff auf der Schwäbischen Alb, das die Mutter als neuen Wohnort ausgewählt hat.
Sie kann einen wirklich dauern, diese (gerade noch) 16jährige.

Aber das alles sind nicht Doros größte Schwierigkeiten. Viel mehr zu schaffen machen ihr die psychischen Probleme. Sie sieht Sachen, die nicht da sind, hat Aussetzer, in denen ihr die Realität abhanden kommt.
Schlimm genug, mit dem Tod eines Geschwisters leben zu müssen – aber nicht zu wissen, was genau eigentlich passiert ist, diffuse Ängste zu haben, sich sogar vor dem Klingeln des Telefons zu fürchten, unheimliche Geräusche und Stimmen zu hören, sich selbst und der eigenen Wahrnehmung nicht trauen zu können, das ist mehr als beängstigend.

Die alten Freunde haben sich von ihr distanziert, Doro ist zum Freak geworden, sebst die Lehrer der Schule sehen das Mädchen so.
Da wäre der Neuanfang eigentlich eine gute Sache – doch auch da läuft es nicht wirklich rund.
Zwar lernt sie andere Jugendliche kennen, findet sogar einen Ferienjob im Freibad, gleichzeitig aber lässt die nächtliche Begegnung mit einem Menschen in Not, der kurz darauf wie vom Erdboden verschwunden ist, alle (und fast sie selbst auch) an ihrem Geisteszustand zweifeln.
Es verschwinden Dinge, Doro gerät in ausgesprochen peinliche Situationen, weiß nicht mehr weiter – auch wenn die neuen Freunde versuchen, ihr zu helfen.
Dabei ist das Leben auch für den Nachbarsjungen, und die anderen nicht immer eitel Sonnenschein: Julians Mutter ist lebensgefährlich erkrankt und David gerät in große Gefahr.
Und immer hat Doro irgendwie die Finger im Spiel …

Das Kernstück dieses Romans, der die Leserschaft schon nach kürzester Zeit in den Bann zieht, sind die Rückblenden rund um den Tod des kleinen Jungen. Die damit verbundenen Details hat Doro ganz offensichtlich verdrängt, so viel ist klar. Dass sie sich latent und insgeheim schuldig fühlt an dem, was geschehen ist, auch daran besteht kein Zweifel. Doch ist sie es wirklich? Hat sie dem Buben etwas angetan?
Sie weiß es nicht – und der Leser ebensowenig.
Die Realität ist immer wieder verzerrt und voller unerklärlicher Ereignisse, die weder die Ich-Erzählerin noch jemand, der die Geschehnisse von außen betrachtet, einordnen kann.
Was ist Einbildung? Was ist Wirklichkeit?
Spielt hier jemand ein makabres Spiel mit der Protagonistin oder soll sie vielleicht sogar gezielt in den Wahnsinn getrieben werden? Wer tut so etwas? Und warum?

Gekonnt führt Autor Dorn die Leser immer wieder auf neue Fährten, belastet dabei aber praktisch jede einzelnde Figur – die Heldin eingeschlossen.
Den Kontrapunkt bildet ihr ganz normales Teenager-Leben mit der alleinerziehenden, frisch getrennten Mutter, einer unglücklichen Liebe, einer vorsichtigen neuen Beziehung, einer aufkeimenden Freundschaft …
Der Leser / die Leserin IST Doro, die einfach nur ihr Leben zurückhaben will, wie es einmal war – und gleichzeitig weiß, dass das nie nie nie wieder der Fall sein wird.

Wie sie mit dieser Erkenntnis umgeht, mit all den Steinen, die ihr in den Weg gelegt werden, allen Schwierigkeiten, die immer größer statt kleiner zu werden scheinen – das ist ganz großes Kino.

Es gibt lebensgefährliche Situationen, böse Machenschaften, ganz viel Verzweiflung ... und es gibt auch Tote.
Dennoch ist das Buch auch für jüngere Lesende geeignet (vielleicht nicht unbedingt als Gute-Nacht-Lektüre;-), da ganz am Ende die Erkenntnis steht, dass jeder Mensch seine eigenen Dämonen hat – aber wenn er oder sie ganz genau hinschaut, auch das passende Instrumentarium, um ihnen zu begegnen.

Dass Dorn für Erwachsene schreiben kann, das wußten die Fans schon lange – doch wie der vorliegende Roman zeigt, kennt er auch Seele und Sprache der jungen Menschen ganz genau.
Welch ein Gewinn für die Jugendliteratur!

Miss Sophie